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Einkommensteuergesetzes eingereichten Lohnlisten nur drei Kalendervierteljahre. Der Verdienst für das letzte Vierteljahr mußte also von der Voreinschätzungskom- mission geschätzt werden. Natürlich konnten dabei Lohnausfälle infolge geringeren Verdienstes, durch Krankheiten usw. nicht berücksichtigt werden, so daß der Steuersatz, zu dem der Arbeiter veranlagt war, viel­fach seinem tatsächlichen Einkommen nicht entsprach. Die Arbeitgeber sind von der probeweisen Anordnung des Arnsberger Regierungspräsidenten im allgemeinen recht befriedigt. Man hofft, daß dadurch die zahllosen, meistens nicht geringe Arbeit verursachenden Anfragen der Steuerbehörden bei Einsprüchen von Arbeitern gegen die Veranlagung wesentlich verringert werden.

Von Seiner Majestät dem Kaiser ist dem Mipister der öffentlichen Arbeiten Breitenbach aus Rominten folgendes Telegramm zugegangen:Schmerz­lichst bewegt durch die Nachricht des schweren Un­glücks, das sich auf der Berliner Hochbahn zugetragen hat, beauftrage ich Sie, den Angehörigen der Verun­glückten sowie der Direcktion der elektrischen Eisenbahn, deren Verwaltung bisher vorzügliches leistete, Meine wärmste Teilnahme auszusprechen. Wilhelm K"

Eisenbahnminister Breitenbach besuchte am Sonntag nachmittag im Krankenhaus die beim Zu­sammenstoß auf der Hochbahn Verunglückten und überreichte ihnen im Auftrage des Kaiser ein kaiser­liches Beileidsschreiben. Auch den in Berlin wohnenden Angehörigen der Getöteten wurde ein Beileidsschreiben des Kaisers zugestellt.

Ueber den Unterricht in den Volksschulen hat der Kultusminister eine Verfügung erlasfen, in der es heißt: Die Lehr- und Stoffpläne enthalten nicht selten zu viel Unterrichtsstoff; dadurch wird leicht die gründ­liche Durcharbeitung beeinträchtigt, und es wird die Gefahr einer nur oberflächlichen Aufnahme der Lehr­stoffe herbeigeführt. Dies ist zu verhüten; eher ist der Umfang des Stoffes zu beschränken, als daß nur eine mechanische Abneigung des letzteren erreicht wird und die Schüler nicht zur Beherrschung desselben gefördert werden. Hiernach bedürfen die Lehr- und Stoffpläne einer eingehenden Durchsicht. Das Unterrichtsverfahren vollzieht sich zuviel nur in Form von Frage und Ant­wort; der Selbständigkeit und den selbständigen Seift» ungen der Kinder (dem selbständigen Zusammenfassen, Vortragen, Rechnen, Messen, auch dem selbständigen Niederschreiben u. a.) ist mehr Raum zu gewähren. Dabei richtet sich das Fragen zu oft nur auf die Er­gänzung durch einzelne Wörter oder sogar auf Selbst­verständliches ; die Fragen sind zu leicht und rufen nur wenig das Interesse der Schüler hervor; es ist nötig, die Denkarbeit, die Urteilskraft der Kinder mehr in Anspruch zu nehmen. Den Uebungen im münd­lichen und schriftlichen Ausdruck ist besondere Sorgfalt zuzuwenden. Die Kinder sollen befähigt werden, ihre Gedanken verständlich und sprachlich richtig darzulegen. Was den Regilionsunterricht betrifft, so ist unter Be­achtung der aufgestellten Lehrpläne dahin zu wirken, daß eine Ueberhäufung mit Unterrichtsstoff vermieden wird, um nicht die religiös-sittlichen Einwirkungen auf die Kinder zu beeinträchtigen. Geistloses Einlernen soll nicht Platz greifen. Bei der gedächtnismäßigen Aneignung der Religionsstoffe ist ein Uebermaß zu vermeiden.

Ausland.

Der König und die Königin von Spanien sind in Begleitung des Ministers des Aeußern nach Paris abgereist. Der König und die Königin von Spanien sind in Begleitung des Ministers des Äußeren Allendesala- zar am Samstag abend in Paris eingetroffen. Zur Begrüßung war Minister Pichon auf dem Bahnhof anwesend. Der König machte am Sonntag vormittag dem Präsidenten Fallieres einen dreiviertel- stündigen Besuch, den dieser alsbald erwiederte. Zu dem Frühstück, das der König und die Königin in der spanischen Botschaft einnahmen, waren auch Minister­präsident Clemenceau und Minister Pichon geladen. Der König hatte eine Besprechung mit Ministerpräsident Clemenceau und Minister Pichon, der auch der svanische Minister des Aeußeren Allendesalazar beiwohnte.

Die Tuberkulose-Konferenz in Philadelphia er­nannte eine aus sieben Mitgliedern bestehende Kom­mission, deren Vorsitzender Professor Koch ist, zur Untersuchung und Verhütung der Gefahr von Tuber­kulose-Infektion durch den Genuß von roher Milch. Die Internationale Tuberkulosekonferenz verlieh die Inter­nationale Tuberkulose-Medaille, die höchste Anerkenn­ung für erfolgreiche Arbeit auf dem Gebiete der Tuberkulosebekämpfung, in Gold an Ministerialdirektor a. D. Althoff-Berlin, den Begründer der Internatio­nalen Tuberkulosevereinigung, und an Henry Phipps, den Stifter des Henry Phipps-Tuberkulose-Jnstituts in Philadelphia; in Silber an den Geheimen Medizinal­rat Profesfor Bernhard Fränkel-Berlin und Professor Landouzy, den Präsidenten der französischen Tuberkulose- Gesellschaft, ferner an Dr. Theodore Williams-London und Coni-Buenos Aires.

Die Nachrichten aus Rußland bestätigen die Annahme des Petersburger Epidemiologischen Institutes, daß in dem Gang der Epidemie ein gewisser Stillstand

eingetreten ist. Die Erkrankungen der letzten drei Tage haben um ein Geringes abgenommen. In den letzten 24 Stunden sind 357 Personen erkrankt und 126 gestorben. Etwa eine Woche hindurch dürften sich die Erkrankungen auf der gleichen Höhe halten. Die Aerzte des Institutes für Experimentalmedizin haben ihren Plan ausgeführt und nach zweimaliger Impfung gegen die Cholera reine Cholerakultur dem Magen zugeführt, um den Nutzen der Impfung praktisch zu beweisen. Der Versuch ist gut gelungen. Beide Aerzte fühlen sich nach der Zufuhr der Reinkultur durchaus normal und haben in keiner Weise Zeichen von Ansteckung gezeigt. Aberwitzige Gerüchte, daß die Intelligenz, Studenten und Aerzte die Cholera verbreiten, indem sie Pulver ins Wasser und auf die Früchte streuen, haben hier schon einen Umfang ange­nommen, der den Stadthauptmann zu der Bekannt­machung veranlaßt, er werde die Verbreiter solcher Gerüchte zur Verantwortung ziehen. Kleine Obsthändler, Leute denen die Sanitätsvorschriften lästig werden, tragen solche Gerüchte in das unwissende Volk, das ihnen gern glaubt. Versucht jemand das Volk aufzu- klären, so wird er verdächtigt, mit den Verbreitern der Epidemie gemeinsame Sache zu machen, oder es heißt: Warum sterben nur die Armen ?" Die Bakteriologen nehmen an, daß die Kälte die Epidemie zwar ein­schränken wird, daß es aber Cholerafälle den ganzen Winter hindurch geben wird, im Frühling werde die Epidemie wohl mit erneuter Stärke ausbrechen.

Lokales und Provinzielles.

Schlüchtern, 29. September 1908.

* Die am 1. Oktober 1908 fällige 1. Rate Kirchen-Steuer der evgl. Kirchen-Gemeinde Schlüchtern wird in der Zeit vom 5. bis 15. Oktober durch Frau Kirchendiener Möller erhoben.

* Der Wechselprotest. Vom 1. Oktober d. Js. werden für das Reichspostgebiet Wechsel und Schecks bis 800 Mark durch Postbeamte protestiert. Die Gebühren betragen bis 500 Mark 1 Mk., darüber 1 Mk. 50 Pfg. Dazu kommen 30 Pfg. für den Postauftrag, 30 Pfg. (im Nahverkehr 25 Pfg.) für die Rücksendung des protestierten Wechsels mit der Protesturkunde. Für den Postprotest gelangen besondere graue Formulare (a einhalb Pfennig) zur Ausgabe, auf denen die Post beauftragt wird, den laut quittierten Wechsels fälligen Betrag einzuziehen, bei Nichtzahlung Protest zu erheben.

* Obstbaumbesitzer machen wir darauf aufmerk­sam, daß nun gegen den kleinen Frostspanner, diesen gefährlichen Feind der Aepfel- und Birnbäume und namentlich auch der Kirschen- und Zwetschenbäume, sind Vorkehrungen zu treffen, denn die Männchen des Frostnachtspanners beginnen im Spätherbste die Baum­kronen zu umschwärmen, um sich mit den Weibchen zu begatten, welche ihre Eier in die Ritzen der Rinde legen, aus welchen beim Ausbruch der Blätter Würm- chen hervorgehen, die sich in die Tragknospen einbohren und die ganze Erntehoffnung vernichten. Da die Weibchen aber nicht fliegen können, so sind sie genötigt, am Stamm emporzukriegen und man hat verschiedene Vorrichtungen, um dieselben abzufangen, unter denen sich die handbreiten Ringe von starkem Papier bewährt haben, die man dicht an den Baustamm legt und mit Teer oder mit sogen. Brumataleim bestreicht, welcher längere Zeit klebrig bleibt.

* In gegenwärtiger Zeit ist es vielfach üblich, im Freien kleine Feuerchen, sei es zum Rösten von Kar­toffeln oder auch nur zum Vergnügen anzuzünden. Wenn diese Feuer fern von jeglichen Gebäuden, oder feuerfangenden Sachen, fern von Wald und Heide angezündet werden, dann ist eine Bestrafung nicht zu erwarten. Wer aber an gefährlichen Stellen in Heiden oder Wäldern oder in gefährlicher Nähe von Gebäuden oder feuerfangenden Sachen Feuer anzündet, wird nach § 368 des deutschen Strafgesetzbuches mit Geldstrafe bis zu 60 Mark oder mit Haft bis zu 14 Tagen bestraft. Selbstredend hat er auch für jeden event. Schaden aufzukommen. Da erfahrungsgemäß besonders Kinder gern im Freien Feuer anzünden, so sind Kinder ganz besonders darauf aufmerksam zu machen, daß dies verboten ist.

* Am Donnerstag fand in Soden b. Salmünster für die katholischen Lehrer der Kreise Hanau, Geln- hausen und Schlüchtern die amtliche Konferenz statt. Den Vorsitz führte der Herr Kreisschulinspektor Re- gierungs- und Schulrat Bottermann aus Cassel. Die Herren Ortsschulinspektoren und Lehrer waren fast vollzählig erschienen. Als Gast wohnte der Herr Landrat von Schlüchtern der Versammlung bei. Die Versammlung tagte im Kursaal. Herr Lehrer Rein­hardt von Fechenheim hielt den von der Königlichen Regierung bestimmten Vortrag über die wirtschaftliche Bedeutung unserer Kolonien und eine Lehrprobe über Samoa. Nach Beendigung der Konferenzverhandlungen fand ein gemeinschaftliches Mahl statt, wobei die üblichen Toaste auf Kaiser, Papst re. ausgebracht wurden. Die Nachmittags- resp. Abendzüge brachten die Teilnehmer wieder an die Stätte ihrer Wirksamkeit.

* Vergangene Woche entsprang aus dem Amts- gerichtsgefängnis in Salmünster der wegen Bettelns

in Untersuchungshaft befindliche Tagelöhner Janneke. Noch an demselben Tage wurde er bei Steinau von dem Wachtmeister festgenommen und in das Gerichts­gefängnis in Steinau eingeliefert.

* Im Franziskanerkloster in Salmünster wird die Aufführung des Sophokleischen DramasKönig Oedipus" Mittwoch, den 30. September und den 7. Oktober wiederholt (Beginn an beiden Tagen um 13/t Uhr nachmittags). Der Besuch dieser Aufführungen, die in ihrer Art in Deutschland einzig dastehen und von der Kritik sehr günstig ausgenommen worden sind, ist allen Freunden des klassischen Altertums, besonders den Lehrern an humanistischen Lehranstalten, den Studenten der klassischen Philologie und den Schülern der oberen Klassen der Gymnasien aufs wärmste zu empfehlen. Die Aufführungen stehen unter der Leitung des kunstverständigen Pater Quardian Fidelis, der auch den musikalischen Teil selbst leitet.

* Ein wackerer Vaterlandsverteidiger ist Herr Zigarrenfabrik-Verwalter Beerwald in Langenseelbold.

Nicht weniger als fünf Söhne hat er zurzeit beim Militär, der sechste kommt jetzt in eine Unteroffizier- Vorschule. Der erste dient bei der Marine und ist Sergeant, der zweite war in Südwestafrika und dient jetzt bei den Ulanen in Hanau, der dritte dient bei den Husaren in Dietenhofen und ist Unteroffizier, der vierte bei der Infanterie in Metz und ist ebenfalls Unteroffizier und der fünfte ist in einer Unteroffizier- Vorschule untergebracht, wohin jetzt auch der sechste kommt. Herr Beerwald selbst hat den Feldzug 1870/71 mitgemacht.

* Schöffengerichts-Sitzung vom 22. Sept. in Gelu- hausen. Der 17jährige Hermann K. aus Schlüchtern wurde mit 5 Tagen Gefängnis bestraft, weil er im Sommer v. Js. einem dem p. Firle von Eidengesäß gehörigen Tuchrock entwendet hat.

* Die Hanauer Strafkammer verurteilte am Mon­tag voriger Woche den 16 Jahre alten Christoph Neidert aus Eckardroth und den im gleichen Alter stehenden Ferd. Zengert aus Romsthal, zwei noch vollständig knabenhaft aussehende Burschen, wegen Meineids zu je einem Jahr Gefängnis. Der Meineid war von beiden in Verbindung mit einem Prozeß wegen Jagdvergehens gegen den Jagdaufseher Jos. Korn geschworen worden. K. hatte im Winter inner­halb der gesetzlichen Schonzeit ein Reh geschlossen, das er durch seinen Hund suchen ließ. Bei seiner Ver­urteilung wegen Jagdvergehens vor dem Schöffengericht wurden auch die Hundespuren als Beweismittel in Betracht gezogen. Nachträglich erfuhr Korn, daß die beiden Jungen geäußert hatten, ein anderer Junge habe es ihnen gesagt, sein Hund habe-M^rfttS«»- Zeit auch einige Rehe verfolgt. Bei seiner Berufung gab dann Korn die beiden als Zeugen an, und diese machten unter ihrem Eid die vorerwähnten Angaben, die sich später als unrichtig herausstellten. Sie gaben jetzt zu, daß der Junge nur gesagt habe, sein Hund habe Rehen nachlaufen wollen, ferner auch, daß sie die Zeit falsch angegeben, sie hätten das in der Ver­wirrung verwechselt. Auf Grund des ganzen Beweis­ergebnisfes mußte das Gericht zu einer Verurteilung schreiten und erkannte aus die geringste zulässige Strafe.

Ferner hatte sich der früher in Slerbfritz (Kr. Schlüchtern), jetzt in Gelnhausen amtierende Lehrer Blum wegen Körperverletzung im Amte zu verantworten. Er hatte in Sterbfritz den 12jährigen Schüler Krack, der sich gegen seinen Befehl andauernd widerspenstig verhält, während des Unterrichts zweimal mit einem Stock gezüchtigt. Der Kreisarzt Dr. Cauer, der den Jungen kurz nach der Züchtigung untersuchte, fand mehrere blaue Stellen auf den Schultern und an den Beinen, sowie einen blauen Fleck hinter dem Ohr, letzterer Fleck konnte aber auch der Junge selbst durch Anstößen gegen den Pult verursacht haben; denn er hatte sich gegen den Lehrer, als ihn dieser vom Platze holen wollte, hartnäckig gesträubt. Wie die Beweis­aufnahme weiter ergab, hatte der noch junge Lehrer der Klasse gegenüber, in der verschiedene widerspenstige Knaben saßen, einen schweren Stand. Das Gericht erkannte nach umfangreicher Beweiserhebung auf Frei­sprechung. Nach der Urteilsbegründung war die Be­strafung des Knaben wohl eine strenge, eine Ueber- schreitung des Züchtigungsrechts sei aber nicht festgestellt.

* Am Dienstag Vormittag hatte eine Ordens­schwester von Aschaffenburg, welche nach Würzburg fuhr, auf dem Perron 4 Zwanzigmarkscheine, die in einer Düte eingewickelt waren, verloren. Dieselbe bemerkte diesen Verlust erst später im Eisenbahnzug. Als die Schwester abends von Würzburg wieder hierher zurückkam, fand sie die Düte auf dem Perron noch liegend und waren die Scheine in derselben noch enthalten. Daß diese Düte von keinem der vielen Passanten aufgehoben wurde, beweist, daß dieselbe von jedermann für eine leere, weggeworfene Umhülle ange­sehen wurde. Der Bezirksobstbauverein Aschaffen- burg-Landbezirk veranstaltet in den Tagen turnt 2. -4. Oktober 1908 außer einer großen Obstausstellung einen Musterobstmarkt von über 300 Zentnern Tafel- und Wirtschaftsobst 1. Qualität (Aepfel und Birnen) in der städtischen Markthalle (Landingstraße) zu Aschaffen» burg.

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