— Der deutsche Vorschlag wegen Anerkennung Mulay Hafids hat die Pariser Presse wieder einmal aus dem Häuten gebracht. So schreibt der „Petit Parisien": „Deutschland hat eine ebenso sonderbare wie unerwartete Haltung angenommen. Es fügt einer an sich höchst verwickelten Angelegenheit eine unnütze und gefährliche Verwirrung hinzu. . . Will man in Europa ein für allemal Ordnung schaffen und die unheilschwangere Frage vom Gesichtskreise entfernen, so muß das Einvernehmen der Mächte erhalten bleiben. Der Reichskanzler hat aber dieses Einvernehmen gefährdet." Das „Echo de Paris" grollt: „Wieder einmal hat Deutschland mit einer aus der Fassung bringenden Doppelzügigkeit gehandelt, ohne sich an die letzten Kaiserworte zu kehren. Nun denn, daß man es in Berlin ein für allemal wisse: Wir haben keine Lust, die Schauja zu räumen, um Mulay Hafid einen Gefallen zu tun,, und keine Einschüchterung wird unseren Entschluß ändern. Wir haben in Nordafrika eine Stellung zu behaupte«; die wütenden Anstürme auf unsere Orangrenze zeigen, wohin die Politik der Schwäche und Selbstaufgabe führen würde, auf die man in Berlin zu Unrecht rechnet'"
— Der Thronverzicht des Sultans Abdul Aziz vereinfacht nunmehr die Anerkennung seines Bruders Mulay Hasid. Wie aus Paris gemeldet wird, erklärte El Mokri bei einem Interview in Mediuna dem Korrespondenten des „Matin", Abdul Aziz verzichte nach eingehenden Erwägungen und in Uebereinstimmung mit seinen Ministern auf weiteren Kampf und überlasse den Thron Mulay Hafid. Er beabsichtige, eine ein- bis zweijährige Pilgerfahrt nach dem heiligen Lande zu machen und hoffe dann, in Fez, Marrakesch oder Mekines Wohnsitz nehmen zu dürfen.
— Die Eröffnung der Mekkabahn bis Medina hat am Tage der Thronbesteigung des Sultans unter unermeßlichem Jubel der Bevölkerung mit vielem Pomp in Medina stattgefunden. Das meiste Verdienst um das Zustandekommen der Bahn gebührt Meißner Pascha, dem deutschen Chefingenieur, der nicht nur große technische Fähigkeit entwickelt, sondern auch bemerkenswerte Kraft bei der Kontrolle über die großen Arbeitermassen gezeigt hat. Unterstützt wurde er hierin durch General Kiazim Pascha, der während der Einweihungs- zeremonie die Nachricht erhielt, daß er zum Gouverneur des Hedschas ernannt sei. Die zur Einweihung nach Medina gekommenen Beduinenchefs zeigten sich über die veränderte volitische Lage sehr erfreut.
— Auf ein Wiederaufleben des Bandenunwesens in Mazedonien schein: die Talsache hinzuweisen, daß bei Jstertschewo im Sandschak Serres des Vilajets Saloniki drei Bulgaren von Unbekannten ermordet worden sind. Es ist dies seit Einführung der türkischen Verfassung die erste größere Bluttat in Mazedonien.
Lokales und Provinzielles.
Schlüchtern, 8. September 1908.
—* Am Samstag fand hier die Aufnahme-Prüfung in die Präparandenanstalt statt. Während vor etwa 5 Jahren noch 60 sich dazu meldeten, waren es in diesem Jahre, wie wir hören, nur 21.
—* Auf der landwirtschaftlichen Ausstellung in Hanau, welche aus dem Kreise Schlüchtern, sehr zahlreich beschickt war, erhielt die Rinderzuchtgenossenschast Schlüchtern für Simmentaler Hochzucht 16^ Preise, darunter zwei erste. Außerdem wurden die Simmentaler Kreuzungstiere aus dem Kreise Schlüchtern mit 2 ersten, 1 zweiten, 1 dritten und 5 weiteren Preisen prämiiert. Auch die ausgestellten Zuchtschweine wurden fast sämtlich mit Prämien bedacht. Nähere Mitteilung behalten wir uns vor.
—* Zwei Jungen im Alter von 14 und 12 Jahren welche vorige Woche aus der Erziehungsanstalt in Sannerz entflohen, wurden bei dem Orte Aufenau aufgefangen. Die völlig durchnäßten Ausreißer waren, wie sie sagten, durch die hochangeschwollene Kinzig geschwommen.
—* Vom Manöver. Die 41. Infanterie-Brigade (87er und 88er) hat Sonntag abend ihre Garnison Mainz verlassen, um sich ins Manövergelände zu be- geben. Sie fuhren über Frankfurt, Gießen, Wetzlar, Betzdorf, Siegen; die 87er trafen Montag vormittag in Jserlohn, die 88er in Lüdenscheid und Altena ein, der Brigadestab kam Montag nach Altena, Dienstag nach Hemar. Dienstag begann bei allen Brigaden die Brigademanöver, sie dauerden bis zum Samstag. Die Brigadebesichtigung der 49. und 42. Infanterie- Brigade sind beendet, Montag fand noch die Brigadebesichtigung der 117er und 118er bei Oberdieten im Breidenbacher Grund statt. Der Staab der 25. Feldariillerie-Brigade hat in Biedenkopf Quartier bezogen. Am Mittwoch und Donnerstag erhält Biedenkopf sehr starke Einquarlierung, nämlich die beiden Infanterie-Regimenter 115 und 168 nebst Abteilungen von Dragonern 24er und Artillerie 61er. Der Staab der 50. Infanterie- und der 25. Kavallerie-Brigade kommen nach Gönnern.
—* Am 14., 15., 16. und 17. September d. Js. findet in Cassel die Jubiläums-Jahresversammlung des
Deutschen Vereins gegen den Mißbrauch geistiger Ge tränke statt. Die Versammlungen beginnen Dienstag nachmittag mit der 9. Jahresversammlung des Verbandes von Trinkerheilstätten. In den Hauptversammlungen werden Vorträge halten Obermed.-Rat Hofrat Professor Dr. von Gräber aus München, Professor Dr. v. Leyden Exzellenz aus Berlin, Professor Dr. Böhmert aus Dresden, Superintendent Stursberg aus Bonn und zahlreiche andere Träger berühmter und bekannter Namen. Diese, sowie Jugendversammlungen, eine Ausstellung über Alkoholismus u. s. w. werden die Tagung zu einer aus dem ganzen Hessenland stark besuchten und für dasselbe segensreichen Veranstaltung machen.
* Gelnhausen. In der letzten Sitzung der Stadtverordnetenversammlung wurde die Ordnung über die Erhebung einer Schankkonzessionssteuer endgiltig genehmigt.
* Das landwirtschaftliche Fest in Hanau wurde am Donnerstag abend durch einen Begrüßungskommers eingeleitet, bei dem für Unterhaltung in reichem Maße der Gesangverein Eintracht, die Turngemeinde und der Turn- und Fechtklub Sorge trugen. Am Freitag früh wurde die Bezirkstierschau eröffnet, die reich beschickt war und naturgemäß vorzügliches Material aufwies. Man sah in der Abteilung für Rindvieh das Waldecker rote Höhenvieh, dann das gelbe fränkische Höhenvieh, geschecktes Niederungsvieh, Schwälmer Höhenvieh, rotes Höhenvieh aus dem Vogelsberg, Landvieh mit Simmentaler Charakter, Tiere Simmentaler Reinzucht und schließlich die besonders große Rasse der Simmentaler Hochzucht. Besonders hervorgetan hatte sich der Schlüchterner Kreis, der jedenfalls in der Viehzucht große Fortschritte gemacht hat. Das Pferdematerial war ebenfalls vorzüglich, ebenso zeigte die Ausstellung in den Abteilungen für Schweine und Ziegen ein für den Laien und Kenner erfreuliches Bild. Gegen 11 Uhr kamen der Oberpräsident der Provinz Hessen-Nassau, Exzellenz Hengstenberg, sowie der Regierungspräsident Graf Bernstorff hier an, um an den landwirtschaftlichen Veranstaltungen teilzunehmen. Die Preisverteilung nahm der Vorsitzende der Landwirtschaftskammer, v. Stockhausen, vor. — Gleichzeitig wurde am Freitag die Maschinenausstellung sowie die Obst- und Gartenbauausstellung eröffnet. — Samstag vormittag halb 11 Uhr fand unter dem Vorsitz des Herrn v. Stock- hausen-Cassel in der Festhalle des landwirtschaftlichen Festes die Generalversammlung des Vereinsausschusses der Landwirtschaftskammer für den Regierungsbezirk Cassel statt. Nach der Begrüßung der Versammlung teilte der Vorsitzende mit, daß Amtsrat Fahrenbach das Amt des stellvertretenden Vorsitzenden der Landwirt- schaftskammer übernommen habe, da der seitherige Vorsitzende ein Weiterführen des Amtes abgelehnt habe.
Es sprachen sodann Dr. Alves-Marburg über neue Kartoffelkrankheiten und deren Bekämpfung und Dr. Hermes-Berlin über Zucht und Leistung mit besonderer Berücksichtigung der Kontrollvereine. Als Ort der nächstjährigen Generalversammlung der Landwirtschaftskammer, der nächstjährigen Bezirkstierschau und landwirtschaftlichen Ausstellung wurde die Stadt Wolfhagen gewählt. Für 1910 wurde Marburg in Aussicht ge« nommen.
* Frankfurt a. M. Einen „Reform-Gesangwettstreit" schreibt die „Frankfurter ^äugerzeitung aus. Er soll im Frühjahr 1909 im Hippodrom zu Frankfurt abgehalten werden. Diese wesentlichste Neuerung dabei ist eine Aenderung des Punktiersystems. Während bisher ein jeder Preisrichter für sieben Rubriken (Schwierigkeit, Tonreinheit, Stimmenausgleich, Aus« spräche, Dynamik, Rhythmus und Auffassung) Punkte gewährte und demgemäß auf sieben grundverschiedene Dinge zu achten hatte, soll diesmal jeder einzelne dieser Punkte je einem Preisrichter übergeben werden. Ueber die Aussprache und Ausbildung des Materials soll ein Gesanglehrer (Eugen Hildach) entscheiden, über Tonreinheit ein. Streichinstrumentalist und Quartettspieler (Prof. Fritz Bassermann), über Dynamik und Rhythmus je ein Kapellmeister (Ferdinand Kleister und Dr. Ludwig Rottenberg), über Auffassung und Gesamteindruck erfahrene Männerchor-Dirigenten (Prof. Gustav Trautmann-Gießen und Professor Mannstaedt- Wiesbaden). Zugleich wird die Anzahl dir Punkte von 7 auf 15 erhöht. Eine weitere Neuerung besteht darin, daß viele und nicht zu hohe Geldpreise (anstatt weniger und ganz hoher) gegeben werden. Die Geldpreise sind zwischen dem Verein und dessen Dirigenten zu gleichen Teilen zu teilen. Endlich will man die Vorstände und Dirigenten der am Wettstreit beteiligten Vereine — die Anmeldungen müssen bis 15. November geschehen — zu einer Versammlung (22. Nov.) einladen, in der alle Maßnahmen des Reformwettstreits noch einmal durchgesprochen werden und in strittigen Fällen Abstimmung entscheiden soll.
* Der vor einiger Zeit in Homburg v. d. Höhe gestorbene Professor Julius Frühling hat der Ätadt sein ganzes Vermögen in der Höhe von 150000 Mk. vermacht. Seine umfangreiche, mehr als 4000 Bände zählende Bibliothek schenkte er der Stadibibliothek.
* Marburg. Wie jetzt bekannt wird, sollen nach den beendeten Brigade- und Divisions-Manövern in der Biedenköpfer, Wittgensteiner und Sauerländer
Gegend am 21., 22. und 23. September um unserer Stadt die Korpsmanöver des 18. Armeekorps statt- -. finden. Die Truppen sind während dieser Zeit durch- s weg auf Magazinverpflegung und Biwack angewiesen / worden, sodaß eine Inanspruchnahme von Quartier I nur vereinzelt durch die Mannschaften höherer Stäbe I und durch kleinere abgezweigte Abteilungen erfolgen I wird. Bei äußerst ungünstiger Witterung soll eine enge I Belegung der Stadt sowohl wie der Ortschaften des I westlichen und südlichen Kreises erfolgen.
* Gemeindegrundeigentum und Obstbau. Die Ge-1 meinde Himbach in Oberhessen hatte im Anfang der T siebziger Jahre des vor. Jahrh. 84000 Gulden alte | Kriegsschulden. Heute ist die Gemeinde schuldenfrei ( und die 134 Ortsbürger haben jährlich 1000 M. Kommunalkosten aufzubrlngen, der einzelne also nur ’ 7,46 Mk. Trotz der Schuldenlast hatte die Gemeinde I in den Jahren 1871 und 1873 von der Herrschaft I Meerholz zwei Kirschenplantagen und Walnuß- resp. I Edelkastanienplantagen für zusammen 12580 Gulden I gekauft. Diese Summe ist ebenfalls amortisiert worden. | Während vor dem Ankäufe nur 30 bis 80 Gulden | aus der Verpachtung der Ernte von 1800 Kirsch- bäumen erzielt wurden, löste die Gemeinde bald nach / dem Erwerbe 2000 bis 3000 M. in einzelnen Jahren. | Deute sind noch 1000 bis 1200 Bäume tragbar. Die ! Gemeinde sorgt durch verständiges Nachpflanzen junger | Bäume dafür, daß auch die nächste Generation Nutzen l hat. Bemerkenswert ist, daß die neuen Kirschenplan- i tagen auf „Gemeindewüstungen" stehen. Wieviel ) könnte nach dieser Richtung noch von deutschen Ge- . meinden geleistet werden, wenn sie beizeiten für die f Vergrößerung des Gemeindegrundeigentums, dann aber I auch für seine vernünftige Verwertungen sorgten!
* Fulda. Ihre Königl. Hoheit die Landgräfin I Anna von Hessen, Prinzessin von Preußen, hat das j Protektorat über die am 20. September in den Stadt- sälen stattsindende Hundeausstellung übernommen. Das I Ehrenpräsidium besteht aus den Herren: Oberbürgermeister Dr. Antoni, Kammerherr Ihrer Kgl. Hoheit ! der Landgräfin von Hessen, Freiherr v. Bothmer, Bei- | geordneter L. M. Halbleib, Stadtrat Ferdinand Neitzert, I Oberstleutnant und Regimentskommandeur Neugebauer ' Amtsgerichtsrat Pade, Landrat Springorum, Amtsrat k Suntheim und Oberförster Derichsweiler. Aus allen Gegenden Deutschlands laufen Meldungen ein. Die f Ausstellung wurde vom D. V. M. und dem Kartell anerkannt und wird daher voraussichtlich sehr stark beschickt werde«. Viele Ehrenpreise wurden bereits ge- | stiftet, weitere werden von der Geschäftsstelle Ferd. Kramer, Peterstor 1, entgegengenommen. Den Geschäftsleuten, die auf den Hundesport und Jagd bezügliche Gegenstände auszustellen wünschen, wird emgi'kMy H dies der genannten Geschäftsstelle bald mitzuteilen, da bei der zahlreichen Anmeldung der nicht für Hunde - benötigte Raum beschränkt ist.
Vermischtes.
— Nach dem Genusse von Räucherheringen er- ; krankte im Zabrze in Schles. die ganze Familie des | Kaufmanns Rahnert. Während Rahnert bereits gestorben ist, ringen vier Kinder noch mit dem Todes ; die Rettung ist gering. Frau Rahnert, welche nur ein geringes Quantum gegessen hatte, befindet sich außer j Lebensgefahr.
— Neue Ueberschwemmungen haben im Zillertale in Tirol stattgefunden, mehrere Brücken sind nieder- ; gerissen. Jni Pustertal wurden zwei Arbeiter vom | Blitz erschlagen Ueber Bozen ging ein heftiges Ge« Witter mit Hagelschlag nieder, alle Gebirgsflüsse haben Hochwasser.
— In Saragossa schlug bei einem Gewittersturm der Blitz in einen Fesselballon. Der Ballon explodierte, und die brennenden Trümmer des Ballons fielen auf die Holzstöße eines Sägewerks. Die Sägemühle wurde zerstört, wobei drei Personen verwundet wurden.
Frankfurta. M., 7. Sept. Amtliche Notierungen der Liebmarkt preise. Zum Verkauf standen 380 Ochsen, 77 Lullen, 908 Kühe und Färsen (Stiere und Rinder), 291 Kälber, 365 Schafe und Hämmel, 1467 Schweine. Bezahlt wurde für 100 Pfund: Ochsen a) vollfleischige, ausgemästete höchsten Schlachtwertes bis zu 6 " Jahren Mk. 80 - 82, b) junge fleischige nicht auSgemästete und ältere ausgemästete Mk. 73 -75, c) mäßig genährte junge, gut genährte ältere Mk. 60 -64, d) gering genährte jeden Alters Mk. — bis —. Bullen: a) vollfleischige höchsten SchlachtwerteS Mk. 62 bis 84, b) mäßig genährte jüngere und gut ge- genährte ältere Mk. 50 —60, c) gering genährte Mk. —, Kühe und Färsen Stiere und Rinder: a) vollfleischige, auSgemästete Färsen (Stiere und Rinder) höchsten SchlachtwerteS Mk. 74 -76 b) vollfleischige, anSgemästete Kühe höchsten SchlachtwerteS bis zu 7 Jahren Mk. 65 67, c) ältere ausgemästete Kühe und wenig gut entwickelte jüngere Kühe und dürfen (Stiere und Rinder) f Mk. 54—56, d) mäßig genährte Kühe und Färsen (Stiere und Rinder) Mk. 00 00, e) gering genährte Kühe und Färsen (Stiere und Rinder) Mk. —. Bezahlt wurde für ein Pfund a) feine Mast (Vollm.-Mast)und beste Saugkälber (Schlachtgewicht) 92—94 Pfg., (Lebendgewicht) 55—56 Pfg., b) mittlere Blast- und gute Saugkälber (Schlachtgewicht) 80-92 Pfg., (Lebendgewicht) 48—53. Pfg., c) geringe Saugkälber 68—70 Pfg., d ältere gering genährte Kälber Freffer - Pfg. Schafe: a) Mastlämmer nnd jüngere Masthämmel 82 00 Pfg., b) ältere Masthämmel 74—76 Pfg- c) mäßig genährte Hämmel und Schafe (Märzschafe) — Pfg- Schweine: »- vollfleischige der feineren Rasten und deren Kreuzungen im Alter bis zu l1/-« Jahren 70 Psg., b. fleischige 68-00.