SchlüchterMZeitung
mit amtlichem Areisblatt. Alonatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat".___
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 67.
Mittwoch, den 19. August 1908.
59. Jahrgang.
| Konsolidation (Verkuppelung) der Grundstücke. Der „Franks. Generalanzeiger" schreibt: Es gibt wohl kein anderes Gesetz, welches der Landwirtschaft so erhebliche Borteile verschafft als das die Konsolr- dation der Grundstücke betreffende. Leider schreiten noch zu wenig Gemeinden zur Konsolidation, und zwar zu einer Zeit, in der die Aufbesserung der Landwirt« schaff ein äußerst dringendes Bedürfnis geworden ist. Jeder einsichtige und weiter blickende Landwirt kennt die Vorteile, die aus der Konsolidation erwachsen. Ersparung an Arbeitskräften bei Bearbeitung und Aberntung der Aecker und Wiesen, Schonung des Zugviehes durch bequeme und gut fahrbar angelegte Wege, Befreiung von lästigem Flurzwang, Entwässerung des nassen Geländes durch Anlegung von Vorflutgräben, Regelung der Wiesenbewäfferung, Niedermessung von regelmäßig geformten Plänen unter Beseitigung der unbequemen Schlüsselformen und Vermeidung lang gezogener Parzellen von geringer Breite, die Möglichkeit freier intensiver Bewirtschaftung gegen veralteten Zwang und veraltete Gewohnheit, die Festlegung der Grenze durch dauernde Vermarkung u. s. lv. Das ganze Verfahren wird von staatlich angestellten und besoldeten Beamten nach gesetzlichen Bestimmungen durchgeführt. Der aus der Mitte der Beteiligten gewählte Konsolidations-Vorstand ist berechtigt und verpflichtet, die Interessen der Gesamtheit in jeder Hinsicht zu vertreten. Erprobte und erfahrene Güter, schätzer sorgen für die Taxierung des Bodens nach landwirtschaftlichen Grundsätzen. Sie werden vereidet und dürfen mit den Beteiligten nicht verwandt sein. Das Gleiche gilt von den Obstbaumeinschätzern und . sonstigen Sachverständigen. Der die neue Einteilung j bearbeitende Aermeffungsbeamte, welcher von seiner Vorgesetzten Behörde erst nach jahrelanger Ausbildung und nachdem er sich bewährt hat, mit dieser Arbeit betraut wird, sorgt, daß jeder beteiligte Grundbesitzer nicht nur nach der Fläche und den Klaffen seines alten Besitzes, sondern auch in der neuen Lage so niederge« | messen wird, daß er nicht weiter vom Wirtschaftshofe zu liegen kommt, als sein alter Besitz da, und daß jedem so viele Vorteile aus der Konsolidation entstehen, als die Interessen der andern es zu erlassen. Die Kosten der Konsolidation sind nicht groß im Vergleich zu dem Nutzen, der gewährt wird. Ein großer Teil der Aufwendungen fomnit Mitgliedern der Gemeinde durch Uebernahme von Arbeiten und Lieferungen wieder zugute. Dennoch wird gegen Erwarten noch vielfach
der Konsolidation Mißtrauen entgegengebracht; von manchem einzig und allein aus dem richtigen Grunde daß er sich von dem Besitze, den er von seinen Vätern ererbt hat, nicht trennen will. Möge das Vorstehende dazu dienen, die der Konsolidation noch mit Argwohn gegenüberstehenden Landwirte zur eingehenden und vorurteilsfreien Prüfung einer Sache zu veranlassen, die unstreitbar jetzt von ganz besonderer Bedeutung für die Schaffung und Erhaltung der Konkurrenzfähigkeit der Landwirtschaft in vielen Gemeinden ist. W.
Deutsches Reich.
— König Eduards Besuch beim Deutschen Kaiser in Schloß Friedrichshof hat sein Ende erreicht, und der König ist in Jschel eingetroffen, um dem alten Franz Josef seine Aufwartung zu machen. Der Besuch in Cronberg ist programmäßig verlaufen, d. h. ohne besondere Aufregung und ohne bemerkenswerte Zwischen- fälle. Onkel und Neffe haben sich herzlich begrüßt, haben gemeinsame Spazierfahrten und Ausflüge unter* nommen, lange persönliche Zwiegespräche geführt und sich nach dem angenehm verbrachten Tage herzlich voneinander verabschiedet. Man hat aus ihrem Beisammensein den Eindruck gewonnen, daß die persönlichen Beziehungen der beiden Herrscher durchaus freundliche sind, und das wird auch auf die Bezieh« ungen der beiden Staaten nicht ganz ohne Einfluß bleiben. Als einziges positives Resultat wird die Vereinbarung angegeben, daß König Eduard mit seiner Gemahlin in nicht zu langer Frist, etwa Anfang nächsten Jahres, dem deutschen Kaiserhause in der Reichshauptstadt einen offiziellen Besuch machen werde. — Mit Bestimmtheit darf darauf gerechnet werden, daß König Eduard in Begleitung der Königin Berlin den lange erwarteten Besuch abstatten wird. Da der Kaiser am 27. Januar nächsten Jahres seinen 50. Geburtstag friert, soll das englische Königspaar den bestimmten Wunsch geäußert haben, dem Kaiser persönlich seine Wünsche darzubringen.
— Der König von Württemberg wird am 27. August der Kaiserparade des 16. Armeekorps in Metz und am 29. August der Kaiserparade des 15. Armeekorps in Straßburg beiwohnen.
— Der Kaiser gedenkt Ende September auf seiner Gutsherrschaft Cadinen Aufenthalt zu nehmen, und zwar sowohl vor, wie auch nach dem Romintener Jagdbesuch. Gelegentlich des ersten Besuches, an dem auch die Kaiserin mit ihren jüngsten Kindern teilnimmt,
dürfte die Feier des zehnjährigen Bestehens der Herrschaft Cadinen stattfinden. Zu den Jagden in Rominten werden, dem Vernehmen nach, diesmal zahlreiche Einladungen ergehen.
— Der in Berlin aufgetauchte Plan, dem Grafen Zeppelin bei dem Neubau des Luftschiffes ein „Kuratorium" beizugeben, hat allerseits gründliche Verurteilung und Ablehnung erfahren und die Stimmung im deutschen Volke geht dahin, daß der Plan fallen gelassen und dem Erfinder freie Hand wie bisher gelassen werde. Man betont, daß er nur dann etwas leisten könne, und daß er ja genügend tüchtige Fachleute bereits zur Seite habe.
— Die Regierung hat der Universität in Straßburg i. E, einen Entwurf zur Abänderung des UniversitätsStatus bezüglich des Frauenstudiums vorgelegt, dem das Plenum der Universität noch kurz vor Schluß des Sommersemesters im Prinzip zugestimmt hat. Es ist daher sehr wahrscheinlich, daß schon im nächsten Winter Frauen zur vollen Immatrikulation zugelassen werden.
— Auf der Stettiner Vulkanwerft ist der Betrieb mit einem Drittel der Arbeiter versuchsweise wieder eröffnet worden. Von den organisierten Nietern erschien keiner zur Arbeit, dagegen meldeten sich etwa 80 Nichtorganisierte Nieter. Die übrigen Ausständigen hatten vor den Werken Aufstellung genommen, um zu kontrollieren, wer sich zur Arbeit einfinben würde, bewahrten jedoch eine vollkommen ruhige Haltung. Nachdem einige Zeit vergangen war, zerstreuten sie sich. Auch in den übrigen Abteilungen der Werke vollzog sich die Aufnahme der Arbeit in voller Ruhe. In einem Gewerkschaftsflugblatt an die streikenden Nieter und die ausgesperrten Werftarbeiter wird der Konflikt in seiner ganzen Schärfe wie folgt gekennzeichnet: „Es steht einzig da in der Geschichte der Arbeiterbewegung, daß eine verhältnismäßig kleine Gruppe von Arbeitern eines einzelnen Betriebes es glaubt auf sich zu nehmen, es glaubt verantworten zu können, daß nicht nur Zehntausende von Arbeitern ihretwegen ausgesperrt werden, sondern auch durch ihre Beschlüsse und Ab« machungen mit den Unternehmerorganisation einfach zu brechen und die an den bekannten Vereinbarungen beteiligten Organisationen im Lande als wortbrüchig hinstellen. Dabei darf nicht außer acht gelassen werden, daß die im Streik verharrenden Nieter kein eigentliches Kampfziel mehr haben, da die Direktion des „Vulkan" sich bereit erklärt hat, zu gering angesetzte Akkorde aufzubesfern."
Künstterblut.
Roman von Vera v. Baratowski. 7
Meißner fühlte das Blut in den Adern erstarren. Träumte er, oder enthüllte sich ihm in Wahrheit so Entsetzliches? Dieser Rasende war ja Sudowsky. Er erkannte ihn ganz genau, zog die Türe geräuschlos zu und beschloß, das Gut sobald als möglich in unauffälliger Weise zu verlassen; denn hier, das wußteHugo jetzt, würde er nun und nimmermehr Ruhe und Sammlung zu ersprießlichem Schaffen finden.
Schwere, unsichere Schritte kamen durch den Gang zurück, halb klagendes und stöhnendes, halb zorniges Ge- murmel ertönte, dann blieb alles still.
Noch eine halbe Stunde ließ Hugo verstreichen, griff sodann nach seiner Reisetasche, das übrige Gepäck war auf dem Bahnhof geblieben, und wollte sich entfernen, als der Diener, welcher ihn herauf geleitet hatte, beide Tür- fluge^köffnete und meldete: „Herr Bogislaus von Su-
Meißner sah den Eintretenden ebenso beklommen als überrascht an.
War das wirklich derselbe Mann, den er vorhin beobachtete.
. ^^r Rittergutsbesitzer reichteihm lächelnd beide Hände herzend: „Was ist das für eine Art, so ganz plötzlich und unvermutet zu kommen! Wir hofften bestimmt auf Nachricht." ursacben'^^"" ^'nur der Wunsch, keine Störung zu ver-
ÖWenWn doch für sonderbare, schwerfällige Kauze. Hatte Sie ja sehr gern abgeholt! Diese Freude wäre mir also gründlich verdorben. Sind Sie schon lange hier?"
Worten nahm Hugo etwas seltsam Lauerndes, Argwöhnisches in den grünschillernden Au-
üacaL^2äxrTayrarciR;yrracra3jagäBrag!gOTinniiiiMi»Mii«iMMmmMk<.M
gen seines Wirtes wahr und erwiderte zögernd: „Eine Stunde ungefähr."
„So, so."
Sudowskys Mund verzerrte sich zu einem höhnischen = Grinsen. „Da müßen Sie sich arg gelangweilt haben .. oder etwa nicht?"
„Nein," erwiderte Meißner möglichst unbefangen.,,Jch war die ganze Nacht und den halben Tag gefahren und gestehe offen ein, daß ich in der Ecke des Sofas schlief wie ein Murmeltier."
Sudowsky nickte befriedigt. „Ich machte meinem Diener schon eine böse Szene, weil er Sie nicht sogleich meldete, aber wenn Sie ruhebedürftig waren . .."
„Im höchsten Grade! Hütte man mich zufällig hier vergessen, so würde ich wohl bis morgen geschlafen haben."
Lachend klopfte ihm der Pole auf die Schulter. „Wenn ich junge Leute um etwas beneide, dann ist es um ihre bewunderungswürdige Fähigkeit, überallund unter allen Umständen schlafen zu können. Wir anderen, die wir auf eine bewegte Vergangenheit zurückblicken, werden zu oft von bösen Träumen gequält... Kommen Sie!.. Sind die Fremdenzimmer in Ordnung, Josef?"
Der Diener bejahte.
„Bitte keine Umstände meinetwegen. Ich wollte nur Ihrer gütigen Einladung entsprechen, muß aber, kaum angekommen, wieder an die Rückreise denken, denn ..."
„Davon mag ich vorläufig nichts hören! Wie befinden sich Ihre Damen?"
„Die Majorin ist leidender als je."
„Und Fräulein Flora, diese weiße Rose in Mädchengestalt?"
„Ich kann und darf sie unter so traurigen Umftänben nicht lange allein lassen."
Sudowsky hatte seinen Arm genommen und führte ihn durch eine Flucht von Gemachern. Ueberall herrschte dieselbe schwere Pracht, aber verblaßt, wie aus vergangenen Jahrhunderten stammend. In einem fast unheim
lich großen Saal erblickte man wundervolle Gobelins, Szenen aus der Geschichte Polens darstellend, seltsam verschnörkelte Schränke mit Waffen gefüllt, und in den vier Ecken des weit ausgedehnten Raumes geharnischte Ritter. Vor den Fenstern breiteten sich viele an den Wald grenzende Felder aus.
Die beiden Zimmer, welche Sudowsky seinem Gast zur Verfügung stellte, waren ebenso bequem wie elegant eingerichtet. Der Pole öffnete aber noch ein drittes und sagte: „Dieses hier hat besonders schönes Licht. Sie könn» ten es eventuell als Atelier benutzen."
„Schon gut! Ich weiß, was Sie sagen wollen, möchte Ihnen aber erst noch etwas zeigen."
„Wie liebenswürdig! Doch leider .. ."
Er geleitete seinen Gast in eine Bildergalerie, welch« neben verschiedenen Werken älterer Meister viele der Neuzeit entstammende enthielt und unter diesen das zuletzt erworbene: „Badendes Mädchen und Faun".
„Ich liebe es, junge Talente gleichsam zu entdecken und zu fördern," nahm der Pole wieder das Wort, mit stark zur Schau getragenem Selbstgefühl. „Ihre Erstlings- arbeit hat gefallen. Jetzt möchte ich Ihnen Gelegenheit geben, etwas noch Reiferes zu liefern, und beabsichtige daher, eine Bestellung zu machen. Dabei dachte ich an ein allerdings schon oft behandeltes Sujet: „Die Versuchung des heiligen Antonius". Dieser Entwurf böte Ihrer schöpferischen Phantasie einen besonders großen Spielraum. Ich würde Ihnen gern gestatten, das Bild mit dem Vermerk, daß es mein Eigentum geworden, öffentlich auszustellen."
Hugo errötete vor Vergnügen. Endlich ein intereffan- ter und vielversprechender Auftrag! Wie mußte sich Flore über die frohe Nachricht freuen!
»Ihre gütige Aufforderung ehrt mich außerordentlich,'' erwiderte er, „aber vielleicht trauen Sie mir zu viel zu .. vielleicht bin ich gar nicht fähig, hochgespannte Anforderungen zu befriedigen." 155,1?