WüchtmmMung
mit amtlichem Kreisblatt Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
________Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat"._____________
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 61.
Mittwoch, den 29. Juli 1908.
59. Jahrgang.
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Amtliches.
J.-Nr. 10307. Für die am 13. Oktober 1885 in Hohenzell geborene Christina Paul, ist um Erteilung eines Reisepasses nach Nordamerika nachgesucht worden.
Schlüchtern, den 25. Juli 1908.
Der Königliche Landrat: Valentiner.
Au Bismarcks Gedächtnis.
Ich sah ihn schreiten durch des Volks Gedränge, Weiß war sein Bart und Haar, doch licht erstrahlte Sein blaues deutsches Heldenaug' und zahlte Mit warmem Gruß den Jubelgruß der Menge.
Was fühlten sie, was lag auf allen Zügen? War's Götzendienst, der vor der Macht sich beugte, Der knieend eigne Schande nur bezeugte, Und Knechtessinn, der Meister stets im Lügen? —
Nein, edler Stolz auf einen unsresgleichen, Den Mann, der größtes Menschenwerk vollbrachte Der wieder Deutsche aus den Deutschen machte Mit seiner Märkerfäuste wuckt'gen Streichen.
Kein Gott noch Halbgott, wie ihn Schwärmer
nennen,
Ein Deutscher nur, der seine Kräfte fühlte, An welschem Blut die heißen Waffen kühlte Und uns gelehrt, uns selber zu erkennen.
So schien er durch die Reihen mir zu schreiten Und trug des Vaterlandes Macht und Ehre, Europas Neid und seiner Taten Schwere Auf Riesenschultern in die Ewigkeiten. Wichmarw.
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Msmarck und die nationale Arbeit.
Zum 30. Juli.
Nachdem Fürst Bismarck den großartigen Bau des Deutschen Reiches unter Dach und Fach gebracht hatte, wendete er sich mit allem Eifer der nationalen Arbeit, der Förderung der produktiven Kräfte der Nation zu, die vornehmlich durch Landwirtschaft und Industrie verkörpert werden. Mit dem ihn auszeichnenden tiefen Verständnis für alle wahren Interessen und Bedürfnisse des nationalen Erwerbs- und Wirtschaftslebens erkannte er das unbedingte Vorrecht der heimischen Produktion, sowohl der Landwirtschaft wie der Jndu- strle, auf den heimischen Markt an, er wollte beiden helfen und hat beiden geholfen, soweit in seiner Macht stand.
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Roman von Vera v. Baratowski. 1 (Nachdruck nicht gestattet.)
Das im südlichen Teil Galiziens, am Nordabhang der Karpathen gelegene Schloß des Grafen Tuschinski gewährte am Abend des 16. Januar 1884 einen feenhaften Anblick. Aus allen Fenstern strahlte Licht, die schneebedeckten Bäume und Wege des Parkes sowie der fest zugefrorene Teich, auf welchem jüngere Gäste sich in kühnem, zierlichen Schlittschuh lauf übten, schimmerten, von bunten Lampen beschienen, in blendender Farbenpracht. Galt es doch, das goldene Hochzeitsfest des greisen, gräflichen Paares zu feiern.
Herr und Frau von Tuschinski, kinderlos geblieben, liebten es, die Jugend um sich zu versammeln, und konnten so herzlich lachen und scherzen, daß ihre von weißem Haar umrahmten Gesichter fast selbst noch jugendfrisch aussahen.
Jetzt protestierte der Graf lebhaft: „Nein, so früh lasse ich Sie nicht fort! Nun soll es ja doch erst recht lu= fug werden. Wenn der Morgen anbricht, muß ich es mir ja wohl gefallen lassen, daß meine lieben Gäste davon- flattern, aber eher dulde ich es nicht."
„ Sie zaubern Wunder hervor, und es fällt einem wahr- "ch schwer, sich loszureißen," erwiderte der junge Edel- nmnn Wladimir von Sudowsky, „aber ich muü fort, da ich erwartet werde."
„Ja, ja, von Frau Gemahlin. Wie gern hätte ich sie hier gesehen!"
. „Und wie gerne wäre sie gekommen! Aber ihr Zustand erheischt Ruhe und wirkt auch etwas peinlich auf chre Nerven. Sie begreifen wohl, daß ich Klothilde jede Aufregung ersparen möchte."
„Selbstverständlich! Aber die junge Frau weiß, daß sich bei Freunden befinden, und kann mithin nicht ängstlich sein."
Von Hause aus Landwirt, hatte Bismark für die Freuden und Leiden, für die Interessen und Bedürfnisse der Landwirtschaft einen offenen Blick und für ihre berechtigten Wünsche ein offenes Ohr. In vielen und oft gerade packendsten Stellen seiner großen Parlamentsreden beschäftigte sich der gewaltige Staatsmann mit den landwirtschaftlichen Problemen und bemühte sich, die vielfach gegen die Landwirtschaft bestehenden Vorurteile zu entkräften und in ihr Gegenteil umzuwandeln. Nicht minder aber ließ er sich die Pflege und Förderung der vaterländischen Industrie angelegen sein. Das dem großen Staatsmanne vorschwebende wirtschaftliche Ideal war das Gleichgewicht zwischen Landwirtschaft und Industrie, indem jeder der beiden großen Produktivstände die Bedürfnisse des andern mit deckt und somit Deutschland möglichst unabhängig vom Auslande gemacht wird. Wenn Bismarck dieses Ideal, ,wie dies mit allen Idealen zu geschehen pflegt, auch nicht in vollem Maße erreicht hat, so wird es doch eins der schönsten Blätter in seinem Ruhmeskranze bleiben, daß er die Landwirtschaft im Volke wieder hoch zu Ehren gebracht.
Der Schutz der nationalen Arbeit bildete einen der wichtigsten Grundpfeiler in der wirtschaftlichen Gesamt- politik des Fürsten Bismarck. Französische Staatsmänner und Volkswirte hatten nach dem großen Kriege die Theorie aufgestellt, daß Deutschland trotz des Milliardensegens der Kriegsentschädigung nicht an» nähernd so reich sei wie Frankreich, daß die Milliarden bald in Kriegsrüstungen aufgebracht sein würden, und daß dann im Wettlaufe der kostspieligen Heeres- und Marine-Aufwendungen Deutschland auf die Dauer mit Frankreich nicht würde Schritt halten können. Darauf hatte man in Frankreich die Revanchepläne aufgebaut. Aber Bismarck machte einen Strich durch diese Rechnung, indem er mit der Freihandelspolitik, durch ^ie unsere Handelsbilanz sich in wachsende Defizits verlor, brach und in die Bahnen des Schutzes der nationalen Arbeit einlenkte. Und der Erfolg blieb nickt aus. Die Handelsbilanz wurde aus einer passiven wieder zur aktiven, die Reichskaffen füllten sich, der Reichskredit hob sich, und das Gespenst der Verarmung Deutschlands infolge des wachsenden Ausgabebedarfs für Rüstungszwecke war mit einemmal verschwunden.
Die Wahrnehmung des wirtschaftlichen Aufschwunges der deutschen Nation infolge der rationellen Bismarck» ischen Wirtschaftspolitik wirkte aber abkühlend auf die französische Revanchelust, die Franzosen mußten die
„Sie ist es dennoch und wollte mich gar nicht fort- ! lassen. Es bedurfte des energischen Zuredens meines Vet- i ters Bogislaus, der jetzt bei uns zu Besuch weilt. Ich ■ versprach, spätestens um ein Uhr nach Mitternacht zurück । zu sein, und muß Wort halten. Sie opferte mir so viel, daß ich ihr wohl auch einige Stunden frohen Genusses opfern kann und will."
„Frau Klothilde entsagte einer Karriere, die glänzend zu werden versprach, zog aber doch kein minder' schönes Los, als sie die Herrin des Rittergutes Sudowsky wurde." ;
„Ich weiß nickt, ob sie das Leben auf dieser schönen, aber entlegenen Besitzung für alles zu entschädigen vermag. Dem neu ausgehenden Stern am Kunsthimmel lag ja die ganze vornehme Welt von Warschau zu Füßen."
„Ja, die begeisterte Jugend bereitete dieser Anfängerin Ovationen, wie sie gewöhnlich nur Berümtheiten ! zu teil werden."
„Wie unendlich mußte sie mich also lieben, um mir ’ in mein einsames Haus zu folgen."
Graf Tuschinski neigte freundlich zustimmend das ; Haupt. „Gewiß, sind Sie sehr geliebt, dürfen aber auch ' nicht unterschätzen, was Sie selbstzu bieten hatten: einen | uralten, edlen Namen, großen Reichtum und eine präch- i tige, ertragsfähige Besitzung."
„Die jedoch an meinen Vetter übergehen muß, wenn mir kein männlicher Erbe beschieden ist. Und der Reich- tum schmolz schon arg zusammen."
„Ich hoffe, wir werden bald auf das Wohlergehen des ersehnten Stammhalters anstoßen." scherzte der alte Herr, „aber nun ernsthaft gesprochen, lieber Freund! Sie haben einen weiten unb sehr einsamen Weg zurückzule- gen, und das ist in eisigen Winternächten und nach wo- chenlangem, starken Schneefall immer gefährlich!"
„Ganz und gar nicht! Mein Schlitten fliegt wie ein Pfeil auf der prächtigen, glatten Fläche dahin, und auf meinen Diener Jgnaz kann ich mich auch verlassen,"
„Nun, auf eine Stunde früher oder später kommt es ja nicht an. Wotoczecks und Franzkowiacks bleiben auch
Hoffnung aufgeben, aus eigener Kraft mit den Siegern von,. 1870/71 Abrechnung zu halten, und bemühten sich darum eifrig um ein Bündnis mit Rußland. Der Umstand, daß Bisniarcks Wirtschaftspolitik alle französischen Spekulationen aus die „Auspowerung" Deutschlands durchkreuzte, hat wesentlich mit zur Erhaltung des Friedens beigetragen, so daß es nicht zuviel gesagt ist, wenn man behauptet, daß die Segnungen des Weltfriedens zum guten Teil auch auf die Pflege und Förderung der nationalen Arbeit durch den unvergeßlichen ersten Reichskanzler zurückzuführen sind.
Deutsches Reich.
— Von der Nordlandfahrt des Kaisers. Am Freitag fand bei schönem Wetrer, wie alljährlich, das Wettrudern der einzelnen Bootsklassen der vor Molde liegenden Kriegsschiffe statt. Der Kaiser händigte den Siegern die Preise aus. Nachmittags fand ein Ausflug nach Molder Höhe statt, wo der Tee eingenommen wurde. Nach der Tafel ftattete der König von Sachsen mit den Prinzensöhnen, welcher am Nachmittag auf dem Dampfer Kronprinzessin Cäcilie eingetroffen war, auf der Hohenzollern einen Besuch ab. — Die „Hohen- zollern" mit dem Kaiser an Bord ist am Freitag früh 9 Uhr wieder von Molde abgegangen.
£ — Die Kaiserlichen Schiffe gingen am Freitag von Alesen um 12 Uhr vor Anker. Der Kaiser fuhr sofort mit Gefolge nach Borgundskirche.
— Das deutsche Kronprinzenpaar wird vom 14. bis 20. August den Wagnerfestspielen in Bayreurh beiwohnen.
— Für das große Verbandsexerzieren vor dem Kaiser im Sennelager, zu dem sich dort zehn Kavallerieregimenter einfinden werden, sind bereits etwa 100 Zelte von je 60 Meter Länge und 15 Meter Breite aufgeschlagen worden. Das aus Asbest hergestellte Kaiserzelt, worin der Kaiser voraussichtlich am 11., 12. und 13. August Quartier nimmt, ist im Rohbau fertig; es hat vor dem Offizierkasino, in unmittelbarer Nähe des Tennisplatzes, seinen Stand erhalten. Weiter acht unweit des Kaiserzeltes errichtete Baracken sind für das kaiserliche Gefolge bestimmt. — Außer den zehn Kavallerieregimentern werden noch die Maschinengewehrabteilung 7 von Lübben und die beiden Reitenden Abteilungen der Feldartillerieregimeuter Nr. 11 (Fritzlar) und Nr. 74 (Wittenberg) an den Uebungen teil» nehmen.
— Der Plan, dem Grafen Zeppelin eine National-
nicht mehr lange und schlagen dieselbe Richtung ein. Der Weg dicht am Walde hin ist angenehmer in Gesellschaft zuriickzulegen. Kommen Sie nur nochmals in den Saal!-
Sudowsky folgte ihm. In dem Gewirr von Gästen blieb es unbemerkt, daß er sich gleich dqrauf heimlich entfernte und seinem Diener den Befehl erteilte, sofort an» spannen zu lassen.
Kaum fünf Minuten später flog der Schlitten dahin. Fast gespenstisch nahm sich das rasch vorwärts gleitende Fahrzeug auf der von Mondenglanz überfluteten Chaussee aus, welche von finsteren Wäldern begrenzt wurde.
Plötzlich hielt Jgnaz an.
„Was ist denn? Weiter, weiter?" drängte Wladimir von Sudowsky.
„Herr, wir täten vielleicht besser, umzukehren."
„Was fällt Dir ein? Warum denn?"
Der Diener wies auf Bluffpuren im Schnee. „Da haben offenbar Wölfe ein StückVieh weggeschleppt. Sind wohl, von Hunger getrieben, im Stall einer der einsamen Hütten eingebrochen. Wir täten besser, zurückzufahren."
„Zurück? Nein!" rief Wladimir. „Der Weg nach dem Schloß ist gerade so weit wie der nach Gut Sudowsky, da wir ihn bereits zur Hälfte hinter uns haben."
„Man sieht deutlich, wie die Beute geschleift wurd*- und daneben die Spuren des Wolfes."
„Einerlei ! Die feigen Bestien sind mit ihrem Raub beschäftigt; übrigens würden ein paar Schüsse genügen, sie zu verscheuchen."
„Nicht, wenn der Hunger sie rasend gemacht hat, und das mag wohl der Fall sein. Hier ist das Vieh in den Wald geschleppt worden. Die Sttecke lang, die wir jetzt passieren müssen, sieht man noch weithin dunkle Spuren im Schnee. Das Raubgesindel, jetzt erst recht gierig unb blutdürstig gemacht, lauert wohl in der Nähe aus neueu Raub; kehren wir um, Herr!"
„Nein, sag' ich und hundertmal nein! Schäme Dich, Hase nherziger Bursche. Fahrzu! Vorwärts? Gilt's meine Seele, so muß ich vor ein Uhr zuHause sein!" 1S5M