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SchlüchternerAitun g

mit amtlichem Kreisblatt Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber»

____________Vierteljährliche Beilage:Unsere Heimat". _____

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

M 60.

Samstag, den 25. Juli 1908.

59. Jahrgang.

Die Strafprozeßreform.

Nach einer offiziösen Auslassung sind die Vorar­beiten für die Strafprozeßreform, -soweit sie die Reichs­justizverwaltung und die preußische Regierung beschäftigen, nunmehr zum Abschluß gekommen. Da für weitere Kreise vor allem die neue strafgerichtliche Organisation von Interesse sein wird, sei folgendes darüber mitge­teilt. >

Zuständig für die leichtesten Straftaten, die Ueber- tretungen, soll in Zukunft der Amtsrichter sein, ohne Zuziehung von Schöffen. Gegen seine Entscheidung ist die Börufung gegeben an die Strafkammer des Landgerichts, die in der Besetzung von drei Richtern urteilt. Gegen ihr Urteil ist die Revision an einen mit fünf Richtern besetzten Senat des Oberlandesge­richts zulässig. Neben dem Amtsrichter als Einzel­richter steht das Amtsgericht als kollegialer Gerichtshof, der in der Besetzung von einem Richter und zwei Schöffen urteilt. Ihm werden in der Hauptsache die nächst leichteren Straftaten, die Vergehen, zugewiesen. Gegen die Entscheidungen dieses Gerichtshofes ist in gleicher Weise und an die nämlichen Instanzen wie gegen die Entscheidungen des Einzelrichters Berufung und Revision gegeben. Für schwere Straftaten, die nicht vor das Schwurgericht gelangen, soll wie bisher die Strafkammer bei den Landgerichten zuständig sein, aber mit der bedeutsamen Aenderung, daß sie in der Besetzung von zwei Richtern und drei Schöffen ent­scheidet. Gegen ihre Entscheidungen geht die Beruf­ung an einen aus fünf Richtern gebildeten Strafsenat, der, je nach den örtlichen Verhältnissen, an das Land­gericht, an dessen Sitz er eingericht ist, oder an das Oberlandesgericht angeliedert werden kann: an das Landgericht als Regel, an das Oberlandesgericht -als Ausnahme. Gegen das Berufungsurteil geht die Revision an das Reichsgericht. Die Schwurgerichte bleiben im wesentlichen unverändert. Den Schöffen und Geschworenen wird ein gesetzlicher Anspruch auf Tagegelder neben den Reisekosten zugebilligt.

Eine besondere Behandlung wird den Straftaten der im Alter von 12 bis 18 Jahren stehenden Jugendlichen zuteil. Diese Straftaten werden sämtlich an die Amtsgerichte verwiesen; für ihre Aburteilung sollen eigene, nach ihrem Interesse für die Jugender­ziehung und ihren Berufserfahrungen besonders für eine solche Aufgabe befähigte Schöffen herangezogen werden, und zwar, wo die Verhältnisfe es irgend ge« statten, unter dem Vorsitz eines in den Geschäften des

Vormundschaftsgerichts bewanderten und mit den vor- mundschaftlichen Aufgaben befaßten Richters. Außer­dem soll das Gericht die Befugnis erhalten, von einer strasgerichtlichen Verfolgung trotz der erhobenen An­klage gänzlich abzusehen und die Ahndung der zur Aburteilung gestellten Tat dem Vormundschaftsgericht zu überlassen.

Die neue Strafprozeßordnung nimmt zwar vor­wiegend das Prozeßtechnische Interesse in Anspruch, bringt aber auch größere Neuerungen von politischer Bedeutung. So wird der Grundsatz, daß alle straf­rechtlichen Gesetzesverletzungen der Regel nach verfolgt werden müssen, bei allen Straftaten jugendlicher Per­sonen und bei gewissen Straftaten Erwachsener fallen gelassen. Bei Jugendlichen kann schon von dem Staatsanwalt die Ueberweisung an die Vormundschafts« behörde behufs geeigneter Ahndung verfügt werden. Die Untersuchungshaft wird eingeschränkt, der Zeug« niszwang gegenüber der Presse in der Hauptsache be­seitigt. Die Verpflichtung zur Zeugnisablegung wird allgemein gemildert, die Notwendigkeit eidlicher Ver­nehmungen beschränkt. Die Voruntersuchung wird beibehalten. Dem Interesse, das die Verteidigung an dem Vorverfahren zu nehmen hat, wird mehr als bis­her Rechnung getragen. Das Strafbefehlsverfahren wird ausgedehnt, ein beschleunigtes Verfahren in größerem Umfange zugelasfen. Das sind in der Hauptsache die Grundzüge für die geplante strafgericht­liche Organisation, die ohne Zweifel einen erheblichen Fortschritt auf dem Gebiete der Strafrechtspflege be­deuten.

Deutsches Reich.

Von der Nordlandsreise des Kaisers- Die Hohenzollern" gingen Dienstag früh 7*4 Uhr nach Uebernahme des vierten Kuriers in See und traf nach guter Fahrt abends 10*4 Uhr vor Molde ein. Während der Fahrt hörte der Kaiser Vorträge und arbeitete allein. Den Rest des Tages verblieb der Kaiser an Bord, da der Regen erst gegen Abend nach- ließ. Abends ging der Kurier wieder von Bord zu­rück.

Mit der Vertretung des erkrankten Chefs des Zivilkabinetts v. Lucanus, ist der Regierungspräsident v. Valentini in Frankfurt a. O. vom Kaiser beauf­tragt worden.

Ablösungstransport für das Ostasiatische De- tachement. Die diesjährige aus 10 Offizieren und 79

Unteroffizieren und Mannschaften bestehende Ablösung soll für das in Tientsin und Peking untergebrachte Ostasiatische Detachement nicht, wie bisher, auf dem Seewege, sondern auf dem Schienenwege durch das europäische Rußland, Sibirien, die Mandschurei und China an seinen Bestimmungsort befördert werden. Die beteiligten Regierungen von Rußland, Japan und China haben bereitwillig ihr Einverständnis hierzu erteilt. Insbesondere ist es dem großen Entgegen­kommen der russischen Behörden zu danken, daß auch für die 25 Tage dauernde Fahrt auf den russischen Bahnen in weitgehender Weise für das Wohl unserer Mannschaften gesorgt werden kann. Die Verpflegung des Transports, der die Ausreise am 4. August von Wirballen aus antreten soll, übernimmt die deutsche Direktion der Internationalen Schlafwagen-Gesellschaft. Obwohl auf der gangen Strecke für Bequemlichkeit und gute Verpflegung reichlich Bedacht genommen ist, wird sich der Transport abgesehen von der erheblichen Zeitersparnis wesentlich billiger gestalten, als die Beförderung auf dem Seewege.

Der Milchverbrauch der Welt. Nach einem amtlichen Bericht, der kürzlich in den Vereinigten Staaten erschienen ist, hat Nordamerika den größten täglichen Milchverbrauch mit 505 000 Tonnen am Tag; an zweiter Stelle kommt Rußland mit 190 000; Deutschland steht mit 160 000 an dritter Stelle, Oesterreich mit 85 000 an vierter. Dann folgt Italien mit 75 000, Kanada mit 65 000, die Niederlande mit 60 000, Frankreich und England mit je 10 000. Der gesamte Verbrauch der Welt am Tag beträgt l 324 500 000 Liter Milch.

Zum Reichskommissar für die Weltausstellung X Trüffel 1910 ist der Regierungsrat im Reichsamt des Innern Heinrich Albert, zu seinem Verireter m Behinderungsfällen der deutsche Konsul in Brüssel Legationsrat Bobrik bestellt worden. Nunmehr wird das deutsche Komitee, um dessen Begründung die stän­dische Ausstellungskommission von der Reichsverwaltung ersucht worden ist, im September dieses Jahres kon- stituirt werden.

Die Stettiner Maschinenbau-Aktiengesellschaft Vulcan hat ihre Werkstätten so lange geschlossen, bis die Nieter der an sie gestellten Forderung, Ueberstunden zu leisten, entsprechen. Von dieser Maßregel werden die gesamten Arbeiter, beinahe 8000, betroffen.

Der Friede im deutschen Baugewerbe ist nun­mehr gesichert. Die letzten Verhandlungen zwischen

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Gdke Kerzen.

Roman von Erwin Friedbach.

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Dora wich den« klaren Blicke Frau von Asts aus und erglühte heiß bis in die Schläfen. Sie nickte.Ja, ich darf es Ihnen nicht verhehlen, gnädige Frau, der Gedanke, wie­der hinaus zu müssen, fremd, verlassen und einsam unter Mensche», die oft so hart und lieblos sind, trug mit zu meinem verzweifelten Entschlüsse bei."

»®i< hoben recht, es liegt für ein zartbesaitetes weib- licheS Geinüt etwas Brutales in den: Gedanken heimatlos und bei Ihrer Jugend ohne jeglichen Schutz, dem Zufall unterworfen i» einen beliebigen, wildfremden Kreis ver­setzt zu werben, zu Leuten, mit denen nichts Sie ver- bindet, dieJhnen möglicherweisesogarunsympathisch sind."

Das möchte ich Ihnen ersparen. Ich habe Ihre Mut­ter einst sehr lieb gehabt, auch Sie sind mir teuer und un- entbehrlich geworden, ich möchte Ihr lichtes Bild in mei- ner Umgebung nicht mehr misse», bin ich doch trotz mei- ner beiden Söhne int Grunde eine einsame Frau. Der größte Wunsch, eine Tochter zu besitzen, wurde mir ver­sagt. Dora, willst Du meine Tochter sein, für die ich sor- gen werde, und bei der alten Mutter bleiben, bis der Tod mlchabruft?"

w ck'O'sueine hochverehrte mütterliche Freundin, meine eutgegnete sie mit erstickter Stimme,ja, Dir

o als eine treue, gehorsame Tochter, und mein Leben weihen, aber ich kann nicht auf FriedenSheim bleiben, ich möchte Rosamundeletzt amliebstennoch heute von meinem Anblick befreien." V

. *®^r. f0^ cmck> geschehen, nicht heute, doch schon in den nächsten Tagen," sagte Frau von Ast, indem sie liebe- voN über Doras Haar strichAlso Graf Meuder über- At Du mir, damit .ch die Lösung des Berhältnisses be-

Ja, meine Mutter " eutgegnete Dora, die durchsich- 8° der alten Dame an ihre Lippen ziehend.

Ist das aber gefchehe», liebes Kind, dann lassen wir

beide unsere Koffer packen uiib reisen auf ein paar Jahre an den Genfer See; der Arzt hat mir nämlich dringend eine Luftveränderung und daS dortige Klima empfohlen. Was meinst Du, Dora, gefällt Dir dieser Plan?"

Diese antwortete mit einem stummen Dankesblick.

* *

*

Karlshof, den 28 November 1892. Meine geliebte Schwester! Seit acht Tagen wohne ich als Hennings Frau und wohlbestallte Mitbesitzerin auf dem einsam in der Heide gelegenen hübschen Gute Karlshof.

Du erinnerst Dich, daß Henning mir bei Gelegenheit unserer Versöhnung bei WaßmutS eine recht angenehme Ueberraschung versprochen hatte, und diese barin beftanb, daß er San Franzisko aufgab, um den Karlshof zu kau- fen, meine Sehnsucht und mein Ideal! Henning, verzeih, liebe Dora, daß ich fortwährend nur von ihm spreche, aber er füllt gegenwärtig ja mein ganzes Dasein aus, be­sitzt ein wunderbares Talent, sich verziehen zu lassen, das ich in ihm entdeckte und entwickle. Er ist ganz sanft ge­worden, voll behaglichster Ruhe, und erklärt mir täglich von neuem, daß er sich in dem warmen Sonnenschein der Liebe seines Weibes unbeschreiblich wohl fühle. Das sehe ich auch, denn dar frohe Lächeln weicht kaum mehr von seinem guten Gesicht, er ist glücklich in dem Hafen, wo hin nach heftigen Stürmen sein Lebensschiff ihn landete. Nichts unternimmt er, keine Bestimmung wird getroffen, zu der nicht Wilma ihren letzten Segen geben muß! Kurz und gut, mein Mann ist die Vollkommenheit, ist ein En­gel, den ich von Tag zu Tag mehr liebe und verehre. Im Frühjahr wird sich unser stiller Hof beleben, da erwar­ten wir heitere junge Gäste, Dora. Ich hatte mir nämlich als Hochzeitsgeschenk von unserem Geheimrat die Erlaub­nis erbeten, während der Ferien- Milly und Hans als liebe Gäste zu bewirten, und gerührt gab er dazu aufs Bereitwilligste seine Zusage. Stelle Dir den Jubel vor! Nur diese verlockende Aussicht ließ HanS einigermaßen verständig unsere Trennung ertragen. Milly war ganz

aus dem Häuschen, daß wir im lieben, alten Deutschland bleiben, und hat gute Kameradschaft mit Henning geschlos­sen, der schon jetzt von einer Schaukel, Lawn-Tennis und Kricketplatz zur Unterhaltung für unsere Gäste spricht. Und Toni? Denke Dir das Unfaßbare! Toni ist mit mir aus- gesöhnt, jedenfalls weil ich einen Herrn von Ast abbe- kommen habe; sie ließ sich sogar herbei, meinem Manne und mir zwei prachtvolle Basen zu schenken. Du fragst mich, wie es Rosamuude geht; sehr gut. Wir verbrach­ten vorgestern einen gemütlichen Abend aufFriedenSheim, sie ist neu belebt, Roderich trägt sie auf Händen. Ent­zückende Bilder sind es, meine Dora, die Du mir von Eurem Leben, Eurer herrlichen Villa, demhimmelblauen See" und all der Pracht der schweizer Landschaften ent­wirfst; ich schreibe aus der ernsten, stillen Heide. Aber diese Heide ist meine und meines Mannes Heimat und dadurch verklärt von der goldigen Abendröte eines rei­nen, edlen Glückes. Ich weiß nicht, ob ich froher und dank­barer bin am Morgeil, wenn die Sonne erwacht und ihren lachenden Segen über uns ergießt, oder am Abend, wenn die friedensvollen Sterne am tiefdunkeln Himmel uns zu ernsteren Betrachtungen stimmen. O, die Welt, von dem Gottesgeist durchdrungen, ist so schön! Wohl dem Men­schen, dem ihre Pforten sich erschlossen, der die Lösung des Geheimnisses: glücklich zu sein, im eigenen Herzen ge­funden ! Laß bald wieder von Dir hören.«Deine Wilma."

Ende.

Schnelle Methode. Arzt:Nun, wke befindet sich denn Ihr Bruder, Fräulein Lydia?" Lydia:Diesen Morgen eher schlechter, Herr Doktor, wenigstens etwas schlechter." Arzt:Haben Sie ihm von der Arznei, die ich gestern verschrieb, gegeben? jede Stunde einen Tee­löffel voll?" Lydia:Nein, Herr Doktor, ich habe ihm die ganze Flasche auf einmal gegeben. Er hatte eS sehr eilig mit dem Gesundwerden, denn er will heute Abend schon inS Theater gehen!" , 140,1#