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SchlüchternerMun g

mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.

___Vierteljährliche Beilage:Unsere Heimat".__

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

JW. 55. Mittwoch, den 8. Juli 1908. 59. Jahrgang.

AMmur.

Ohne |bie Anwesenheit französischer Schiffe und Truppen an der marokkanischen Küste wären die Hafen­orte längst zu Mulay Hafid übergegangen. Es ist auch kein Zweifel, daß die Anerkennung des neuen Sultans an der Küste trotz der Anwesenheit jener Streitkräfte schon erfolgt wäre, wenn die französische Gesandtschaft in Tanger und die anderen zivilen und militärischen Behörden dort nicht unter der Hand alles täten, um die Küstenbewohner einzuschüchtern und sie bei der Fahne des bisherigen Sultans Abdul Asts zu halten. Dieser selbst soll die Hülflosigkeit seiner Lage einsehen und die Absicht abzudanken ausgesprochen haben. Französischer Rat aber hindert die Ausführung dieser Absicht. Als die Hafenstadt Tetuan sich für Mulay Hafid erklären wollte, wurde sie von einem der Minister des Sultans Abdul Asis mit der Landung französischer Truppen bedroht. Trotzdem ist in Paris unter Berufung auf die Erklärung des Ministers Pichon immer wieder bestritten worden, daß eine Einmischung in den marokkanischen Thronstreit stattfinde.

Jetzt ist nun durch den Uebereifer der in Marokko tätigen Vertreter Frankreichs ein Ereignis eingetreten, das die Regierung in Paris in die Verlegenheit setzt, selbst einen Widerspruch zwischen ihren eignen Worten und den Taten ihrer Vertreter anerkennen zu müssen. General d'Amade hat unter Überschreitung seiner In­struktionen, die ihm eine allmähliche Räumung des Schaujagebietes vorschrieben, den außerhalb dieses Gebietes liegenden Hafen Azemmur besetzt. Dieser Ort gehört nicht zu den sogenannten Vertragshäfen, die dem freien Verkehr geöffnet sind und für die das Frank­reich und Spanien übertragene Polizeimandat gilt. Für die Besetzung Azemmurs kann also auch keinerlei Mandat geltend gemacht werden. Sie ist eine unleug­bare Einmischung in innere marokkanische Verhältnisse. In Paris hat man sich denn auch beeilt, den General i/Amade an seine Instruktionen zu erinnern und ein gewisses Erstaunen auszudrücken. Damit wird wenig­stens bekundet, daß das Ministerium nicht durch Maß­regeln seiner in Marokko tätigen Organe kompromittiert zu werden wünscht, für die es kein Bestreilen und keinen Vorwand gibt.

Mulay Hafid hat bisher den ungeduldigen fran­zösischen Marokkopolitikern nicht den Gefallen getan, für die Unterwerfung der Küste gewaltsame Mittel anzu- wenden und Zwischenfälle zu schaffen, die einen ver­

stärkten Schutz der Fremden erfordern würden. Der beste Beweis dafür, daß er die tatsächliche Herrschaft im Innern erlangt hat, liegt darin, daß noch keine blutigen Parteikämpfe vorgekommen sind. Wenn sich die französische Regierung vor weiteren Verlegenheiten wie durch die Besetzung Azemmurs verursachten sichern und ernstlich zur Beruhigung des Landes entschließen will, so wird sie gut tun, nunmehr mit der Anerkenn« ung Mulay Hafids vorzugehen.

" Reich.

Die b av Nordlandsreise des Kaisers nahm am 6. Juli ^yren Anfang. Als Vertreter des Aus­wärtigen Amts wird den Kaiser der deutsche Gesandte in Christiania, v. Treutler begleiten.

Am Freitag nachmittag trafen die an dem Rennen, KielTravemünde, beteiligten Motorboote und Jachten während eines schweren Gewitters in Trave­münde ein. Der Meteor mit dem Kaiser an Bord, machte an der gewöhnlichen Liegestelle auf der Trave fest. Der Kaiser verblieb lange Zeit an Bord des Meteor. Gegen 6 Uhr traf Prinz Joachim und die Prinzessin Viktoria Luise ein und begaben sich an Bord des Meteor. Um 6 Uhr 30 Min. lief die Hohenzollern und der KreuzerStettin" ein und ging auf der Reede vor Anker. Die Kaiserin begab sich alsdann in einer Motorpinasse an Bord des Meteor. Um 7 Uhr kehrte der Kaiser, die Kaiserin, der Prinz und die Prinzessin, vom Publikum mit andauernden Hochrufen begrüßt, nach der Hohenzollern zurück.

Die Gesamtkosten der Erweiterung des Kaiser Wilhelm-Kanals sind auf 223 Millionen Mark veran­schlagt. In zehn Jahren soll der erweiterte Kanal fertig sein. Die Sohlenbreite wird auf 44 m und die Tiefe auf 11 m erhöht. Zu den jetzt vorhandenen Hochbrücken kommen noch drei weitere hinzu und zwar bei Holtenau, Taterpfahl und Rendsburg; die beiden letzteren sind Eisenbahnhochbrücken. Bei Brunsbüttel soll dem Vernehmen nach eine Schwebefähre in der Art, wie sie in Marseille seit Jahren besteht, errichtet werden. Sämtliche Schleusen werden bedeutend erweitert und verlängert und die Kurven bei Kilometer 59,2 bezw. 62,4 von 2000 bezw. 1700 m auf 2500 bezw. 2000 m abgeflacht. Bis zum Beginn des nächsten Jahres sollen 35 Millionen Mark verbaut werden.

Wir haben das Recht und die Pflicht, eine Flotte zu halten, die der Größe unserer Handelsinteressen entspricht," sagte Fürst Bülow. Aus dem Vergleich

zwischen nachstehenden Zahlen wird man findtn, daß u sere Flotte noch einer recht bedeutenden Verstärkung bedarf, ehe sie in dem richtigen Verhältnis zu unseren Handelsinieressen steht: England besitzt ca. 6250 Damp­fer mit 9 780 000 t, demgegenüber 94 Kriegsschiffe (Linienschiffe und Panzer) mit 260 000 t; Deutschland besitzt ca. 1762 Dampfer mit 3 121412 t, demgegen­über 34 Kriegsschiffe mit 367 000 t; die Vereinigten Staaten besitzen ca. 900 Dampfer mit 1209 000 t, demgegenüber 39 Kriegsschiffe mit 531000 t; Frank­reich besitzt 600 Dampfer mit 700 000 t demgegenüber 50 Kriegsschiffe mit 480 000 t. ]

Wie verlautet, soll eine neue anarchistische Or­ganisation für das Deutsche Reich geschaffen werden. Gründer sei der bekannte anarchistische Schriftsteller Landau. DerSozialistenbund" (Name der neuen Vereinigung) bestehe aus Gruppen, die ihren Leiter ernennen. SolcheGruppenwarte" hielten die Ver­bindung mit den anderen aufrecht und beriefen die Versammlungen ein. Durch ihre Geschäftsordnung hofften die Anarchisten dem Ziele desfreiheitlichen Sozialismus" näher zu kommen.

In Sachen der Beschäftigung ausländischer Ar­beiter hat der Verband der deutschen Tiefbauunternehmer auf seine Eingaben an die Minister des Innern, der öffentlichen Arbeiten und der Landwirtschaft vom Minister der öffentlichen Arbeiten jetzt Bescheid erhalten. Es wird darin darauf hingewiesen, daß eine Revision der allgemeinen Bestimmungen für Erdarbeiten usw. in entgegenkommender Weise veranlaßt worden fei, indem die Tiesbauunternehmer im Interesse der Land­wirtschaft möglichst ausländische, auch ausländisch­polnische Arbeiter beschäftigen sollten. Er habe die Bewilligung derartiger Gesuche beim Ministerium des Innern erreicht und könne die Unterstützung durch die Feldarbeiterzentrale in erforderlichem Umfange gewähren. Somit ist .dem andauernden Arbeitermangel in tiefem Industriezweige durch Entgegenkommen der Regierung abgeholfen.

Trotz der fast gänzlich mangelnden billigen Transportmittel hat sich die Baumwollproduktion in unseren Kolonien von kaum 82 Ballen im Jahre 1902 auf 3000 Ballen im Jahre 1907 gesteigert. Bisher wurde die Baumwolle nur im Kleinbetriebe hergestellt; die Resultate der neuerdings ins Leben gerufenen Baumwoll-Plantagen werden erst im nächsten Jahre zu übersehen sein. In Deutsch-Ostafrika sind auf rund 72 000 Hektaren Baumwollpflanzungen angelegt.

Odte Kerzen.

Roman von Erwin Friedbach. 60

Warum fragst Du, Milly?"

Nun, ich will es eben wissen. Nenne eS Neugierde, Teilnahme, Wissensdurst, gleichviel; alles, was Dich be­trifft, erregt mein ganz besonderes Interesse. Gestehe eS nur, Dein Herz gehört noch ihm, und würde er Dich heute bitten, das Vvrgefallene zu verzeihen, nachdem er seinen Irrtum einsehen gelernt, Du würdest dazu bereit sein, nicht?"

Wilma stützte den Kopf in die Hand und entgegnete leise:Du selbst hast erfahren, wa» eS heißt: zu lieben. Bedeutet das für uns Frauen nicht: sich selbst vergeffen, um des andern willen? Ward uns auch ewige Trennung zu teil, tief im Herzen wird meine Liebe ihm bleiben bis zum Ende."

Nun wußte Milly genug und begann innerlich alsbald die Einzelheiten einer heroischen Tat, die sie auSführen wollte, festzustellen.

«

. ? der Zeitung erfuhr Milly die Ankunft Hennings, fowre bar Hoteh wo er Wohnung genommen, und ohne zu Hause das Geringste von ihrem Vorhaben verlauten zu lassen, begab sie sich gegen Abend entschlossenen Schrit­tes nach dort.

Das Hotel war schon erleuchtet, als Milly in die Vor­halle trat, wo sie einen vorübergehenden Kellner fragte, ob Herr von Ast anwesend sei.

Der Herr ist allerdings soeben nach Hause gekom- men," antwortete der junge Mensch, sie etwas mißtrauisch musternd.

Schön; ich wünsche ihn zu sprechen, sofort! Bitte, führen Sie mich zu ihm."

Verzeihung!" Da» Gesicht des Burschen verzog sich zu einem fatalen Lächeln,aber ich müßte doch wohl erst fragen, ob e» dem Herrn genehm..."

Ist nicht nötig," schnitt ihm Milly kurz die Rede ab, bestellen Sie einfach, eine junge Dame ersuche um eine Unterredung mit Herrn von Ast. Ich werde hier so lange warten."

Mit impertinenter Gangart schlenderte der sehr blonde Jüngling davon, kam indessen bald mit einer Miene, in der Hohn, vermischt mit Unverschämtheit und Triumph zu lesen war, zurück.

Herr von Ast läßt bedauern, doch er empfinge keinen Besuch von ihm unbekannten Damen," erklärte er wohl­gefällig.

So! Der Herr scheint ja einen recht merkwürdigen Begriff von der Höflichkeit gegen Damen zu besitzen," er­widerte Milly den Dreisten mit einem vernichtenden Zor- neSblick strafend:Melden Sie also, wenn nur mein Name mir Einlaß bei dem Herrn zu verschaffen vermag: Stu­dent der Medizin von Waßmut, Tochter des Geheimrat» vonWaßmut und überdies Nichte deS Herrn Roderich von Ast'S, dem Bruder Ihre» Gastes."

Nach dieser Auseinandersetzung mußte der vielverspre­chende junge Mann wohl ein recht verblüffte» Gesicht ge­zeigt haben, denn Milly lächelte herablassend und folgte dem plötzlich außerordentlich höflich Gewordenen nach dem Zimmer Henning».

Dieser saß auf dem Sofa und erhob sich beim Eintritt Milly», die er natürlich nicht wieder erkannte, weil sie noch ein Kind gewesen war, als er Deutschland verlassen hatte, und begrüßte sie mit gemeffener Höflichkeit. Ber- mochte er doch durchaus nicht zu ergründen, waS ihm die Ehre diese» Besuche» verschaffte.

Verzeihung, mein Herr," begann Milly mit der un­erschütterlichen Sicherheit der Großstädterin, die sich mit jeder Situation gewachsen fühlt,daß ich mir die Frei­heit nehme, Sie hier aufzusuchen; einesteils könnte meine Eigenschaft als Nichte Ihre» Bruder» Roderich mit die Veranlassung dazu gegeben haben, wenn nicht ein ande­rer wichtigerer Grund mich zu Ihnen geführt hätte"

Henning verbeugte sich ahnungsvoll, während er Milly durch eine Handbewegung einlud, ihm gegenüber auf dem Sessel Platz zu nehmen.

Sie gehorchte schweigend und mit der Absicht, dem Manne da vor ihr durch eine gewisse Hoheit, die ihrem Richteramt, das sie hier ausüben wollte, entsprach, zu im­ponieren, ein Versuch, der angesichts seiner ernsten Ge­lassenheit nicht vollständig gelang.

Ich bin nach Ihrer Einleitung sehr gespannt, den Grund zu erfahren, dem ich das Vergnügen Ihrer lie­benswürdigen Gegenwart verdanke, Fräulein von Waß­mut."

Das sollen Sie, und zwar auf der Stelle," bemerkte Milly, die bis dahin vergebens auf den düster verschlos­senen Zügen die Vorgänge seine» Innern zu erraten ver­sucht.Ich tomme hierher zu Ihnen, mein Herr, in er­ster Linie au» dem Grunde, der in dem Unrecht liegt, da» Sie sich selbst zugefügt haben. Sie werden mir entgegnen, daß dieser Umstand mir höchst gleichgültig sein könnte, sehr richtig, wenn diese« Unrecht'nicht noch eine zweite Per­sönlichkeit betroffen hätte, die mir die teuerste auf Erden ist."

Henning atmete auf. Da» deutete auf niemand ander» als auf Wilma hin, seine Vermutung war eine sehr rich­tige gewesen, und obgleich ihm jede Einmischung von frem­der Seite in seine intimsten Angelegenheiten verhaßt war, bereitete ihn» diese Gewißheit doch eine so angenehme Ueberraschung, daß der peinliche Eindruck kaum daneben, aufkam.

Milly aber, die ihn fortgesetzt mit allem ihr zu Gebot* stehenden Scharfsinn beobachtete glaubte jetzt zu bemer" ken, daß ihr Besuch ihm nicht länger unwillkommen sei, und diese» vermehrte sofort ihre Sicherheit ihm gegen­über.

Sie sprechen von Fräulein Fürstner."

Ja, ich spreche von ihr, die Sie eine kurze Zeit Ihr« Braut nennen durften, mein Herr!" 140,1s