SchlüchternerZeitun g
mit amtlichem Kreisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
_______________________Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat"._______________________
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 M. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
JV» 54. Samstag, den 4. Juli 1908. 59. Jahrgang.
Amtliches.
J.-Nr. 3179. Nach dem Bericht des Herrn Kreis- gäriners tritt an Aepfel- und Zwetschenbäume die Raupe der Apfelgespinnstmotte und des Ringelspinners so zahlreich auf, daß die Obsternte dadurch ernstlich gefährdet wird. Wie schon jetzt einzeln vollständig kahl gefressene Bäume zeigen, greift die Zerstörung der Obstbäume rasch um sich. Es ist daher dringend erforderlich, die Schädlinge so schnell und so gründlich als möglich zu vertilgen.
An alle Baumbesitzer richte ich hiermit die dringende Aufforderung, sofort mit der Beseitigung der Raupe vorzugehen.
Die Raupen des Ringelspinners sitzen in den Mittagsstunden zusammen in Astgabeln oder am Stamme und sonnen sich, wo sie leicht mit einem Lappen oder dergleichen zerdrückt werden können. (Die sehr gefräßige Raupe ist bunt gestreift und erreicht die Länge eines kleinen Fingers.)
Die Raupe der Gespinnstmctte lebt gesellig in Nestern (1—1'/r Centimeter groß, grau oder grün) und muß mittelst Raupenfackeln oder mit an Stangen befestigten, mit Petroleum getränkten Lappen abgebrannt werden.
Schlüchtern, den 16. Juni 1908.
Der Königliche Landrat: Valentiner.
Go»«-bend, -e« 11. Juli und Sonntag, den 12. Juli 1908 findet zu Hüufeld eine landwirtschaftliche Ausstellung nebst Volksfest statt.
Programm:
Sonnabend, den 11. Juli 1908.
6—8 Uhr: Auftrieb und Aufstellung der zur Ausstellung angemeldeten Tiere.
8 12 Uhr: Besichtigung. de-W^ ausgestellten H^le Maschinen und Gerätschästein '
11 Uhr: Belohnung und Auszeichnung treuer Dienstboten.
12 Uhr: Vorführung der zur Präumerung «usge- wählten Tiere und Preisverteilung
1 */» Uhr: Festessen im Hotel „Engel", das Gedeck zu 2,50 Mk. Anmeldungen werien bis zum 5. Juli erbeten.
Von Vormittags 9 Uhr ab: Militär-Conzert.
Von Nachmittags 3 Uhr ab: Volksbelustigung r Tanz. Sonntag, den 12. Juli 1908.
11 — 1 Uhr: Konzert auf dem Festplatze.
Von Nachmittags 3 Uhr ab: Militär-Konzert Abends Tanz.
Deutsches Reich.
— Die Nordlandreise unseres Kaisers wird noch vor Ablauf der ersten Juliwoche beginnen und .dann den Rest des Monats ausfüllen. Der Monarch wird die Reise in diesem Jahre der „Köln. Ztg." zufolge von Travemünde aus antreten. — Aus Anlaß der Regatten in Kiel sieht sich unser Kaiser dort von vielen fürstlichen und anderen hohen Gästen umgeben. Be- smderes Interesse an dem Sport, noch mehr aber an den kriegstechnischen Einrichtungen der Marine legte König Friedrich August von Sachsen an den Tag. König Friedrich August besichtigte in Kiel gemeinsam rr.it dem Kaiser das 1. Seebataillon und verfolgte mit großer Aufmerksamkeit eine Reihe von Uebungen der Schiffsmannschaften.
— Geheimrat von Lucanus, der Chef des geheimen Zivilkabinets des Kaisers wurde von einem leichten Unwohlsein befallen, das unbedeutende Lähmungserscheinungen hervorrief. — Es handelt sich anscheinend um einen Schlaganfall.
— Die neuen Dreimarkstücke, deren Einführung in der Bundesratssitzung vom letzten Freitag beschlossen wurde, werden völlig in den Maßen des alten Talers gehalten sein. Sie werden aber nach dem Berliner Lokal-Anz. das Bild des Kaisers und die Aufschrift Drei Mark tragen.
— Zu der Wahlniederlage der Sozialdemokraten bei den Gemeinderatswahlen in Straßburg i. E. weist die „Deutsche Tagesztg." darauf hin, daß die Stadt Straßburg im Reichstag sozialdemokratisch vertreten ist "durch Zentrumshülfe) und daß ferner der einzige Sofialist, der dem reichsländischen Landesausschuß an« gebärt, durch den bisherigen Straßburger Gemeinderat Mic.uaewühlt worden war. Der Verlust dieses LanLeS- auSschunfiMs dürfte dle nächfie'Folge des in der Hauptstadt Elsaß-Lothringens errungenen Sieges der Ordnungsparteien sein. Wenn diese einigermaßen guten Willen bezeugen, und einen vernünftigen Zusammenschluß aufrecht erhalten, so können sie ohne Mühe auch einen der ihren, statt des Sozialdemokraten in den Reichstag entsenden.
— Die Junggesellensteuer wurde von unserem Kaiser jüngst zwar nur scherzweise als ein Bestandteil der Grundlagen für die bevorstehende Reichsfinanzreform bezeichnet. Gleichwohl ist es nicht uninteressant, zu erfahrer, daß eine Art Junggesellensteuer schon in einigen deutschen Städten besteht so z. B. in Straßburg in E. und in Halberstadt. In Straßburg werden
den städtischen Arbeitern, die ledig sind, vom Grundlohn bis zur Vollendung des 25. Lebensjahres 10 Proz., vom 26. bis 30. Lebensjahre 8 Proz. 'abge- zogen. Was den Junggesellen abgezogen wird, bekommen die braven Leute, die als Familienväter ihre Pflicht tun. Wer mehr als 3 Kinder hat, die unter 16 Jahren sind, erhält eine Zulage von 5 Proz., wer mehr als 5 hat von 10 Proz., und wer es gar auf mehr als 7 bringt, 15 Proz. des Grundlohnes als Belohnung. Eine Zulage an kinderreiche Familien gewährt auch die Stadt Halberstadt. Die städtischen Arbeiter, die drei und vier Kinder unter 14 Jahren haben, bekommen 1,50 ^ wöchentlich, die fünf und mehr solcher Kinder haben, 2 ^ Zulage, die monatlich an die Frauen ausgezahlt wird.
— Das preußische Abgeordnetenhaus wählte am Sonnabend zunächst das Präsidium der vorigen Session, v. Kröcher (kons.), Dr. Porsch (Ztr.) und Dr. Krause (natl.), wieder. Dann folgte die erste und im Anschluß daran gleich die zweite Lesung des Kirchenum- lagegesetzes. Leider können sich die Freisinnigen, wie Abg. Dr. Wiemer (fr. Vp.) ausführte, nicht zur Annahme der Borlage entschließen, während, die Konservativen ihre volle Zustimmung zu der Vorlage aussprachen, ein neuer Beweis, auf welcher Seite die Freunde der Geistlichen zu finden sind. Der neue sozialdemokratische Abgeordnete Ströbel wandte sich natürlich auch gegen die Vorlage, holte sich aber vom Finanzminister Frhrn. v. Rheinbaben eine tüchtige Abfuhr, der unter lebhaftem Beifall dem „Genossen" entgegenhielt, daß die werktätige Christenliebe der Sozialdemokratie allemal da versagt, wo der Betreffende sich nicht einfach dem Despotismus der Sozialdemokratie fügt. |
Ausland.
— Von einem erfreulichen Fortschritt des deutschen Bergbaues in China berichtet folgende Meldung der deutschen Kabelgrammgesellschaft in Tsingtau: Die Schantung-Bergbaugesellschast hat den zweiten Hauptschacht in Fangtse fertiggestellt. Die Kohlenförderung wird dadurch zukünftig auf 2000 Tons täglich erhöht.
— Wie die Regiernngen aller an der Berner Ar- beiterschutz-Uebereinkunft beteiligten Länder hat auch die Regierung von Schweden den von ihr bereits unterzeichneten Vertrag dem dortigen Parlament zur Ge» nehmigung vorgelegt. Aber schon im Ausschusse wurde der Vertrag abgelehnt, weil die gewerbliche Frauen-
Hdl- Kerze«.
Roman von Erwin Friedbach. 59
Stumm bewegt legte Wilma ihre Hand «Willys aus- gestreckte Rechte. „Gewiß will ich; Du hos recht, Dein Plan ist vernünftig und ausführbar, und ut all meiner Kraft wirst Du mich ihm gewidmet sehen; üben wir doch darin bei WeibeS erhabenste Bestimmung den Bedürftigen eine Hilfe und Stütze zu sein."
„Gut, die Sache ist abgemacht und Ufer Bund fürs Leben geschlossen; ich fürchte, die nächs Zeit wird unS viel Kummer bringen, aber den Blick festus unser schönes Ziel gerichtet, werwen wir die Unannemlichkeiten überwinden."
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Milly hatte recht, als sie vermute, die nächste Zeit würde eine leidenSvolle für beide ln. Elfe zeigte sich mit der Anwesenheit der früheren HtSdame, die sich die Zuneigung deSGeheimratS und sein Kinder in so hohem Maße zu erwerben gewußt, durchs nicht einverstanden und begann bald Wilma ihren Ager darüber auf so empfindliche Weise fühlen zu lasst, daß sie die Absicht durchschaute und einsah, der ju^» Frau das Feld räumen zu müssen.
Deshalb hatte sie auch schi beschlossen, wieder auf ein paar Monate nach HvheiM zu Frau Rektor Kürch- ner zu reisen, als dieses Bomben durch ein Schreiben Frau Therese von Asts Nehrung erlitt.
Diese schrieb: „Mein lie» Fräulein Wilma! Recht sorgenvolle Tage liegen hint-uns. ES wäre meine Pflicht gewesen, Ihnen gleich ua^er Ankunft meines SohneS hier auf Friedensheim zu reiben, aber der Schreck über die unerwartete Weuduuprr Dinge war so groß, mein Summer so nachhaltig, b nicht int stände war, auch nur die Feder zu diesem °eae zu ergreifen. Zu Ihrem Troste fei Ihnen jedo^esagt, daß ich mit Ihrer Entscheidung Henning gelber vollkommen einverstanden
bin. Nicht Sie tadle ich, liebe Wilma, sondern ihm allein werfe ich vor, das Wohl zweier Menschen, die so glück- lich zusammen hätten werden können, von Grund auS zer- stört zu haben, und zwar durch diesen unverständlichen Eigensinn, mit bem weder die Vernunft noch die liebevollsten Vorstellungen zu rechnen vermögen. Er fühlt sich nicht mehr wohl bei unS: das Klima, die Verhältnisse, alles mißfällt ihm. Deswegen habe ich auch kaum wider- sprachen, als er mir gestern mitteilte, binnen kurzem nach St. Franzisko zurückreisen zu wollen. Er wird am Donners- tag in Hamburg eintreffen, um die Fahrt mit der „Bavaria" nach Nordamerika bald fortzusetzen. Und damit, mein liebes Fräulein Wilma, tontnie ich zugleich auf den Haupt- zweck meines heutigen Schreibens. Wie uns Wilma benachrichtigt, ist Frau Elfe von Ast wieder in Gnaden von ihrem Manne ausgenommen worden, wodurch Ihr Aufenthalt im Hause des GeheimratS zweifellos nicht an Reiz gewonnen hat. Darum, denke ich, würde es Ihnen nicht unangenehm sein, wenn ich Sie bitte, die nächsten Monate bei unS auf Friedensheim zu verbringen, von dem aller Frohsinn gewichen und wo büftere Schwermut eingezogen ist. Rosamunde kränkelt und Dora gefällt mir gar nicht."
„Zu meinem Befremden," so hieß el in dem Schrei- ben weiter, „weicht das arme Kind mir aus, obgleich ich mich doch einst ihres Vertrauens rühmen durfte. Mit ihr geht etwas Ungewöhnliches vor, dem vielleicht nur noch daSvertrauteSchwesterherzentgegenzutreten vermag. In der festen Hoffnung, meine Ihnen dringend anheim gegebene Bitte möglichst bald erfüllt zu sehen, zeichne, Sie freundlichst grüßend, Therese von Ast."
„Diese Einladung kommt ja wie gerufen, Milly, ich nehme sie an."
„Selbstverständlich; und da Dora demnächst heiratet, wird Frau von Ast Dir später jedenfalls die Stellung als Gesellschafterin bei ihr anbieten, und Besseres ließe sich für aus vorläufig gar nicht erwarten. In Friedens- Heim bist Du während der zwei Jahre bis zur Berwirk-
lichung unseres Planes vorzüglich aufgehoben. Also Herr Henning trifft morgen hier in Hamburg ein?" fügte Milly nach kurzem Ueberlegen hinzu.
„Ja, so schreibt seine Mutter."
„Beantworte mir eine Frage aufrichtig, meine Wilma. Nehmen mir an, er bereute sein Benehmen und käme, Dich um Verzeihung zu bitten, würdest Du dazu bereit sein?"
„Dieser Fall ist ausgeschlossen, Milly, er kommt nicht. Henning von Ast hat, wie el scheint, verlernt, einer anderen Regung zu gehorchen als dem eigenen trotzige» Willen."
„Bereust Du es heute, nicht nachgegeben zu haben, Wilma?"
„Nein, bereuen im eigentlichen Sinne kann ich dies nicht. Allerdings habe ich ihn sehr, sehr lieb gehabt, doch dem tyrannischen Machtgebot eines Mannes kann sich die Frau, wo sie nach ihrer vollen Ueberzeugung im Rechte ist, nicht fügen, ohne ihre Würde und in der Ehe mit ihm die Entfaltung ihrer besten Eigenschaften zu beein- trächtigen, denn die Ehe ist das Bündnis der Eintracht und Harmonie, die schwinden müssen, sobald der Mann den Gehorsam eines despotischen Begehren» verlangt."
Milly dachte nach, während ihre klugen Augen teilnahmsvoll auf der Freundin ruhten, all suche sie in deren Zügen die Bestätigung eine» verborgenen Gedanken» zu lesen Sie verrieten einen heimlichen Schmerz der an ih- rem Lebensmarke nagte, ob sie auch bemüht war, heiter zu erscheinen.
„Du grämst Dich, Wilma," sagte Willy ernst.
Der Sonnenstrahl eines halben Lächeln» zuckte aus Wilmas seelenvollen Augen. „Grämen ist wohl nicht da» rechte Wort; ich bemühe mich zu vergessen, wa» hätte sein können, und da» gelingt mir nicht, wenigsten» nicht so rasch."
„Aber Du liebst ihn noch, nicht wahr, Wilma? Sei. offen, war Du empfindest, ist ja so menschlich. Du brauchst deswegen nicht zu erröten, wahrlich nicht." 140,1&