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des Abgeordnetenhauses an. Hier stellten sie bett An­trag, daß das Haus ihren wegen Landesverrats ver­urteilten Genossen Liebknecht während der Dauer der Session von der Abbüßung seiner Strafe befreie. Doch nicht genug damit, sie versuchten es auch unter dem ironischen Beifall des Hauses, die so dringend nötige Verabschiedung des Gesetzentwurfs zu verhindern, der den evangelischen Pfarren die allen Beamten bereits zuteil gewordene materielle Hülfe zukommen lasten will. Allein sie fanden für diesen Antrag nicht die nötige Unterstützung von 15 Stimmen, während ihnen dieselbe für den erstgenannten Antrag in freundwilliger Weise von ihren alten Gönnern, den Freisinnigen, gewährt ward. Das Herrenhaus hielt zwei kurze Sitzungen ab, in denen das alte Präsidium wiederge­wählt und das Kirchenumlagen-Gesetz einstimmig ange­nommen wurde. Das Haus vertagte sich alsdann auf unbestimmte Zeit.

Die Ausfuhr Englands nach Deutschland ist fast so groß wie die nach Rußland, Frankreich und Italien zusammen und übersteigt die nach den Ver­einigten Staaten um über 20 v. H. Während wir nach England für 38,8 Millionen Pfund Waren liefern, beziehen wir jährlich für 41,4 Millionen. Amerika liefert für 133,6 Millionen, bezieht dagegen nur für 30,9 Millionen Pfund. ,

Um sich von der Privatindustrie unabhängig zu machen, hat sich das Reichs-Marine-Amt entschlossen, den Bau von Unterseebooten in einige Regie zu über­nehmen. Aus den Mitteln des Marine-Etats 1908 sind der Kaiserlichen Werft in Danzig vier solche Boote in Auftrag gegeben. Von den zurzeit im Bau be­findlichen Unterseebooten wird eins in allernächster Zeit zu Wasser gelassen werden.

Wie Vorsichiig man bei der Aufnahme von Testamenten vorzugehen hat, lehrt eine oberstrichterliche Entscheidung, die imRecht" veröffentlicht ist. Der Erblasser muß bekanntlich das vom Gericht oder Notar aufgenommene Testamemsprotokoll unterschreiben oder erklären, daß er nicht schreiben könne. Diese Erklär­ung muß in das Protokoll ausgenommen werden und ersetzt dann die Unterschrift. Statt dessen hatte ein Notar nur festgestellt, daß den Erblasser das Schreiben sehr anstrenge. Der Erblasser setzte dann mit zittrigen Zügen ein Kreuz als Handzeichen unter das Protokoll. Das bayerische Oberste Landesgericht erklärte das Testament für nichtig. Die in dem Testament bedachten Personen können daher keine Rechte gegen den Nachlaß geltend machen und hätten daher einen großen Verlust zu tragen, wenn das Gericht nicht erklärte, der Notar müßte ihnen für den Schaden aufkommen. Die kleine Unvorsichtigkeit kann den Notar daher ein kleines Ver­mögen kosten.

Während der letzten Jahrzehnte ist der Wert unserer Handelsschiffe und der Ladungen beständig ge­wachsen. In den 50er Jahren kostete z. B. ein Dampfer ^on rund 2000 Reg.-To. = 1 Million Mark, in den 70er Jahren ein solcher von 3000 Reg.-To. = 1,5 Millionen Mark, in den 90er Jahren ein solcher von 89000 Reg.-To. = 5,5 Millionen Mark, die neuesten Fracht- und Pasfagierdampfer von 22000 Reg.'To. 12,5 Millionen Mark. Der Wert der Ladungen und die Beförderungsmöglichkeit der Passa­giere ist in demselben Verhältnis gestiegen. Während der Durchschnittswert der Schiffsladung in den 50er Jahren ca. 240 000 Mark betrug, war er um 1900 schon bis zu 1 Million Mark gestiegen und beträgt jetzt ca. 4 bis 5 Millionen Mark. Die Schiffe, welche Kaffee von Brasilien bringen, haben durchschnittlich Ladungen im Werte von 6,5 Millionen Mark. Wenn man bedenkt, daß unsere sechs großen Reedereien allein zusammen ca. 425 Ozeandampfer mit über 2 Millionen BrMto-Reg.»To. haben, so kann man sich einen Be­griff machen, welch ungeheure Summen deutschen Eigen­tums auf See schwimmen.

Ausland.

Das österreichische Abgeordnetenhaus nahm das Budget der gesamten Staatsverwaltung nebst Resolu­tionen des Budgetausschusses mit großer Majorität an, darunter eme Resolution, in der die Regierung aufgefordert wird, der Verstaatlichung der Südbahn ernstlich näher zu treten.

Bei der Wahl zum englischen Unterhause in Pudsey (Grafschaft Dork) an Stelle des bisherigen liberalen Vertreters Whiteley erhielten Oddy (Unionist) 5444, Ogdan (liberal) 5331, Benson (Arbeiterpartei) 1291 Stimmen. Die Wahl bedeutet einen neuen schweren Mißerfolg der Liberalen, die bei der letzten Wahl mit zirka 3500 Stimmen Majorität gewählt wurden.

In Graz wurden die Mitglieder der katholischen StudentenverbindungKarolina" samt den eingeladenen Gästen und Damen bei der Feier ihres Stiftungsfestes von den sogenanntendeutschfreiheitlichen" Studenten in der gröbsten^ Weise insultiert, beschimpft und miß handelt. Der 'Exzeß nahm einen solchen Umfang an, daß Militär requiriert werden mußte. Darauf be­saßen dieDeutschfreiheitlichen" noch die kindische Dreistigkeit, sich über die Zuziehung des Militärs beim Bürgermeister zu beklagen. Solche Leute sind in der

Tat des akademischen Bürgerrechtes nicht würdig und sollten sich schämen, den Namen der Freiheit im Munde zu führen. Es sind einfach Buben, denen je eher je besser der Prozeß wegen Landfriedenbruches und Auf­ruhrs gemacht werden sollte.

Mit Riesenschritten wird in Südafrika von den beteiligten Staaten an die Bildung eines Bundes­staates herangegangen. Nachdem schon alle Vorbereit­ungen zu seiner Begründung getroffen sind und die Beratungen der Nationalen Konvention über die Ver­fassung spätestens auf den Oktober angesetzt sind, ist man jetzt schon stark mit der Persönlichkeit beschäftigt, die an die Spitze des Südafrikanischen Bundes treten soll. Verschiedene Namen sind genannt worden, z. B. General Smuts, Herr Merriman und viele andere, aber vor allen tritt Louis Botha, der erste Minister von Transvaal, hervor. Man kann die Personenfrage als abgeschlossen ansehen, da auch das englische Ministerium mit dieser Lösung einverstanden ist. Da­mit bekommt die Gründung eines Bundesstaates in Südafrika ihren bestimmten Charakter ausgeprägt; die Union bekommt einen burischen Chef, und dies prägt sich nach allen Seiten hin aus. Das Buren- Element, das schon unter Präsident Krüger einen großen Einfluß ausübte, hat jetzt in Südafrika das Uebergewicht über das britische Element erlangt.

Die Verdoppelung des amerikanischen Uebersez- Handels wurde im Senat der Vereinigten Staaten vor einiger Zeit als eine Folge des Krieges mit Spanien bezeichnet. Von dem Redner wurde ausgeführt, daß der Ueberseehandel erst durch dei Kriegsmarine auf seine jetzige Höhe gebracht sei. Im Laufe von 100 Jahren war die Einfuhr auf 616 und die Ausfuhr auf 863 Millionen Dollar gestiegen und in den letzten acht oder zehn Jahren nach dem Kriege mit Spanien, als die Welt die amerikanische Kriegsmarine kennen gelernt und die amerikanische Flagge auf allen Meeren geweht hatte", wurde der Handel Amerikas verdoppelt, so daß die Einfuhr jetzt 1226 und die Ausfuhr 1 718 Millionen Dollar beträgt.

Lokales und Provinzielles.

Schlüchtern, 30. Juni 1908.

* Wie aus vorstehender Bekanntmachung ersicht­lich, findet kommenden Samstag, den 4. Jul» die Bullenkörung in Sterbfritz erst nachmittags 2 Uhr statt.

* Der Siebenschläfer (27. Juni) ist glücklich ohne Regen vorüber gegangen. Eine Beruhigung für die Anhänger der alten Bauernregel, nach der es an diesem Tage nicht regnen darf, weil es sonst 7 Wochen lang weiter regnet! Hoffentlich aber stellt sich nunmehr der für Garten und Feld sehr notwendig gewordene Regen Un.

* Witterung nach Vilmars Beobachtung. Nur der 8. ist als ein Tag zu bemerken, der in der Regel Aenderung in der Witterung herbeiführt, sei es auf längere oder kürzere Zeit. War es naßkalt, so wird es warm und trocken, war es trocken, so beginnen Ge­witter. Wenn die Tage vom 6.13. Juni ungünstig waren, aber vom 1. Juli an schöne Tage eintreten, so pflegt es mit dem 8. wieder schlecht zu werden und wenigstens bis zum 19. August zu bleiben.

* Am Dienstag, den 23. d. Mts., nachm. 5*/a Uhr fand die diesjährige Generalversammlung des Vaterländischen Frauenvereins Schlüchtern statt, i n welcher zahlreiche Ortschaften des Kreises vertreten waren, wie überhaupt die Beteiligung eine außerordent­lich starke war. Nach der Begrüßung der Anwesenden durch die Vorsitzende des Vereins, Frau Landrat Valentiner, erstattete der Schriftführer, Herr Pfarrer Rollmann, den Jahresbericht und schilderte darin zu­nächst die Ausdehnung der Vaterländischen Frauenvereins überhaupt, ihre hohen Aufgaben in Krieg und Frieden, ihre Ziele, ihre Betätigung, um dann überzugehen zu der Wirksamkeit.des Zweigvereins Schlüchtern im ver­gangenen Vereinsjahre. Es wurden von letzterem nicht nur eine Anzahl bedürftiger in bedrängter Lage befind­licher Einzelpersonen der verschiedensten Ortschaften des Kreises nachdrücklich durch Hülfeleistung gefördert, sondern auch die Gemeinde-Pflegen in Schlächtern und Oberzell wirksam unterstützt. Außerdem wurden auf Anregung des Vereins und mit desfen Beistande zwei neue Gemeinde-Pflegen, Krankenpflege-Stationen verbunden mit Kleinkinderschulen, in Elm und Alten- gronau eingerichtet, deren erste im Elm am 1. April d. Js. ins Leben trat, deren zweite in Altengronau am 1. Juli eröffnet werden wird. Es war diese Be­tätigung dem Verein nur dadurch möglich, daß derselbe in vielen Orten der Umgebung, auch den kleinen und kleinsten Gemeinden, Mitglieder, gewann, selbst er nun bereits in den meisten Ortschaften des Kreises Mit­glieder zählt, während nur einzelne Gemeinden sich bis jetzt an der Mitarbeit von den Vereinsbestrebungen noch ausgeschlossen haben. Wenn auch die letzteren noch in die Reihen treten, hofft der Verein, noch an anderen Orten des Kreises mit der Einrichtung von Krankenpflege-Stationen vorgehen zu können. Nach Erstattung des Jahresberichts erfolgte durch den Schatz­meister, Herrn Lehrer Kaufmann, die Vorlage der sorgfältigst geführten Jahresrechnung und Erstattung des Kassenberichts aus welchem hervorging, Haß das

Rechnungsjahr 1907 mit einem erfreulichen Kassenbe- stand abgeschlossen wurde, für welchen jedoch bei den j weitgehenden Plänen des Vereins pro 1908 alsbald Verwendung vorhanden ist. Schließlich ergriff Herr Landrat Valentiner das Wort zu seinem freundlichst übernommenen Vortrage über Wanderhaushaltungs- schulen. Der Vortrag suchte zuerst die Frage zu be­antworten : Weshalb sind Haushaltungsschulen überhaupt nötig? Darum, weil unsere Töchter die Haushaltung lernen sollen, damit Sachkenntnis und Sparsamkeit am häuslichen Herde walten können! Die Haushaltungs­schulen müssen Haushaltungs-, Koch- und Handarbeits­unterricht übermitteln, auch Gesundheitslehre und auf dein Lande Kenntnis der Landwirtschaft, des Gemüse­baues und ähnlicher Dinge, soweit die Frau auf dem K Lande auch mit diesen Dingen beschäftigt wird. Solcher > Haushaltungs-Unterricht kann nun in den Städten durch ständige oder jährlich sich wiederholende Haus­haltungskurse erreicht werden, auf dem Lande durch die Wanderhaushaltungsschule. Dieselbe wirkt an einem Orte während der Wintermonate etwa 68 Wochen und wird durch eine geprüfte Haushaltungslehrerin geleitet. Die Schülerinnen, Mädchen nicht unter 16 Jahren, erhalten für ein tägliches Entgeld von etwa 25 Pfennigen, statt dessen auch Naturalien gegeben werden können, Unterricht und zu Mittag Verköstigung. Mit diesen Wanderhaushaltungsschulen auf dem Lande hat man in verschiedenen Kreisen der westlichen Pro­vinzen große, bemerkenswerte Erfolge erzielt. Die Schulen werden ins Leben gerufen und unterhalten durch Zusammenwirken von Staat, Provinz, Kreis, Landwirtschafts-Kammer und Vaterländischen Frauen- verein. Von diesen Instanzen müßte auch im Kreise Schlüchtern die Veranstaltung getragen werden. Der praktische, verständliche und lehrreiche Vortrag wirkte auf die Anwesenden äußerst anregend, wie aus der lebhaften darauf folgenden Diskussion zu erkennen lvar, in welcher sich auch einige der Herrn Bürgermeister aus dem Kreise beteiligten. Mit ^ver Bitte, die em­pfangenen Anregungen nachwirken zu lassen, schloß die Frau Vorsitzende gegen 8 Uhr die Versammlung.

* Das Sitzbad. Wenn man ein Sitzbad nehmen will, mache man sich erst einige Bewegung, man nehme anfangs nie Sitzbäder, die eine geringere Temperatur als 15 Grad R. haben; erst nach und nach gehe man mit der Wärme herunter. Die Dauer eines Sitzbades darf selten mehr als eine Viertelstunde betragen. Personen, welche an Blutandrang nach dem Kopfe leiden, müssen vorher erst eine Kopfwaschung vor- nehmen, oder ein in kaltes Wasser getauchtes und ausgerungenes Tuch um den Kopf binden. Der Oberkörper wird dagegen mit einer dicken^^Mn*«$ Decke Überhängen. ( wjäg

* Bei dem Vorsitzenden der Deutschen Turnerschaft Herrn Dr. Götz in Leipzig ist die amtliche Meldung eingelaufen, daß der deutsche Kronprinz infolge vor­aussichtlicher Abwesenheit im Auslande jedenfalls nicht zu dem deutschen Turnfest nach Frankfurt kommen wird.

* Auf dem Turnfestplatz in Frankfurt sollen 5 Fahrkartenschalter errichtet werden, damit Turner und andere Festteilnehmer sich bequem Fahrkarten lösen können.

* Ein schweres Automobilunglück ereignete sich am Sonntag nachmittag zwischen 6 und 7 Uhr in der Nähe des Taunusdorfes Ruppertshain. Es gab 3 Tote und 6 schwer Verletzte. Ein der Frankfurter Bürgerbrauerei gehöriges Bierauto kam von einem Sängerfest zurück, einige Festgäste baten den Chauffeur mit nach Frankfurt fahren zu dürfen was er auch ge­stattete. Der Chauffeur fuhr zunächst nach Rupperts- Hain, auch hier fanden sich Personen, welche das ge­räumige Auto bestiegen selbst unterwegs sprangen noch einzelne Passagiere auf, sodaß sich insgesamt ca. 24 bis 26 Personen auf dem Gefährt befanden. Etwa 500 Schritt unterhalb des Dorfes Ruppertshain macht der Weg an einer ziemlich abschüssigen Stelle eine Kurve. Das Automobil fuhr in sehr schnellem Tempo ? die Straße herab, der Chauffeur bremste plötzlich stark dadurch wurde das Hinterteil des Wagens nach links gedrängt und das linke Hinterrad geriet in die Böschung, | in der es ca. 28 Schritte weiterfuhr, ohne daß es dem Chauffeur gelang, den Wagen wieder auf die Chaussee zu bringen. Der Wagen rollte weiter und fuhr mit voller Wucht gegen ein des Weges stehendes großes steinernes Kreuz, warf es um und stieß gegen einen alten, dicht neben dem Kreuz stehenden Baum. Dieser mächtige Anprall brächte das Gefährt vollständig aus dem Gleichgewicht, es stürzte mit jähem Ruck auf die linke Seite, sodaß sämtliche Insassen und der Chauffeur in weitem Bogen herausgeschleudert wurden. Diejenigen Passagiere, Die das Glück hatten, jenseits der schweren Steinmasse des zertrümmerten Kreuzes am Erdboden zu landen, kollerten die ziemlich sanfte Bösch­ung herab und kamen mit leichten Verletzungen davon. Dagegen stürzten mehrere Personen auf und unter das zertrümmerte Steinkreuz und unter den umgekippten Wagen. Die drei Toten wurden sofort, nachdem der rasch herbeigeeilte Anstaltsarzt Dr. Raßmuß sie unter­sucht hatte, in Ruppertshain aufgebahrt. Die schwer und leicht Verletzten wurden nach Höchst gebracht.