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SchlüchternerAttun g

mit amtlichem Kreisblatt Alonalsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.

_____Vierteljährliche Beilage:Unsere Heimat".____

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg,

«M 44. Samstag, den 30. Mai 1908. 59. Jahrgang.

Autokratie und Mittelstand.

In unserem demokratischen Zeitalter arbeitet man gern mit Schlagwörtern. Wer davon noch nicht üben zeugt ist, braucht nur einen Blick aus die Art und Weise zu werfen, in welcher der Feldzug gegen das preußische Landtagswahlrecht geführt wird. Da wiin- melt es nur so von tönenden Phrasen, hinter denen sich absolut kein greifbarer Inhalt birgt, die aber dennoch infolge ihrer steten Wiederholung ihres Eindruckes auf die Masse nicht verfehlen. Zu diesen leeren Re­densarten, mit denen das Volk am Narrenseil geführt wird, gehört auch das WortPlutokratie".

Das preußische Wahlrecht sollplutokratisch" sein und daniit von vornherein den Stempel des Verwerft lichen an sich tragen. Was heißtPlutokratie"? Plu­tokratie heißt Herrschaft des Reichtums; das preußische Wahlsystem müßte demnach die reichen Leute in stark hervortretender Weise begünstigen und so ihrer Herr­schaft zur Grundlage und Stütze dienen. Ist bem nun wirklich so? Nein, das preußische Landtagswahlrecht wirkt im großen und ganzen durchaus nicht plutokra- tisch, sein charakteristisches Merkmal liegt vielmehr darin daß es dem Mittelstände mehr, als dies bei anderen Wahlrechten der Fall ist, einen starken und maßgeben­den Einfluß auf das Wahlergebnis sichert.

Durch das preußische Wahlrecht wird, wie wir wissen, das Stimmgewicht des einzelnen Wählers nach der Steuerleistung oder dem Einkommen in der Weise abgestuft, daß für jeden Urwahlbezirk eine Dritielung des Gesamteinkommens aller Urwähler des Bezirks und eine dementsprechende Verteilung der Wahlberechtigten auf drei Klassen stattfinde». Wäre nun wirklich < /e plutokratische Wirkung festzustellen, so müßte sich dies darin äußern, daß in der Mehrzahl oder doch einer großen Zahl von Fällen die erste und vielfach auch noch die zweite Klasse nur von wenigen Reichen besetzt wäre, während das Groß der Wähler und darunter zahlreiche Mittelstandsexistenzen und Leute mit höherem Einkommen in der dritten Klasse zusammengedrängt würden. Solche Fälle das läßt sich nicht leugnen kommen vor, und auf ihnen wird .denn auch von der Sozialdemokratie und ihren Helfershelfern aus dem Lager der bürgerlichen Demokratie fortwährend herum­geritten; die Richtigkeit des Vorwurfs der Plutokratie läßt sich hier scheinbar mit Händen greifen. Man ver» schweigt hierbei aber zweierlei: einmal, daß derartige Fälle nur in verschwindender Minderzahl vorhanden sind, und sodann, daß ihnen ebensoviel Ausnahmeerschein­

ungen gegenüberstehen, bei denen das gerade Gegen­teil, nämlich eine direkt autiplutokratische Wirkung kon- statirt werden muß, sofern hier Leute mit ganz gering­fügigem Einkommen nicht bloß in der zweiten, sondern sogar in der ersten Klasse wahlberechtigt sind.

Infolge des gewaltigen Aufschwunges, den Handel und Industrie unter dem Schutz und Schirm des neu­deutschen Kaiserreichs genommen haben, hat in man­chen Großstädten und Jndustriebezirken eine starke Kon­zentration des Kapitals stattgefunden und hier sind denn auch die Beispiele einer plutokratischen Wirkung des preußischen Landtagswahlrechts zu suchen. Bei­spielsweise kann man den Berliner Abteilungslisten für die kurz bevorstehenden Landtagswahlen eine Reihe höchst grasser Exempel der genannten Art entnehmen. Wenn in genau 50 Berliner Urwahlbezirken je ein Wähler die erste Klasse beherrscht, wenn im 40. Urwahl- bezirke, wo der Reichskanzler Fürst Bülow in der zweiten Wählerklasse wählt, der letzte Wähler der ersten Ab» teilung 30250,10 Mark, der letzte Wähler der zweiten Abteilung 15 638,33 Mark Steuern zahlt, so ist man in solchen Fällen allerdings berechtigt, vonPluto- kratie" zu sprechen. Wer aber gerecht urteilen will, der darf vor allem auch das Gegenbild nicht aus dem Auge lassen. Dieselben Berliner Abteilungslisten lehren uns auch, daß man in anderen Urwahlbezirken bereits mit 32 Mark direkter Jahrersteuer Wähler der ersten und mit 18 Mark Wähler der zweiten Abteilung zu sein vermag. Hier liegt also ein direkt antiplutokra» tische Wirkung vor, hier wird auch dem kleinen Mann ein sehr weitreichendes Wahlrecht zuteil, und zur Ge­rechtigkeit und Vollständigkeit des Bildes gehört dah" auch unbedingt die Aufzählung derartiger Fälle.

Was aber die Hauptsache ist und bleibt, die Fälle plutokratischer Wirkung sind nur vereinzelt, und in der weitaus überwiegenden Mehrzahl der Urwahlbezirke walten durchaus gesunde und normale Verhältnisse ob. Die amtliche Statistik, deren Zahlen seiner Zeit auch von den konservativen Abgeordneten Dr. Jrmer und Malke- witz im Landtage sieghaft geltend gemacht worden sind, ergibt klipp und klar, daß der preußische Landtag auf Grund des bestehenden Wahlrechts ein Parlament des Mittelstandes ist. Unwiderleglich hat der bekannte Sta­tistiker Oberregierungsrat Evert im 28. Ergänzungs­hefte zurZeitschrift des Königl. Preußischen Landes­amts" dargetan, daß für die Mehrheit der städtischen Urwahlbezirke ein Einkommen von nicht über 2700 M und bei den meisten von ihnen ein noch viel geringeres

genügt, um den Zutritt zur zweiten Abteilung zu er­öffnen. Damit ist erwiesen, daß in der Mehrheit der städtischen Urwahlbezirke die zweite Abteilung schon dem bescheidenen Mittelstände, teilweise, sogar noch tieferen Schichten zugänglich ist. Auf dem Lande aber gestaltet sich die Verteilung noch vieldemokratischer", wenn man so sagen darf. Um einen Gesamtüberblick zu geben, so ist von den rund 27 000 preußischen Urwahl­bezirken die zweite Abteilung in 9000 Bezirken für Einkommen bis zu 1500 Mark zugänglich. In wei­teren 9000 Bezirken genügt ein Einkommen von 1500 bis 2400 Mark, in 8000 anderen ein Einkommen von 2400 bis 7000 Mark, um in die zweite Abteilung zu gelangen. Es bleiben nur rund 1000 Bezirke übrig in denen 7000 Mark noch nicht dafür ausreichen; da­runter sind nur 247 oder 0,9 v. H , in denen min­destens 18 000 Mark Einkommen erforderlich sind, um den Zutritt zur zweiten Abteilung zu eröffnen. Das sind die nüchternen Tatsachen, die sich nicht hinweg­diskutieren lassen.

Unsere Eingangs vollzogene Charakterisierung des Vorwurfs der Plutokratie als einer auf Täuschung be­rechneten Phrase besteht demnach zu Recht. Nicht plu­tokratischen, sondern mittelstandsfreundlichen Charakter trügt das preußische Wahlrecht. Wer daher seine Mit- telstandsfreundlichkeit nicht bloß auf den Lippen, son­dern im Herzen trägt, der muß unter allen Umständen auch zu dem Schützern und Verteidigern dieses Wahl­rechtes gehören.

___Deutsches Reich.

: - Ueber Schiffahrtsabgaben sprach Prinz Ludwig von Bayern bei einem Festmahl des bayerischen Kanal­vereins in München.Der preußische Minister für öffentliche Arbeiten hat," sagte der Prinz,den Ge­danken ausgesprochen, daß die Schiffahrtsabgaben für die einzelnen Flußgebiete durch gemeinschaftliche Kom­missionen für den zukünftigen Ausbau dieser natürlichen Wasserstraßen verwendet werden sollen. Wenn also die Gelder, die durch die Abgaben herankommen, für das ganze Flußgebiet verwendet werden sollen, so kann man sich vollständig mit Schiffahrtsabgaben einver­standen erklären. Was ist es, wenn die Schiffahrts­abgaben nicht eingeführt werden? Ich sehe absolut keinen Grund, weshalb wir in Bayern deshalb von der großen Rheinschiffahrt abgeschnitten sein sollen, wie es bisher der Fall war. Bayern hat sich verpflichtet, für Schiffahrtsabgaben einzutreten, und es gibt sich

Odle Kerze«.

Roman von Erwin Friedbach. 49

Warum mußte so schnell schon ein Mißton in die Harmonie unserer kaum geschlossenen Vereinigung fallen. War daS Glück zu groß für mich, soll eS eine Mahnung fein, daß ich es in solchem Maße nicht verdiene? Die Entscheidung ruht in GotteS Hand. Wir bleiben ja ver­eint, nur daß die öffentliche Bestätigung unseres Bundes auf kurze Zeit hinausgeschoben wird. Hoffend, bald von Dir recht tröstende Nachricht zu erhalten, mein gelieb­ter Henning, bleibe Dein auf immer. Wilma."

* *

Der Zug brauste in die Halle. Zwei dunkle Mädchen- augen folgten brennend den Bewegungen des Schaffners, der die Kupeetüren aufriß. Milly bahnte sich den Weg durch die Menge. Da, Gott sei gedankt, wie eine schwere Last fiel eS von ihr, erschien Wilma auf dem Trittbrett, und stürmisch schloß Milly sie gleich danach in ihre Arme.

Meine Wilma! O, ungeduldiger ersehnt konnte nie- wand sein; Du bist da, ich habe Dich wirklich wieder!" rief sie zwischen Lachen unb Weinen, die Freundin im* wer von neuem umarmend.

Dann saßen sie im Wagen und eS folgte eine aus­führliche Krankengeschichte.

Endlich sagte Wilma:Sieh mich einmal recht ge­nau an, Milly, komme ich Dir nicht verändert vor?"

Allerdings, großartig! Bildhübsch bist Du gewor- den, voll, rosig und so jugendlich! Kaum wieder zu er* kennen, muß ein vortrefflicher Doktor sein, die alte Heide, ich werde mir den glänzenden Erfolg für spätere Fälle in meinExzerptenbnch notieren."

Noch etwas anderes, Milly, liest Du denn nichts in meinen Augen?"

Milly sah prüfend hinein:Sie strahlen so einzig, als ob Dir etwas besonders Glückliches geschehen wäre! Wilma, Du hast Dich doch am Ende nicht verlobt?"

Ja, Milly, ich habe mich verlobt, ich bin die Braut Henning von Asts, also Deine zukünftige Verwandte."

Hierauf großes (Erstaunen, große Freude, endloses Fra­gen und Erklären.

Und trotz dieses hochwichtigen EreigniffeS hast Du Dein junges Glück im Stich gelassen und bist hierher ge­kommen!" sagte Milly gerührt unb aufgeregt.O, daS bringst auch nur Du fertig, Du Treue, Selbstlose, als ob Du gewußt hättest, daß Deine Nähe vielleicht daS Leben meines Vaters retten wird. Denn es steht schlimm mit ihm, Wilma, Professor Lindenau hat leider, leider we­nig Hoffnung."

Daß eS sich so verhielt, sah Wilma mit Schrecken, als sie vor dem Lager des GeheimratS stand. In einem lich- tenAugenblicke, wo dieFieberphantasiennachgelassen, streckte er ihr die abgemagerte Hand entgegen, und ein FriedenS- schein, als ob ihr Anblick ihm Beruhigung bringe, zog über seine aschfahlen, bis zur Unkenntlichkeit entstellten Züge.

ES ist gut, daß Sie wieder bei unS siud, Wilma, ich gönne Ihnen die Genugtuung, uns so vollständig hilflos und abhängig zu finden, aber Ihnen Dank zu schulden, ist nicht niederdrückend. Lassen wir jetzt wieber alles sein, wie es vorher war, so viel, viel besser. Ich will zu ver­gessen suchen, daß ich ein Tor gewesen bin und ein glück­licher Mann hätte sein können."

Sie drückte sanft seine Hand, legte die Kissen zurecht, ordnete geräuschlos dies und jenes, bis sie sah, daß er beruhigt und zufrieden dalag. Wilma war wieder ganz in ihrem (Element unb zu Hause. DaS eben Vergangene erschien fast wie ein wunderschöner Traum, aus dem sie nun zur Wirklichkeit erwacht war.

Als aber HanS die geliebte Stimme an seinem Bette hörte, richtete er sich auf, sah Wilma verstört an und schlang mit einem wilden Aufschrei der Freude die Arme so fest um ihren Hals, als wolle er sie nie mehr von sich lassen.

Wilma aber sprach zu ihm mit den Worten der Mut­terliebe, jenen weichen, besänftigenden Lauten der tiefsten Zärtlichkeit, wie sie das Geheimnis sind zwischen Muttee und Kind.

Der folgende Tag brächte Verschlimmerung in dem Be­finden des GeheimratS, eine Krise war eingetreten, die die Aerzte fürchteten.

Wilma hatte der Baronin von Uhling geschrieben, daß sie gezwungen fei, unvorhergesehener Verhältnisse halber die neue Stellung in ihrem Hause aufzugeben und war­tete von da an ungeduldig auf einen Brief von Henning, der auffallend lange auSblieb. *

So näherte sich der fünfte Tag seit ihrer Ankunft bei GeheimratS seinem Ende, als sie gemartert von Angst und Unruhe wieder darüber nachsann, warum er nicht schrieb.

Da kam Rike herein und meldete Wilma, eS sei ein Herr draußen, der sie zu sprechen wünsche.

, Ein Herr.. mich allein?" fragte sie verwundert.

Lassen Sie ihn doch herein, Rike," bemerkteMilly und zu Wilma gewendet:Vielleicht bringt er Nachrichten von Friedensheim."

Der Herr sieht wie ein Fremder au», ist sehr hübsch und wünscht nur Fräulein Wilma zu sprechen," erklärte Rike vielsagend.

Wilma und Milly sahen einander an, beide mit dem­selben Gedanken: Sollte eS Henning sein?

Sie ging hinaus auf den Korridor, der durch eine von der Mitte herabhängende rote Ampel matt erleuchtet war. Dort stand im Hintergründe nahe der EingangStür eine hohe ihr nur zu wohl bekannte Gestalt.

Guten Abend, Wilma, ich möchteDich allein sprechen," äußerte er mit einer gewissen Gemessenheit und einen be- zeichnenden Blick auf Milly werfend, die neugierig unwill­kürlich gefolgt war.

Wilma sah eS und wagte hierauf nicht, ihn vorzu- stellen. Hennings verschlossene Miene gab ihr die Gewiß­heit, daß etwas Ungewöhnliche» im Gange sei. 140,1a,