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SchlüchternerKitun ij

mit amtlichem Kreisblatt Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.

vierteljährliche Beilage:Unsere Heimat".________________________

^/^cheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

M 42.

Samstag, den 23. Mai

59. Jahrgang.

Deutsches Reich.

Der Kaiser ist am Mittwoch von Wiesbaden wieder in Berlin eingetroffen und hat sich nach kurzem Aufenthalt nach Prökelwitz weiterbegeben, wo er zu jagen gedenkt.

Die Kaiserin ist mit Gefolge 117* Uhr vorm. in Bonn eingetroffen.

Der Kronprinz und die Kronprinzessin sind am Mittwoch früh in Potsdam wieder eingetroffen.

Prinz Friedrich Wilhelm von Preußen wird vom 1. Juni ab in der Staatsverwaltung in Schlesien beschäftigt werden. Der Prinz wird bei dem in der Nachbarschaft von Kamenz gelegenen Landratsamt der Grafschaft Glatz tätig sein.

Der im Juni neu zu wählende preußische Land« tag wird Ende Juni oder Anfang Juli einberufen werden. Das geschieht, um der Bestimmung der Ver­fassung zu genügen,^ wonach das Abgeordnetenhaus binnen 90 Tagen nach den Neuwahlen einzuberufen ist. Es trifft aber nicht zu, wenn gemeldet wird, daß das Abgeordnetenhaus dann schon in irgendwelche materiellen Verhandlungen eintreten wird. Vielmehr wird das Haus auf Grund einer königlichen Order vertagt werden (wodurch die Diäten in Fortfall kommen) und erst im Spätherpst seine Arbeiten aufnehmen. Erst dann wird auch die Thronrede verlesen werden.

Die polnische Presse bringt zum Inkrafttreten des Reichsvereinsgesetzes verschiedentliche Artikel, in denen das Gesetz als ein erheblicher Fortschritt in freiheitlichem Sinne gerühmt wird. DerKurier Poznanski" erklärt direkt, jetzt, wo nicht mehr die vollzogene Tatsache andern könne, brauchte man nicht mehr zu verschweigen, daß eine Reihe von Vorschriften des neuen Gesetzes tatsächlich Fortschritte bringe. Und ein anderes in Posen erscheinendes Polenblatt betont noch den besonderen Vorteil, daß die Polizei künftig die Mitglieder der polnischen Vereine nicht werde kon« trollieren können, da sie kein Mitgliederverzeichnis mehr fordern dürfe. Die polnische Fraktion hat bekannt­lich im Reichstage mit sehr viel Pathos gegen das Gesetz, und nicht nur gegen den Sprachenparagraphen, gearbeitet. Immerhin ist es besser, wenn jemand nach­träglich ehrlich genug ist, die Wahrheit einzugestehen, als überhaupt nicht.

Nur zielbewußtes Bier und Selterswasser, das ist jetzt die Losung. Die organisierte Arbeiterschaft Berlins und Umgegend wird von sozialdemokratischer Seite aufgefordert, die Kontrolle der Bier-, Mineral-

Odle Kerze«.

Roman von Erwin Friedbach. 46

Doch um von Fräulein Wilma zu sprechen, so habe ich mir die Sache folgendermaßen zurechtgelegt: Du bittest sie auf heute abend zu uns, ohne Frau Rektor. Dann be­gleite ich sie nach Hause und erkläre mich unterwegs im Schutze der Dunkelheit. E» kommt mir nämlich vor, als wäre ich in Liebe-angelegenheiten wieder schüchtern wie ein sechzehnjähriger Jüngling geworden. Willst Du da- für mich tun, Mutter?"

Mit dem größten Vergnügen, mein Junge." Frau von Ast lächelte ein wenig gezwungen und sah ihn liebevoll an. Seltsam, daß sie dabei jedesmal so traurig wurde. Er war ihr Sohn, mit dem die engsten Bande der Natur sie verknüpften und doch war er im Grunde ein Fremdling geworden.

Er kam ihr vor wie ein Mensch, dem irgend etwa», das ihn früher zu dem gemacht, was er gewesen, abhanden ge- kommen war da draußen, sei es daS Gedächtnis für daS Ver­gangene, feine Seele oder sein Schatten. Eine rührende Anspruchslosigkeit und Einfachheit in aller» hatte er sich angeeignet, die ihr oftmals Tränen entlockte. Mit war für rauhen Händen mußte da- Leben ihn zurechtgestutzt haben! Welch ein Glück, daß er grade Wilma gewählt hatte, die einzige, die wie geschaffen dazu war, ihm den Rest seiner umdüsterten Dasein» zu erhellen.

*

*

Pünktlich um die bezeichnete Stunde traf Wilma ein und erklärte ziemlich niedergeschlagen, daß e» wohl ihr letzter Abend auf FriedeuSheim sein werde, da Frau Ba- ronin von Nhlmg, bei der sie Stellung angenommen, schon den nächsten Sonnabend für die gemeinsame Abreise nach Potsdam bestimmt habe.

Henning verhielt sich dabei schweigend, nicht» erinnerte mehr an den einstigen Salonhelden, der mit Artigkeiten «ur so um sich geworfen. Nichtsdestoweniger huldigte er

waffer- und Destillationskutscher inbezug auf ihre Or« ganisationszugehörigkeit streng durchzuführen. Es sollen nur Getränke von solchen Kutschern abgenommen werden, die dem sozialdemokratischen Transportarbeiterverbande angehören. Diejenigen Kutscher, welche sich nicht als Mitglieder des Transportarbeiterverbandes ausweisen können, sollen ingeeigneter Weise" zum Anschluß an den Verband bewegt werden. Das geschieht dann in der bekannten Art, die einen direkten Zwange gleich­kommt.

In letzter Zeit ist mehrfach die Beobachtung gemacht worden, daß die Komitees zur Veranstaltung von Privatlotterien ihren Anträgen auf Genehmigung dieser Lotterien bereits rechtsverbindlich abgeschlossene Verträge mit einem bestimmten Losehändler beigefügt haben. Es wird darauf aufmerksam gemacht, daß hierdurch die Entschließung über die den Interessen der Spieler wie des Unternehmens dienende Genehmigung der in diesen Verträgen enthaltenen Lotteriebedingungen nicht beeinträchtigt werden kann. Vielmehr muß die Regelung so erfolgen, wie sie dem öffentlichen Interesse entspricht, * ohne Rücksicht auf etwaige zivilrechtliche Abmachungen. Um hieraus sich ergebenden Unzuträg- lichkeiten vorzubeugen, wird empfohlen, zunächst von rechtlich bindenden Verträgen abzusehen, und anheim­gestellt, lediglich die Offerten sowie einen Vertragsent­wurf zugleich mit dem Anträge auf Genehmigung der Lotterie einzureichen.

Der Reichskanzler hat nach derNeuesten Allgemeinen Zeitung" der Reichshauptkasse wegen der Giro-Ueberweisung der vierteljährlich zahlbaren Beamten­gehälter, der Zivilpensionen und der Hinterbliebenenbe­züge die erforderlichen Anweisungen zugehen lassen. Die neue Zahlungsart ist nachträglich auch versuchs­weise auf die monatlich zahlbaren Gehälter rc. aus­gedehnt.

Zur einheitlichen Neuregelung des Radfahrver- kehrs hat das Reichsamt des Innern Grundzüge auf­gestellt, die laut Beschluß des Bundesrats im gesamten Gebiet des Deutschen Reichs vom 1. August 1908 an gleichmäßig Anwendung finden sollen. Die bisher geltenden Polizeiverordnungen sind allenthalben genau dem Wortlaut dieser Grundzüge anzupassen. Dabei ist zu beachten, daß die Bemessung der Gebühren für die Ausstellung der Karten mit zeitlich beschränkter Gültigkeit nicht mehr zulässig sein. Die landesrecht führung von Quittungen über Fahrradsteuern oder die Führung von Nummerschildern an den Fahrrädern angeordnet werden, bleiben in Geltung.

Wilma auf seine Weise, brächte ein Werk von Moritz Kar­tiere, daS sie neulich zu lesen gewünscht, und hatte da­für Sorge getragen, daß die kleine Tafel mit den von ihr bevorzugten Blumen geschmückt war.

Rosamunde war nervöser Kopfschmerzen wegen auf ihrem Zimmer geblieben. Ruderich kam um diese arbeits­reiche Zeit öfters erst um zehn Uhr von Erichhof heim, so auch heute.

Wilma fühlte an diesem denkwürdigen Abend There- seS Blicke oft und ausdrucksvoll auf sich ruhen, mit einem Anflug stiller Gerührtheit, daß eS ihr eigentümlich bewegt zu Mute wurde.Henningschenkteihr mitbesonderer Feier­lichkeit eine Rose von seltener Schönheit, die sie errötend in Empfang nahm. Was war im Gange, weshalb hatte man sie eingeladen, sie allein, obgleich Rosamunde krank war und die anderen mehr oder weniger beschäftigt schie­nen ?

Auch nach Tisch kam es zu keiner rechten Unterhaltung, Mutter und Sohn blieben zerstreut, und Dvra entfernte sich bald unter dem Borwande, Frau Rosamunde Gesell­schaft leisten zu wollen.

Als es neun Uhr schlug, behauptete Wilma, nun nach Hause zu müssen, und man forderte sie auch kaum zu län­gerem Bleiben auf.

Henning erklärte, daß er Fräulein Wilma nach dem Rektorhause begleiten werde.

Zehn Minuten später traten sie in die mondhelle warme Nacht hinaus.

Haben Sie noch eine halbe Stunde für mich übrig, Fräulein Fürstner, dann unternehmen wir einen kleinen Umweg, ich möchte Jhneü gern etwa» zeigen."

Gewiß, auf eine halbe Stunde kommt e» nicht an, werde ich doch solch einen Abend so bald nicht wieder er­leben."

Wer weiß, vielleicht sind Ihnen noch viele solcher FrühlingSabende beschert, wie nur der Norden meines lie­ben Deutschland sie zu spenden weiß, so weich und stim-

Der im Juliusturm bei Spandau aufbewahrte Kriegsschatz von 1'20 Millionen Mark in Gold wurde am Sonnabend von dem Staatssekretär des Reichs­schatzamtes Sydow in Begleitung des Stadtkomman­danten von Spandau und der dazu bestimmten Reichs­tagskommission einer Revision unterzogen. Nach den üblichen Stichproben es wird eine Anzahl beliebiger Geldbeutel geöffnet und ihr Inhalt geprüft wurde die Schatzkammer wieder geschlossen. Daß alles in voller Ordnung befunden wurde, ist selbstverständlich. In zinstragenden Papieren wird der Kriegsschatz nicht angelegt; wäre das geschehen, so hätte sich bei auch nur dreiprozentiger Verzinsung in den 37 Jahren eine gewaltige Summe angesammelt und zwar ohne Zins auf Zins von mehr als 123 Mill. Mark.

Ausland.

Der König von England wird am 5. Juni zum Besuch des russischen Kaiserpaares nach Peters« bürg begeben.

Der Turiner Moments erfährt aus Rom, daß das Gerücht über einen bevorstehenden Besuch _ des Zaren in Rom durch die Anwesenheit von 4 russischen Polizei-Inspektoren hervorgerufen ist, welche mit den Vorbereitungen für die Reise beauftragt waren. Auf der russischen Botschaft wird bestätigt, daß der Besuch erfolgen werde, ohne daß man jedoch schon jetzt den Zeitpunkt bestimmen könnte.

Die Rede des englischen Kriegsministers Haldane beim Empfange der süddeutschen Bürgermeister im englischen Parlament ist in politischer Beziehung be* merkenswert. Haldane sprach über die deutsch-englischen, Beziehungen und schloß mit den Worten:Was ein mächtiges Deutsches Reich für die Erhaltung des Völkerfriedens bedeutet, hat die Geschichte der letzten 37 Jahre genugsam bewiesen. Angesichts der Tat­sachen, mit denen die Geschichte, die Lehrmeisterin der Völker, in ernster Sprache zn uns spricht, erscheint der Gedanke, daß Großbritannien und Deutschland, für die beide nebeneinander Platz genug unter der Sonne ist, für die kollidierende politische Interessen absolut nicht existieren, sich aus wirtschaftlichen Gründen ent­zweien könnten, als das Widersinnigste was es gibt. Möchten meine Worte nicht nur in diesem Saale, sondern auch weit darüber hinaus die Beachtung finden, die sie als Ausdruck warmherzigen, ehrlichen deutschen Empfindens verdienen.

In Petersburg ist eine Massenverhaftung russischer Studenten vorgenommen worden. Sechzig

mungsvoll wie ein Gedicht von Geibel. Oft, wenn ich die- ser Abende in der Fremde gedachte, überfiel mich da» Heimweh. Wir gehen hier link» ab, grade auf KarlShos zu. Ist er Ihnen bekannt, Fräulein Wilma?"

Er nannte sie zum erstenmal so, und er war ihr, als habe der Name nie zuvor so schön geklungen. Ein scheuer Blick streifte die männlich stolze Gestalt an ihrer Seite.

Nur vom Sehen, bei Gelegenheit eine» Besuche» in der Nachbarschaft fuhren wir daran vorüber, und feinet behaglichen Eindruckes wegen fiel er mir auf. Unwillkür­lich wünschte man sich, dort wohnen zu dürfen."

Ganz recht," erwiderte Henning, und wäre die Däm­merung nicht gewesen, Wilma hätte die Röte der Freude, die ihre Antwort auf seine Wangen rief, bemerken müffen.

Sie kennen also KarlShof, eS wurde mir neulich zum Kauf ungebeten. Sehen Sie, Fräulein Wilma, ein ganz ähnliches Anwesen besitze ich bei St. FranziSko in Cali- formen. Das ist freilich weit von hier, und der Entschluß dürfte schwer fallen, die deutsche Heimat aufzugeben, um für immer nach dort zu gehen, besonder» schwer aber für eine Dame."

Er sprach so vielsagend. Wilma fragtefleh wieder, wo da» alles hinaus wollte. Wozu dieser Umweg durch die einsame Heide, sie beide mutterseelenallein! 140,18

Sie fürchtete sich keineswegs, aber ihr Herz begann immer rascher zu klopfen in einer betörend süßen Angst, als ob sie sich vorbereiten dürfte zu einem unendlich be­seligenden Glück, das nahe war und hineinziehen wollte. Ob er die Absicht hegte, sie als Haushälterin für seine Besitzung dort zu engagieren? Jetzt erhoben sich schon deutlich vor ihnen die dunklen Wölbungen der Bäume von Karlshof, daraus hervor in schwärzlichen Umrissen das spitzgiebelige Dach de» Hauptgebäudes. Zu beiden Seiten der Eingangstür vier Fenster Front, ^Qn denen zwei einen rötlichen Lichtschein in die stille Nacht hin- auSwarfen. Vor dem Hause ein plätschernder Spring- brunnen, umgeben von anmutigen Gartenantzgen. .