SchlüchternerZeilun g
mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber,
vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat".
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 41 " Mittwoch, den 20. Mai 1908. 59. Jahrgang.
Die Wirkungen des Eisenbahnbaues in Deutsch-Südwestafrika.
Wie groß der Einfluß einer Eisenbahn auf eine Landschaft in einem bisher nicht von chr berührten Lande ist, das zeigt ein Bericht über die Bevölkerungsbewegung aus dem Bezirke Lüderitzbucht. Nach der Aufnahme vom 1. Januar 1908 betrug die Zahl der weißen Bewohner des Bezirkes 830 gegen 1125 im Vorjahre. Davon entfielen auf den Ort Lüderitzbucht 589 gegen 660 im Vorjahre; auf Aus 161 gegen 148, auf den Landbezirk 130 gegen 370 im Vorjahre. Die Abnahme ist eine Folge des Vorschreitens des Bahnbaues nach Keetmanshoop. Im Vorjahre wurden an den Ausbaustrecken 224 Köpfe gezählt, welche jetzt mit der Bahn vorgerückt sind. Die starke Verminderung der Truppe, die von 804 auf 147 fiel, hat natür- lich auch eine Verminderung der weißen Bevölkerung im Gefolge gehabt. Diese Verminderung trifft aber nur den ausländischen Bestandteil der Bevölkerung. Die Zahl der Deutschen im Orte Lüderitzbucht ist um 36, in Aus um 63 gestiegen. Dementsprechend ist, wie schon von 1906 auf 1907, der Anteil der deutschen Bevölkerung gewachsen, und zwar im Orte Lüderitzbucht von 57 auf 70, in Aus von 33 auf 70 v. H. Daß im Gegensatz zu Lüderitzbucht Aus eine Zunahme zeigt, liegt an der Verlegung des Sitzes der Bauleitung der Bahn nach dem letzteren Orte. Die Zahl der Personen weiblichen Geschlechtes im Orte Lüderitzbucht, die bereits von 1906 auf 1907 von 54 auf 94 gestiegen war, hat sich weiter auf 125 gehoben; die Zahl der Ehefrauen, die 1906 nur 14 betrug, ist von 40 auf 63, die der Kinder unter 15 Jahren, von denen 1906 nur 25 vorhanden waren, von 49 auf 62 gestiegen. Die Zahl der Farbigen im Bezirk, abgesehen von den frei umherstreifenden und daher nicht erfaßbaren Buschleuten, ist von 4074 im Vorjahre auf 2011 zurückge- gangen, und zwar infolge des Fortschreitens des Bahnbaues nach dem Nachbarbezirk. Die Zahl der Kriegsgefangenen ist von 3066 auf 1161 zurückgegangen, die der freien Eingeborenen von 1008 auf 850. Von diesen sind nur 291 Eingeborene des Schutzgebietes, dagegen 550 ausländische Farbige, wovon 484 Kapjungen. Die gezählte Gesamtbevölkerung des Bezirkes bezifferte sich auf 3038 Köpfe, wovon 1 605 auf den Ort Lüderitzbucht und 854 auf Aus entfielen. Einschließlich der frei uniherschweifenden Eingeborenen mag der ganze, etwa den fünffachen Umfang des Königreichs Sachsen umfassende Bezirk 3 500 Bewohner
zählen; noch immer fünfmal soviel als bei Ausbruch des Ausstandes, wo der ganze heutige Bezirk Lüderitzbucht etwa 50 weiße Bewohner beherbergte.
Deutsches Reich.
— Ein Teil der Potsdamer Leibgarde-Husaren trägt jetzt die neue Uniform, die nur für den Außendienst bestimmt ist. Die Uniform besteht aus leichtem grauen Tuch. An die Stelle der Attila ist eine Litewka getreten, die mit dunkelgrauen Schnüren und silberweißen Knöpfen besetzt ist. Das Bandolier ist weggefallen und für den Kavalleriesäbel wird das kurze Seitengewehr getragen. Die Stiefel sind gelb. Die gelbe Ueberschnallknoppel besitzt fünf Patronentaschen mit je 15 Patronen. Alles Glitzernde kommt bei der neuen Uniform in Wegfall. Die Hosen sind grau und haben gleichfarbige Besatzstreifen. Die Gardelitzen sind aus grauen Besatzstreifen mit gelber Einfassung verfertigt. Die Achselschnüre sind gelb und rot durchwirkt. Schuppenketten und Gardestern sind brüniert. Zum Dienst wird jetzt eine graue Feldmütze mit rotem Besatzstreifen und gelber Passepolierung getragen. Bei den neuen Mannschaftsfeldmützen, die aus grauem, kurz geschorenem Kalbfell verfertigt werden, fällt der Kolpak weg. Die Offiziersfeldmützen werden aus Opossunlsell hergestellt, jedoch ohne Kolpak.
— Der Kronprinz und die Kronprinzessin trafen Sonnabend früh zum Besuch des Fürsten Dohna in Schlobitten ein.
— Der Reichskanzler hat der Reichshauptkasse in bezug auf die Giroüberweisung der vierteljährlich zahlbaren Beamtengehälter, der Zivilpensionen und der Hinterbliebenenbezüge die erforderlichen Anweisungen zugehen lassen. Die neue Zahlungsweise ist nachträglich zum Versuch auf die monatlich zahlbaren Gehalts- gebührnisse und Militärpensionen ausgedehnt worden.
— Zuganschlüsse der Kleinbahnen an Eisenbahnen.
Es ist mehrfach darüber geklagt worden, daß in den Fahrplänen der Kleinbahnen auf zweckmäßigen Anschluß der dem Personenverkehrs dienenden Kleinbahnzüge an die Züge der Eisenbahnen keine oder nur geringe Rücksicht genommen werde. Vom Ministerium der öffentlichen Arbeiten ist infolgedessen angeördnet worden, daß bei der Prüfung und Genehmigung der Kleinbahnfahrpläne ihr Augenmerk — selbstverständlich unter gebührender Berücksichtigung der wirtschaftlichen Interessen der Kleinbahnunternehmungen — auf die Gewährung guter Anschlüsse der dem Personenverkehrs
dienenden Kleinbahnzüge an die Züge der Eisenbahnen Bedacht genommen werde.
— Deutsche Kleinsiedelung. In aller Stille ist vor den Toren der Stadt Posen ein Unternehmm entstanden, von dem wir hoffen, daß es vorbildlich für die weitere Entwicklung sein wird. Wir meinen die von einer Baugesellschaft ins Leben gerufene deutsche Arbeiterkolonie Luisenhain, in der binnen kurzem 60 Arbeiterfamilien angesiedelt sein werden. Das Unternehmen ist von den Arbeitgebern der dortigen industriellen Anlagen begründet, auf nüchternster kaufmännischer Berechnung basiert und durch verständnisvolle private Mitarbeit von Beamten auf das bereitwilligste gefördert worden. Die Arbeiter rekrutieren sich teils aus dem Inland, teils aus russischen Fabrikstädten, auch diese haben sich überraschend gut in die hiesigen Arbeitsverhältnisse gefunden. Die Stellen werden nur verkauft, nicht verpachtet. Jede von ihnen besteht aus Haus mit Stall und einem halben Morgen Land. Trotzdem ist die Miete geringer als die für eine Wohnung in der Stadt. Die Finanzierung ist durch Rentenbonk- kredit erfolgt. Soweit dieser und die Anzahlung nicht langt, gibt die Gesellschaft eine Resthypothek. Besteht der Hauptvorsprung, den das Polentum im nationalen Kampfe hat, darin, daß es für die Heimat kämpft, so kann man es nur freudig begrüßen, wenn deutsche Unternehmer auf diese Weise eine Heimatfeste deutsche Bevölkerung schaffen und so in wirksamer und verständnisvoller Kleinarbeit die Bestrebungen der An- siedlungs-Kommission ergänzen.
— Der deutsche Großgrundbesitz ist bekanntlich in einzelnen Teilen der Provinz Posen durch die Ankaufstätigkeit der Ansiedlungskommission ganz außerordentlich dezimiert worden. Ein besonders anschaulicher Beleg hierfür ist das Beispiel des Kreises Wongrowitz. Dort sind bis jetzt insgesamt 19 359 Hektar aus selbständigen Gutsbezirken angekauft, von denen 6346 Hektar auf Ankauf aus polnischer und 13013 Hektar auf Ankäufe aus deutscher Hand entfallen. Der deutsche Privat- großgrundbesitz beträgt dort nur noch gegen 7000 Hektar, der polnische dagegen über 32 000 Hektar. Trotz des Ueberwiegens des polnischen Besitzes sind größere Ankäufe aus polnischer Hand seit 1902 nicht zustande gekommen. Man sieht, wie dringend notwendig es war, daß die EnteignungsbefugniS der Regierung das Rechtsmittel in die Hand gab, künftig polnischen Großgrundbesitz für Ansiedlungszwecke heran- zuziehen.
Gdle Kerze«.
Roman von Erwin Friedbach. 45
»Mein gutes Kind, Sie konnten Ihre Sache nicht besser auSrichten. Noch bin ich zum Glück stark genug, die Nachricht von der Rückkehr meines Sohnes zu ertragen, unvorbereitet wäre sein Anblick vielleicht zu viel für mich gewesen. O, nun ist alles, alles gut, nun soll er kommen."
Eine Stunde später lagen Mutter und Sohn einander in den Armen.
„Mutter! kannst Du mir verzeihen?"
„Mein Sohn, mein Henning, er ist alle» verziehen, weil Du gekommen bist. Leid tut mir nur, daß ich das HauS nicht würdig schmücken konnte, wie eS sich zur Rückkehr des geliebten Sohnes eigentlich geziemt hätte."
„WaS sind alle Kränze und Blumengewinde der Welt gegen das Wort aus Deinem Munde: Sei willkommen, ich vergebe Dir, das Vergangene soll vergessen sein."
„Meine Mutter! Daß ich Dich noch einmal so nennen darf, das ersetzt mir viele Jahre eine» harten Lebens. Unverantwortlich habe ich gegen Dich gesündigt,aberglaube nnr^ch habe eS auch gebüßt."
L ?^ ein Freudenfest, so ungetrübt wie wenige
1Qu' Friede»Sheim begangen worden
a^^re Zeiten lagen hinter Henning von Ast, Not und Mißgeschick aller Art hatten ihn oft der Verzweif- lung nahe gebracht, doch waren die letzten Jahre seine» Diggerleben» in Kalifornien von günstigeren, Erfolg gekrönt gewesen. Er hatte sich ein kleine» Vermögen erworben, daS »hn befähigte, von nun an der Zukunft sorgenlos entgegen zu sehen.
„Ein» staub fest bei mir," bemerkte er im Laufe be# Tage» zu seiner Mutter, „entweder als gemachter Mann zurückzukehren oder gar nicht, denn ich war da draußen bald zu der Einsicht gelangt, daß er meine erste Pflicht se,, Dir den Anblick Deines Sohnes als eines Berkom- wenen zu ersparen. E» sollte jedoch besser werden. Da»
Leben hat mich arg gepackt, aber noch bin ich hinreichend frisch, um mich zu freuen über den Ruhehafen, in den ich einsegeln durfte. Sturm hatten wir übergenug, vielleicht folgen jetzt noch ein paar sonnige Tage, und wahrlich, sie sollen freudig begrüßt sein."
DaS klang tröstend. Dem feinen Ohr der Mutter aber entging nicht die darin enthaltene Leidensgeschichte des Sohnes. Immer wieder glitt ihr Blick verstohlen über seine Gestalt, und eine schmerzliche Rührung erfaßte sie. Ja, er war ein ganzer Mann geworden, wetterfest, gestählt im Sturm, doch hin und wieder sprach in unbewachten Momenten etwas Gebrochenes aus seiner Haltung, wie jemand, der zu lange mit übermenschlicher Kraft gestritten hat. Und Frau von Ast sagte sich: er hat zehn Jahre lang meine Liebe entbehrt, daS muß ich nachholen, wir wollen sehen, ob die vomOrkan zerzauste Eiche sich nicht erholt im Sonnenschein der Mutterliebe und der Heimat.
* ♦ *
Gegen Abend dieses OstersonntagS kam Graf Mender, dessen Werbung um Dora noch keinen entscheidenden Ver- lauf genommen. Er ärgerte sich, doch seine Leidenschaft blieb unverändert, und um seine Empfindlichkeit über ihr Schwanken zu verbergen, setzte er, als wäre nicht» geschehen, den ihm unentbehrlich gewordenen Verkehr mit den Damen fort.
An Frau Rektor Kürchner wurde einfach der Wagen gesandt, sie zu holen.
Henning hatte das in» Werk gesetzt und dem Kutscher nachdrücklich aufgetragen, ja recht deutlich zu bestellen, daß auch Fräulein Fürstner mitkomme.
Seine Mutter lächelte heimlich. Zweifellos Wilmas Art und Weise war nicht ohne nachhaltigen Eindruck auf ihn geblieben, sie gefiel ihm ausnehmend. Begeistert hatte er wiederholt von seinem Empfang im Rektorhause erzählt, der ihm so wohl getan. Und nach Art derMütterheiratS- fähiger Söhne begann sie während ihres nachmittäglichen Schlummerstündchen!» zu erwägen, ob nicht Henning auf
den Gedanken geraten würde, Wilma zu heiraten! Warum nicht? Sie würde die passendste Frau für ihn sein und ihren Sohn wahrhaft beglücken. Deshalb beschloß Frau Therese, sollte er in der Tat zu ernsten Absichten getan» gen, seine Werbung nach Kräften zu unterstützen.
Nach diesem Sonntage waren ungefähr drei Wochen vergangen, die Henning, wenige Tage, die er zu einer Reise nach Hamburg benutzte, ausgenommen, auf FriedenSheim verlebt hatte, als er eine» Morgens in da» Zimmer seiner Mutter kam.
„Ich möchte Dich um Deine Hilfe bitten," begann er, Platz nehmend und langsam bedächtig die erlaubte Zigarette anzündend. „Ihr Frauen versteht dergleichen am besten einzuleiten. Ich habe da» Alleinstehen satt und möchte mir den eigenen Herd gründen."
„DaS soll heißen," äußerte Frau von Ast gut gelaunt, „mein Sohn Henning wünscht sich zu verheiraten."
Er nickte. „ES wird Dir auch nicht schwer fallen, zu erraten, aufwen meine Wahl gefallen. ES ist Wilma Fürstner. Ich liebe dieser sympathische Mädchen und möchte ihr da» in einer ungestörten Stunde sagen."
„DaS kann geschehen, Henning, ich habe die» voraus- gesehen uub Dich merken lassen, daß Wilma alt künftige Schwiegertochter mir willkommen ist. Wie hast Du e» Dir mit dem ungestörten Aussprechen gedacht?"
„Ich habe noch etwaSBesondere» dabei im Hintergründe. UebrigenS will ich Dir bei dieser Gelegenheit nicht länger verhehlen, meine gute Mutter, daß ich den Plan gefaßt habe, mich dauernd auf meiner Besitzung bei St.FranziSko niederzulassen."
„Dir gefällt eS nicht mehr bei un» ? "fragte sie schmerzlich enttäuscht.
„Bei Dir gewiß, meine Mutter, immer," antwortete er, nachdenklich die Asche von seiner Zigarette streifend, „waS mir nicht gefällt, sind die Verhältnisse im lieben alten Deutschland; ich bin ihnen entwachsen und kann mich nicht mehr in sie hineinfinden." 140,18