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SchlüchternerMung

mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber, vierteljährliche Beilage:Unsere Heimat".

Erscheint Mittwoch und SamStag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg,

M 40.

Samstag, den 16. Mai 1908.

59. Jahrgang.

Deutsches Reich.

Das Kaiserpaar, der Kaiser von der Auerhahn- . jagd in Donaueschingen, die Kaiserin aus Straßburg kommend, ist am Montag abend in Karlsruhe einge­troffen und von dem Großherzogpaar von Baden herz­lich empfangen worden.. Ein zahlreiches Publikum begrüßte die Majestäten. In Karlsruhe stellte sich Prinz Wilhelm von Schweden mit seiner jungen Gemahlin seiner dort weilenden Mutter, der Königin von Schweden und Schwester des Großherzogs Friedrich, und dem deutschen Kaiserpaar vor. Am Mittwoch wohnte der Kaiser und die Kaiserin der Einweihung der Hohkönigsburg im Reichslande bei. Der Kaiser telegraphierte nach Detroit in Nordamerika:Lebhaft erfreut, daß auch in Detroit dem Dichterfürsten Schiller ein Denkmal von deutschen Händen errichtet ist, spreche ich dem Vorstände zur Enthüllung meine besten Glück­wünsche aus."

In Gegenwart des Kaiserpaares ist unter fest­lichem Gepränge die feierliche Einweihung der Hoh­königsburg bei Schlettstadt im Elsaß erfolgt. Auf eine Ansprache des Staatssekretär von Bethmann-Hollweg antwortete der Kaiser mit einer längeren Rede, in der er, anknüpfend an die Geschichte der Burg, auf den Gegensatz der Vergangenheit mit der Gegenwart hin- wies und mit den Worten schloß:Nun ist die Burg wieder Eigentum des deutschen Kaisers geworden und wird es will's Gott auch immer bleiben. Des zum Zeichen soll neben dem Wappen Karls V. mein kaiserliches Wappen hier am Haupttore prangen. Möge die Hohkönigsburg im Westen des Reiches, wie die Marienburg im Osten, als ein Wahrzeichen deutscher Kultur und Macht bis in die fernsten Zeiten erhalten bleiben und allen den Tausenden und Abertausenden, die nach uns zu diesem Kaisersitz heraufpilgern, ein pietätvoller Rückblick auf die Vergangenheil zur Freude und Belehrung dienen! Möge der Adler auf dem stolzen Bergfried seine Schwingen stets über ein fried­liches Land und ein glückliches Volk breiten!"

Der König und die Königin von Schweden werden am 31. Mai zu einem offiziellen Besuch des deutschen Hofes in Berlin eintreffen; die Abreise er­folgt am 2. Juni. An die Berliner Reise wird sich ein Besuch des dänischen Königshofes anschließen, der vom 3. bis 5. Juni dauert.

Prinz Max von Sachsen, der Bruder des Königs Friedrich August, Professor der Theologie an der Universität Freiburg in der Schweiz ist schwer erkrankt.

General v. Bock und Polach, kommandierender General des 8. Armeekorps, hat seinen Abschied ein­gereicht.

In Bezug auf den Sprachenparagraph des Vereinsgesetzes in den Reichslanden ist von der Re- gierung von Elsaß-Lothringen angeordnet worden, daß bei den Verhandlungen in öffentlichen Versammlungen der Mitgebrauch der französischen Sprache ausnahmslos zugelassen sein soll. In einzelnen Fällen ist der Be­zirkspräsident aber auch befugt, Ausnahmen in der Anwendung einer nichtdeutschen Sprache in öffentlichen Versammlungen zuzulassen, so daß beispielsweise die in den Reichslanden vorhandenen italienischen Arbeiter an dem Gebrauch ihrer Sprache nicht gehindert werden. Dadurch wird die Befürchtung einer Drangsalierung Fremdsprachiger, die bei den Reichstagsverhandlungen gerade bei den Vertretern Elsaß-Lothringens eine so große Rolle spielte, hinfällig. In Wirklichkeit existiert im Gebiete der Reichslande der Sprachenparagraph also gar nicht.

Eine zwar langsame, aber stetige Abnahme der Arbeitslosigkeit ist im Kaiserlich Statistischen Amte nach Angaben aus ben' Arbeiterverbänden festgestellt worden. Von den 52 Arbeiterverbänden, die im ersten Quartal 1908 an drei Zahltagen brauchbare Angaben über die Arbeitslosigkeit gemacht hatten, betrug die Arbeitslosigkeit am Schluß der vierten Quartalswoche 2,9 v. H., am Schluß der achten Quartalswoche 2,7 v. H. und am Schluß der 13. Quartalswoche 2,5 v. H. Wie diese Ziffern eine allmähliche Besserung erkennen lassen, so je ßt sich wieder, daß die Arbeits­losigkeit auch im letzten Vierteljahr nicht übermäßig bedeutend war. Von den 52 Verbänden standen an den verschiedenen Zahltagen 20 bis 22 Verbände über dem Durchschnitt, und 30 bis 32 standen unter dem Durchschnitt, über 3 v. H. an Arbeitslosen hatten an den einzelnen Zahltagen 17 bis 20 Verbände. Die Zahl der ermittelten Arbeitslosentage von 1968 130 verteilte sich auf 119 088 Einzelfülle von Arbeitslosig­keit. Bei nur 37 Verbänden war im ersten Viertel­jahr 1908 die Durchschnittsdauer der Arbeitslosigkeit höher als im gleichen Zeitabschnitt vergangenen Jahres.

Das Interesse derGenossen" an den Land­tagswahlen scheint nicht besonders groß zu sein; denn derVorwärts" klagt, daß eine sozialdemokratische Versammlung in Spandau, die zum Zwecke der Agi­tation für die bevorstehende Landtagswahl abgehalten wurde,bedauerlicherweise nicht so besucht war, wie Ulan es in Rücksicht auf die Wichtigkeit der Angelegen­

heit erwarten sollte. Es war schade, daß die wuchtigen Anklagen, welche derGenosse" Fendler in seinem Referat gegen das elendeste aller Wahlrechte, gegen das preußische Landtagswahlrecht, erhob, nur von etwa 200 Personen gehört wurden."

Eine richtige Antwort hat der im Kreise Königs­berg wieder aufgestellte bisherige Landtagsabgeordnete Justizrat Gyßling den Königsberger Sozialdemokraten gegeben, die an ihn eine schriftliche Anfrage über seine Stellung zur Wahlrechtsfrage gerichtet hatten. Ju­stizrat Gyßling hat daraufhin in seinem Schreiben an das sozialdemokratische Wahlkomitee dargelegt, er lehne es ab, dem Komitee eine Erklärung abzugeben.

Die Königliche Ansiedlungskommission hat aus polnischer Hand das 144 Hektar große Gut Maniewo im Kreise Obornik gekauft. In diesem Kreise hat die Kommission bis jetzt im ganzen 46 000 Morgen käuf­lich erworben, von denen 39 500 Morgen an 540 Ansiedlerfamilien und an eine Anzahl Arbeiterfamilien mit einer Seelenzahl von 4100 begeben worden sind. Die Ansiedler stammen zumeist aus den Provinzen Westfalen, Hannover und Brandenburg; zum Teil sind es auch Rückwanderer aus dem Auslande.

In der juristischen ZeitschriftDas Recht" läßt sich der Amtsrichter Dr. Schmidt-Altenburg über die Berufung von Sozialdemokraten zu Schöffen und Geschworenen aus. Er schreibt u. a.:Ungeeignet sind auch solche Personen, die einseitig, schroff, rück­sichtslos in agitatorischer, verhetzender Weise politische Interessen verfolgen. Und das würden insbesondere bei der jetzigen politischen Lage, bei dem Terrorismus, der im sozialdemokratischen Lager herrscht und von sich alles abhängig macht, in erster Linie die Partei­führer, die Abgeordneten, Agitatoren, die sozialdemo­kratischen Parteiredakreure und Mitarbeiter sozialdemo­kratischer Zeitungen fein; denn diesen ist infolge ihrer Abhängigkeit von der Parteileitung das Urteil getrübt."

Ausland.

Zur Einschränkung der Auswanderung aus Ungarn hat der Minister des Innern Andraffy dem Abgeordnetenhause eine Gesetzesvorlage unterbreitet. Die Vorlage erkennt das freie Recht der Auswander­ung an, bezweckt jedoch, die Verleitung jur Auswander­ung zu verhindern und streng zu bestrafen. Demge­mäß wird den Schiffsgesellschaften, die den Aus­wanderertransport betreiben, verboten, im Innern des Landes Agenturen zu errichten und durch Anpreisungen und Plakate zur Auswanderung zu verleiten. Die

Hdl- Kerzen.

Roman von Erwin Friedbach. 44

»So einnehmend, wie er in Wirklichkeit war, hatte Wnma ihn kaum nach seinem Bilde sich vorgestellt, und bedeutete viel. War eS das Fremdartige oder die Sympathie des eigenen Herzens, was in nie zuvor emp* funbener Weise sie zu diesem Manne zog?"

Wenn Herr von Ast das Vertrauen zu mir haben sollte, wird eS eine besondere Ehre für mid) sei», eine so freudige Botschaft nach FriedenSheim zu bringen," ant- wortete sie mit einer Befangenheit, die sie noch jugendlicher und anziehender erscheinen ließ.

Sie müsse» nämlich wisse», Herr v. Ast," warf Frau Rektor ein, die keine Gelegeilheit versäumte, ihren Schütz- lmg nachKräftellherauSzustreiche»,daß Fräulein Wilma niemals besser in ihrem Elemente ist, als wo es gilt, anderen zu helfe»» oder wohlzutun."

Die Erfahrung habe ich bereits an mir selbst ge­macht, erwiderte er, Wilma noch immer, als trenne er sich ungern von ihrem Anblick, musternd.Frau Rektor hat da» Rechte getroffen, ich dalike Ihnen, Fräulein Fürst- ^»^lchemt, als habe das Schicksal Sie.bestiinmt, dem »Emüden Wanderer eine gütige Fee zu sein. Kaum habe lch den heimatlichen Boden betreten, und schon ist eS mir vergönnt, Ihnen für den zweiten FreulldschaftSbeweiS dan­ken zu dürfen. Wer wie ich ein wenig Fatalist da drau­ßen geworden, sieht darin sicherlich ein guteS^Omen."

Beflügelten Schritte» eilte Wilma bald darauf den Weg zum Schlosse hin. Die stille, noch unter dem blitzen- den Tau de» Morgens ruhende Heide, die so friedselig unter bem blauen Himmel dalag, erschien ihr heute ver- ändert. Nicht allein der hohe Feiertag und der Früh- lingSeinzng lachte ihr aus allem entgegen, es war noch etwas anderes, das wie die Poesie eines köstlichen Ber- sprechen» aus der ganzen Natur strahltet die Ahnung eines

unbekannten Glückes, das nun komme»» würde oder schon gekommen war.

Und diese Glücksverheißung lag noch auf ihrem Ant­litz, als sie in Frau von Asts Zimnrer trat, wo auch Dora und Rosaumnde anwesend waren.

Fränlein Wilma ist etwas außerordentlich Gute» wi­derfahren," sagte grau von Ast nach herzlicher Begrü- ß»»g lächelnd.Ihr Gesicht leuchtet ja förmlich, als hät­ten Sie uns eine Verlobung zu verkünden."

Wilma lachte.Nein, diese Ehre bleibt mirfürS erste noch Vorbehalten, was mich herführt, ist eine^ Nettigkeit anderer Art. Ich hatte nämlich einen so unvergleichlich schönen Traun», daß ich mir gleich nach bem Erwachen vornahm, herzugehen und ihn zu erzählen."

Die Damen sahen sich nach dieser Mitteilung ein wenig enttäuscht an. Nur ein Traum! Wenn Wilma nichts Wich­tigeres zu berichten wußte, hätte sie sich ihre große Eile ersparen können.

Dora meinte:Du pflegst doch sonst Deinen Träumen nicht solche Bedeutung beizumessei», da muß eS allerdings etwas Bechnderes fein."

Das ist es auch," behauptete Wilma strahlend,et­was ganz Besonderes! Es gibt Träume, die uns ein ge­treues Spiegelbild dessen zeigen, waSüber kurz oder lang verwirklicht an uns Herantritt. Ein solches Spiegelbild habe ich heute am heiligen Ostermorgen gesehen, Frau von Ast, Sie dürfte es vor allem interessieren; darf ich erwählen?"

Bitte, Fräulein Wilma, jetzt haben Sie unsere Neu- gierde in hohem Grade erregt."

Also, mir träumte," begann Wilma mit vor Bewe­gung zitternder Stimme, während ihre Angen in der Er- inner»ng zu lesen schiene»,es wareinsonnenklarerMor« gen, ein hoher Feiertag, und ich beschäftigt, im Garten die ersten Frühlingsblumeii zu pflücken, als hinter der Dornenhecke die Schritte eines Mannes hörbar werden. Ein Besuch, denke ich, und nähere mich der Pforte, um zu öffnen. Da steht ein hochgewachsener, vornehmer Herr,

dem man sofort ansieht, daß er lange in der Fremde lebte Sein Gesicht ist gebräunt, und au» den blauen Augen blitzt eS mich so mächtig an, daß ich ihn immer ansehen muß, erstaunt, verwirrt, bis er fragt, ob ich ihn denn kenne, er wolle nach Schloß FriedenSheim, eS sei alle» hier ver­ändert, ich möge ihn» den Weg doch zeigen."

Ich glaube," sagte Frau von Ast ernst,Sie sahen im Traume meinen Sohn Henning; und er wollte hierher ? "

Ja," entgegnete Wilma aufatmend,er war es und wollte hierher nach FriedenSheim; unb so lebenswahr sah ich ihn vor mir, daß eS meine feste Ueberzeugung ist, dieser Traum verwirklicht sich schon in den nächsten Tagen."

DaS ist doch wohl ein wenig zu viel behauptet," warf Rosamunde ein, die ihrer Schwiegermutter keine vergeb- liche Hoffnung bereitet sehen wollte.

Es ist nicht zu viel behauptet, "entgegnete Wilma küh- ner,wenn der Traum sich nun schon verwirklicht hätte? Es war ein Fremder bei unS, liebe gnädige Frau," fügte sie gegen die alte Dame gewendet hinzu,der Grüße brächte von Ihrem Herrn Sohn und recht, recht frohe Nachrichten."

Die Blicke der beiden Frauen ruhten in einander, schwei­gend, ausdrucksvoll. Dann legteFrauTheres« ihre Rechte schwer auf Wilina» Arm.Sprechen Sie offen, ich kann es jetzt ertragen; es ist mein Sohn, der bei Ihnen im Rek- torhause war."

Er ist bei uns, wohl und zufrieden, und sendet mich, Ihnen seine ersten Grüße zu bringen."

Frau von Ast lehnte das bleiche Haupt zurück. Eine feierliche, tiefbewegte Pause folgte.Mein Gott, ich danke Dir, daß mir diese Stunde noch vergönnt wurde. Wilma, sagen Sie meinem Sohne, er möge kommen, seine Mut­ter erwartet ihn."

Liebe, verehrte, gnädige Frau, nun begreifen Sie, mit welchen Gefühle» ich hierher zu Ihnen geeilt bin, solche Botschaft im Herzen, und doch erst einen Umweg erklügeln müssen, sie anznbringen! Verzeihen Sie, daß ich eS nicht geschickter vollführte." , j.40,18