— In PrzemhÄ veranstalteten rutheuische Gym- nasiasten eine nächtliche Kundgebung durch Schmähruse auf den ermordeten Statthalter Grasen Polocki und Hochrufe auf den Mörder Siczynski. Sie verhöhnten einen Polizeibeamten, der sie zur Ruhe wies, so daß dieser sie durch Drohen mit Dem Revolver in die Flucht jagen mußte.
— Nach einer Meldung aus Rabat haben fanatisch erregte Volkshaufen einen Angriff auf die europäischen Postämter in Fez gemacht und sie zu zerstören versucht Das deutsche und das englische Postamt waren ge» schloffen, so daß die Menge nur die außen angebrachten Briefkästen zertrümmern konnte. Auf der französischen Post wurde alles in Stücke geschlagen. Ein Briefträger und ein Soldat des französisches Konsulats wurden mit dein Tode bedroht. Die Behörden sprachen auf dem französischen Konsulat ihr tiefes Bedauern über das Geschehene aus und verhafteten die Schul» digen.
Lokales und ProvinMes.
Schlüchtern, 1. Mai J908.
. —* Die Witterung im Mai soll uns dem 100jähr. Kalender zufolge im ersten Drittel des Monats schöne warme Tage, ja sogar Hitze, vom 13.—23. aber Regenfälle und Kälte bringen. Vom 25.-27. steht trübes Wetter, vom 28.—29. Kälte in Aussicht. Die beiden letzten Tagen sollen dann wieder schön und warm sein. Der Astronom Bürgel, der bekanntlich in den Fußtapfen Rudolf Falbs getreten ist, prophezeit im Gegensatz zum hundertjährigen Kalender für Die ersten vier Tage des Wonnemonds kühles, stürmisches und regnerisches Wetter, dann aber soll es besser werden, sich aufhellen und eine höhere Temperatur soll eintreten. Vom 10. Mai ab ist nach Ansicht Bürgels auf veränderliche Witterung zu rechnen, die etwa bis zum 19. des Monats anhält. Von da ab soll es dann langsam besser werden, Vorn 23. Mai bis Ende des Monats aber soll es schön sonnig, warm und heiter sein. Wir wollen nun sehen, wer recht hat!
—* Der Bahnbau Schlüchtern-Flieden wird noch im Monat Mai unter der Leitung des Herrn Baurat Lieser beginnen, der Tunnel wird von der Schlüchterner Seite in Angriff genommen, im Tunnel ist eine Steigung von 1 zu 200 vorgesehen. Die Baugeleise werden in der Nähe des Bahnüberganges an der Fuldaerstraße an die jetzige Hauptbahn angefchlossen, der Schutt wird nach Fulda gefahren und für den Güterbahnhofbau benutzt. Auf dem Baugelände vor dem Tunnel wird ein Wohngebäude für ungefähr 10 Baubeamte errichtet, ebenso die übrigen Bauten für die Arbeiter und für den Betrieb.
—* Das Anwesen der Witwe des verstorbenen Metzgers Jean Denhard in der Brückenauerstraße ist zum Preise von 36000 Mark an den Metzger und Wirt Leonhard Kohlhepp in der Schloßgasse übergegangen.
—* Neuerungen im Gepäckverkehr treten mit dem 1, Mai d. I. in Krast. Es entstehen vielfach Ver» teuerungen der Gepäckfracht dadurch, daß der Reisende direkte Fahrkahrten bis zur Zielstation nicht erhalten kann. Um diese Verteuerung zu beseitigen, treten folgende Aenderungen ein: Bisher durfte Reisegepäck nur gegen Vorlegung von Fahrkarten und nicht über die Bestimmungsstation der Fahrkarten hinaus angenommen werden. Dieser Grundsatz wird im allgemeinen aufrecht erhalten. Nachgelassen ist jedoch, daß Reisegepäck zu den Gepäcksätzen auch nach einer über die Bestimmungsstation der vorgelegten Fahrkarte Hinausgelegenen Station abgefertigt werden kann, wenn der Reffende mangels durchgehender Fahrkarten bis zu dieser Station Fahrkarten nach der zur Lösung neuer Fahrkarten geeigneten weitestgelegenen Station vorlegt. Um nun den Reisenden, die noch zur Um» abfertigung ihres Gepäcks gezwungen sind, gleichfalls die Vorteile zu bieten, auf welche sie bei direkter Abfertigung Anspruch gehabt hätten, ist bei der Umab» fertigung für die Reststrecke nur noch der Unterschied zwischen der Fracht, die bei direkter Abfertigung für die ganze Strecke zu erheben gewesen wäre, und der bis zur Umbehandlungsstation bereits erhobenen Fracht einzuziehen. Es wird z. B. die Abfertigung einer Sendung von 124 Kg. auf zwei Fahrkarten von N. nach C. verlangt. A. hat auch dorthin keine direkten Sätze und fertigt nach B., 215 Kilometer, Zone 5, ab. Die Fracht beträgt 5.50 Mark, die Entfernung B--C. beträgt 123 Kilometer, die Gesamtentfernung demnach 338 Kilometer, Zone 7. Die Fracht bei direkter Ab fertigung würde betragen 8 Mark, erhoben sind für A.—B. 5.50 Mark, demnach sind für B.—C. noch zu erheben 2.50 Mark. Zu den Sätzen des Expreßguttarifs kann Reisegepäck auch ohne Vorlegung von Fahrkarten aus Gepäckscheine abgefertigt werden, wenn die Entfernung mehr als 25 Kilometer beträgt. Das vereinfachte Gepäckabfertigungsverfahren wird auch im Verkehr mit dem dem deutschen Eisenbahnverkehrsver- bande angehörenden Bahnen für Sendungen der Vorstufe eingeführt. Bei telegraphischer Vorausbestellung von Fahrkarten und Gepäckscheinen sind die Depeschen- gebühren künftig stets vom Reisenden zu tragen.
—* Ernannt: der Landgerichtrat Dr. Köhler in Cassel zum Landgerichtsdirektor bei dem Landgericht in Saarbrücken, der Landgerichtsrat Winneberger in Hanau zum Amtsgerichtsrat in Altkirchen. — Etatsmäßig angestellt: als Postassistenten der Postanwärter Lecher in Schlüchtern. — Versetzt: der Postverwalter Röttcher von Flieden nach Sterbfritz, der Ober-Postassistent Kreß von Schlüchtern (Bez. Cassel) nach Fulda. — Verliehen: dem Regierungsrat Koehler zu Cassel und dem Oberlandmesser Lippert zu Marburg der Rote Adlerorden 4. Klasse, dem Hauptlehrer Vonderau an den dompsarrlichen Schulen in Fulda das Prädikat „Professor".
—* Die diesjährige Abgeordnetenversammlung des kurhesf. Kriegerbundes findet am 27. Juni in Roten- burg a. F. statt.
—* Wie schon jetzt feststeht, finden im August bezw. September d. Js. die Divisionsmanöver des 18. Armeekorps diesmal in dem Gelände der Kreise Biedenkopf, Wittgenstein, Siegen und Olpe statt und dürfte diese Gegend voraussichtlich umfangreiche Einquartierung zu erwarten haben. Am Mittwoch fand bereits seitens einiger Stabsoffiziere aus Darmstadt eine Geländebesichtigung im Kreise Biedenkopf statt, die sich auch auf die anderen Kreise erstrecken dürfte.
—* Vergangenen Sonntag, den 26. April wurde die auf die neugegründete Gemeindepflegestation in Elm berufene staatlich geprüfte Pflegeschwester Christine Royla im Gottesdienst eingeführt und der Gemeinde vorgestellt. In seiner Predigt aufgrund des Schriftwortes Röm. 16, 1 und 2 wies der Ortspfarrer darauf hin, daß dieser Sonntag unter dem Zeichen der Inneren Mission stehe, da man im ganzen evangel. Deutschland in der vorhergehenden Woche, den 21. April, der 100jährigen Wiederkehr des Geburtstags Joh. Hinrich Wicherns, des Herolds der Inneren Mission, gedacht habe. Auch die Gemeinde Elm solle die Segnungen eines wichtigen Zweiges der Inneren Mission, der Diakonie, erfahren. Was die Gemeinde seit lange erstrebt und gehofft, sei nun erfüllt. Er beleuchtete dann an der Hand des Textes das gegenseitige Verhältnis von Gemeindeschwester und Gemeinde. Die Schwester solle sein eine Dienerin Jesu Christi, des größten Diakonen, aber als solche auch zugleich eine Dienerin seiner Gemeinde. Dieser Dienst demütigt sie vor Gott, aber er adle auch alle ihre Arbeit, auch die geringe und unscheinbare. Die Gemeindeglieder ermähnte der Prediger die Schwester nicht nur freundlich, sondern auch in dem Herrn aufzunehmen. Letzteres könnten nur diejenigen, welche selbst in Lebensgemeinschaft mit diesem Herrn stehen, der nicht kam, um sich dienen zu lassen, sondern zu dienen und zu geben sein Leben als Lösegeld für viele. Der Gesang des Liedes „Jesu, geh voran", gesungen von den neu Confirmierten unter Leitung des Herrn Lehrer Beck, trug zur Verschönerung der einfachen ernsten Feier bei. Es verdient erwähnt zu werden, daß auch die verdiente Leiterin des deutschen Landpflegeverbands Fr. Gräfin zur Lippe unter den Festgästen erschienen war. Die neue Pflegestation Elm bezieht aus so viel Hilfsquellen (aus dem Diöcesanverein für Innere Mission, dem Vaterländischen Frauenverein, dem Bezirksverband, der Landesversicherungsanstalt und anderen) reiche Zuschüsse, lodaß die politische Gemeinde jährlich nur 250 Mark in Baar zur Erhaltung der Gemeindepflege beizusteuern braucht. Den eifrigen Bemühungen des Herrn Landrat Valentiner ist es gelungen auch von der Königlichen Eisenbahn- direktion eine jährliche dauernde Beihilfe von 100 Mk. zu erwirken. Daß mit Rücksicht aus die große Einwohnerzahl der Gemeinde Elm und die eigenartige Zusammensetzung ihrer Bevölkerungsschichten die Einrichtung einer Gemeindepflege notwendig war und mehr und mehr als ein Segen empfunden werden wird, dürfte keinem Zweifel unterliegen. Gott wolle die gute Sache weiterhin fördern zum Segen der ganzen Gemeinde!
* Unter der Führung der auf dem Frankfurter Tag der Liberalen Vereinigung aus dieser ausgetretenen Herren Dr. Barth, Dr. Breitscheid und Gerlach ist in einer Versammlung des Sozialliberalen Vereins in Berlin beschlossen worden, eine neue demokratischliberale Partei zu gründen. Nun wird diese Partei es als eine ihrer Hauptaufgaben betrachten müssen, den Unterschied zwischen ihr und der Liberalen Vereinigung richtig klar zu machen, d. h. die letztere ordentlich zu bekämpfen. Na, dann ist ja wieder ein Baustein mehr zur deutschen Einigkeit geliefert.
* Das 11. Deutsche Turnfest in Frankfurt a. M. Der am Sonntag, den 19. Juli stattfindende Festzug verspricht der großartigste zu werden, was auf diesem Gebiete in Deutschland geleistet wurde. Der Zug hat eine Länge von 7 Kilometern und zerfällt in drei Hauptabteilungen: 1. einen historischen Teil, darstellend die Entwickelung der Leibesübnngen vom Altertum bis zur Neuzeit (in kulturgeschichtlichen Trachtengruppen mit über 500 kostümierten Personen und 100 Pferden gestellt vom Artillerieregiment Frankfurt, 2. die Turnerschaft, in Gaue geteilt, jedem Gau sämtliche Fahnen voraus, 5000 geschlossene Achterreihen (40,000 Turner), 3. die bürgerliche Zeit, die
Junüttgeu, Vereine und sonstigen Körperschaften bet Stadt Frankfurt mit ihren Bannern, Emblemen, Prunkwagen und charakteristischen Trachten. Außer- deut wirken im Festzuge mit 30 Militärmusikkapellen, mehrere Zivilkapellen und Bataillonstamborkorps.
* Die sozialdemokratische Parteileitung in Frankfurt hatte beim Polizeipräsidium um die Erlaubnis zur Veranstaltung eines Festzuges durch die Stadt am Tage des Maiwaldfestes (3. Mai) nachgesucht. Die Erlaubnis wurde versagt, Da aus der Abhaltung des Aufzuges Gefahr für Die öffentliche Ordnung und Sicherheit zu befürchten sei.
* Fulda. Während scharfer Gewitter in der Nacht zum Sonntag erschlug der Blitz auf dem Ehrlichshof bei Marbach zwei Ochsen.
* Der Kaiser wird Anfang Mai zum Besuch des Grafen Görtz in Schlitz erwartet. Hier gedenkt der hohe Gast in den ausgedehnten Waldungen um Willofs, Schlitz und am Eisenberg der Auerhahnjagd obzuliegen. Zahlreiche Vereine, Krieger-, Gesang- und Turnvereine und Feuerwehren aus Dem Schlitzer Land, sowie die hiesigen Schulen werden an der Begrüßungsfeier am Bahnhof teilnehmen.
* Am Lehrerinnenseminar in Rotenburg haben Aufnahmeprüfungen stattgefunden. Es sind 30 Semi- naristinnen ausgenommen. — In der Präparanden- schule wurden 14 ausgenommen.
Die Stickstoffdüngung im Frühjahr.
Die Ackerböden Deutschlands sind zumeist an Stickstoff sehr arm; überall wird daher die Zufuhr löslicher Stickstoffverbindungen oft von geradezu sichtbaren Erfolgen begleitet sein. Das Helle Grün der Wintersaaten, der Wiesen und Weiden, ist dem Landwirt ein untrügliches Zeichen, daß es an Stickstoff fehlt.
Für die Stickstoffdüngung kommen hauptsächlich zwei Düngemittel in Betracht: das schwefelsaure Ammoniak und der Chilesalpeter.
Der Stickstoffgehalt des schwefelsauren Ammoniaks beträgt 20,2 bis 20,6%, während der Chilesalpeter nur 15 bis 15,5% Stickstoff enthält, sonach werden jbem Boden mit 75 Kilo schwefelsaurem Ammoniak die gleichen Mengen Stickstoff zugeführt, wie durch 100 Kilo Salpeter.
Für den praktischen Landwirt kommt bei der Auswahl des Stickstoffdüngemittels in erster Linie aber der Preis in Betracht, deswegen ist der Umstand von besonderer Bedeutung, daß feit längerer Zeit der Stickstoff im schwefelsauren Ammoniak um etwa 25—30% billiger zu kaufen ist, wie im Salpeter.
An der Hand praktischer Beispiele bedeutet das etwa folgende Ersparnis durch die Anwendung des schwefelsauren Ammoniaks:
Direktor Bachmann in Apenrade erntete im Mittel von 7 Kopfdüngungsversuchen zu Winterroggen pro ha :
durch 214,51 Kilo Ammoniak, die 47,19 Mark kosteten,
2635 Kilo Körner, 5006 Kilo Stroh, durch 285,71 Kilo Salpeter, die 57,14 Mk. kosteten, 2201 Kilo Körner, 5528 Kilo Stroh.
Durch die Ammoniakdüngung wurde gegenüber der Salpeterdüngung, ein Mehrgewinn im Geldwerte von 75,10 Mk. erzielt.
Es ist nur bei der Anwendung von schwefelsaurem Ammoniak ein Umstand zu beachten.
Das schwefelsaure Ammoniak wird im Boden in Salpeter verwandelt und dieser Vorgang beansprucht je nach der Bodenbeschaffenheit, der Wärme und Feuchtigkeit längere oder kürzere Zeit.
Aus Diesem Grunde ist das schwefelsaure Ammoniak etwa 14 Tage eher als der Salpeter in den Boden zu bringen.
Unter Beachtung dieser Maßregel kann das schwe» felsaure Ammoniak zu allen Früchten ebenso gut wie der Salpeter angewendet werden.
Herr Rittergutsbesitzer Müller in Rogosawe (Schl.) schreibt in der Deutschen landwirtschaftlichen Presse über seine siebenjährigen praktischen Erfahrungen mit der Ammoniakkopfdüngung:
„Auf dem Versuchsstück sahen die Chiliparzellen aus, als wären sie mit Heller Farbe angestrichen, während die Ammoniakparzellen dunkelgrün und kraftstrotzend dastanden. Stets ergab der Erdrusch beim Chilisalpeter ein minno, — trotz Kalkarm ut."
Den Winterfrüchten gibt man pro ha 75 -100 Kilo schwefelsaures Ammoniak. Den Sommerfrüchten, Halmfrüchten und Hackfrüchten gebe man das schwefelsaure Ammoniak ebenfalls in ganzer Menge einige Zeit vor der Saat bezw. vor dem Pflanzen.
Nach Dem Ausstreuen ist das Salz einzueggen. Die Sommerhalmfrüchte — besonders Dem Hafer gebe man reichlich Stickstoff — erhalten enva 100—150 Kilo schwefelsaures Ammoniak pro ha. Die Kartoffeln bekommen je nach der Stärke der Stallmistdüngung 200—300 Kilo; Rüben bis 500 Kilo schwefelsaures Ammoniak.