sozialpolitische Generaldebatte geschlossen und die nicht weniger als 28 Resolutionen erledigt. Bei der Ab« stimmung, bei der sogar noch ein Hammelsprung notwendig wurde- wurden die Resolutionen der Sozial- demokraten abgelehm, während hr, Forderung des Verbots der Sonniagsarbeil tu Gra-^ntien angenommen wurre. Lamiliche andern Resolutionen wurden ange- nou.mrn u^n der nationallieberalen über Erhebungen über Mardestpreise im Handwerk, welche durch die Ännahme einer anderen Resolution gegenstandslos geworden war. Dann wurde die Spezialdebatte begonnen. — Der Reichstag setzte am Donnerstag die zweite Beratung des Etats für das Reichsamt des Jnnernn fort. In der im allgemeinen unwesentlichen Debatte wurden zahllose Einzelheiten erörtert. Von der Seefischerei ging es über die Zentrale für Volkswohlfahrt zum Agrarinstitut in Rom und von dort zn einer ausführlichen Besprechung der sozialdemokratischen Behauptung, oaß bei der Festsetzung von Renten rigoros verfahren werde. Die Beratungen wurden in einer Abendsitzung fortgesetzt. — Am Freitag wurde das Kapitel „Reichsgesundheitsamt" und die dazu eingebrachten Resolutionen, die die Kosten der Fleischbeschau den Bundesstaaten auferlegen und den Kleinhandel mit Essig und essigsäurehaliigen Flüssigkeiten einschränken wollen, angenommen. Beim Kapitel „Patentamt", das ebenfalls angenommen wurde, äußerte sich Staatssekretär v. Bethmann Hollweg über verschiedene in der Debatte gestellten Fragen.
— Das preußische Abgeordednetenhaus trat am Dienstag in die erste Lesung des Gesetzentwurfs über den Bau des masurischen Kanals ein. Nachdem Minister Breitenbach die Vorlage zur Annahme empfohlen und die Hoffnung ausgesprochen hatte, daß der Kanal der ganzen Provinz Ostpreußen zum Segen gereichen werde, und nachdem zahlreiche, namentlich ostpreußische Redner der Regierung für die Einbringung der Vorlage Dank ausgesprochen halten, wurde die Vorlage an eine 21gliedige Kommission verwiesen. Dann wurde die Etatsberatung fortgesetzt, bei der auf mehrere Anregungen aus dem Hause Finanzminister Frhr. v. Rheinba^n erklärte, daß er dem Gedanken auf Erweiterung des Rechts, mit Rücksicht auf die Kinderzahl Abzüge von der Steuer zu machen, näher zu treten geneigt sei. Die weitern Debatten boten nichts Bemerkenswertes. — Am Mittwoch gab bei der Beratung der vier Interpellationen über die Beamtenbesoldungsfrage der Vizepräsident des Staatsministeriums v. Bethmann-Hollweg die Erklärung ab, die Finanzlage in Preußen lasse sich erst nach Fertigstellung der Fluanzreform im Reiche übersehen. Doch werde die preußische Regierung die später einzubringende Beamtenbesoldungsvorlage mit rückwirkender Kraft vom 1. April 1908 ab ausstattett. Da die Erklärungen des Reichsschatzsekretärs im Reichstage im Grunde genommen die Frage auch schon für die preußischen Beamten entschieden hatten, konnte die Debatte naturgemäß irgend etwas Neues nicht mehr ergeben.
Ausland.
— Aus Deutsch- Südwestafrika wird amtlich gemeldet, daß eine deutsche Patrouille, die aus einem Serganten, drei Reitern und zwei Eingeborenen bestand, bei Kubub (zwischen Koes und Gozis am Westrand der Kalahari) von etwa 25 Hottentotten erschossen worden ist. Der nach Norden abziehende Gegner wird durch Oberleutnant Müller mit 26 Reitern verfolgt. Auch in diesem Falle dürfte es sich, wie bei den früheren Ueberfällen in jener Gegend, um Leute Simon Coppers handeln. Von dem Kommando der Schutztruppe sind die erforderlichen weiteren Maßnahmen zur Unschädlichmachung der erwähnten Banden in die Wege geleitet.
— Zur Verstärkung des militärischen Schutzes der deutschen Einwohnerschaft sind in Sosnowice (Russisch Polen) fünf Kompagnien eingetroffen. Es herrscht bei den Polen großer Unwille darüber, daß die Militärkosten der Bürgerschaft auferlegt werden.
- Nach zweitägiger Verhandlung über das Landpachtgesetz für Schottland, das vom englischen Unterhause mit großer Mehrheit angenommen worden ist, wurde vom Oberhause mit 153 gegen 33 Stimmen eine Resolution angenommen, in der die Hauptbedenken des Oberhauses gegen die Vorlage aufgeführt werden, und in der es abgelchnt wird, der Vorlage in ihrer jetzigen Form zuzustimmeit.
— Nach einer Meldung des französischen Generals WAmade über die Vorgänge in Marokko hat die vollständige Niederlage der Mzab eine bedeutende Wirkung gehabt. Der General hat mesrere eigenhändige Schreiben von Mulay Hafid und den Führern seiner Muhallas erhalten, in denen sie um Aufschub der Operationen nachsuchen und um Frieden bitten. Außerdem haben die beiden Minister Mulay Hafids, El Glaui und Tugi, ihre Unterwerfung jetzt in aller Form angeboten.
— Die Lage in Verfielt ist noch immer nichts weniges als beruhigend. Vier Geschütze und 100 Kosaken sind nach Veramin bei Teheran abgegangen, um eine Ansammlung von Bewaffneten zu vertreiben, die das Parlament stürzen wollen. In Schiras vermehren sich die Unruhen. Der Emir Bahadur, der reaktionäre Chef der Leibgarde, wurde bei einem Attentat verwundet.__________________________________
Lokales und Provinzielles.
Schlächtern, 17. März 1908.
—* Am Dienstag, den 31. März cr., vormittags lO’/s Uhr findet im „Hotel Stern" hierselbst ein Kreistag statt.
—* Der hiesige Zweigverein des Evangelischen Bundes hielt am Sonntag in der „Turnhalle" seinen zweiten Familienabend im Winterhalbjahre ab. Wieder waren die Räume überfüllt, und begehrten viele vergeblich Einlaß, obwohl man die Tische aus dem Saale entfernt hatte. Obwohl dieser Andrang mit Recht als Zeichen dafür angesehen werden darf, welch außergewöhnliches Interesse man dem Bund und seinen Veranstaltungen in unseren Gemeinden entgegenbringt, so werden doch vom nächsten Male ab nur Mitglieder des Bundes und deren nächste Angehörige Zutritt haben, weil diesen selbstverständlich der Besuch der Abende in erster Linie ermöglicht werden muß. Das Programm des Abends war ein überreiches. Wie schon der Vorsitzende, Herr Pfarrer Rollmann, in seiner gehaltvollen Eröffnungsansprache betonte, war das Thema des Abends: „Glaubensfreiheit!" und der Grundton, der bei sämtlichen Darbietungen durchklang, das Bekenntnis: Die Freiheit der Ueberzeugung ist das heilige Erbe der Vätex, eine Freiheit, die als einzige Schranke die Gebundenheit an Gottes ewiges Wort kennt und freiwillige Unterwerfung unter seine Forderungen verlangt. Dann chwindet das Menschengebot, das sich zwischen Gott rnd die Seele drängt und damit jegliche Knechtung der Gewissen. Den Kampf für diese Freiheit der Gewissen lehrte uns Herr Seminarlehrer Geisel kennen in seinem meisterhaften Vortrag über jenen mutigen Ritter und Zeitgenossen der Reformatoren, dessen Stammburg in ihren Resten noch heute in unser Heimattal hineingrüßt: Ulrich v. Hütten. Gespannt lauschte die große Versammlung den interessanten Schilderungen des Vortragenden aus dem Leben und Streben jenes glühenden Patrioten und Mannes des Schwertes und der Feder, auf den unser Vaterland stolz sein darf trotz aller Fehler und Schwachen, die dem Kinde jener Kampfzeit anhaften. Und wir erst recht, denn erlist ein Sohn unsrer Berge, den wir aus seiner Zeit heraus verstehen müssen, wenn der eiserne, leidenschaftliche Freiheitsfanatiker dem Menschen der Gegenwart fremd erscheinen will. Gar manchen aber hat am Sonntag abend das sturmbewegte Leben Huttens, dessen Bild Herr Geisel vor uns aufrollte, gefesselt und tief ergriffen; denn es war ein Leben, das trotz aller Mängel für Ideale gelebt ward, von da ab, da er der Klosterschule zu Fulda entlief, bis dahin, als fern der Heimat die sinkende Sonne seines Lebens die guten und bösen
Schatten der Vergaugenhelt weckte und das von heißer Leidenschaftlichkeit durchlobte Leben so früh, so arm, so einsam ausklang und unser Ritter zur letzten Ruhe ging. — Aber auch, was Leiden und Dulden für Glaubens- und Gewissensfreiheit zur Zeit der Väter bedeutete, durften wir am Sonntag abend schauen. Geheimrat Friedensburgs evangelisches Festspiel „Treu Herr, treu Knecht" wurden von Seminaristen, gleichfalls unter Leitung des Herrn Geisel, aufgeführt. Wieder hatten die Herren Detloff, Erbes, Eckerl, Heilmann, Junge, Volkmar, Walter — noch von Kaisers Geburtstag her unvergessen — die Hauptrollen übernommen und bot ihr sehr gewandtes Spiel ein packendes Bild aus der Notzeit der reformierten Kirche Frankreichs, als viele Protestanten lieber ihr Leben ließen und Edelmann und Bauer, Herr und Knecht, lieber gemeinsam das Vaterland verließen, als ihrem Glauben untreu wurden. — Der Bund und seine Gäste sind den Herrn Seminaristen für die schönen Gaben des Abends, Festspiel und Deklamationen, und alle gehabte Mühe herzlichen Dank schuldig. Prächtig umrahmten und stimmten zu dem gesprochenen Wort die herrlichen Ehorgesänge: die altniederländischen Volkslieder mit ihrem aus dem Geist der Reformation ge« borenen unerschütterlichen Vertrauen zur gerechten Sache und i hrem dem Lutherlied verwandten markigen Glaubensernst. Und dann in feinem Wechsel die deutschen Volkslieder des Kirchenchors, die Heimatfrieden atmeten. Erst gegen 11 Uhr schloß der Vorsitzende den schön verlaufenen Abend mit aufrichtigen Dankesworten an alle, welche mitgeholfen hatten, guten Samen in den Boden unsrer evangelischen Gemeinde auszustreuen.
—* Am nächsten Sonntag um 5 Uhr findet in der Stadtkirche das diesjährige Kirchenkonzert des evangelischen Kirchengesangvereins unter Mitwirkung des Herrn Seminar-Musiklehrers Wächter und auswärtiger Kräfte statt. Einen Platz im Altarraum kann man sich auch wieder für 1 Mk. sichern. Die Karten für die Jmporcn und Schiff der Kirche kosten 50 Pfg, (Näheres siehe Inserat!)
—* Die Gewinnliste zur XH. Fuldaer Pferdemarkt- Lotterie liegt in unserer Geschäftsstelle zur Einsicht auf.
—* Der Bürger-Gesang-Verein in Niederzell hält am 14. und 15. Juni d. Js. ein Sängerfest ab.
* Nach einer Bekanntgabe des Regierungspräsidenten werden vom Jahre 1909 ab in der Stadt Geln- Hausen keine Viehmärkte mehr abgehalten. Die für 1908 noch angesetzten Viehmärkte fallen aus.
* Zum Deutschen Turnfest in Frankfurt laufen die Anmeldungen überaus zahlreich ein. Bis jetzt sind gerundet: 42,488 Festteilnehmer, 18,750 FreiübunaL- turner, 2041 Sechskämpfer, 2571 Fünfkämpfer, 607 Ringer, 185 Fechter, 531 Schwimmer, 170 Meldungen zu Wettspielen. Derartige Zahlen sind bis jetzt noch auf keinem Deutschen Turnfest dagewesen; sie übertreffen bie' seitherigen um mehr als das Doppelte. Es steht also ein ungeheurer Zustrom an'Turnern und Festgästen zu erwarten.
* Frankfurt a. M. Am Montag erfolgten hier die Verhandlungen des Arbeitgeberverbandes für das Baugewerbe mit den Arbeitern. Kommt dabei keine Einigung zustande, so ist die Aussperrung einer Riesen- zahl von Arbeitern am 1. April sieben Da in den Landesteilen östlich der Oder noch Tarifverträge bestehen, würde das Kampfgebiet sich über das ganze Reich westlich der Oder erstrecken. Die Presse der Arbeiterverbände schätzt die Zahl der Arbeiter, die brod- los würden auf 300 000.
* Mainz. In einem hiesigen Krankenhause wurde ein noch in der Narkose liegender Mann von der Wärterin in sein Bett getragen, in dem sich eine mit kochendheißem Wasser gefüllte Wärmflasche befand. Die Wärter vergaßen die Flasche aus dem Bett zu nehmen und als der Kranke von der Narkose erwachte, schrie er vor Schmerzen laut auf. Beide Füße waren ihm schwer verbrannt. Die Angehörigen machten die Spitalverwaltung für die Folgen der Unvorsichtigkeit haftbar.
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