SchlWeMrZeitung
mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 18.
Samstag, den 29. Februar 1908.
59. Jahrgang.
Betanrrtrnachitng.
Zur Ablösung eines Teils der Schutztruppe für Südwestafrika werden freiwillige Mannschaften der Reserve angenommen.
Ausreise des Transports A: Mitte April 1908.
B: „ August 1908.
Zum Eintritt bereite Mannschaften der Reserve haben sich:
für Transport A bis spätestens 2. März 1908
„ „ B „ „ 1. Juni 1908 beim zuständigen Bezirksfeldwebel zu melden, bei dem auch die näheren Bestimmungen eingesehen werden kann. Gebührnisse wie Schutztruppe.
Dienstverpflichtung 3'/- Jahr.
Vergünstigungen:
1. Anspruch auf Heimatsurlaub von 4 Monaten unter Belassung der vollen Geldbezüge innerhalb der 3 '/»jähr.^Dienstverflichtung.
2. Den ehemaligen Schutztruppenangehörigen, die nach Ablauf ihrer Dienstverpflichtung bei der Schutztruppe behufs Ansiedelung im Schutzgebiet verbleiben, kann gewährt werden:
a. das Heimreisegeld als Ansiedelungsbeihilfe, falls sie auf Heimbesörderung verzichten und sich verpflichten, als Ansiedler im Lande zu bleiben.
b. Sie werden beim Kaufe von Regierungsland hinsichtlich des Preises bevorzugt, wenn sie ein eigenes Vermögen von mindestens 2000 Mk. nachweisen können.
c. Diejenigen ausgedienten Schutztruppenangehörigen, die auf eigener Farm wohnen, können ein unverzinsliches Darlehn bis zum Höchstbetrage von 0000 Mk. bewilligt erhalten und finden hierbei gegenüber anderen Bewerbern in erster Linie Berücksichtigung.
Auf die zu 2 erwähnten Vergünstigungen besteht indes ein rechtsverbindlicher Anspruch nicht.
Bezirkskommando Hanau.
Deutsches Reich.
— Der Kaiser hat den Ueberschwemmten in Malaga 10000 Franks überwiesen, die der deutsche Konsul in Malaga dem Gouverneur für die Notleidenden überreicht hat.
— Das Kronprinzenpaar wird in Düsseldorf am l6. oder 23. Mai zu einem offiziellen Besuch eintreffen. In Barmen wird der Kronprinz der Grundsteinlegung des neuen Rathauses beiwohnen und dann mit seiner Gemahlin das bergische Land besuchen.
Gdl- Kerzen.
Roman von Erwin Friedbach. 13
WaS würde Luitpold sagen zu dieser Mißheirat? Ich müßte ihm und seiner Familie gegenüber ja vor Scham vergehen! Das kann ich Dir versichern, Papa, nimm mein Ehrenwort darauf, daß, so lange Fräulein Wilma Fürst- ner als Frau in unserm Hause regiert, ich seine Schwelle nicht betreten werde."
„Auf Opposition von Deiner Seite war ich natürlich von vornherein gefaßt," bemerkte der Geheimrat bedächtig, die Fingerspitzen aneinander fügend. „Was Du übrigens von einer obskuren Persönlichkeit sprachst, ist, nimm "iirs nicht übel, einfach dummes Zeug. Jedenfalls deutest Dudamitauf Wilmas bürgerliche Herkunft hin; sie würde Dir willkommen sein, falls sie sich einer sogenannten adeligen Abstammung rühmen dürfte. Wilmas Familie steht fleckenlos da, und das ist die Hauptsache. Ihr Vater starb als ein geachteter Offizier, ihr eigener Ruf ist über jedes Lob erhaben, die Mutter entstammte dein Hause eines ehrenwerten Dorfschullehrers, was willst Du mehr?"
«Ganz meine Anschauung von der Sache, Papa, wir veide, Deine jüngste Tochter und Du, stimmen doch mert« hm® "' d?" Ansichten überein," sagte Milly, indem sie
s herzhaft die Wange küßte und hierauf mit seg- neuoer Geberde die Hände auf seine graue Löwenmähne • b Tonis Hochzeit gewesen ist, feiern wir Deine mit Fraulem Wilma Fürstner; ich, Milly, zukünftiger Dok« der Medizin, Walter, Roland, und Hans heißen sie als Mutter nicht als Stiefmutter, hochwillkommen, lauter gewichtige Persönlichkeiten mit deren Beifall Du Dich vollauf zufrieden geben kannst."
. ®‘e Unterhaltung zog sich „och eine Weile hi«, bis es dem Gehennrat infolge Tonis wachsender Heftigkeit un- behaglich wurde und er es bereute, das Thema schon heute vorgebracht zu haben. Da er auf eine Veränderung nicht grade versessen war, eilte die Geschichte ja im Grund»
— König Wilhelm II von Württemberg hat anläßlich seines 60. Geburtstagsfestes 34 Strafgefangene der Württembergischen Gefängnisse begnadigt.
— Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht die Entlassung des Frhr. von Stengel unter Verleihung des Großkreuzes des Roten Adlerordens und die Ernennung des Unterstaatssekretärs Sydow zum Reichsschatzsekretär und preußischen Staatsminister.
— Die Generalversammlung des Deutschen Arbeitgeberbundes für das Baugewerbe, welche am 17. und 18. Februar in Hannover getagt hat und von 400 Abgeordneten aus allen Gauen Deutschlands besucht war, hat einstimmig beschlossen, an dem den Arbeitnehmern bereits vorgelegten Tarifvertragsentwurf für 1908/1910 nichts zu ändern, vielmehr, wenn bis zum 31. März d. J. die schwebende Tarifverträge nicht endgiltig abgeschlossen sind, sämtliche Werkstätten und Bauten der Mitglieder des Arbeitgeberbundes für das Baugewerbe am 1. April d. J. still zu legen.
— König Wilhelm von Württemberg vollendete am Dienstag das 60. Lebensjahr.
— Als Nachfolger des Herzogs Albrecht von Württemberg im Kommando des XL Armeekorps wird der Kommandeur der 2. Garde-Jnfanterie-Division, Generalleutnant Frhr. von Scheffer-Boyadel bezeichnet, der in früheren Jahren in Cassel beim Stäbe der 22. Division gestanden hat.
— Professor Friedrich von Esmarch ist 85 Jahre alt in der Nacht zum Sonntag einen mehrtägigen Jnfluenzaleiden erlegen. Die Beisetzung erfolgt in Kiel. Das Kaiserpaar sandte unmittelbar nachdem es von dem Tode Esmarchs verständigt war, an dessen Gemahlin, Prinzessin Henriette, ein herzliches Beileids- Telegramm.
— Rund 455 Mill. Kilogramm Seefische gelangten im Jahre 1907 auf den deutschen Markt. Die deutsche Seefischerei lieferte nur 136 Mill. Klg. Der Verbrauch an Seefischen hat in dem letzten Jahre namentlich in» folge der Fleischteuerung bedeutend zugenommen, wurden doch sogar städtische Fischmärkte eingerichtet.
— Die amerikanische Rückwanderung dauert unge- schwächt an. In der letzten Woche hat ein einziger Dampfer 1600 Zwischendeckspassagiere an Bord. Auch die Europawanderung reicher Amerikaner wird in diesem Jahre wieder sehr groß. Die Hamburg-Amerikalinie z. B. hat bereits bis in den Juli hinein alle ersten Kajüten ausverkauft.
— Das preußische Abgeordnetenhaus nahm am Sonnabend das Gesetz über die Dampffährverbindung
nicht, man konnte warten, bis Toni ihre eigene Häuslichkeit bezogen hatte.
Deshalb war man auch noch weit von einem endgültigen Abschluß entfernt, als er seinen Töchtern gute Nacht bot und hinaus ging, begleitet von Milly, die draußen noch einmal zärtlich Abschied von dem „armen Papa" nahm.
Als sie hiernach zurückkehrte, die Tür hinter sich auf- lasfend, weil die vom Parke hereindringende schwule Gewitterluft beängstigende Hitze im Zimmer verbreitet hatte, stand Toni hochaufgerichtet im Lichtschein der flackernden Kerze da, die schillernden Augen funkelnd vor Wut auf die Eintretende gerichtet.
„DaS vergesse ich Dir nie," stieß sie keuchend hervor, „daß Du ihm noch zuredetest zu der Verbindung mit der untergeordneten Person, die sich in unserer Familie breit macht und tut, als ob sie darin zu Hause wäre, solch eine Heuchlerin, die mit dem Papa schön tut und sich ihm un- eutbehrlich zu machen weiß, als ob sie nicht genau wüßte warum! Berechnung war es, gewöhnliche Berechnung auf die zukünftige Frau Geheimrat hin, oho, mich lehrt man sie nicht kennen, diese Dienstbotenseelen, die nichts im Auge halten als den eigenen Vorteil, das kann ich Dir jedoch . ." Sie hielt plötzlich inne, im Rahmen der offen stehenden Tür war geräuschlos eine todblaffe Gestalt erschienen, die ein« gesunkenen Augen starr und mit dem Ausdruck wortlosen Entsetzens auf die Sprechende geheftet.
Vom Parke zurückkehrend, waren Wilma und Dora die Treppe hinaufgestiegen, deren läuferbedeckte Stufen die Schritte dämpften, als Tonis schallende Stimme ihre Aufmerksamkeit wachrief.
Wilma stand betroffen, unwillkürlich lauschte sie atem« loS, kein Zweifel, diese niederschmetternden Beschuldigungen konnten nur auf sie gemünzt sein: Frau Rosamunde hatte das Unselige bereits ausgeführt. Ihr Herz pochte zum Zerspringen, mühsam unterdrückte sie einen Schrei der Entrüstung, und nur dem Impuls folgend, diejenige zur
zwischen Saßnitz und Trelleborg endgültig an und setzte dann die Beratung des Kultusetats fort. Die zahlreichen in der Debatte vorgebrachten Wünsche und Klagen waren in der Hauptsache lokaler Natur. Das Kapitel „Medizinalwesen" brächte eine längere Auseinandersetzung über die oberschlesischen Gesundheitsverhältnisse. — Am Montag traten bei der Weiterbe- ratung des Kapitels „Medizinalwesen" verschiedene Redner für die Besserstellung der Kreisärzte ein. Minister Dr. Holle sagte eine wohlwollende Prüfung der Wünsche zu. Beim Kapitel „Universitäten" wandte Abg. Dr. Hackenberg (natl.) sich gegen die mechanische Scheidung zwischen kritischen und positiven Theologen und gegen die Angriffe, die von konservativer Seite gegen die kritischen Theologen gerichtet würden. Abg. Strosser (kons.) führte demgegenüber aus, daß die Konservativen von der liberalen Presse noch heftiger angegriffen würden, und erklärte dann, daß die Mehrheit des Volkes positive Geistliche wünsche. Abg. Schroeder-Cassel (natl.) befürwortete die Vermehrung der Lehrstühle für soziale Medizin. Kultusminister Dr. Holle erwiderte, daß mit der Einrichtung von Lehrstühlen für soziale Medizin weitere Versuche gemacht werden sollen.
Ausland.
— Das englische Königspaar trifft am 1. März zu einem zweitägigen Besuche in Paris ein. Es ist ein amtlicher Besuch im Elysee angesetzt worden.
— Der wegen Landesverrats angeklagte Schiffsfähnrich Ullmo wurde in Toulon vom Marinekriegsgericht zu lebenslänglichem Gefängnis und Degradation verurteilt. Nach diesem Urteil handelt es sich also um nnen sehr schweren Fall von Landesverrat und nicht um die Tat eines Geistesgestörten, wie von der Pariser Presse vor kurzem die Tat Allmos hingestellt wurde. Die verschacherten Verteidigungspläne von Toulon sollen nach Italien gegangen sein.
— Aus Newyork wird gemeldet, daß die anarchistische Partei eine unheimliche Tätigkeit entwickelt. Die Polizei entdeckte ein Komplott, dessen Teilnehmer beabsichtigten, eine Bombe auf die Newyorker Börse zu schleudern. Die Anstifter wurden verhaftet. An den Mauern der Straßen in der inneren Stadt findet man jeden Morgen große Plakate, welche zum Masfakre der Finanzmänner von Wallstreet auffordern. Bisher gelang es nicht, die Urheber dieser Plakate zu fassen. Die Polizei trifft Vorsichtsmaßregeln, um das Leben der Finanzkönige zu beschützen, die hier den-
Verantwortung zu ziehen, die so schändliche Berleumdun- gen über sie ergoß, trat sie vor Toni hin, die zurückwich.
Diesen Zusammenstoß hatte sie nicht erwartet, und gleich allen feigen Seelen waren ihr die Konsequenzen ihres maß- loßen Vorgehens fatal, doch nur vorübergehend, dann kehrte ihr unverwüstliches Selbstbewußtsein zurück.
Auch Wilma hatte sich gefaßt, nachdem sie wie aus einem Krampf in der Brust aufschluchzend nach Atem ge- rungen.
Milly sah es, begriff alles, stürzte auf die Gekränkte zu, und sie ungestüm umarmend, küßte sie voll leideuschaft- lichen Mitleids ihre mageren Wangen. „Meine arme, einzige Wilma, achte nicht auf das, was sie gesagt hat, eS ist die abscheulichste Lüge, und nur die Wut darüber, daß Papa Dich heiraten will, preßte ihr den Blödsinn auS. Wir wissen alle nur zu gut, was wir an Dir besitzen, selbst Gerhard wird auf Deiner Seite sein, nur der falsche Stolz hindert ihn, Dir seine Achtung offen zu gestehen; glaube mir, daß es sich so verhält."
„ES ist gut," meinte Wilma, „ich danke Dir; Du willst mich trösten, hier aber gibt es keinen Trost.
„Fräulein Toni," wandte sie sich zitternden Toner an das große Mädchen, „Sie haben vom ersten Tage meiner Ankunft bei Ihnen mich nur als den Eindringling betrachtet, den man am liebsten gleich wieder fortgehen heißt; ich habe das schweigend ertragen und unentwegt all mein Sinnen und Trachten dem Wohl der Ihren gewidmet, weil ich sie liebgewonnen habe, ich konnte gar nicht anders. Ja, ich bemühte mich um Ihren Vater, doch Gott ist mein Zeuge, niemals auch nur mit dem leisesten Schimmer einer Absicht, seine Frau zu werden, nach solcher Auszeichnung gelüstete eS mich, offen gestanden, durchaus nicht. Was ich übrigens tat, zählt wenig, immerhin aber war eS wohl genug, mich vor Verleumdungen so niederer Art von Ihrer Seite zu schützen."
Wilmas Wangen brannten, und ihre Augen sprühten Flammen der Empörung. 140 18