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SchlüchternerZeitun g

mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 M. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

Deutsches Reich.

Der Kaiser und die Kaiserin nebst dem Prinzen Heinrich erschienen am Samstag, als zum fünfzigsten Jahrestage der Vermählung des Kaisers und der Kaiserin Friedrich um 10.15 Uhr mittels Automobils am Mausoleum zu Charlottenburg. Sie legten einen großen Lorbeerkranz mit vergoldeten Myrten und Veilchen nieder, an welchem sich eine weiße Schleife mit den kaiserlichen Initialen befand. Prinz Heinrich legte ein Bukett von Marechal-Niel-Rosen nieder. Nachdem die Herrschaften kurze Zeit in Andacht im Mausoleum verweilt hatten, betrat das Gefolge das­selbe. Der Kaiser, die Kaiserin und Prinz Heinrich begaben sich dann wieder nach Berlin zurück. Prinz und Prinzessin Friedrich Karl von Hessen hatten einen Kranz gesandt.

Zur 50. Wiederkehr des Hochzeitstages des Kaisers und der Kaiserin Friedrich am 25. Januar hat der Kaiser dem Landesdirektor der Provinz Branden­burg, Wirklichen Geh. Rat und Ersten Vizipräsidenten des Herrenhauses, Freiherrn v, Manteuffel, den Stern und Eichenlaub zum Roten Adlerorden zweiter Klasse mit Brillanten, und dem Unterstaatssekretär v. Loebell den Roten Adlerorden zweiter Klasse mit Eichenlaub verliehen.

Feier des Geburtstages Sr. Maj. des Kaisers in Berlin. Nach dem großen Wecken, woran zahlreiche Schaulustige teilnahmen, deren Abmarsch vom Schloß­platz der Kaiser von dem Fenster des Sternsaales beobachtete, nahm der Kaiser um 9 Uhr die Glück­wünsche der kaiserlichen Familie und der Herm und Damen des engeren Hofes sowie der Fürstlichsten und des Hauptquartiers entgegen. Um 10*/, Uhr begaben sich die Majestäten unter großem Vortritt nach der Schloßkapelle, wo sich inzwischen das diplo­matische Korps, der hohe Adel, der Reichskanzler, die Bundesratsbevollmächtigten, die Generalität, die Admi­ralität usw. eingefunden hatten. Der Kaiser in großer Generalsuniform führte die Kaiserin. Es folgten die übrigen Fürstlichkeiten. Nach dem Gottesdienst fand Gratulationscour im Weißen Saale statt. Die Majestäten standen vor dem Throne, seitwärts von ihnen die anwesenden Fürstlichkeiten. Dem Baldachin gegenüber standen die Hofchargen, dahinter die Schloß­garde. Beim Defilieren des Reichskanzlers reichten beide Majestäten ihm die Hand. Der Kaiser begrüßte mit Handschlag auch die anwesenden Botschafter sowie den Reichstags- und Landtagspräsidenten. Während-

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Roman von Erwin Friedbach. 3

Als Wilma bald danach das eigene Stäbchen verließ, um im Wohnzimmer die Schwester dem Geheimrat Vor- zustellen, auf dessen Veranlassung sie eingeladen worden war, eine Woche vor Antritt ihrer Stellung bei ihnen zu verleben, um der von ihm hochgeschätztenWilma eineFreude zu bereiten, trat aus der Küchentür gerade Fräulein Toni von Waßmut, eine Germaniafigur mit schwerfälligen Be­wegungen und einer mächtigen Altstimme, deren Klang die Dienstboten erschreckte.

Bei DoraS Erscheinen wandte sie majestätisch daS Haupt zur Seite, musterte sie von oben bis unten wie einen lästigen Eindringling und grüßte hochmütig herab- lassend, ohne sie einer Wortes gewürdigt zu haben. Nach ihrer Meinung stand Wilma, die Haushälterin, nur an der Spitze der Dienstboten des Hauses, und sie, die Braut des Rittergutsbesitzers und Offiziers, Barons Luitpold von Brüll, fand es geradezu unerhört von ihrem Vater, Schwester einer so untergeordneten Persönlichkeit als Gast zu sich einzuladen.

Diese kränkende Nichtbeachtung traf Dora bei ihrer be­wegten Gemütsverfassung wie ein Schlag inS Gesicht, und neser noch als zuvor empfand sie das Demütigende ihrer r^age, mit dem sie fortan unter diesen hochstehenden Men- fchen zu rechnen hatte. Erst daS Entgegenkommen des Ge- helmratS, eines kleinen, schmächtigen Herrn in der Mitte der fünfziger Jahre mit geistvollem Gesicht und einer er» grouenoen Sömenmä^ne, der das verwaiste Mädchen Väter» l'ch Lebens würdig begrüßte, ließ sie den peinlichen Ein- bruck überwmden.

Er erbat sich, zur Feier des Tage» die Schwestern am Abend m em Restaurant führen zu dürfen, Willy werde sie begleiten, eS solle außerdem alles geschehen Dora zu zerstreuen, um ein paar angenehme Erinnerungen an ihren Aufenthalt bei ihnen zurückzulasten

> ^ " S-Sangen war, sah Wilma ihm mit verklärtem

Mittwoch, den 29. Januar 1908.

59. Jahrgang.

dessen wurde im Lustgarten der Königssalut abgegeben. Nach der Cour nahm der Kaiser die Glückwünsche des Staatsministeriums entgegen und begab sich zu Fuß nach dem Zeughaus, begleitet vom Großherzog von Baden, den Prinzen-Söhnen, dem Prinzen Heinrich und dem Fürsten von Fürstenberg. Das Publikum brächte dem Kaiser herzliche Huldigungen dar. Im Schloß fand Frühstückstafel im engeren Familienkreise statt. Die im Schloß wohnenden Fürstlichkeiten und Prinz und Prinzessin Eitel Friedrich speisten im Pfeiler­saal. Das Gefolge hatte Marschalltafel im Grade du Korps-Saal.

Der Reichstag überwies am Dienstag den Ge­setzentwurf über das Telefunkenwesen nach einer Be­gründung durch den Staatssekretär Kraetke und nach­dem die Redner der verschiedenen Parteien sich sym­pathisch zu dem Entwurf geäußert haben, an eine Kom­mission von 14 Mitgliedern. Dann folgte die zweite Beratung des Gesetzentwurfs über die Bestrafung der Majestätsbeleidigungen, der in der Kommission noch einige Milderungen erfahren hat. In der Debatte erklärten die Redner aller bürgerlichen Parteien, daß die Kommisfionsfasfung eine erhebliche Besserung der bisherigen Verhältnisse herbeizuführen geeignet seien. Ein Antrag der Sozialdemokraten auf Aufhebung des Majestätsbeleidigungs-Paragraphen wurde abgelehnt. Zum Schluß trat das Haus noch in die erste Beratung des Scheckgesetzes ein, das allgemein sympathisch be­grüßt wurde. Am Mittwoch wurde die sozialdemo­kratische Interpellation betreffend die preußische Wahl­rechtsreform verhandelt. Reichskanzler Fürst Bülow lehnte die Beantwortung der Interpellation ab und warnte nachdrücklich vor weiteren Straßenkundgebungen, gegen die energisch vorgegangen werden würde. Die Besprechung der Interpellation wurde mit den Stimmen der Sozialdemokraten, des Zentrums und der Frei­sinnigen beschlossen. Die Debatte brächte außer der scharfen und schlagfertigen Polemik des Abg. Kreth (kons.) des Erhebenden nicht viel. Die von dem Abg. Singer (Soz.) beantragte Fortsetzung der Besprechung am folgenden Tage wurde von der Mehrheit abgelehnt, so daß die ganze Wahlrechtsdemonstration auch im Reichstage beendet ist. Der Reichstag beendete am Donnerstag zunächst die erste Beratung des Scheckge­setzes, das einer Kommission von 14 Mitgliedern überwiesen wurde. Sodann wurde das Gesetz betr. die Bestrafung der Majestätsbeleidigung nach einer kurzen Debatte, die sich lediglich mit dem Königsberger Schandsäulen -Prozeß beschäftigte, einstimmig

Dankesblicke nach.Wie gut von ihm, wie fürsorglich, sich Deiner so anzunehmen! Ja, so ist er, immer gütig und gefällig, überhaupt ein Wohltäter der Menschheit. Du ahnst nicht, Dora, wie hochgeachtet und verehrt von aller Welt er dasteht."

AuS ihrer Stimme zitterte ein leises Vibrieren und solche Innigkeit, daß Dora sie prüfend ansah.Liebst Du ihn, Wilma?" fragte sie unter mädchenhaftem Erröten.

Diese stieß das ihr eigene, liebe Lachen aus, welches zu Herzen drang und Wohlwollen für sie weckte.Nein, was ich für ihn empfinde, ist nicht Liebe, sondern Ver­ehrung und unbegrenzte Dankbarkeit. Ja, daS ist es! Ich habe so unendlich viele gesehen, die zu ihm kamen, Alt und Jung, Fürsten und Bettler, die meisten ohne einen Schimmer von Hoffnung, er aber hat sie geheilt, dem Leben und der Gesundheit zurückgegeben, und dabei ist er so selbst» loS. Niemals nimmt er Geld von den Armen, nur von den Reichen, die eS können, denn er will doch auch mit seiner Familie leben, und die sechs Kinder kosten erschreck­liches Geld. Außerdem tut er mir so leid, er ist so geplagt in seiner Häuslichkeit, der Aerger mit den erwachsenen Töchtern und Söhnen nimmt buchstäblich kein Ende, im­mer ist etwas Schreckliches los. Jetzt will wieder Ger­hard Schulden halber den Dienst quittieren, Walter wird jedenfalls, weil er sich einer Schülerverbindung angeschlos- sen hat, daS Gymnasium verlassen müssen, dazwischen Tonis unerhörte Pntz- und Herrschsucht, Willys kleine Extrava­ganzen ; mir geht ein Mühlrad im Kopf herum, wenn ich an den ewigen Trubel denke."

Wie freudlos Dein Leben ist, Wilma, immer nur für andere sorgen und arbeiten, nie den eigenen Neigungen folgen zu dürfen, das ist bitter; und doch steht nun auch mir diese- LoS des fortwährenden Entsagens um der an» dern willen bevor."

Er ist nicht so schwer, wie Du Dir vorstellst, Dora. Man wird eS bald gewohnt, sich selbst zu vergessen und nur für andere zu leben, Und manchmal denke ich, daß

gegen die Stimmen der Sozialdemokraten an­genommen. Es folgte die zweite Beratung des Ge­setzes über die Einschränkung der Haftpflicht des Tier­halters, das ebenfalls nach längerer Auseinandersetzung zwischen Konservativen und Sozialdemokraten an eine Kommission verwiesen wurde. Am Freitag wurde nach längerer Diskussion die neue Brüsseler Zucker- konvention, das Protokoll über den Beitritt Rußlands zu dieser Konvention und den deutsch-russischen Zucker­vertrag mit einem Anträge des Grafen Schwerin )kons.) wegen Herabsetzung der Zuckersteuer einer Kommission von 28 Mitgliedern überwiesen. Das Haus vertagte sich sodann bis Mittwoch.

Das preußische Abgeordnetenhaus setzte am Dienstag die Etatsberatung fort. Beim Etat der Münzverwaltung forderte der Abg. v. Arnim (kons.) eine Mehrausprägung von Silbermünzen, um dem Mangel an Hartgeld abzuhelfen, ferner die Neuschaffung eines 25-Pfennigstückes und bedauerte die Einziehung der.Talerstücke Abg. Graf Kanitz (kons) schloß sich diesen Ausführungen an. Finanzminister v. Rhein- baben sagte eine Erwägung der Anregungen zu und hielt ein Erhöhung des Silbergeldes auf 20 Mark pro Kopf der Bevölkerung für möglich. Hierauf wurde der Etat genehmigt. Bei der Fortsetzung der Beratungen über den Landwirtschafts-Etat wurde das Kapitel Meliorationen" nach kurzer Debatte angenommen. Bei der Beratung über die einmaligen und außerordent­lichen Ausgaben, wurde der sogen.Westfonds" (Förderung der Land- und Forstwirtschaft in den west­lichen Provinzen nach kurzer Debatte bewilligt. Der Ostfonds", welcher zugleich mit denBeiträgen zur .derung der inneren Kolonisation in den Provinzen Ostpreußen und Pommern" zur Beratung gestellt wurde, gelangte an die Budgetkommission zurück. DaS preußische Abgeordnetenhaus beschäftigte sich am Donners­tag zunächst mit der Interpellation der Konservativen wegen des hohen Bankdiskonts, die vom Abg. Kreth (kons.) begründet wurde. Finanzminister Frhr. v. Rheinbaben erwiderte, ein Mittel zur Herabdrückung des Diskonts sei die Ausbildung des Scheckverkehrs und des Girosystems wie in England. Als erfreulich bezeichnete er es, daß die Genossenschaften mehr dazu übergehen, statt des Realkredits Personalkredit zu geben. Was in seinen Kräften stehe, werde er gern tun, um den Mittelstand und der Landwirtschaft billigen Kredit zu gewähren. Er- kündigte eine Erhöhung des Kapitals der preußischen Zentral-Genossenschaftskaffe an. Dann folgte die Interpellation der Konservativen

gerade dieses stete Sorgen und Schaffen für die, die wir lieb haben, am meisten der inneren Natur de» Weibe» entspricht. ES bereitet trotz allem eine Genugtuung, ein stilles Glück, das unendlich wohltuend wirkt," fügte Wilma gedankenvoll hinzu. Im übrigen tröste Dich, Herz, Du siehst aus wie ein Märchenbild, nicht, als ob Duzn den Schmerz- geweihten der Erde gehörtest, Dein Stern wird Dich schon führen, Gott sei gedankt, Dir ward ein lichterer zu teil wie mir."

Ich muß diese Schüchternheit überwinden lernen," dachte Dora wohl zum zehntenmal, als später die Knaben aus der Schule kamen, sie neugierig musterten, und die flotte Willy eine angehende Studentin der Medizin, mit dem Selbstbewußtsein und der Sicherheit der Großstäd- terin, sie unterhalten zu müssen glaubte.

Aehnliche Gedanken kamen wieder, al» sie am Abend mit dem Geheimrat, Walter, Willy und Wilma eines der feenhaft erleuchteten und geschmückten Lokale an der Al- ster besuchte; wie geblendet von dieser strahlenden Welt, deren Existenz sie nicht geahnt hatte, blieb Dora stehen, die Lippen halb geöffnet, wortlos vor Erstaunen, das Herz heftiger klopfend vor Begeisterung und zugleich vor Sehn­sucht nach etwas Großem, Unbekanntem, das zum ersten­mal die verborgenen Schwingen der Seele zu heben be­gann und ihr unwillkürlich die halblauten Worte entriß: Wie schön ist die Welt."

Auf ihrer eigenen Erscheinung lag eS dabei wie der Zauber einer fremdartigen Blume, die im Verborgenen erblüht und nun, anS Licht gezogen, der Bewunderung preisgegeben wurde.

Der Geheimrat freute sich über die Schönheit des Mäd­chens.

Willy außer sich vor Entzücken, sagte Dora neidlos die grüßtenSchmeicheleien, und Walter,derSekundaner,wagte es, durch ein paar ungeschickte Versuche seiner Bewunde­rung Ausdruck zu leihen. 140,1»