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SchlüchternerZeittmg

mit amtlichem Areisblatt.

Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 M. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

8. Samstag, den 25. Januar 1908. 59. Jahrgang.

Zu Raisersgeburtstag.

(Den 27. Januar.)

Kann nur noch ein Lied gelingen, Voll und ganz Dein Lob zu singen, Wilhelm, Kaiser-König, Dir?

Wohl in abertausend Zungen

Ward Dir schon Dein Lob gesungen,

Was bleibt da zu rühmen nur?

Doch an diesem hohen Tage,

Daß ich es noch einmal wage,

Tön' Dir meiner Leyer Klang.

Tönt sie nicht wie Meeresbrausen,

Tönt sie nicht wie Eichwaldssausen,

Tönt sie meines Herzens Sang.

Eines muß Dir jeder lassen,

Selbst die Feinde, die Dich hassen,

Daß Du treu Dein Volk regierst;

Daß Du hast den festen Willen,

Deine Pflichten zu erfüllen

Und mit Kraft das Scepter führst.

Bist nicht nur Soldatenkaiser,

Bist auch Künstler, bist auch Weiser,

An Erfahrung bist Du reich;

Unter Deines Scepters Stärke

Blühen auch des Friedens Werke,

Kunst und Wissenschaft zugleich.

Drum zu Deinem Wiegenfeste

Wünschen Alle wir das Beste

Dir, des Friedens starker Hort.

Möge Gott in Gnaden walten,

Dich noch lange uns erhalten

Und Dich schützen fort und fort.

Breite, starke Königseiche,

Ferner Deine mächt'gen Zweige

Schirmend übers Deutsche Land.

Wie sich rings die Wolken türmen,

Trotze kräftig allen Stürmen,

Schirm Dich Gott mit starker Hand!

Hermann Haase.

Der Kaiser.

Zum 27. Januar.

In der kleinsten Dorfschule des Landes, so gut wie in den hohen Hallen der Universitäten ertönt heut das Heil Dir im Siegerkranz". Und in dem ärmsten Hüttchen fern an des Reiches Grenzen, wo das Oel-

druckbild des Kaisers an der Wand hängt oder der Kalender nur Kunde von ihm bringt, ebenso wie in dem Saal des Königsschlosses, in dem des Kaisers Familie sich um ihn schart, schlagen dem Kaiser treue Herzen am heutigen Tage entgegen und mancher Wunsch grüßt ihn in der Stille. Gott.erhalte und segn den Kaiser! *

Er st uns teuer und wert unser Kaiser, nicht nur weil er ein Hohenzoller ist, nicht nur weil er so ist, wie er zu unserem Stolz ist; sondern auch weil er uns das sichtbare Sinnbild ist von unseres Volkes Einheit und Größe. Wohl stehen auch heut am Kaisers. Geburtstag wieder viele abseits und wollen nicht mitfeiern, oder trauen es sich wenigstens nicht zu sagen, wenn sie es auch gern möchten. Es zieht sich ja ein breiter Graben Gott sei's geklagt, durch unser Volksleben, ein Graben, den das Mißtrauen und der Haß klaffend abgerissen haben. Aber wie kann diese Kluft anders überbrückt werden als durch die stärkste Macht, die es auf Erden gibt: das Ver­trauen !

Da ist es unserem Lande und Volk ein Gottes­segen, daß an seiner Spitze ein Kaiser steht, der seinem Volk unbegrenztes Vertrauens und aufopfernde Liebe entgegenbringt. Nur ein Wicht kann es leugnen wollen, daß seine Liebe echt, sein Wille ernst und fest und seine Absichten rein sind. Als ein heiliges Amt hat er sein Herrscheramt von Anfang an aus Gottes Hand hingenommen. So hoch auch die Wellen des Schmutzes in unserem Volksleben aufgespritzt sind im vergangenen Jahre, es hat jedes Deutschen Herz mit Stolz erfüllt, daß des Kaisers Leben und Haus rein ^nd unantastbar dasteht, ein Stolz-und Vorbild^des Landes.

Nun, es ist gute deutsche Art, daß man Treue um Treue gibt. Und fast will es, wie eine Morgen­dämmerung besserer Zeiten, so scheinen, als sei des Kaisers Mühen nicht umsonst, als wachse die Saat des^Vertrauens in^den Herzendes Volkes. Gott der Herr schenke dem Kaiser als schönste Geburtstagsgabe die freudige Gewißheit, daß mit jedem neuen Jahr nicht nur der Zollernstamm fester einwurzele, sondern auch sein gutes Wollen» verstanden und Vertrauen vergolten werde, damit er fühlein des Thrones Glanz eie hohe Wonne ganz, Lieblig des Volks zu sein".

Heil, Kaiser, Dir!

Deutscher Deich.

Zum Geburtstag des Kaisers sind bisher folgende auswärtige Fürstlichkeiten angesagt: Großherzog von Baden (offizieler Antrittsbesuch), Großherzog und Großherzogin von Hessen und bei Rhein, Großherzog von Sachsen, Großherzog und Großherzogin von Mecklenburg-Schwerin, Großherzog von Oldenburg, Prinz und Prinzessin Heinrich von Preußen mit dem Prinzen Sigismund von Preußen, Herzog Johann Albrecht zu Mecklenburg, Regent des Herzogtums Braunschweig und die Frau Herzogin (offizieller An­trittsbesuch), Herzog Friedrich Ferdinand zu Schleswig- Holstein-Sonderburg und Prinzssinnen Alexandra Vik­toria, Helene und Adelheid zu Schleswig-Holstein- Sonderburg-Glücksburg, Prinz und Prinzessin Friedrich Karl von Hessen, Fürst zu Waldeck und Pyrmont, Prinzessin Feodora zu Schleswig-Holstein, Prinz und Prinzessin Adolf zu Schaumvurg-Lippe, Landgraf Chlodwig von Hessen-Philippsthal-Barchfeld.

Bei dem diesjährigen Krönungs- und Qrdensfeste sind beteutend mehr Auszeichnungen verliehen worden, als im Vorjahre: 3821 Orden und Ehrenzeichen gegen 3579. Wie stets, ist von den Orden der Rote Adler­orden in allen seinen Klassen am öftesten (1361 mal) verliehen worden (1907: 1350), davon die 4. Klasse 1087 mal (1128). Der Kronenorden ist 749 (709) mal, der Hausorden von Hohenzollern 46 (44) mal, das Kreuz des allgemeinen Ehrenzeichens 199 (134) mal, das Allgemeine Ehrenzeichen 1466 (969) mal verliehen worden.

Der Reichstag führte am Sonnabend die Jnte^ellation über das Knappschaftswesen zu Ende. Die zwecklose Debatte brächte zwei lange Reden der Abg. Gothein (frs. Vg.) und Giesberts (Z.) und endete mit einem Parteiduell zwischen Zentrum und Sozial- demokraten. Am Montag übte bei der ersten Lesung des Viehseuchengesetzes der Abg. Scheidemann (Soz.) eine scharfe Kritik an der Vorlage und zog sich einen Ordnungsruf zu. Nachdem darauf die Abgg. Dr. ' Hoeffel (Rp.) und Dr. Mugdan (frs. Vp.) sich mit der Tendenz, des Gesetzes einverstanden erklärt hatten, ergriff der Staatssekretär des Innern v. Bethmann- Hollweg das Wort. Er rechtfertige die Bestimmungen der Vorlage und führte aus, daß sich die Regierung bei jeder einzelnen Bestimmung von dem Stande der Forschung und der Erfahrung der Praxis habe beein­flussen lassen. Die Vorlage wurde einer Kommision überwiesen.

Gdle Kerzen.

Roman von Erwin Friedbach. 2

Und was den Ort anbetrifft, die Besitzung Frie- densheim an der Ostsee, so läßt sich Herrlichere» taum denken, ich kenne sie genau, weil wir jedes Jahr dort ein paar Wochen bei der jungen Frau von Ast, unseres Ge- heimratS Schwester, verbringen; eigentümliche, großartige Menschen und eine besondere Welt, wo Du gerade hinein- paßt, und ich bin überzeugt..." Hier unterbrach ein furcht­bares Gepolter die Rede, dem unterdrücktes Kinderlachen folgte. Wilma sah sich entsetzt um, als auch schon nach kurzem Klopfen die Tür halb geöffnet wurde und durch die Spalte, neugierig DoraS Gestalt erspähend, der aus­drucksvolle dunkle Kopf des dreizehnjährigen Quartaners Roland erschien.

Wilma! Rike will uns das Schulbrot nicht mit Wurst belegen; bitte komm' doch mal heraus und mache ihr den Standpunkt klar!"

Wilma ging, hatte jedoch kaum die wichtige Angelegen- beit zu allgemeiner Befriedigung geordnet, als mit der Miene sichtlicher Entrüstung Tine, das Küchenmädchen, heremtrat.

Denken Sie man blos, Fräulein, die Waschfrau hat uns heute sitzen lassen; nun muß ich den ganzen Rest allein besorgen, und Rike will mir »licht helfen, bis Sie es ge- sagt hatten, der Schlächter ist auch da, und was vom Markt geholt werden sollte.. kommen Sie man lieber mal raus.." Welterkam sie nicht, denn mit wuchtigen Schritten tauchte hinter ihr bte derbfrische Gestalt der verklagten Nike auf.

Fräulein, da» gnädige Fräulein Toni will heute Scho­kolade und keinen Kakao; soll ich Schokolade kaufen? ES ist keine Schokolade mehr da."

Natürlich, muß welche gekauft werden, wenn keine mehr da ist. Kinder, muß ich denn nur zu allem meinen Segen geben! Laßt mich nur eine Viertelstunde mit mei­ner Schwester sprechen, dann habt Ihr mich wieder."

Dora war nachdenklich geworden; solch ein unruhvol- leS, in Anspruch genommenes Leben, wie Wilma führte, stand es jetzt nicht auch ihr bevor? Früh verwaist, der Vater, Hauptmann Fürstuer, war im Dienst durch einen Unglücksfall gestorben, und der Schmerz über den Verlust hatte auch seine Frau bald dahingerafft, war Dora vor einem Jahrzehnt von dem betagten und alleinstehenden Großvater, einem pensionierten Baurat, ausgenommen worden, dessen strenge, nach altem Muster geleitete Erzie­hung das Heranwachsende Mädchen wohl der Welt ent­fremdet, ihr jedoch jene harmonische Abgeschlossenheit ge- geben hatte, die Befriedigung aus dem erworbenen gei­stigen Reichtum der Seele zu schöpfen weiß.

Erst seit der letzten Zeit war allmählich auch der Wunsch in ihr erwacht, die äußere Welt und ihre vielversprechen­den Freuden durch eigene Erfahrung kennen zu lernen.

Wie geplagt Du bist, Wilma."

Ja, das ist nun einmal so," entgegnete diese lächelnd. Von der Hausdame, die Herr Geheimrat damals enga­gierte, Du weißt, ich war kaum zwanzig Jahre und hatte doch schon zwei Jahre als Stütze bei Frau Generalin von Dauuenberg gedient, bereit warmer Empfehlung ich diese Vertrauensstellung verdanke, bin ich nach und nach zu einer Verwalterin des ganzen großen Hausstandes ge- langt."

DaS ist im Grunde sehr natürlich, und ich würde selbstDir gegenüber gewiß nicht klagen, wenn man trotz der unun- terbrochenen Tätigkeit von morgen» früh bis abends spät nicht doch schließlich nur eine Fremde im häuslichen Kreise bliebe, und als solche gewissermaßen nur geduldet würde. Besonders Fräulein Toni bemüht sich, mir da» täglich zu Gernüt zu führen. Aber dafür ist wiederum unser Geheim- rat von rührender Güte gegen mich. So hilflos und zer- streut.. Du lieber Gott, lege ich nicht alles zurecht und stecke ihm nicht Frühstück, Taschentuch, Brille und was sonst noch in die Rocktasche, so ist hundert gegen ein» zu wet- ten, daß er die Hälfte vergißt! DaS, wonach ich mich nur

manchmal innig sehne, Dora, da» ist eine Stunde, wo Ich ganz ungestört, so ganz und voll Mensch sein dürfte; wie köstlich müßte daS sein. Aber die wird mir so gut wie nie zu teil, selbst deS abend» nicht, denn da sinke ich, erschöpft von deS Tages Arbeit, auf mein Lager."

Adieu, liebe Wilma, wo ist meine liebe Wilma, ach da, hurra! Heute bringe ich eine Ein» unter meinem Skriptum nach Haufe I Wilma hast Du nicht'» Apfel für mich?"

Mit diesen Worten stürmte ein hübscher Knabe In» Zimmer und bot, nachdem er Dora artig begrüßt, Wilma die frischen Lippen zum Abschiedskuß. Ueber ihr blaffe» Gesicht aber zog beim Anblick deS blühenden Kinde», oa» sich liebevoll an sie schmiegte, ein sonnige» Lächeln, da» sie wunderbar verschönte und ihr einen Hauch von der Weihe einer jungen Mutter gab. Sie reichte ihm zwei rot­bäckige Aepfel, ermähnte ihn zum Fleiß und sah noch stolz und freudig bewegt au», als er bereit» wieder hinau» ge­eilt war.

Siehst Du, Dora, da» ist mein Junge, mein Sohn, und ich bin ihm seine Mama. Kaum elf Monate alt, sein« Mutter, Frau Gebeimrat war kurz zuvor gestorben, legte man ihn krank und vernachlässigt in meine Arme, abge- magert zum Erbarmen, so daß alle glaubten, er würd« sterben, der arme, kleine Han»; da fing ich denn an, ihn sorgfältig zu pflegen, ließ ihn Tag und Nacht nicht von mir, und zum Erstaunen aller, selbst de» Geheimrat», er­holte er sich zusehends, und nach verhältnismäßig kurzer Zeit kannte niemand meinen Jungen wieder, so rund und rosig war er geworden, aber auch mein Eigentum, mein süßes, kleine» Glück. Natürlich hält er zu mir, er, Ro- land, Walter, der Sekundaner und Milly gegen Toni und Gerhard, den Offizier, die von Anfang an feindlich gegen mich gesinnt waren; nun, Toni heiratet ja bald, da wird e» wieder um vieles gemütlicher. Aber da schwatze und schwatze ich fortwährend von mir selbst, um darüber bei Wichtigere, Deine Angelegenheit zu vergessen." 140,18