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mit amtlichem Rreisblatt. Alonatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
32 104. Samstag, den 28. Dezember 1907. 58. Jahrgang.
Einladung zum Abonnement
auf die SchtücKferner Leitung
mit amtlichem Kreisblatt.
Die Schlüchterner Zeit«ttg, die älteste Zeitung des Kreises Schtüchtern, (58. Jahrg.) bringt Berichte über wissenswerte Vorgänge in unserem Reiche wie auch im Auslande.
Unter „Lokales und Provinzielles" berichtet die SchlÄchterner Zeitung über alle neue und bemerkenswerte Vorkommnisse aus dem Kreise und der Provinz.
Die Schltichterner Zeitung mit dem amtlichen Kreisblatt ^bringt alle Anzeigen sämtlicher Behörden des Kreises.
finden in der über alle Ort- ■ schasten des Kreises und weiter hinaus verbreiteten Schlüchterner Zeitung wirksame Verbreitung.
Bezugspreis vierteljährlich mit amtlichem Kreisblatt 1 Mark.
Um gefl. Neubestellung bittet höflichst
Expedition der Schlüchterner Zeitung.
Deutsches Reich.
— Im Marmorpalais zu Potsdam hat die Taufe des zweiten Sohnes dcs deutschen Kronprinzen in Gegenwart des Kaiserpaares und zahlreicher Fürpila-- keiten, des Reichskanzlers und einer glänzenden Versammlung stattgefunden. Die heilige Handlung vollzog Oberhofprediger Schloßpfarrer D. Dryander, der seiner Ansprache das Wort aus dem Joyanuisevangelium „Niemand hat größere Liebe, als der sein Leben läßt für seine Freunde" zu Grunde gelegt hatte. Der hohe Täufling wurde auf die Namen Louis-Ferdinand Viktor Eduard Adalbert Michael Hubertus getauft.
— Die in dem Eiat für 1908 vorgesehenen Beträge für weitere Ausrüstung der preußisch-hessischen Staatsbahnen betragen 3.0 Millionen Mark. Im Vorjahr waren für diese Zwecke 280 Millionen vorgesehen. Es wurden neu beschafft: 1000 Lokomotiven und 17—18,000 Personen und Güterwagen aller Art. Von den Lokomotiven werden bereits 400 Stück in Lause der nächsten Monate vergeben. Die preußisch
zweier Lehrer handelt. Zurzeit sind im Schutzgebiet 10 Lehrer vorhanden, außerdem in Windhuk eine Lehrerin und eine Kindergärtnerin angestellt. Besonders ist es für solche Gegenden, in denen sich zahlreiche Buren niederlassen, wie die vorgenannten, aus nationalen Interesse geboten, deutsche Schulen zu errichten.
— Die russische Reichsduma verhandelte über den Bericht der Kommission über die Notwendigkeit der Anweisung von 7,73 Millionen Rubel für die infolge der Mißernte notleidende Bevölkerung. Während der Erörterung erklärte die Regierung, das Ministerium des Innern werde noch eine Ergänzungsanweisung von 7,45 Millionen Rubel beantragen. Sodann wurde eine Tagesordnung angenommen, in der die Hoffnung ausgesprochen wird, daß die Regierung in den Notstandsgegenden den Alkoholverkauf beschränken werde. Schließlich wurde der Antrag, eine Kommission zur Bekämpfung der Trunksucht zu erwählen, die zugleich nach neuen Einnahmequellen an Stelle des Kornbranntweinverkaufes suchen solle, einstimmig angenommen.
— Die russische Geheimpolizei ist einer Gruppe von Revolutionären in Petersburg auf die Spur gekommen, die sich die Verödung von Attentaten gegen hohe Beamte zum Ziel gesetzt hat. Bisher sind fünf Personen verhaftet worden. Außerdem wurden ein Lager von Waffeu, eine Bombe und Materialien zur Anfertigung von Bomben beschlagnahmt.
— Zu der von Lloyds Agentur verbreiteten Nachricht, daß der Streik der Kohlenträger in Port Said einen bedeutenden Umfang anzunehmen scheint, wird weiter gemeldet, daß die dortigen Kohlenträger jetzt in ihrer Gesamtheit die Arbeit einstellten.
— In der Verteilung der englischen Marine werden einschneidende Aenderungen geplant. Dem Londoner „Standard" zufolge hat die Admiralität beschlossen, ein Pacific- und nordamerikanisches Geschwader zu bilden, das sich zusammensetzen soll aus dem gegenwärtigen vierten Kreuzergeschwader und sechs weiteren Kreuzern. Man glaubt, daß dies Geschwader Esquimalt als Basis erhalten und der Plan im Mai verwirklicht werden soll.
Lokales und Provinsielles.
Schlächtern, 27. Dezember 1907.
—* Weihnachten ist vorüber. Der Schein der Christbaumkerzen ist erloschen, der Jubel der Kinder verklungen, die Stunden der Weihe und geselliger
hessischen Staatsbahnen werden sonach auch im kommenden Jahre erheblich zur Beschäftigung der Industrie beitragen.
— Die vorläufigen Ergebnisse der Berufs- und Betriebszählung in deutschen Reiche werden soeben veröffentlicht, dürften aber noch eine Berichtigung erfahren. Die Bevölkerungszahl betrug am 12. Juni 1907 : 61 697 277 (davon 30 453 279 männlichen Geschlechts gegen 60 641 278 bei der Volkszählung am 1. Dezember 1905. Die Bevölkerungsvermehrung überhaupt hat nachgelassen, im einzelnen ist aber eine weitere Zunahme des männlichen Geschlechts gegenüber dem weiblichen zu bemerken. Am beträchtlichsten war die Vermehrung in einzelnen mitteldeutschen Kleinstaaten und in den Hansastädten, während Lippe, Elsaß und Niederbayern Abnahmen aufweisen. Sehr erheblich war der Zug von Osten nach Westen. Die Zahl der Haushaltungen ist um 184 989 auf 13 359 520 gestiegen. Die Zahl der Gewerbebetriebe hat sich gegen 1895 um 132 787 auf 2928 074 verringert. Dagegen ist die Zahl der Land und Forstwirtschaftsbetriebe, 5 767 814, um 209 497 größer geworden.
— Die verstorbene Königin von Sachsen, die den König Friedrich August zum Universalerben eingesetzt und mehr als 20 Millionen Mark hinterlassen hat, soll ihre Villa Strehlen bei Dresden der kleinen Prinzessin Anna Monika Pia, der jüngsten Tochter des Königs von Sachsen, vermacht haben.
— Die starke Rückwanderung aus Amerika hält an. Mit den Norddeutschen Lloyd-Dampfern „Seydlitz", „Barbarossa", „Kronprinz Wilhelm" und „Cassel" trafen in Bremen in den letzten Tagen von New-York bezw. Baltimore 5200 Rückwanderer ein. Der Rücktransport vollzieht sich von dort aus glatt und ohne Schwierigkeit. Die Passagiere werden ihrem Wunsche entsprechend sofort auf direktem Wege in ihre Heimarsländer weiterbefördert. Gegenwärtig sind vier Lloyd- dampfer mit rund 4000 Zwischendeckspassagieren unter- wegs.__________
Ausland.
— Sehr energisch nimmt sich das Kolonialamt der Schulen in Südwestafrika an; es sind zu diesem Zwecke 42 200 Mark in den neuen Etat eingestellt. Davon sollen 5 neue Lehranstalten, > in Swakopmund, Warmbad, Kub, Okahandja und Hohe Warte mit je 4800 Mark^ dotiert werden. Die Schulen in den drei letztgenannten Orten werden neu errichtet, während es sich in Swakopmund und Warmbad um die Anstellung
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Antremiöare Kerzen.
Roman von Elmar Wilms. 41
Horn ließ das Brautpaar rufen, bat den Kommissar Platz zu nehmen und trat dann vor Tümpling hin, der, seinem gläsernen Blick und der stark geröteten Nase nach zu schließen, der Brannttoeinflasche luieber fleißig zuge- sprocbeu hatte.
„Kennt Ihr diese Briefe?" fragte er, die Papiere ihm vorbältend. „Wißt Ihr, was sie enthalten?"
Tümpling besaß trotz seiner Trunkenheit noch so viel Geistesgegenwart, daß er in dem Blicke, den er auf die Briefe warf, Erstaunen zu heucheln versuchte, aber an der fahlen Blässe, die sein Antlitz überzog, scheiterte dieser Ver- such vollständig.
„Lengnet nicht," fuhr der Notar mit erhöhter Stimme fort, „Ihr habt diese Briefe geschrieben und jene Berbrechen begangen. Legt ein offenes Geständnis ab, so will ich sehen, was ich für Euch tun kann, vielleicht gelingt es mir, Euch das Leben zu erhalten."
Tümpling warf einen Blick des Mißtrauens auf den Sprechenden, ließ denselben rasch über die int Zimmer befindliche» Personen schweifen und setzte sich auf einen Stuhl. „Sagt mir vor allem, ob der Rechtskonsuleut Geier ebenfalls verhaftet ist, "hob er an, „er ist der Hauptschuldige, er soll auf der Anklagebank neben mir sitzen."
„Beruhigt Euch über diesen Punkt," entgegnete der Notar, „Euer Spießgeselle wird morgen in Nummer Sicher abgesührt werden. Jetzt beantwortet offen und ohne Lug die Frage die ich an Euch zu stellen habe. Was bewog Such dazu, das Kind Westhaus' zu ermorden?"
Tümpling war allmählich nüchtern geworden. Er sah, Laß seine Briefe in den Händen des Gerichts waren und Leugnen nichts half; der Selbsterhaltungstrieb, noch mehr aber der glühende Haß, den er unter der Maske derFreund- schaft dem RechtSkvnsnlenten uachtrng, bewogen ihn. sich je viel als möglich von der Schuld rein zu waschen und
den größten Teil derselben dem, der ihn zu diesen Verbrechen verleitet hatte, aufzubürden.
„Werkann behaupten, daß ich dasKind ermordekhabe?" erwiderte er. „Obschon Geier mir derzeit dies befahl, tat ich'» doch nicht, ich hatte gute Gründe, das Leben des Kindes zu erhalten."
Ella erhob sich. „Kennt Ihr mich?" fragte sie. „Erin- nert Ihr Euch des Weibes, welches Ihr durch süße Worte betört und ins Unglück gestürzt habt? Ich will Euch verzeihen, mir gesteht offen, wo Ihr daS Kind gelassen habt und wo ich es wiederfinden kann."
„Ench zu liebe tue ich es gewiß nicht," höhnte Tümpling, das Weib nustiereud. „Warum wartJhr so dumm, in die Falle zu gehen, die ich Euch stellte? Aber mein eigenes Interesse fordert, daß ich die Wahrheit sage, ich kann mich eines Mordes nicht schuldig bekennen, den ich nicht begangen habe. Geier hatte auf das Vermögen des Wucherers, mit dem er sehr befreundet war, einAnge geworfen, um es zn erlangen, entwarf und verfolgte er den Plan, den Mann zum Menschenfeind zu machen, seine Freundschaft in daS vorteilhafteste Licht zn stellen, ein Testament zu erschleichen und ihn dann . . na, das gehört nicht hierher."
„Zu ermorden!" ergänzte Horn, der inzwischen neben dem Kommissar Platz genommen und diesem die Briefe überreicht hatte, „ichweiß es, fahrtfort."
Tümpling blickte den Notar mit dem Ausdruck deS Entsetzens an. „Er hatte zur Ausführung dieses Planes eines Menschen nötig, der Genie und ein weites Gewissen besaß, da er guten Lohn versprach, so übernahm ich's, ihm hilfreiche Hand zu leisten, tat ichs nicht, hätte doch ein anderer sich dazu gefunden. Bor allem galt es, die Frau Westhaus beiseite zu schaffen. Es gelang mir dadurch, daß ich den alten, verliebten Narr eifersüchtig machte, seine Vorwürfe und Quälereien, die wie ich voranssah, in Tätlichkeiten ansarteten, zogen der Frau die Schwindsucht zu."
„Jetzt standen nur noch das Kind und dessen Pflegemutter uns im Wege. Ich knüpfte mit der letzteren, der
selben, die jetzt wie eine reuige Sünderin neben Ihnen steht, ein Liebesverhältnis an, bewog sie, mit dem Kinde das Haus Wssthaus heimlich zu verlassen und schiffte sie gegen ihren Willen glücklich nach Amerika ein. Mit dem Kinde kehrte ich hierher zurück. Geier drang darauf, ich solle es in den Fluß werfen, damit eS nie wieder zum Vorschein kommen könne, ich war schon auf dem Wege die» zu tun, als plötzlich der Gedanke in mir aufstieg, daß da» Leben des Mädchens mir vielleicht später einmal viel wert sei. Ich bestach einen Totengräber, er verschaffte mir die Leiche eines Kindes, ich warf diese in den Fluß, schrieb dem Rechtskonsulenten, daßssein Auftrag vollzogen sei und über- gab daS Kind WesthauS' einer armen Frau, die nahe bei der Stadt in einem Dorfe wohnte. Bon Zeit zu Zeit ging ich hin, um das ausbedungene Kostgeld zu zahlen und nach dem Kinde zu sehen. Als es fünf Jahre alt war, wollte ich es zu mir nehmen, um ihm in der Stadt eine bessere Erziehung geben zu lassen. Ich hatte es liebgewonnen und, wie ich Ihnen schon sagte, große Hoffnungen auf dasselbe gebaut. Ich war seit einem Vierteljahre nicht mehr in der Hütte seiner Pflegemutter gewesen, als ich jetzt hinkam, fand ich das Nest leer. Auf meine Fragen erhielt ich von den Nachbarn die Antwort, die Frau sei samt dem Kinde vor sechs Wochen zu ihrem Manne nach Amerika gereift und habe keine Nachrichten für mich hinterlassen."
„Der Bürgermeister deS OrteS sagte mir dasselbe, meine Nachforschungen, die ich drüben anstellle, führten zu keinem Resultate, seit jener Zeit habe ich nicht» mehr von dem Kinde gehört."
Meta, die den Vagabund, welcher die feine Kleidung noch trug, sofort wieder erkannt hatte, war bei den letz- ten Worten desselben aufmerksam gemacht worden; sie beugte sich zu Julius hinüber und flüsterte diesem einige Worte ins Ohr.
Der Doktor erhob sich und zog einige zerknitterte Briefe auS der Tasche, die er mit den Briefen Tümpling» ver- glich. .... . 144,18