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Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
mit amtlichem Areisblatt.
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 102.
Samstag, den 21. Dezember 1907.
58. Jahrgang.
Die im 58. Jahrgang erscheinende Schlüchterner Zeitung mit amtlichem Kreisblatt ist mithin die älteste und verbreitendste Zeitung im Kreise Schlüchtern und weit noch über denselben hinaus und finden Inserate in derselben wirksame Verbreitung.
WA" _ + r. daher in der Zustellung unserer Zeitung durch die Post beim bevorstehenden Quartalswechsel vermeiden will, der
rlllr I 1 rI 1 PP HlUll ^M? dieselbe so bald wie möglich bei dem betreffenden Postamte bestellen. Nur diejenigen auswärtigen
sj II || | | || | ||11 11| || || Postabonnenten, welche bis spätestens 28. Dezember unsere Zeitung wieder bestellt haben, können verlangen,
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nach den amtlichen Bestimmungen für Nachlieferung der ersten Nummern des neuen Quartals eine besondere Gebühr von 10 Pfg. bezahlen. — Jede Postanstalt und jeder Landbriefträger ist verpflichtet, Abonnements-Bestellungen anzunehmen.
Zu recht zahlreichen Bestellungen auf das mit dem 1. Januar 1908 beginnende neue Vierteljahr ladet freundlichst ein
die Expedition der „Schlüchterner Zeitung".
Erstes Blatt.
Deutsches Reich.
— Prinz Heinrich der Niederlande ist vom Deutschen Kaiser a la suite der deutschen Marine gestellt worden.
— Prinz Joachim von Preußen, der jüngste Sohn des Kaisers, vollendete am 17. d. M. das 17. Lebensjahr. Prinz Friedrich Sigismund, zweiter Sohn des Prinzen Friedrich Leopold von Preußen, vollendete am selben Tage das 16. Lebensjahr.
— Der preußische Hof legte für die Königin-Witwe Karola von Sachsen Trauer an, bis einschließlich den 5. Januar 1908.
— Die Beisetzung der Leiche der Königin Carola von Sachsen erfolgte am Mittwoch abend in der Dresdener Hofkapelle in feierlicher Weise. König Friedrich August, Prinz Friedrich Leopold als Vertreter des Kaisers, der Großherzog von Baden und zahlreiche andere Fürstlichkeiten wohnten dem Akte bei. — Die Königin hat zahlreiche Legate und Stiftungen -linier- lassen.
— Das Sachsenland ist durch den Tod der Königin- Witwe Karola in Trauer versetzt worden, die in Strehlen bei Dresden nach schwerem Leiden sanft entschlafen ist. Königin Karola war am 5. August 1833 als die einzige Tochter des Prinzen Gustav von Wasa aus seiner Ehe mit der Prinzessin Luise von Baden geboren. Seit dem 19, Juni 1902 verwitwet, ist sie jetzt dem Gemahl, dem tapferen deutschen Heerführer im Kriege 1870/71, damals Kronprinz Albert, im Tode gefolgt. Ein gleich ehrenvolles und sympathisches Andenken verbleibt der hohen Frau, die nicht nur als Lebensgefährtin dieses ausgezeichneten Fürsten oder als letzter Sproß eines berühmten Herrschergeschlechts das Interesse fesselte; die verewigte Königin nahm in gleicher Weise durch edle Gesinnung und Herzensgute
wie durch hohe geistige Gaben eine bedeutende Stellung unter den fürstlichen Frauen ihres Zeitalters ein und konnte im schönsten Sinne die Landesmutter Sachsen genannt werden. Zahlreiche Stiftungen legen von ihrer werktätigen Menschenliebe ein ehrenvolles Zeugnis ab und werden ihrem Namen lange ein gesegnetes Andenken erhalten.
— Die württembergische Eisenbahnverwaltung ist der Tarifermäßigung beigetreten, die kürzlich auf den preußisch-Hessischen Staatseisenbahnen eingeführt worden ist. Hiernach sind zitnächst bis zum 31. Dezember 1900 sämtliche Sendungen von Feinkohlen, Feinkohlen- Briketls und Feinkohlen-Koks zu den Sätzen des Rohstofftarifs zu befördern, soweit nicht noch billigere Aus- naymetarife bestehen. Da für den Bezug von Kohlen aus deutschen Zechen wie von den in Betracht kom- menden Umschlagplätzen heute schon ermäßigte Frachtsätze zur Verfügung stehen, wird die Maßnahme den württembergischen Interessenten nur mittelbar zugute kommen, sofern sie durch Erleichterung der Einfuhr die allgemeine Kohlenknappheit in Deutschland zu mildern geeignet ist.
— Zum 80. Geburtstag des Präsidenten des preußischen Herrenhauses Fürsten zu Jnn- und Knyp- hausen ist demselben ein sehr herzlich gehaltenes Glückwunschtelegramm des Kaisers zugegangen. Auch Reichskanzler Fürst Bülow und der Präsident der Kammer der bayerischen Reichsräte sandten Glückwuschtelegramme. Die beiden Vizepräsidenten des Herrenhauses, Frhr. v. Manteuffel und Exzellenz Becker, haben eine kunstvoll ausgestattete Glückwunschadresse dem Fürsten übermitteln lassen. Die Präsidien des Reichstags und des preußischen Abgeordnetenhauses sandten ebenfalls Glückwünsche.
— In Berlin beriet der Beirat für Arbeiterstatistik in seiner letzten Sitzung über die Regelung der Arbeitszeit in den Plätt- und Waschanstalten und wies die Angelegenheit an den vorbereitenden Ausschuß zurück. Der Beirat beschäftigte sich weiter mit einer Erhebung
über die Arbeitszeit im Binnenschiffahrtsgewerbe, woran sich eine mündliche Vernehmung von 72 Ausktmfts- Personen, Arbeitnehmer und Arbeitgeber, aus den Schiffahtsgebieten des Rheins, der Elbe und den märkischen Wasserstraßen anschloß.
— Eine Verschärfung des polnischen Boykotts wird in polnischen Blättern empfohlen: 1. Es sollen die polnischen Kaufleute und Gewerbetreibenden, welche sich nicht an der polnisch-nationalen Bewegung beteiligen und keinen polnischen Vereinen angehören, ebenso gemieden werden, wie Deutsche und Juden; es soll von den polnischen Detaillisten unbedingt gefordert werden, daß sie ihre Waren nicht von deutschen Großhändlern beziehen; wo keine polnischen Großhändler vorhanden sind, ist der Bezug aus dem Auslande vorzuziehen; 3. muß von den polnischen Kaufleuten, denen die Losung: „Kauft nur bei Landsleuten!" zahlreiche Kundschaft zuführt, verlangt werden, daß sie ausschließlich polnische Angestellte beschäftigen und in ihrem Geschäft nur polnisch gesprochen wird. — Die letzte Forderung kann nur zur Folge haben, daß die letzten Deutschen den polnischen Geschäften fern bleiben und dann werden die Polen aufs neue schreien, die Nichtsnutzigkeit der Deutschen gehe gar so weit, ihren jungen, wirtschaftlich noch schwachen Mittelstand anmutigern zu wollen.
Ausland.
— Weil der Präsident einige ruthenische Obstruk- trionsanträge erst zum Schluß der Sitzung verlesen wollte, kam es zu unerhörten Skandalszenen im österreichischen Abgeordnetenhause, wobei die Ruthenen auf mitgebrachten Pfeifen einen Höllenlarin machten. In dem Tumult riß der ruthenische Abgeordnete Baczinski einen Pultdeckel los und schleuderte ein Stück des Deckels mit Wucht gegen die Präsidenten-Tribüne; das Holzstück streifte einen Abgeordneten am Kopfe und traf den slowenischen Abgeordneten Bankowic mit solcher Wucht, daß er bewußtlos zu Boden stürzte und aus dem Saal getragen werden mußte. Nun stürzten die
NutrennLare Kerzen.
Roman von Otmar Wilms. 30
„Mcta Behrend?" fiel Horn erstaunt ihr in die Rede, „dieselbe, welche bei mir wohnt?"
„Ja, sie wohnt bei Ihnen, wie mir Ihr Schreiber, der andern Tages mich besuchte, um sich nach meinen Bedürfnissen zu erkundigen, sagte," fuhr die Frau fort: „Der Name Behrend ließ mich anfangs an der Wahrscheinlichkeit meiner Vermutung zweifeln, doch je länger ich derselben nachhmg, je öfter ich da» Antlitz der Dame, welche» fortwährend im Bilde vor meiner Seele schwebte, mit den Zügen de» verschwundenen Kinde» verglich, desto fester glaubte ich an die Richtigkeit meiner Ahnung. E» ließ mir heute keine Ruhe mehr, ich mußte zu Ihnen, um Ihnen meine Vermutung mitzuteilen, vielleicht gelingt es Ihnen, sich Gewißheit zu verschaffen, ob sie begründet ist oder nicht."
„ES ist nicht» Seltenes, daß zwei Personen eine überraschende Aehulichkeit mit einander haben," versetzte der Notar, al» die Frau schwieg, „deshalb geben Siesich keinen großen Hoffnungen hin. Ich denke, das beste wird sein, wir lassen miß von Fräulein Behrend ihre früheren Verhältnisse berichten, geben sie uns keinen Aufschluß, so bleibt uns nur noch übrig, zu forschen, ob sie das Muttermal besitzt, an welchem ich baß Kind beß Wucherers erkennen soll."
Er stand von seinem Sitze auf und näherte sich der Türe, an welcher ein Schellenzug hing. Eben hatte er die Hand auSgestreckt, um denselben zu ergreifen, als plötzlich draußen auf dem Gange laute polternde Schritte und dazwischen die zornig rollende Stimme Ferdinand» sich vernehmen ließen.
Horn öffnete die Türe und wich erstaunt zurück, al» er den Katzeu-Na»te, seinen älteren Kollegen am Rockkragen nachschleppend, eintreten sah.
„Was soll da» bedeuten?" fragte er, bald auf die beiden Schreiber, bald auf die Papiere, welche Ferdinand in
der Hand hielt, seinen Blick richtend; „WaS tut Ihr so spät noch in meinem Hanse?"
„Gnade!" rief der Schreiber, indem er sich vor seinem Herrn auf die Knie warf, „nur die Not hat mich zu dem Schritt getrieben; verzeihen Sie mir, und stürzen Sie meine arme Familie nicht inS Unglück."
„So sprecht doch, was ist vorgefallen?" unterbrach der Notar unwillig die Lamentationen de» vor ihm Knieenden. „Fast möchte ich glauben, eS handle sich um ein Berbrechen."
„Um nichts Geringere»," entgegnete Ferdinand, derin- zwischen die Türe verschlossen hatte und nun erschöpft auf einem Stuhle faß und mitten Rockärmeln die nasse Stirne abtrocknete. „Es tut mir leid, einen bis dahin unbeschol- tenen Mann eines Diebstahls beschuldigen zu müssen, doch danke ich Gott, daß ich den Dieb auf der Tat ertappte."
„Diebstahl?" fragte Horn bestürzt, indem er den noch immer vor ihn, knienden Schreiber zweifelnd ansah. „Sie, dem ichmeingauzesVertrauen schenkte,haben eS gewagt..."
„Ja er, der alte Mann, der immer so süß sprach, und sich wie unfehlbar gebärdete," fiel Ferdinand zornig ihm ins Wort. „Hören Sie, wie die Geschichte sich zutrug."
Der Notar gab seinem Schreiber einen Wink, anfzu- stehen, bat die Frau, sich einen Augenblick zu gedulden und nahm, nachdem er, um einem Entwischen des Diebe» vorzubeugen, den Schlüssel zur Türe abgezogen hatte, auf seinem Sessel Platz.
Ferdinand sah einen Augenblick verlegen zu Boden; dann fragte er: „Hat Fräulein ElSbeth schon mit Ihnen gesprochen?"
Horn verneinte.
„Na, wissen müssen Sie'S doch, sie ist fort*
„Fort?" fragte der Notar erstaunt aufschauend, „wer, ElSbeth?"
„Nein, FräuleinBehrend, sie hat heute abend daS Hau» verlassen und ist spurlos verichwunden."
Horn sprang auf und warf der Frau, die ihn bestürzt ansah, einen beruhigenden Blick zu
„DaS kann nicht sein," sagte er ruhig, „welchen Grund sollte sie haben, mein HauS zu verlassen, in welchem sie wie mein eigene» Kind gehalten wurde."
„Und doch ist eS so, "entgegnete Ferdinand aufseufzend, „die Briefe, welche sie zurückließ, lassen mich durchaus nicht mehr daran zweifeln."
„Ich glaube nicht daran," erwiderte der Notar, sich ge- waltsam zur Ruhe zwingend, „waS sollte sie dazu veranlaßt haben?"
„WaS sie dazu veranlaßt hat?" versetzte Ferdinand rauh. „Anonyme Briefe, eleitde Machinationen der beiden Schurken, deren Schicksal ich hier in meiner Hand halte. Noch in dieser Nacht sollen sie unschädlich gemacht werden."
„Und baß alles sagen Sie mir erst jetzt?" brauste Horn auf.
„Beruhigen Sie sich," schnitt Ferdinand ihm baß Wort ab, „wir werden da» Mädchen wiederfinden, und sollte ich drum bis an» Ende der Welt wandern müssen. Als wir beide, der Doktor Alsdorf und ich, das Verschwinden des Mädchens erfuhren, machten wir uns sofort auf den Weg, sie wieder aufzusuchen. Der Doktor wandte sich dem Flusse zu, ich schlug die entgegengesetzte Richtung ein. Bevor ich die Stadt verließ, fragte ich an jedem Tore den Wächter, ob er vielleicht bemerkt habe, daß ein Mädchen hinauSgegangen sei. Ueberall erhielt ich eine verneinende Antwort, eben stand ich im Begriff, auf gut Glück hinauS- zuwandern, als ich auf den Gedanken kam, vorher auch noch an dem Tore, welche» Julius passiert hatte, anzu- fragen. Zu meiner freudigen Ueberraschung warb mir hier die Antwort, daß vor ungefähr zwei Stunden ein Mädchen eilig hinauSgegangen und den Fluß hinunter fortge- schritten sei, der Doktor Alsdorf habe vor einer halben Stunde ebenfalls danach gefragt und dann dieselbe Rich- tung eingeschlage». Die Beschreibung dieses Mädchens paßte genau auf Fräulein Behrend, und beruhigt trat ich den Rückweg an, um Ihrer Tochter diese angenehme Nachricht zu überbringen " 144,18