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mit amtlichem Kreisblatt.
Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 100.
Samstag, den 14. Dezember 1907.
58. Jahrgang.
Aönig Oskar von Schweden f.
Auf das Königschloß von Stockholm haben sich die Schatten des Todes herabgesenkt. Die Kunst der Aerzte hat das Leben des greifen Schwedenkönigs nicht mehr zu halten vermocht; sanft und ruhig ist König Oskar II. im Kreise seiner Familie hinübergeschlum- niert, und an diesem Verluste, den das stammverwandte schwedische Volk betroffen hat, nimmt das deutsche Volk innigen Anteil. War der Verewigte doch ge- sinnungsverwandt mit manch edlem deutschen Fürsten. Was in Deutschland Karl August von Weimar zur Zeit der klassischen Dichterperiode, was der königliche Dichter Ludwig I. und dessen idealer Enkel Ludwig II. in Bayern waren, das ist Oskar II. allzeit seinem Lande gewesen, nämlich ein eifriger und hochherziger Förderer der schönen Künste und Wissenschaften, namentlich der Poesie, welche sich seit seiner Thronbesteigung zu schönster Blüte entfalteten, so daß das Dichterwort „Hier lächelt eines Mediceers Güte der echten Kunst" selten so schön auf einen Fürsten paßt wie auf ihn. König Oskar war aber auch selbst ein gottbe- gnadeter Freund der Musen, dem die schwedische Literatur nianch herrliche Liedergabe zu verdanken hat, und als Dichter wie als Gelehrter hat er sich einen hochgeachteten Namen erworben. Er war Ehrendoktor verschiedener Universitäten, darunter auch der Universität Erlangen.
König Oskar II. Frederik, aus der seit 1818 segensreich regierenden Dynastie Bernadotte, wurde als dritter Sohn des Königs Oskar I. und der Königin Josephine am 21. Januar 1829 in Stockholm geboren. Er genoß eine sehr sorgfältige Erzieyung, trat in seinem elften Lebensjahre für eine fünfjährige Dienstzeit in die Marine ein und nahm an mehreren See-Expeditionen teil. Im zwanzigsten Lebensjahre wurde ihm das Kommando aus einer Kriegsbrigg während einer längeren Uebungsfahrt auf den europäischen und amerikanischen Gewässern übertragen. Nach seiner Rückkehr bezog er die Universität Upsala, wo er unter Leitung erprobter Lehrer eine seltene Vielseitigkeit des Wissens sich erwarb, wodurch er ganz besonders befähigt wurde, später in wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Kreisen ratend und fördernd sich zu erweisen Wie sehr man seine Bedeutung schätzte, bewies seine Wahl zum Präsidenten der Gesellschaft der Wissenschaften zu Upsala, zum Präses der Musikakademie in Stockholm, die ihm ihre heutige Höhe versänkt, zum Präses der schwedischen Industrie-Ausstellung in Stockholm im Jahre 1866,
zum Präsidenten des 1874 in Stockholm zusammengetretenen „Archäologischen Kongresses", zum Ehrenmitglied und Präsidenten einheimischer und ausländischer wissenschaftlicher und anderer Vereine. Er förderte die Entdeckungsreisen in die arktischen Gewässer/ wo ein neu entdecktes Land ihm zu Ehren „Prinz Oskar- Land" genannt wurde. Inzwischen erstieg er alle militärischen Stufen, auch war er Großadmiral der deutschen Flotte.
Nach dem Tode seines Bruders, des Königs Karl XV., am 18. September 1872 bestieg er den Thron, und während seiner ganzen Regierung war er eifrig bemüht, sein Land aus eigener Wahrnehmung kennen zu lernen, indem er fast jedes Dorf seines ausgedehnten Reiches besuchte. Alle Eingänge las er selbst durch, arbeitete oft bis nach Mitternacht, um des Tags meist unangemeldet bald in diesem, bald in jenem Bureau zu erscheinen, Berichte und Bescheide zu prüfen und nicht selten Gnade vor Recht ergehen zu lassen. Ganz besonders ließ er sich's angelegen sein, für Industrie, Handel, Bergbau, Eisenbahnbauten, Telegraphenwesen, Kanäle, Reform der Landesverteidigung und namentlich für die Schulen, für öffentliche Wohlfahrtseinrichtungen und für sozialen Fortschritt sein Möglichstes zu tun, so daß jetzt viele seiner Einrichtungen, ganz besonders was die Reform des Schulwesens betrifft, mustergültig sind. Wöchentlich erteilte er Audienzen an jedermann und war bemüht, in freundlichster und gewinnendster Weise allen Anliegen helfend entgegen- zukommen, so daß er gleich seinen drei großen Vorfahren von seinem Volke als ein Vater wie kaum ein anderer Mrst innig verehrt und aufrichtig geliebt wurde. Umso größeren Schmerz bereiteten ihn die Bestrebungen der radikalen norwegischen Storthings- mehrheit,, die schließlich im Jahre 1905 zur Lösung der Verbindung zwischen Schweden und Norwegen führten.
Als Mensch hat der verewigte Herrscher durch Sinn für alles Edle, Große und Wahre sich ausgezeichnet, und als Fürst ist er allezeit bestrebt gewesen, Gutes zu schaffen, Fehlendes zu ergänzen, Ideales zu pflegen, ein edler, vorbildlicher Charakter, der mit gutem Willen und hoher Begeisterung nur das Wohl seines Volkes im Auge hatte.
Deutsches Reich.
— Kaiser Wilhelm traf heute mit Gefolge auf der Waterloostation ein und begab sich in einem königlichen Wagen nach dem Buckinghampalast, wo er bei dem
Könige das Frühstück einnahm. Das Publikum bereitet dem Kaiser lebhafte Ovationen. Bei dem Frühstück waren auch der König von Norwegen und der Prinz von Wales zugegen Nachmittags stattete der Kaiser dem Prinzen von Wales, dem Herzog von Ar- gyll, der Prinzessin Heinrich von Battenberg, der Herzogin von Fife und dem Prinzen und der Prinzessin von Schleswig-Holstein einen Besuch ab. Um 6 Uhr empfing der Kaiser in der deutschen Botschaft den Prinzen Napoleon. Abends war Diener auf der Botschaft, an dem das Gefolge, die Herren der Botschaft, Professor Waldstein u. a. teilnahmen. — Zum bevorstehenden Besuch des Kaisers in Holland, wird berichtet: Die Königin-Mutter Emma wird wegen des Ablebens des Königs Oskar von Schweden beim Galaessen am Freitag zu Ehren des Deutschen Kaisers in Amsterdam, nicht zugegen sein, sondern nur auf einige Stunden dorthin koinmen, und nach dem Nachmittagstee in den Haag zurückkehren.
Hj — Der Landeseisenbahnrat befaßte sich am Freitag mit der Frage der Aufhebung oder Beschränkung der ermäßigten Ausnahmetarife für die Ausfuhr und Frachtermäßigung für die Einfuhr von Steinkohlen, Steinkohlenbriketts und Steinkohlenkoks. Der Ausschuß empfahl dem Landes-Eisenbahnrat 1. sich für die Beibehaltung der für die Ausfuhr von Steinkohlen, Steinkohlenbriketts und Steinkohlenkoks bestehenden Ausnahmetarife mit der Maßgabe auszusprechen, daß der Staatseisenbahnverwaltung überlassen werde, in eine nähere Prüfung darüber einzutreten, ob die nach Stationen der französischen Ostbahn, nach Italien, nach der Schweiz und nach O.i .: .^ch-Ungarn geltenden direkten Tarife aufgehoben oder eingeschränkt werden können, 2. zu befürivorten, daß der Rohstofftarif für Steinkohlen (einschließlich Briketts und Koks) für ein Jahr allgemein eingeführt werde.
Der Antrag des Ausschusses wurde angenommen.
— Die deutsche Kaiserin wird am Dienstag znm Besuche der Großherzogin-Witwe und des großherzoglichen Paares in Karlsruhe erwartet.
— In den enormen Goldverschiffungen, die^ bei der jüngsten amerikanischen Finanzkrisis von England aus nach den Vereinigten Staaten erfolgt sind, sind auch die Schnelldampfer des „Norddeutschen Lloyd" von den englischen Verladern in bemerkenswerter Weise benutzt worden. Der Schnelldampfer „Kronprinzessin Cecilie" landete am 5. November 7 100 000 Dollar in Newyork, „Kaiser Wilhelm II." 8 000 000 Dollar am 16. November, „Kronprinz Wilhelm" am 26. No-
Mniremrbar- Kerzen.
Roman von Olmar Wilms. 36
Meta hatte vorauSgesehe», daß man ihr nachsorschen werde und deshalb die Stadt ungesäumt verlassen. Wohin ihr Weg sie führte, war ihr gleichgültig, nur fvrtwvlüe sie, weit, loeit fort aus der Stadt, in der jedes Kind sie kannte, jeder ehrliebeude Mensch mit Mitleid oder Ver- achtnng auf sie hinabsah.
Die Nacht war kalt und dunkel, kein Stern leuchtete an dem tiesschwarze», umwölbte» Himmel, und heulend fuhr der Sturm über den zugefrorenen Fluß, an dessen Ufer entlang daS bebende Mädchen eilig einherschritt.
Meta hatte anfangs bei sich beschlossen, die ganze Nacht hindurch zu wandern und erst am Morgen in irgend einer Hütte einige Stunden ausznrnhe», doch bald fühlte sie an den sinkenden Kräften, daß sie ihren Vorsatz nicht aus- führen konnte. Das ungewohnte Gehen auf dem steinigen User ermüdete um so rascher, als sie die vorhergegan- gene Gemütserschütterung ihre Kräfte schon aufgerieben hatte und als sie nach einer einstündigen Wanderung in einer Fischerhütte Licht erblickte, trat sie, ohne zu zögern, in dieselbe ein, um ein Obdach für die Nacht dort zu fu« chen.
Sie fand in der engen dumpfen Stube eine blasse, noch ziemlich junge Frau am Herde sitzen, die ein Kind säugte und erstaunt aufschaute, als das an allen Gliedern zitternde Mädchen schüchtern eintrat. Sie hörte die Bitte desselben an, und rückte mit wohlwollendem Lächeln einen Stuhl anS Feuer, auf welchem Meta sich erschöpft niederließ. Das Kind schlief bald darauf ein, die Mutter trug's in die Nebenkammerund kehrte zurück, um für die Fremde ein Abendbrot anzurichteu.
Meta wollte dasselbe ablehnen, doch ließ Die gast- freundliche Frau sich nicht zurückhalten.
„Sie haben einen weiten Weg gemacht," sagte sie, „und bei der Kälte die draußen herrscht, ist eine warme Tasse Kaffee nicht zu verachten. Kommen Sie, setzen Sie sich
hier an den Tisch und langen Sse wacker zu, es soll mich freuen, weun'S Ihnen schmeckt."
DaS sreundliche, ermunternde Lächeln, welches diese Worte begleitete, bewog Meta, der Aufforderung Folge zu leisten.
„Sehen Sie," fuhr die Wirtin redselig fort, während sie den Kaffee einschenkte und geschäftig bald das weiße Brot, bald die Butter dem Mädchen anbot, „eigentlich ist's mir sehr lieb, daß S,ie gekommen sind, denn mein Mann ist in der Stadt und wird erst spät heimkehren; wenn man Gesellschaft hat, wirb einem die Zeit nicht halb so lang."
„In der Stadt?" fragte Meta, die gern auf das Gespräch einging, um ihren Gedanken eine andere Richtung zu geben. „Er läßt Sie bis tief in die Nacht allein ?"
„Wundert Sie das?" antwortete die Frau lächelnd. „Sie hatten Mut genug, in später Nacht allein den Weg zu Ihren Eltern anzutreten, soll ich mich etwa hier hinter Schloß und Riegel fürchten? Es geschieht selten, daß mein Mann so spät noch in die Stadt geht, heute mußte er, weil er für morgen noch Fische hin zu besorgen hatte, die er heute nachmittag erst fangen konnte."
„Fische?" fiel Meta ihr erstaunt ins Wort, „der Fluß ist ja zugefroren?"
„Es ist freilich eine mühsame Arbeit, daS Eis aufzu- hacken," erwiderte die Wirtin, „aber man arbeitet gern, wenn man seines Lohnes gewiß ist. Wir haben es zudein etwas leichter, als andere Fischer. Ungefähr fünfzig Schritte oberhalb unseres Hauses ist dicht am Ufer eine Stelle im Flusse, die nie zufriert; mau sagt, es habe dort früher sich ein Vulkan befunden, aus dessen Oeffnung nun Wasser her- vorsprudele. Ob eS wahr ist, weiß ich nicht, will'Saber gern glauben, denn unsere ältesten Leute wissen sich nicht zu erinnern, daß jene Stelle je einmal zugefroren ist."
Sie sah eine Weile wie in Erinnerung versunken, vor sich hin, dann fuhr sie in gedämpftem, fast ängstlichen Tone fort: „Aber obgleich wir dort stets den reichsten Fang hatten, möchte ich dennoch wünschen, ich hätte jene
Stelle nie gekannt, und wissen Sie, warum? Weil sie ein unersättliches Grab ist, welches schon viele Opfer verschlangen hat und noch manches verschlingen wird, trotzdem mein Mann eine Warnungstafel am Ufer angebracht hat. Es befindet ein reißender Wirbel sich dort, der den kräftigsten und geübtesten Schwimmer, wenn er ihn erfaßt hat, unrettbar in die bodenlose Tiefe zieht. Mancher, der diese Stelle nicht kannte, ist dort um sein Leben gekommen; Selbstmörder haben ihr Grab dort gesucht und gefunden."
„Selbstmörder?" fiel Meta, betroffen aufschauend, ih. rer Wirtin in die Rede.
„Wie ich Ihnen sagte. Noch im vorigen Winter ereignete sich ein Fall, den ich nimmer vergessen kann. Ich hatte eine Jugendgespielin, Ella, hieß sie, ein liebes, hübsches Mädchen, die ihres guten Herzens wegen von jedem, der sie kannte, geachtet und geliebt wurde. Ihre Eltern starben früh, da sie ihrer Tochter kein Vermögen hinter- ließen, sah diese sich genötigt, in der Stadt einen Dienst zu suchen. Jung, unerfahren und lebenslustig, wie sie war, hielt es nicht schwer, ihr Herz durch süße Worte zu betören. Der Sohn aus dem Hause, in welchem sie diente, hatte dies rasch bemerkt und, ehe ein Vierteljahr verstrich, das Mädchen durch Versprechungen zum Fall gebracht. Mit dem Verlust der Ehre war für sie die Hoffnung auf eine glückliche Zukunft für immer dahin. Die Welt richtet nur »ach dem Schein; der Schurke, wenn er seine Schandtaten zu verbergen und den äußeren Schein zu wahren weiß, bleibt stets ein geachteter Mann, das arme Mädchen, welches ihm glaubte und sich durch seine süßen Worte betören ließ, wird verurteilt und verachtet. Mag sie auch später einen noch so musterhaften Lebenswandel führen, die Schande bleibt auf ihr haften, sie folgt ihr bis inS fernste Land und verläßt sie nicht eher, als bis daS arme gequälte Herz in der Erde ruht."
„Ist die Behauptung nicht etwas sehr gewagt?" fragte Meta schüchtern.
„Gewagt?" erwiderte die Fischerin, „nein,gewiß nicht, ich habe »rauchen derartigen Fall erlebt." 144,18