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Abg. Paasche vor, daß et aus persönlichen Motiven seine Aeußerungen gemacht habe, was dieser bestritt. Generalmajor Sixt v. Arniin erklärte, daß der Kriegs­minister wegen dringender Geschäfte abwesend sei, aber bei nächster Gelegenheit dem Abg. Paasche antworten werde. Am Mittwoch antwortete gleich nach Beginn der Sitzung Kriegsminister v. Einem dem Abg. Paasche auf seine am Tage vorher gehaltene Rede und machte im Hause einen überzeugenden Eindruck. Er teilte mit daß sich die Grafen Hohenau und Lynar dem Militär­gericht gestellt haben. Besonders stark war die Wirkung im Hause, als der Kriegsminister, mit den Knöcheln auf den Tisch schlagend, den Satz sprach:Ob Offiziere ob Grafen, ob Prinzen, sie mögen das Wort Buben auf sich beziehen." Das Wort Buben nämlich, das der Kriegsminister in seiner Rede vom Sonnabend gegen diejenigen brauchte, die sich Verfehlungen gegen § 175 St. G. B. zuschulden kommen ließen. Unter allgemeinem Beifall rief der Minister im Tone ehr» lichster Ueberzeugung:Wir wollen aus dem Schmutz heraus." Und als der Kriegsminister mit der an die Abgeordneten aller Parteien gerichteten Bitte schloß: Helfen Sie mir dazu!" erscholl andauernder lebhafter Beifall auf der Rechten, der unwidersprochen blieb. Auf Antrag der Mehrheitsparteien wurde sodann die Sitzung auf Donnerstag vertagt.

Vor Eröffnung der Mittwochssitzung des Reichs­tages begab sich der Reichskanzler Fürst Bülow nach dem Reichstage, wo er die Führer der Mehrheits^ Parteien zu einer Besprechung bitten ließ. Den Anlaß dazu haben dem Reichskanzler die Vorgänge der Diens« tagssitzung geboten. Es erscheint aussichtslos, die Ge­schäfte im Sinne der am 13. Dezember v. I. in­augurierten Poliiik zu führen, wenn die zum Zusammen» wirken berufenen Parteien in ihrem parlamentarischen Auftreten nach bem am Dienstag gegebenen Beispiel fortfahren, gegeneinander oder gegen die Regierung zu kämpfen. Infolgedessen wurde die Mittwochsitzung nach einer gegen die in der Dienstagsitzung gemachten Be» merkungen des Abgeordneten Paasche gerichteten Rede des Kriegsministers v. Einem abgebrochen und auf Donnerstag vertagt.

Der Reichstag setzte am Donnerstag die Etats­debatte fort. Die Abgg. v. Normann (kons.), Basser- mann (natl.), Dr. Wiemer (frs. Vp.) sprachen im Namen ihrer Partei das Vertrauen zum Reichskanzler und das Festhalten am Block aus. Dabei kam es zu wüsten Lärmszenen, die von dem Zentrum und der Sozialdenlokratie veranlaßt wurden Unter fortdauern­dem Geheul der Blockgegner wurde die erste Lesung des Etats beendet. Dann wurde das Handelsprovi» sorium mit England in erster und zweiter Lesung genehmigt, ohne daß es den einzelnen Rednern möglich war, sich Gehör zu verschaffen. Am Freitag fand der erste Schwerinstag statt. Auf der Tagesordnung stand der Zcntrumsantrag zur Erhaltung und Förde­rung des Handwerkerstandes und des kaufmännischen Mittelstandes, den Abg. Trimdorn (Z.) in langer Rede begründete. Abg. Pauli (fonf.) schloß sich im wesent lichen dessen Ausführungen an. Abg. Frhr. v. Gamp (Rp.) äußerte Bedenken gegen die Schaffung eines Reichshandwerkerblattes und gegen die Einführung von Handelsinspektoren. Die Weiterberatung wurde schließ­lich aus Sonnabend vertagt.

Das preußische Abgeordnetenhaus überwies am Donnerstag den Entwurf eines Quellenschutzgesetzes einer besonderen Kommission. Nach Annahme des Antrages Bachmann (natl) der die Vorlegung eines Gesetzentwurfs über die einheitliche Regelung der Ver­hältnisse der nicht zum Richterstande gehörigen Beamten verlangt, rief der Antrag des Abg. Hammer (kons.) auf Erhöhung der Warenhaussteuer eine längere Be­sprechung hervor, der schließlich an die Kommission für Handel und Gewerbe verwiesen wurde. Zur Geschäfts­ordnung erklärte Präsident v. Kröcher auf eine Anfrage des Abg. Fischbeck (frs. Vp.), daß die Regierung aus geschäftlichen Gründen die Erörterung des freisinnigen Wahlrechtsantrags vor Weihnachten nicht wünsche. Die nächste Sitzung findet Mittwoch, den 11. Dezember, statt.

In der Kommission ist die Ostmarkenvorlage vorläufig abgelehnt worden. Die Gründe der Ablehn­ung waren bei den einzelnen Parteien verschieden. Natürlich sind die Konservativen nicht grundsätzliche Gegner der Vorlag, sie hatten nur einiges an der gegenwärtigen Form auszusetzen, so daß zu hoffen steht daß die Vorlage in entsprechend geänderter Fassung in zweiter Lesung doch angenommen werden wird.

Zum Präsidenten des preußischen Oberverwaltungs­gerichts wurde an Stelle des am 1. Januar zurück- tretenden Präsidenten Peters der bisherige Präsident der Hauptverwaltung der preußischen Staatsschulden v. Bitter und zu dessen Nachfolger der bisherige Unter­staatssekretär im preußischen Ministerium des Innern v. Bischofshausen ernannt. Unterstaatssekretär wird an dessen Stelle der bisherige Regierungspräsident Holtz in Oppeln.

Ausland.

Die Zarin Alexandria ist in Petersburg ziem­lich stark an Influenza erkrankt.

König Oskar 11 von Schweden starb am Sonn­

tag im Alter von 78 Jähren, er war einer der sympathischsten Regenten Europas. Am 21. Januar 1829 geboren, folgte er seinem Bruder Karl XV. am 18. September 1872 in der Regierung

Die Sozialdenlokratie in Böhmen hat das Losungswort: Krieg den Palästen! dadurch in die Tat umgesetzt, daß sie den gräflich Kinskyschen Palast in der Hybernergasse zu Prag als sozialdemokratisches Vereinshaus aufgekauft hat. Das Palais, das im Zentrum der böhmischen Landeshauptstadt steht, hat einen Umfang von 6021 Quadratmetern. Der Kauf­preis betrug 1 071 392 Kronen, wovon ein Teil so­fort bezahlt wurde und ein Teil als Hypothek auf dem Hause bleibt. Man sieht, daß es auch jenseits der schwarzgelben Grenzpfähle der Sozialdemokratie an schnödem Mammon nicht mangelt. Die Arbeiter zahlen es ja.

Zum Regenten von Schweden ist während der Krankheit des Königs Oskar der schwedische Kronprinz ernannt worden.

Zur Lage in Portugal teilt dieAgence Ha- vas" aus Lissabon mit, das Nachlassen der politischen Spannung werde voraussichtlich gestatten, alle kon­stitutionellen Maßregeln zu ergreifen, die darauf ab­zielen, die Ruhe noch vor der Reise des Königs nach Brasilien wiederherzustellen.

Derheilige Krieg" gegen die Franzosen scheint nunmehr in ganz Marokko im Gange zu sein. Dem Temps" wird aus Tanger gemeldet, daß die Nach­richten über die Kämpfe an der algerisch-marokkanischen Grenze und über die Niederlage, welche der Schauja- Stamm den Sultanstruppen beigebracht hat, auf die Eingeborenen einen bedenklichen Eindruck gemacht habe. Diese seien überzeugt, daß die Franzosen genötigt ge­wesen seien, Udschda zu. räumen, und daß ganz Süd- Oran bedroht sei. Man müsse sich auf schlimme Nachrichten aus Casablanca gefaßt machen. Mulay Hafid soll nach Berichten von Reisenden, die aus Tanger in Cadir eingetroffen sind, Mazagan wieder erobert haben und gegen Casablanca marschieren, wo eine Panik ausgebrochen sei.

Die Gemeindewahlen in Serbien brachten für die Regierung einen großen Sieg. Dies ist um so überraschender, als man infolge der unbefriedigenden Finanzpolitik der Regierung mit Oesterreich Ungarn, unter der besonders die Bauern viel zu leiden haben, erwartete, daß die Wähler sich gegen die Regierung äußern würden. Die Situation gestaltet sich für bie Regierung infolge der glücklichen Wahlresultate gün­stiger.

Die Kapregierung hat einen neuen Beweis ihrer Loyalität gegeben, sie hat die Kap-Polizei be­auftragt, gemeinsam mit der deutschen Truppe gegen Simon Copper Vorzugehen.

Die Unruhen in Persien scheinen weiter um sich zu greifen. In Tübris hat sich der Kampf zwischen den konservativen und revolutionären Parteien erneuert. Es fanden Straßenkämpfe statt, bei denen Personen getötet worden. Die Obrigkeit ist machtlos. Zwischen dem Volksstamm der Schachsewan und den Bewohern der Provinz Aserbeidjan an der russischen Grenze sind Unruhen ausgebrochen.

Lokales und Provinzielles.

Schlüchtern, 19 Dezember 1907.

* Kalte Weihnachten? Der Nachfolger Falbs, der Meteorologe Bürgel, bejaht diese Frage durch die Prognose für den Monat Dezember. Er stellt für den Anfang klare Tage in Aussicht. Vom 5. Dezember ab soll Frost und Schnee eintreten, worauf es wieder wärmer wird. Eine anhaltende Kälte dürfte dann mit dem 22. Dezember einsetzen, die sich namentlich gegen Ende des Monats verstärkt. Den 5. Dezember bezeichnet er als einen kritischer Tag von starker, den 19. als einen solchen von geringer Bedeutung. Nach dem hundertjährigen Kalender dürfte der Monat anfangs schön sein, dann sich aber unfreundlich und rauh ge­stalten. Vom 15. bis 20. soll Kälte herrschen, vom 21. bis 27. trübe Witterung. Die letzten Tage des Monats sollen uns wieder Kälte und zahlreiche Schnee­fälle bringen.

* Das Deutschtum des Staates Newyork, ja des ganzen Landes, hat wiederum einen großen Ver­lust zu beklagen, denn einer seiner wackersten Kämpen, der eifrigsten Verfechter seiner Interessen und Rechte, ein Mann mit ehrlichein, graben, streng rechtlichem Sinn, uneigennützig und bescheiden und voll Herzens­güte, ist nicht mehr. Herr John C. Schreiber, der Miteigentümer und Chefredakteur derUtica Deutsche Zeitung", in Utica, N. A., ist am 9. November plötzlich gestorben und wurde am 12. November zu Grabe getragen. Mit .den Deutschen und der ganzen Bevöllerung von Utica trauert das gesamte Deutsch­tum des Staates um den Verblichenen, welcher einer der Vice-Präsidenten des Deutsch-Amerikanischen-Ver« bandes vom Staate Newyork war. Herr John C. Schreiber wurde am 16. Januar 1837 in Aufenau, Hessen-Nassau geboren, war später, nachdem er eine ausgezeichnete Gymnasialbildung genossen, in einem Buchhandlungs-Geschäft in Frankfurt a. M. tätig und kam im Jahre 1857 nach Amerika.

* In den Stadtsälen zu Marburg findet am Mitt­woch den 11. Dezember die große Gedenkfeier des 700- jährigen Geburtstages der heiligen Elisabeth statt.

* Eine Näherin in Malsfeld, welche die Gewohn­heit hatte, Nadeln an die Schürze zu stecken, stieß sich eine solche in den Leib. Da ihr Zustand nicht unbe­denklich war, wurde sie in die Klinik nach Marburg gebracht.

* Am Freitag in bet Mittagsstunde wurde in der Fuldaer Filzfabrik, A.-G, der Arbeiter Sylvester Schneider von Engelhelms von der Transmission erfaßt. Da ihm der Brustkorb eingedrückt wurde, trat der Tod auf der Stelle ein. Der Domänenpächter Suntheim zu Ziehers erlitt durch den neulichen Brand, der eine große, vollgefüllte Scheuer vernichtete, einen Schaden von etwa 20000 Mk. für den er aber durch Versicher­ung gedeckt ist.

* Der Kreistag des Kreises Gersseld beschloß, die für den Bahnbau Geisa-Tann innerhalb des Kreises entstehenden Grunderwerbskosten auf den Kreis zu übernehmen und an den Bezirksverband das Gesuch zu richten, einen Zuschuß zu diesen Gcunderwccbskosten zu bewilligen. Ferner beschloß der Kreistag, in einer Petition um baldigen Ausbau einer Bahn von Gers­feld nach Bischofsheim zu bitten.

* Vom 29. November bis 4. Dezember fand in Kassel die Prüfung für Lehrer an Mittelschulen statt. Gemeldet waren 18, erschienen 15 Kandidaten, von denen 9 bestanden: Bechtel-Kassel, Fleischer-Geisenheim, Hänsch-Kaffel, Heyde-Gelnhausen, Kumpfrian-Herborn, Loh-Wiesbaden, Müller Frankfurt, Mütze-Kassel und Wickenhöfer-Marburg. Die Erweiterungsprüfung legten ab: Müller und Teile-Frankfurt, Hentze-Marburg.

* Cassel. In einem hiesigen Geschäft wurde ein falscher Zwanzigmarkschein in Empfang genommen. Der Inhaber, der den Schaden erst nachher bemerkte, trug den Schein auf ein Bankhaus, wo er erfuhr, daß dort vor einigen Tagen derselbe Schwindel vorgekommen war. Von dem Fälscher fehlt bis jetzt jede Spur. Die Hundezählung für die Stadt Cassel ist nunmehr beendet. Es sind etwa 2500 Hunde gezählt worden, sodaß die städtische Verwaltung 50 000 Mk. statt 40 000 Mk. aus der Hundesteuer erzielen würde.

* Cassel. Als Nachfolger des am 31. März aus seinem Amte scheidenden Eisenbahn-Direklionspräsidenten Ulrich wird Geh. Oberregierungsrat Martini im Ministerium der öffentlichen Arbeiten in Berlin genannt, ferner nach einer anderen Meldung Präsident Kischke von der Eisenbahndirektion Essen.

Vermischtes.

Der Kaiser hat bei dem siebenten und achten Sohne (Zwillingskindern) der Eheleute Fabrikarbeiter Fr. Norres in Klees bei Hilden (Rhld.) bie Patenstelle übernommen und den Eltern der Täuflinge ein größeres Geldgeschenk überweisen lassen.

Die Polizei in Duisburg hat sieben Personen, darunter den Kapitän eines größeren Rheinschiffes, er­mittelt, die im Laufe der Zeit über 5jOu Zentner Kohlen im Werte von 6000 Mark gestohlen haben, indem sie bei Nacht Kohlen auf ein anderes Schiff übernahmen und an Land brachten.

In Gerresheim bei Düsseldorf wurden 12 Bahnbeamte und Bahnarbeiter verhaftet, welche auf der Strecke Elberfeld-Aachen schon seit längerer Zeit umfangreiche Diebstähle verübt haben, darunter Be­raubung verschlossener Waggons. Die bei ihnen be- schlagnahmleu Sachen mußten mit einem Lastwagen fortgeschafft werden.

Selbstmord verübte in Dresden ein Soldat des Schützenregiments Nr. 108, indem er sich am Sonn­tag abend von einem Eisenbahnzug überfahren ließ. Der Rekrut war erst am Sonntag vormittag verei­digt worden.

Selbstmord durch Erschießen verübte in der Nacht zu Dienstag der Leutnant Erich Honig vom 175. Infanterie-Regiment zu Graudenz. Der Be­weggrund ist unbekannt.

(Aus dem Amtsgerichtsgefängnis Weißensee) sind in der Rächt zum Dienstag vier Infanteristen ausgebrochen. Trotz der strengen Bewachung gelang es den Häftlingen, sich untereinander zu verständigen- und einen Fluchtplan zu verabreden, dessen Ausführ­ung ihnen auch gelang. Die Verfolgung der Ent­wichenen, die sofort ausgenommen wurde, hatte keinen Erfolg.

Die im Erlöschen befindliche Cholera hat in der Woche vom 27. November bis 30. Dezember noch 60 Opfer von 109 Erkrankungsfällen gefordert. Im Ganzen sind seit Beginn der Epidemie bis zum

3. Dezember 117 940 Personen erkrankt, von denen 5650 gestorben sind.

Was? In einem so weltvergessenen Nest halten Sie's aus, Herr Förster?" Förster:O ja, da glauben die Leut' noch 'was!"

Rückwanderung aus Amerika. Nach Meldungen aus Hoboken haben in den dortigen Schiffsbureaus in den letzen fünf Tagen über 18 000 Auswanderer ihre Rückwanderung nach Europa auf den Schiffen der Hamburg-Amerika Linie und des Norddeutschen Lloy 1 angemeldet.