SchlüchtemerAitung
mit amtlichem Rreisblatt.
Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 99.
Amtliches.
J.-Nr. 12811. Die Herren Bürgermeister und Gutsvorsteher, mit Ausnahme derjenigen der Pferdemusterungsorte Schlüchtern, Steinau, Salmünster, Altengronau, Hintersteinau, Mottgers, Ramholz, Romsthal, Sterbfritz, Uerzell, Ulmbach und Wallroth, ersuche ich die Anzahl der in ihren Gemeinden pp. vorhandenen kriegsbrauchbaren Fahrzeuge auf Grund der Pferdeaushebungsvorschrift vom 1. Mai 1902 — Regierungs-Amtsblatt 1902, Seite^ 2d1 ff. und deren Anlage G — festzustellen und mir binnen 3 Tagen anzuzeigen.
Schlächtern, den 9. Dezeiuber 1907.
Der Kgl. Landrat I. V.: S ch u l t h e i s.
Politischer Wochenbericht.
Die verflossene Woche hat uns mit dem Beginn der Etatsverhandlungen im Reichstage einige große parlamentarische Tage gebracht. Mit drei bedeutsamen Reden hat unser Reichskanzler Fürst von Bülow selber in den Gang der Beratungen eingegriffen, um die Sache der Reichsregierung mit gewohnter Meisterschaft zu führen und die politischen Probleme der Gegenwart von hoher Warte herab in großzügiger und geistreicher Weise zu beleuchten. Ganz besonders wichtig und be merkenswert erscheinen seine Ausführungen über die Blockpolitik. Fürst Bülow wies die falsche Auffassung L zurück, als sei die Blockpolitik bestimmt, eine Preis-
k gäbe liberaler oder konservativer Parteiprinzipien her- beizuführen. Dies sei ganz und gar nicht der Fall, k vielmehr habe die Blockpolitik einzig und allein den Zweck, in allen nationalen Lebensfragen, m anen Fragen, die des Vaterlandes Wohl und Wehe betreffen . ein geeintes Vorgehen zwischen den Parteien der Rechten und der bürgerlichen Linken zu sichern. Das Heil unserer politischen Zukunft liegt nach der Ueberzeugung des Reichskanzlers in der Paarung und Einigung altpreußischer Tatkraft, Zucht und Disziplin mit deutschem Geistesreichtum und deutscher Weitherzigkeit. Hierin wurzelt, richtig verstanden, auch das Wesen einer wahrhaft groß gedachten Blockpolitik. — Neben dem Reichskanzler beteiligten sich an der Etatsdebatte vom Regierungstische aus noch der Kriegsminister v. Einem und der Staatssekretär des Reichsamtes des Innern V. Bethmann-Hollweg. Ersterer wies in schlagender Weise die Angriffe auf unser Heerwesen zurück, während Herr v. Bethmanu-Hollweg in der ihm | eigenen geistvollen und tiefgründigen Art sein sozial-
Mittwoch, den 11. Dezember
politisches Zukunftsprogramm entwickelte. Man muß in der Tat weit zurückgehen in der Geschichte unseres Parlamentarismus, um eine gleich zündende und wirkungsvolle Vertretung des Regierungsstandpunktes zu finden, wie sie die jüngst stattgehabten Etatsverhandlungen dargeboten haben.
Die Entdeckung eines für die russischen Terroristen bestimmten Lagers von Papier und Mordwerkzeugen im Hause eines führenden Berliner Sozialdemokraten hat aufs neue die intimen Beziehungen zwischen der deutschen Sozialdemokratie und den russischen Revolutionären ins hellste Licht gerückt. Dem „Vorwärts" ist diese Entdeckung naturgemäß höchst fatal, und er erklärt in der bekannten Unverfrorenheit, die diesein edlen Organ für Aktendiebstähle eigen ist, frisch drauf los, daß weder der sozialdemokratische Parteivorstand noch das „Vorwärts"Geschäft oder dessen Leitung mit der ganzen Angelegenheit irgend etwas zu tun haben. Diese Lüge hat aber nur kurze Beine gehabt: denn es liegt bereits eine amtliche Mitteilung vor, wonach die Bestellung des Papiers von einem „Genossen" im Namen der Buchhandlung „Vorwärts" gemacht worden ist. Die schandbaren Beziehungen der offiziellen Kreise der deutschen Sozialdemokratie zu den russischen Mordbuben bleiben demnach in vollem Umfange bestehen. Und solchen Leuten laufen deutsche Arbeiter nach! Pfui Teufel!
Die preußische Enteignungsvorlage sowie das Verbot der polnischen Versammlungssprache im deutschen Vereinsgesetzentwurfe haben das Polentum Oesterreichs in gewaltige Wut versetzt. Mit echt polnischer Frechheit und Unverschämtheit machten die Herren Polen diese innerpolitische Angelegenheit eines fremden Staates zum Gegenstand von Verhandlungen im österreichischen Abgeordnetenhause, und der christlichsoziale Präsident Dr. Weiskirchner besaß die Schwäche oder Kopflosigkeit, solcher Frechheit keinen Einhalt zu tun. Doch nicht genug damit, haben in Lemberg auch noch deutsch- feindliche Kundgebungen und Pöbelexzesse staatgefunden. Daß solche Dinge auf die preußische Regierung und Volksvertretung irgendwelchen Eindruck machen könnten, glauben wohl die Veranstalter selber nicht. Wir erwarten mit Bestimmtheit von der Regierung Oesterreichs als eines uns verbündeten Reiches, daß sie mit den edlen Herren Krapülinski und Waschlapski ein recht kräftiges Wörtlein ob ihrer Frechheit reden wird. Im übrigen haben die Wutausbrüche der österreichischen Polen insofern ihr Gutes, als sie uns deutlich zeigen, daß wir mit unserer Polenpolitik auf dem richtigen
>7. 58. Jahrgang.
Wege sind, und die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" hat ganz recht, wenn sie schreibt, daß für uns jene Exzesse nur die Bedeutung einer ernsten Mahnung besitzen, die Ostmarkenvorlage ganz ausschließlich im Sinne der zwingenden nationalen Notwendigkeiten zu erledigen.
In den Vereinigten Staaten von Nordamerika sind der Senat und das Repräsentantenhaus mit einer Botschaft des Präsidenten Roosevelt eröffnet worden Die Botschaft atmet trotz der augenblicklichen Finanzkrisis dennoch einen zukunftsfreudigen Optimismus. Mit starkem Nachdrucke wird die Notwendigkeit einer steten Vermehrung und Verbesserung von Heer und Flotte betont. Insbesondere sei der Ausbau der Flotte zu beschleunigen. Was die auswärtigen Beziehungen an- betrifft so wird von der Botschaft insbesondere die „warme Freundschaft" der Vereinigten Staaten mit Japan hervorgehoben. Ob diese Freundschaft wirklich so warm ist, dars füglich bezweifelt werden, und es will uns scheinen, als ob hier mehr der Wunsch der Vater des Gedankens gewesen sei.
In Marokko ist gegenwärtig der Stern des Rebellen Mulay Hafid wieder im Steigen begriffen. Er ist nach einem „Siege" über die Truppen des Sultans persönlich im Felde erschienen und zeigt Neigung, die Offensive zu ergreifen. Die Schwierigkeiten dürften dadurch für Frankreich noch erheblich gesteigert werden.
Deutsches Reich.
— Unser Kaiser kehrt in dieser Woche nach Deutschland zurück, wie wir hoffen, in voller Gesundheit, erholt und gekräftigt von der Seeluft. Highcliffee, wo der Monarch eine so freundliche Aufnahme gefunden und so frohe Stunden verlebt hat ist bereits verlassen worden.
— Zum Kaiserbesuch in Holland wird aus Haag gemeldet: Der Besuch des deutschen Kaisers wird von H Uhr morgens bis 11 Uhr abends dauern. Es findet Empfang und offizielles Diner statt. Kaiser Wilhelm wird die Nationalmuseen besichtigen. Die Königin Wilhelmina trifft bereits am Abend vor dem Kaiser Wilhelm in Haag ein. Die Königin Mutter wird dem Diner beiwohnen.
— Der Reichstag setzte am Dienstag die erste Etatsberatung fort. Abg. Dr. Paasche (natl.) ging auf den Fall Molike-Harden ein und erklärte, Briefe des Grafen Hohenau in der Tasche zu haben, die diesen schwer belasteten, wobei er den Kriegsminister scharf angriff. Abg. Lattmann (Wirtsch. Vgg.) warf dem
- Untrennbare Kerzen.
Roman von Otmar Wilms. 35
Als Sie denselben verließen, folgte ich Ihnen, um Sie nach Hanse zu begleiten. Ach, ich mußte plötzlich meine Hoffnungen vernichtet sehen! Sie liebten einen anderen, einen schönen, vornehmen Herrn, mit dem Sie, wie es mir schien, auf sehr vertrautem Fuße standen. Dennoch gab ich nicht alles verloren; ich vermutete, daß Sie diesem Herrn mehr als unreine Geliebte sein mußten und fand die Vermu- tung durch den Mund des Volkes bestätigt. Sie waren aus Ihrer alten Wohnung plötzlich verschwunden, gestern erst erfuhr ich Ihren neuen Aufenthaltsort. Sie werden au» dem Gesagten entnehmen, wie sehr ich in Liebe zu Ihnen entbrannt bin, und hier zu Ihren Füßen flehe.ich um Er- widernng derselben. FordernSie, was Sie wollen,Schmuck, Kleider, Geld, Sie sollen es haben, nur seien Sie die Meine."
Jedes Wort, welches Tümpling gesprochen, bohrte sich lief in das Herz Metas. Ihr war, als umstricke sie ein böser, finstrer Zauber, dem sie nicht zu entrinnen vermochte. Entsetzt trat sie zurück, als der Fremde sich vor ihr auf die Knie warf, Purpurröte übergoß ihr Antlitz, und hell loderte der Zorn in ihren Augen auf. „Wer Sie auch sein mögen," entgegnete sie in schneidendem Ton, „Ihr Ver- such, ein armes Mädchen verführen zu wollen, und die Sprache, die Sie sich mir gegenüber erlauben, stempeln Sie in meinen Augen zum Schurken. Verlassen Sie dieses Zimmer, wenn Sie mich nicht nötigen wollen, um Hilfe zu rufen."
Tümpling erhob sich, scheinbar entrüstet, im Innern feine» Herzens aber erfreut über den Erfolg seiner Worte. „Wenn Ihr alter Liebhaber Sie einmal im Stiche läßt," höhnte er, während er seinen Mantel umhing unb den Hut ergriff, „kommen Sie nur zu mir, ich wohne im An- tonsgäßchen Nummer acht und werde Ihnen keinen Groll nachtragen."
Kaum war der Vagabund hinaus, als Meta die Türe
hastig verschloß, um dann in einem langanhaltenden Trä- uenstrome ihrem gepreßten, tiefverwundeten Herzen Luft zu machen."
„Also so weit ist es gekommen," flüsterte sie, „so tief bin ich in den Augen der Menschen schon gesunken, daß ein roher Wüstling es wagen kaun, mir solchen Antrag zu machen. Es muß sein, heute noch muß ich dieses Haus und die Stadt auf Nimmerwiederkehr verlassen. Nichts bleibt mir als Enttäuschung und eine schmerzliche Erinnerung. Mein schöner Traum ist zu Ende, töricht wäre es, an sein Bestehen noch glauben zu »vollen. Julius wird sagen, es fei nuijtfu, er liebe mich noch immer.
Sein Edelmut erlaubt ihm nicht, das Wort zu bre- cheu, welches er mir einst gab. Darum breche ich selbst, ohne sein Wissen, die Fessel, die an ihn mich kettet, er wird es mir Dank wissen, wenn sein erster Schmerz sich gelegt hat."
Sie nahm aus ihrer Komode einige Briefe und legte sie neben der Stickerei auf den Nähtisch. „So," fuhr sie fort, „lieft Julius die Briefe, kann er erraten, weshalb ich gegangen bin. Ihm ein Lebewohl zu schreiben, bleibt mir keine Zeit, in einer halben Stunde wird er kommen, um mich zur Feier des Sylvesterabends abzuholen."
Bei den letzten Worten hatte sie ein Umschlagetuch über die Schultern geworfen. Sie nahin mit einem schmerzlichen Blick Abschied von dem traulichen Zimmer, ließ denselben einen Augenblick auf dein Messingbauer ruhen, in welchem der Kanarienvogel, ihr alter, lieber Freund, ruhig schlummerte, und schritt dann hastig und leise hinaus.
♦ *
Julius saß in jener Stunde am Bette eines Sterbenden. Obgleich die Sehnsucht nach seiner Geliebten von Minute zu Minute wuchs, blieb er seiner Pflicht, die ihn an das Krankenbett fesselte, treu. Erst als der Sterbende ansgernngen und er ihm die Augen zugedrückt hatte, trat er den Weg zur Wohnung Horns an.
Er durchschritt rasch die Straßen und erstieg, als er
sich im Hause des Notars befand, ohne Zögern die Treppe, die zum Zimmer seiner Geliebten führte. Als er die Türe zu demselben öffnete, fiel sein erster Blick auf Ferdinand, der in einer Ecke saß, in seiner Rechten einen geöffneten Brief hielt und stier, gleich einem Verzweifelnden vor sich hin blickte.
„Wo ist sie?" waren die ersten Worte, die er dem erschreckt zusammenfahrenden Schreiber ins Ohr donnerte. „Ihr verspracht mir, über sie zu wachen und sie beschützen zu wollen, von Euch fordere ich sie zurück, sprecht, wo ist sie?"
„Fort!" entgegnete Ferdinand tonlos. „Fort, seit einer Stunde hat sie das Haus verlassen, Gott weiß, wo sie jetzt weilt."
Er nahm die Briefe vom Nähtisch und überreichte sie dem Doktor, der hastig, mit zitternden Händen den ersten derselben sofort entfaltete.
Julius las sie alle, einen nach dein andern; dunkle Röte übergoß sein Antlitz und mit zornig rollender Stimme rief er, die Briefe krampfhaft zerknitternd: „Das ist ein Schurkenstreich, Ferdinand, zu dem nur der RechtSkonsu- lent fähig ist! Aber er soll es büßen, gnade Gott ihm, wenn er mir tu die Hände fällt."
»Ja, er, nur er hat's getan," pflichtete Ferdinand ihm bei, „nicht umsonst war sein Helfershelfer heute abend hier im Hause. DaS Sündenmaß bei der ist voll, ich werde meiner Rache nicht länger Einhalt tun."
„Verlieren wir nicht die Zeit mit Reden, kommt, wir dürfen nicht ruhen, bis wir sie wiedergefunden haben. Erst dann, wenn sie wieder hier ist, können wir an. unsere Rache denken. Wo ist der Notar? Weiß er e» schon?"
„Nein," entgegnete Ferdinand, „sein Kabinett ist verschlossen, eine fremde Frau ist bei ihm, er hat streng ver» boten, daß man ihn störe."
Wenige Minten später verließen die beiden Männer da» Haus, sie schlugen nach kurzer Beratung entgegengesetzte Wege ein. 144,18