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hauptsächlich über den Prozeß Moltke-Harden und die Frage der Kamarilla aussprach. Nachdem der Reichs­kanzler unter lebhaftem Beifall der Blockparteien ge« endet, hielt Abg. Basfermann (natl.) seine Etatsrede. Am Freitag erklärte bei Fortsetzung der Etatsdebatte Finanzminister Frhr. v. Rheinbaben, die verbündeten Regierung würden sich unter keinen Umständen auf direkte Steuern im Reiche einlassen. Dann gab Kriegs­minister v. Einem ernst und sachlich volle Aufklärung über alles, was die Armee im Falle Moltke-Harden angeht und stellte dem Grafen Moltke ein geradezu glänzendes Zeugnis aus. Nach dem Kriegsminister bereitete Reichskanzler Fürst Bülow demGenossen" Bebel auf dessen Etatsrede noch eine glänzende Abfuhr. Kamarillen habe es, das könne er bezeugen, zum Teil aus eigener Erfahrung in fremden Ländern, weit mehr in republikanischen Ländern und nicht parlamentarisch regierten Ländern gegeben als bei uns, und was den Byzantinismus betreffe, so seien die Höflinge des Königs Demos iu der Kunst des Bauchrutschens und Schweif- Wedelns den Höflingen der Fürsten über. Das Haus hat diese Ausführungen des Kanzlers wiederholt durch lebhaften Beifall unterbrochen.

Das preußische Herrenhaus nahm in seiner ersten Sitzung am Dienstag nur die Neuwahl des Präsidiums und der Schriftführer vor. Auf Antrag des frühern Landwirtschaftsministers Freih. v. Lucius wurde das bisherige Präsidium, bestehend aus dem Fürsten v. Knyphausen, dem Freiherr» v. Manteufel und dem Wirkt. Geheimen Rat Becker-Köln wieder^e- wählt. Nachdem noch acht Herren zu Schriftführern gewählt worden waren, war die Sitzung beendet. Am Mittwoch fand eine kurze Sitzung zur Entgegen­nahme von geschäftlichen Mitieilungen statt. Nachdem das Haus noch von dem Eingänge einiger kleinerer Gesetzentwürfe Kenntnis genommen hatte, vertagte es sich auf unbestimmte Zeit.

Die erste Sitzung des preußischen Abgeordneten­hauses am Dienstag wurde fast vollständig durch die großzügige Rede des Ministerpräsidenten Fürst Bülow ausgefüllt, mit der er die Ostmarkenvorlage einbrachte. Es folgte noch eine ziemlich angelegte Geschäftsordnungs- debalte, deren Resultat umr, daß die nächste Sitzung mit der ersten Lesung der Ostmarkenvorlage am Frei­tag stattfinden soll.

Das preußische Abgeordnetenhaus wählte am Freitag zunächst sein bisheriges Präsidium wieder und begann dann die erste Beratung der Ostmarkenvorlage. Abg. Dr. v. JazdzewSki (Pole) bestritt, daß der Staat befugt sei, für derartige Ausnahmegesetze allgemeine Staatsgelder zu verwenden. Landwirtschaftsminister V. Arnini wies den Vorwurf der Verfassungswidrigkeit zurück. Solange Versöhnungspolitik getrieben würde, seien die Ansprüche der Polen immer gewachsen. Frhr. v. Zedlitz (frkons.) trat grundsätzlich für die Vorlage ein und beantragte die Verweisung an eine Kommission. Dr. Porsch (Z.) lehnte im Namen des Zentrums die Vorlage ab. Justizminister Dr. Beseler erklärte, es liege eine Forderung des öffentlichen Wohles vor. Am wenigsten hätten die, welche das Gesetz veranlaßt haben, Ursache, sich auf den Geist der Verfassung zu berufen. Kindler (frs. Vp.) sprach sich gegen die Vorlage aus, während die Abgg. Dr. Friedberg (natl.) und v. Oldenburg (kons.) für eine enerigische Fortführung der Ansiedelungspolitik eintraten.

Bei der Reichstagsersatzwahl im Wahlkreise Daun-Prüm-Bitburg für den verstorbenen Abgeordneten Dasbach wurde der Zentrumskandidat Erbprinz Alois von Löwenstein gewählt.

{ Bei der Landtagsersatzwahl in Labiau-Wehlau wurden im ganzen 316 Stimmen abgegeben; davon entfielen auf.Burchard (kons.) 194, auf von Massow (kons.) 122 Stimmen. Burchard ist somit gewählt.

Bei der Landtagsersatzwahl in Eckernförde wurde Graf Reventlow (kons.) mit 91 von 124 Stimmen gewählt. Professor Leu (fr. Vp.) erhielt 33 Stimmen.

Als Antwort und Gegenmaßregel gegen die Enteignungsvorlage planen die Polen einen Massen- boykott aller deutschen ostelbischen Gutsbesitzer seitens russischer und galizischer Saisonarbeiter in die Wege zu leiten. Die Auswanderer sollen möglichst zu Hause festgehalten werden oder nach Thüringen, Mecklenburg, Hannover, Bayern und Dänemark hingelenkt werden. Auch die ruthenischen und ungarischen Arbeiter sollen in diese Bewegung hineingezogen werden. Diese Maß­nahme würde, so meint man auf polnischer Seite, den Ruin der ostelbischen Landwirtschaft herbeiführen.

Der Großherzog v. B. begnadigte den Rechts- anwalt Hau, welcher wegen Ermordung seiner Schwieger- mutter vom Schwurgericht inKarlsruhe zum Tode ver- worden war, zu lebenslänglichem Zuchthaus.

DieKöln. Ztg." zieht an der Hand der dem Reichstag zugegangenen Uebersicht über die Ergebnisse des Heeresergänzungsgeschäftes 1906 einen Vergleich mit der französischen Rekrutierung 1906. Sie stellt fest, daß in Deutschland (mit 210995 ausgehobenen Mann) mit viel größerer Milde und viel mehr Rück­sicht auf die bürgerlichen Verhältnisse verfahren wird als in Frankreich (233 350 Mann). Sämtliche Be­freiungen, selbst die unentbehrlichsten Faniilienstützen sind in Frankreich fortgefallen. Wurden wir mit

derselben Harte wie Frankreich vorgehen, so sonnten wir unsere Rekrutenzahl für den Dienst mit der .Waffe noch um 100 000 Mann steigern.

Ausland.

Der österreichische Polenklub hat den Versuch gemacht, den österreichisch-ungarischen Minister des Aeußeren Freiherrn v. Aehrenthal zu einer Interven­tion gegenüber den neuenpreußischen Polenvorlagen" zu bewegen. Freiherr v. Aehrenthal hat aber jeden derartigen Schritt als unzulässige Einmischung in die Angelegenheiten eines fremden, wenn auch befreundeten und verbündeten Staates entschieden abgelehnt. Dar­aufhin hat der Präsident des Polenklubs Dr. Glom- binski folgende Erklärung abgegeben:Bekanntlich wurden im deutschen Reichstage antipolnische Vorlagen betreffend die Versammlungen eingebracht und neue, schwerwiegende Regierungsvorlagen für den preußischen Landtag angekündigt. Der Polenklub hat in dieser Frage alles getan, was möglich war. Ich habe recht­zeitig an geeigneter Stelle Vorstellungen erhoben. Nachdem jedoch unsere Vorstellungen kein Gehör ge­funden haben, bleibt uns allein die Hoffnung übrig, daß die wahre Kultur (!) über die Eroberungsbestreb­ungen der Feinde des Fortschrittes (!) und der Zi­vilisation (!) sowie über die Gewalfftreiche gegen das Leben und die Entwicklung unserer Nation den Sieg davontragen müsse." Angesichts dieser maßlosen deutschfeindlichen Kundgebung wird wohl keiner mehr bezweifeln können, daß Preußen sich tatsächlich dem Polentum gegenüber im Stande der Notwehr befindet.

Wieder einmal gab es Skandalszenen im öster­reichischen Abgeordneteuhause bei der Abstimmung über den sozialistischen Dringlichkeitsantrag wegen der Lebensmittelteuerung. Als der Präsident verkündete, daß die Dringlichkeit abgelehnt sei, brachen die Christ­lich-Sozialen in donnernden Applaus aus. Die Sozi- aldemokraten stießen laute Entrüstungsrufe aus und schlugen mit den Fäusten auf die Pulte. Gleichzeitig mischte sich auch die Galerie in den Skandal mit Pfuirufen gegen die Christlich-Sozialen. In dem ohrenzerreißenden Lärm hörte man die Worte: Bande! Gesindel! Polnische Volksausbeuter ! Auch viele ele­gant gekleidete Damen beteiligten sich an dem Lärm. Der Präsident gab Befehl, die Galerie zu räumen, was nur unter Exzessen auf der Galerie möglich war.

In der französischen Deputiertenkammer gab es einen Zwischenfall. Im Verlauf der Debatte über den Heimfall der Kirchengüter protestierte der Kultusmi­nister Briand gegen den verleumderischen Charakter der Ausführungen seines Vorredners Delahaye. In seiner Erwiderung erklärte Delahaye, dein Minister die Ohrfeige versetzen zu wollen, die er verdiene. Er wurde zur Ordnung gerufen.

Ein Ueberfall russischer Terroristen auf einen Geldtransport wurde in der Nähe der Bahnstation Ostrowetz im Gouvernement Radom verübt. Es wurden vier Bomben geschleudert, ein Beamter und der Fuhr­mann wurden verletzt. Die Räuber entkamen mit einer Beute von 12 000 Rubel.

Wie aus London berichtet wird, sind in Natal Unruhen unter den Zulus ausgebrochen, die auf Dini- zulu zurückgeführt werden. Dieser ist von der Re­gierung nach Pietermaritzburg geladen worden, um sich zu verantworten, und soll gewaltsam geholt werden, wenn er nicht freiwillig kommt. Dies könnte zu ernsten Zusammenstößen mit den Zulus führen.

Lokales und Provinzielles.

Schlüchtern, 3. Dezember 1907.

* In der letzten Zeit wird vielfach über das Ueberhandnehmen der Ratten geklagt. Es ist darum dringend geboten, denselben einmal ganz energisch auf den Leib zu gehen. Die zur Rattenvertilgung empohlenen Rattentyphuskulluren sind, wie die Molkerei­zeitung berichtet, hinsichtlich ihrer Wirkung vielfachen Schwankungen unterworfen. Teils haben sie ihre Schuldigkeit getan, teils haben sie vollständig versagt. Zur erfolgreichen Bekämpfung der Rattenplage eignen sich vorzüglich frische Meerzwiebeln. Dieselben müssen mit einer doppelt so großen Menge Fleisch gemengt und mit einem Hackmesser oder dergleichen zerkleinert werden. Aus der zerkleinerten Masse werden kleine Kugeln in Haselnußgröße geformt. Diese sind dann mit Talg leicht anzubraten und mit Zucker zu bestreuen. Das so gewonnene Giftmittel wird dann an geeigneten Stellen ausgelegt, wobei zu beachten ist, daß auch eine genügend große Menge verwandt wird, so daß alle Ratten davon fressen. Das Ausstreuen von Meer­zwiebeln soll für Menschen und Vieh keinerlei Gefahr mit sich bringen; nur ist bei der Zubereitung darauf zu achten, daß der Meerzwiebelsaft nicht an unbedeckte Hände kommt. Durch die Anwendung dieses Mittels soll es vielfach gelungen sein, die Ratten gänzlich zu vertilgen.

* Am Freitag, den 6. Dezember d. Js. feiert hier, Herr Schuhmacher Ludwig Müller mit seiner Frau das Fest der silbernen Hochzeit. Wir wünschen, daß Herr Müller mit seiner Frau auch den Tag der goldenen Hochzeit in voller Gesundheit und körperlicher Rüstigkeit erleben mögen.

* Wie aus dem Inseratenteil ersichtlich, sind die Pacht- und Mietverzeichnisse über die im Kalenderjahr 1907 in Geltung gewesenen Pacht-, und Mietverträge bis zum Abläufe des Monats Januar 1908 bei Ver­meidung der gesetzlichen Strafe zur Versteuerung zu bringen.

* Bei den Umbauten am Bahnhöfe Flieden ver- nuglückte der Arbeiter Hermann Fritz indem er sich einen Schenkelbruch zuzog.

* Durch die bestialische Handlung eines Wüstlings ist eine angesehene Familie in Neuhof in große Be­trübnis versetzt worden. Eine 22jährige idiotische Tochter, welche auch noch an hinfallender Krankheit leidet, liegt' feit einer längeren Dauer von Jahren beständig zu Bette. Auch wird die Kranke stets von ihren Angehörigen überwacht. Vor kurzem klagt nun die Patientin an außergewöhnlichen Schmerzen und stöhnt wie eine Sterbende. Die verzweifelte Familie läßt sofort Arzt und Geistlichen kommen. Aber zum Erstaunen der Angehörigen erklärt der Arzt, daß die Tochter sich in gesegneten Umständen befinde. Vor einigen Tag sgenas die kranke Idiotin eines gesunden kräftigen Weltbürgers. Ein Wüstling mag einen un­bewachten Augenblick benutzt haben um seine Gelüste zu befriedigen. Man ist dem rohen Patron auf der Spur, hoffentlich ereilt ihn die verdiente Strafe.

* In den Gebäuden des alten Landratsamtes in Geluhausen soll am 15. Januar 1908 ein gewerblicher Kursus für junge Mädchen eingerichtet werden. Bis­her waren die Eltern gehalten, ihre Töchter zur weiteren Ausbildung in weiblichen Handarbeiten nach auswärts in kostspielige Gewerbeschulen und Pensionate zu senden. Die neue Einrichtung am hiesigen Platze dürfte für viele Familienväter recht willkommen sein. Es wäre deshalb sehr zu wünschen, wenn dem Unter­nehmen ein allgemeines reges Interesse entgegen ge­bracht würde, damit sich die geplante Anstalt zu einem Pensionat größeren Stiles auswachsen kann.

* Zu der 1. allgemeinen Kaninchen-Ausstellung in Gelnhausen sind die Anmeldungen über Erwarten sehr zahlreich eingegangen, es liegen deren 240 vor aus fast allen Teilen Deutschlands. Die Ausstellung wird eine der größten, da die Zahl der Anmeldungen die von Cassel und Gießen übertrifft; was Tiere anbelangt, wird ganz hervorragendes Material aller Rassen ver­treten sein. Ebenso reich wird die Ausstellung auch in Pelzsachen und Produkten sein. Hoffen wir, daß die Stiftung von Ehrenpreisen auch so reichhaltig sein vird, daß die Aussteller mit Freuden unserer Vater- tadt gedenken.

* Am Samstag vormittag ereignete sich im Kalk­werk Hauferts in Hailer (Kreis Gelnhausen) ein gräßliches Unglück. Ein 16 -17jähriger Arbeiter wurde durch eine Carbidexplosion schrecklich verstümmelt, ein Teil des Kopfes wurde ihm abgerissen; der Tod trat alsbald ein. Die in der Nähe Stehenden kamen mit dem Schrecken davon, denn der Carbidkessel flog über dieselben hinweg. Der Verunglückte heißt Wilhelm Knoth und ist von Hanau.

* Mit dem Bau der elektrischen Straßenbahn in Hauau wird nunmehr begonnen. Am Freitag Mittag wurden große Mengen Schienen am Marktplatz gelagert.

* Wie jetzt feststeht, hat der sozialdeniokratische Konsumverein in Offenbach im abgelaufenen Geschäfts­jahr mit einer ganz erheblichen Unterbiianz gearbeitet. Man spricht von 27 000 Mark. Austrittserklärungen finden in Menge statt.

* Bom oberen Bogelsberg. Die ersten Wagen­ladungen mit Christbäumchen, meist aus Privatwal- düngen stammend, gehen gegenwärtig nach den verschiedenen Bahnstationen, um nach ihrem Bestimmungs­orte verladen zu werden. Durchschnittlich kosten die Bäumchen 20 bis 30 Pfg.

* Die durch landespolizeiliche Anordnung vom 4 September d. Js. über den Kreis Hünseld verhängte Hundesperre ist aufgehoben worden, nachdem seit dem 13. August d. Js. ein Fall von Tollwut oder Toll­wutverdacht bei Hunden, die frei umhergelaufen sind, nicht mehr bekannt geworden ist.

* Der Präsident der Eisenbahndirektion Cassel, Wirkl. Geh. Oberregierungsrat Ulrich gedenkt mit 1. Juni nächsten Jahres in den Ruhestand zu treten, wie er selbst in einer Sitzung des Eisenbahnrats in Frankfurt a. M. mitteilte.

* Ein Fuhrmann in Franken«» wurde vom Amts­gericht in Vöhl wegen Tierquälerei zu 8 Tagen Haft verurteilt. Derselbe hatte ein Pferd mit dem Ende der Peitsche unbarmherzig geschlagen, demselben als­dann eine Kette um den Hals gelegt und es durch andere Pferde schleifen lassen. Möge dieser Fall zur Warnung dienen.

Urne Sterne.

Ach, ihr alten Sterne, warum schweigt ihr immer ? Funkelt still und kalt und tröstet und unsern Jammer nickt?- Neue Sterne fand ich von dem hellsten Schimmer, Und ihr Schöpfer schuf sie freundlicher als Mondenlicht.

Ich will sie zählen: 600 finöM

Zwei Aeuglein zwei Stern' je ein Krüppelkind,