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mit amtlichem Rreisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum W >
M 97.
Mittwoch, den 4. Dezember 1907.
58. Jahrgang.
Amtliches.
J.-Nr. 12559. Die Herren Bürgermeister der Landgemeinden und die Herren Gutsvorsteher des Kreises werden an die umgehende Erledigung meiner Verfügung vom 15. Oktober d. Js. — J. Nr. 10632 — Kreisblatt Nr. 45 — betreffend die Einsendung der Hebelisten über die Viehseuchen-Abgabe erinnert.
Schlüchtern, den 2. Dezember 1907.
Der Königliche Landrat: Valentiner.
Für den Kaspar Paul, geboren am 22. Januar 1890 zu Hoheuzell ist zwecks Reise nach Amerika um Ausstellung eines Reisepasses nachgesucht worden.
Schlüchtern, den 30. November 1907.
Der Königliche Landrat: Valentiner.
Komischer Wochenbericht.
Die Berichtswoche ist durch den Beginn der parlamentarischen Verhandlungen im deutscheil Reiche und dem größten Bundesstaate, Preußen, charakterisiert. Im Reichstage hat sich bereits wieder das lästige Uebel des zum Fenster hinaus Redens und des frivolen Hinschleppens der Äerhandlungen bemerkbar gemacht. Da zanken sich Herr Erzberger und Herr Wolkenbuhr wer weiß wie lang herum, ob Zentrum oder Sozial- demokratie diese oder jene Forderungen zuerst erhoben oder bei dieser oder jener Abstimmung sich so oder so verhalten hätten. Das ist der Fluch, der dem Parlamente des gleichen Wahlrechtes, noch dazu mit sozialdemokratischer Vertretung, anhaftet; hier bleibt ewig die Gefahr bestehen, daß die demagogischen Interessen das Gemeininteresse verschlingen. Im übrigen hebt sich aus den bisherigen Reichstagsverhandlungen das erste Auftreten des neuen Staatssekretärs des Reichsamtes des Innern v. Bethmann-Hollweg strahlend hervor. Selbst die Kenner der geistigen Größe dieses Staatsmannes sehen sich in ihren Erwartungen fast noch übertroffen. Eine so schwere Niederlage ist den Herren „Genossen" selten vom Regierungstische aus beigebracht worden als durch den neuen Leiter der innern Reichsverwaltung bei der von ihnen leichtsinnig heraufbeschworeuen Interpellation über die Lebens- mittelpreise. Das ganze deutsche Volk aber, soweit es national empfindet, wirb es dem Staatssekretär herzlich Dank wissen, daß er dem Ansturm auf die Getreidezölle ein unerschütterliches Nein entgegengestellt hat.
Gleich der erste Beratungstag des preußischen Landtages gestaltete sich zu einem großen Tage durch die
Einbringung der neuen Polenvorlage und ihre Begründung seitens des Reichskanzlers Fürsten von Bülow. In der gewohnten meisterhaften und überzeugenden Weise legte unser Reichskanzler die Notwendigkeit dar, das begonnene Ansiedelungswerk fortzuführen, um so die bisher erzielten Früchte dieses Werkes zu sichern. Es handelt sich hier in der Tat um eine Lebensfrage der deutschen Nation, und wer das wie die Zentrumspresse nicht einsehen will, der treibt eben aus Par- leiegoismus eine Vogelstraußpolitik. Von dem staats- männischen Sinne und dem Patriotismus, die den preußischen Landtag auszeichnen, steht zu erhoffen, daß er den großzügigen Plan der Regierung tatkräftig fördern wird, zum Segen unsers engern preußischen und größern deutschen Vaterlandes.
In Oesterreich hat leider die eben erst angebahnte deutsche Gemeinbürgschaft, die ihren sichtbaren Ausdruck im Zwölferausschluß fand, sofort wieder einen empfindlichen Stoß erlitten. Der Grund hierfür liegt tn dem Angriffe, den der Führer der Christlich-Sozialen Dr. Lueger auf dein österreichischen Katholikentage gegen die Universitäten seines Vaterlandes in ihrem bisherigen Charakter unternahm, sowie in seiner Ankündigung der beabsichtigten Gründung katholischer Universitäten. Dies hat wie ein Kriegs- und Alarmauf auf die Schanzen gerufen. Darüber droht die vollzogene Annäherung zwischen Christlich-Sozialen und freiheitlichen Deutschen wieder in die Brüche zu gehen. Es ist dies vom nationaldeutschen Standpunkte aus tief zu bedauern, und wir wünschen von Herzen, daß die beiden hadernden Teile die von der politischen Notwendigkeit diktierte Mäßigung walten lassen möchten. Luegers Auftreten mag nicht besonders taktvoll gewesen sein, aber vieles hieran ist sicherlich nur auf Rechnung seines bekannten hitzigen Temperamentes zu setzen, und anderseits darf man nicht vergessen, daß sein Tadel des gegenwärtigen österreichischen Universitätsfvnds in manchen Punkte» tatsächlich berechtigt ist. Die nationalen Studentenbalgereien an den Hochschulen des Donaureiches beispielsweise sind in der Tat ein Schandfleck des akademischen Lebens, und die österreichische Regierung müßte alles aufbieten, diesen Schandfleck auszutilgen.
In Portugal ist trotz der optimistischen Erklärung, die der König durch einen Korrespondenten des „Temps" hat verbreiten lassen, die revolutionäre Gärung zweifellos im Steigen begriffen, und der Gegensatz zwischen Volk und Regierung hat bereits einen höchst bedenklichen Grab erreicht. In Lissabon sind zahlreiche
BoMbenfunde gemacht worden, und der Anarchisu-us glaubt seine Zeit offenbar gekommen. Hoffen wir, daß das drohende Unheil dennoch in letzter Stunde gebannt werde.
In Marokko hat die Situation neuerdings mit beut Aufstande der B eni Snassen und anderer wilder Berg- stämme an der algerisch-marokkanischen Grenze eine bedenkliche Verschärfung erfahren. Den Franzosen dürften hieraus ernste Schwierigkeiten entstehen. Die Regierung Frankreichs scheint aber zu den größten Kraftanstrengungen gewillt, und ihre Politik wirb offenbar von der Zustimmung der weitaus überwiegenden Mehrheit des französischen Volkes getragen.
Deutsches Reich.
— Der Reichstag lxrhandelte am Dienstag über die Interpellation der Konservativen und der Sozial- demokrate» zur Frage der Kohlenpreisverteuerungen. Handelsminister Dr. Delbrück gab in seiner Beantwortung die Kohlennot zu, erklärte auch, daß die Regierung erwogen habe, wie dem Uebel begegnet werden könne, aber es sei nicht leicht, diese Frage in positiver Weise zu lösen. Die gewiß sehr unangenehme Not habe ihre natürlichen Gründe in der Steigerung der Produktionskosten, namentlich der Löhne und der Zinsen, in der durch die Hochkonjuktur gesteigerter. Nachfrage. Sie dürfte aber eine vorübergehende Er scheinung fein. Die Besprechung der Interpellation! ergab die Uebereinstimmung aller Parteien des Hause- in der Verurteilung der Preispolitik des Kohlensyndikats — Am Mittwoch wurde der Gesetzentwurf über den Versicherungsvertrag beraten, der nach längerer Debatte einer besonderen Kommission überwiesen wurde. Dann folgte die Beratung des Gesetzentwurfs über die Sicherung der Forderungen der Bauhandwerker, den Staatssekretär Dr. Nieberding dem Hause empfahl, und der schließlich im Einverständnis aller Parteien ebenfalls einer besonderen Koniission überwiesen wurde. — Am Donnerstag wurde in die Beratung des Etats und des Flottengesetzes eingetreten. Reichsschatzsekretär Frhr. v. Stengel sprach über die Finanzlage des Reichs und erklärte, daß die Regierung die Einführung direkter Reichssteuern nicht beabsichtige. Der Staatssekretär des Reichsmarineamts v. Tirpitz, bezeichnete die Novelle zum Flottengesetz als das Mindestmaß dessen, was die Regierung im Interesse der Wehrkraft der Nation fordern müsse. Reichskanzler Fürst Bülow hielt eine längere meisterhafte Rede, in der er den Bruch oer Regierung mit dem Zentrum beleuchtete und sich dann
ZLnIreurrSare Kerzen.
Roman von Otmar WilmS. 32
Geier, der mit Entsetzen die Wirkung gewahrte, welche der Ruin auf den Vagabunden zu üben begann, hielt ihn zurück. „Bevor wir mit einander im reinen sind, trinkt Ihr keinen Tropfen mehr," sagte er gebieterisch, „Ihr seid ohnehin schon halb betrunken. Sagt rund heraus, wie hoch stellt Ihr Eure Forderung für den Dienst, den ich von Euch verlange?"
Der Vagabund sah dem Fragenden einen Augenblick forschend ins Gesicht. „Wohlan, gebt mir vorab die zweitausend fünfhundert Taler, die Ihr mir derzeit an dem ausbedungenen Lohne abgezogen habt, und tausend Ta- ler bei Ueberreichung der Papiere, die Euch so viele Sorge machen."
„Mensch, wollt Ihr mich zum Bettler machen?" ent- gegnete Geier, indem er bestürzt in die Höhe fuhr. „Ich will Luch die Hälfte geben. Bedenkt doch," fuhr er bittend fort, „die Summe übersteigt die Hälfte meines Vermögens, und lange Jahre habe ich gespart, und gedarbt, um sie zurücklegen zu können."
„Ich kenne Euer Sparen und Darben!" höhnte Tümp- ling. „Soll ich Euch vorrechnen, waS Ihr in den letzten Monaten verdient habt? Zehntausend Taler erhieltet Ihr von der Kommerzienrätin Alsdorf, um eine Torheit zu begehen, von der ich Euch zurückgehalten haben würde, । wenn Ihr meinen Rat in Anspruch genommen hättet."
Geier schaute betroffen auf. „Entschließt Ihr Euch nicht heute noch," fuhr der Vagabund gleichgültig fort, indem er sich erhob, „werdet Ihr morgen schon meine Forderung erhöht finden." Bei den letzten Worten hatte er sich der Türe genähert, er öffnete dieselbe, reichte die leere Flasche hinaus und forderte eine neue.
Geier blieb, während der Wirt diese brächte, teiluahms- tos, in Nachdenken versunken, am Tische sitzen. Endlich flog «in dämonisches Lächeln über seine Züge, welches dem Va- gabunden, der ihn scharf beobachtete, nicht entging. „Ihr
sollt die verlangte Summe haben," sagte er, „sobald Ihr mir die Papiere bringt. Tränt Ihr mir nicht, könnt Ihr mir's nicht übel nehmen, wenn ich Euch gegenüber ebenfalls auf meiner Hut bin."
„So haben wir nicht gewettet," erwiderteTümpling. „Heute abend noch muß ich jene zweitausend fünfhundert Taler haben, führt Ihr das Geld nicht bei Euch, so gebt mir eine Schuldverschreibung, daß ich's morgen bei Euch abholen kann. BeiUebergabe der Papiere zahlt Ihr mir die ausbedungenen tausend Taler, sowie meinem Helfershelfer die Summe, über die Ihr Euch selbst mit ihm einigen könnt."
„Helfershelfer? Wozu habt Ihr einen solchen nötig?"
„Um die Papiere zu bekommen. Glaubt Ihr vielleicht, ich habe Lust, bei dem Notar einzubrechen und für Euch Hals und Kragen zu riskieren?"
Geier biß sich auf die Lippen, zog seine Brieftasche heraus und schrieb einige Zeilen auf ein Stückchen Papier, welches er dem Vagabunden, der ihm mit hämischem Lächeln zugeschaut hatte, überreichte.
„Hier habt Ihr den Schuldschein," sagte er, „damit werdet Ihr ivohl zufrieden gestellt sein. Und nun berichtet mir, welche Schritte Ihr in unserer Angelegenheit schon getan habt."
Tümpling legte den Zettel nach vorheriger sorgfältiger Prüfung in sein abgenutztes fettiges Portefeuille und rückte näher.
„Wegen den Briefen habe ich den Schreiber de» Notars gewonnen," hob er in gedämpftem Tone an, „in einer halben Stunde wird er hier sein, um zu hören, wie viel Ihr ihm zu geben gedenkt. Er ist ein armer Teufel, hat eine zahlreiche Familie und wird nicht viele Umstände machen. Ich werde bei der Unterredung zugegen sein, versucht nicht, hinter meinem Rücken mit dem Schreiber Verabredungen zu treffen, von denen ich nichts weiß. Sobald Ihr falsches Spiel mit mir treiben wollt, bekommt Ihr die Papiere nicht, verlaßt Euch darauf."
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„Wißt Ihr gewiß, daß die Briefe in den Händen des Notars sind?" fragte Geier, ohne der Drohung des Vagabunden Beachtung zu schenken.
„Ich vermutete es sofort, als Ihr mir sagtet der Katzen-Nante stehe jetzt in Diensten Horns. Auch will der Schreiber in dem Archivschranke seines Herrn ein versiegeltes Paket gesehen haben, welches vor dem Eintritt seines neuen Kollegen nicht in demselben gelegen hat."
„Also alles nur noch Vermutung, nichts Gewisses? Welche Schritte habt Ihr in der Angelegenheit mit der Näherin getan?"
„Laßt mir Zeit," entgegnete Tümpling, „so rasch kann ich das nicht abmachen."
„Ich habe ihr ein halbes Dutzend Briefe inS Haus geschickt, um sie auf die Stimmung vorzubereiten, in der ich sie bei einem persönlichen Besuch antreffen muß. In acht Tagen etwa denke ich, den entscheidenden Schlag führen . . doch still, es klopft."
Der Rechtskonsulent öffnete selbst die Türe, ein alter, kleiner Mann trat schüchtern ein, der anständig, mit einer gewissen Sorgfalt gekleidet war. Er hatte bei seinem Eintritt den Hut abgenommen und mit der Rechten das volle graue Haar, welches seine Stirne beschattete, zurückgestri- chen.
Auf die Frage Geiers, ob er der Schreiber des Notars Horn sei, antwortete er bejahend und nahm dann auf dem Stuhle, den Tümpling an den Tisch rückte, Plad.
„Ihr wißt, um was es sich handelt," sagte der Rechts konsulent, nachdem der Schreiber an dem Glase, welches der Vagabund ihm anbot, genippt hatte. „Glaubt Ihr, daS, was wir von Euch verlangen, erfüllen zu können?"
„Ja," entgegnete der Gefragte ohne Zögern. „Es ist allerdings ein gefährliches Stückchen Arbeit, indes . . "
„Wenn gut gezahlt wird, kann mau's wohl übernehmen," fiel Geier ihm ins Wort, „das wolltet Ihr sagen. Wohlan, laßt hören, wie viel Ihr verlangt, und bis wann ich aus den Empfang des bewußten Paketchens rechnen kann." 144,18