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mit amtlichem Kreisblatt
Alonatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 95.
Mittwoch, den 27. November 1907.
58. Jahrgang.
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Amtliches.
I-Nr. 4997 K. A. Der Kreisausschuß hat das Eintrittsgeld für die Kreis-Pferde-Versicherung vom 1. Oktober d. Js. ab auf 3 Mk. festgesetzt.
Schlächtern, den 12. November 1907.
Der Vorsitzende des Kreis-Ausschusses:
Valentiner.
Politscher Wochenbericht.
Während der Berichtswoche ist der Inhalt der erwarteten Flottenvorlage in authentischer Form veröffentlicht worden. Es ergibt sich daraus, daß die Regierung ihre Forderungen auf ein Mindestmaß beschränkt hat. Nur die Herabsetzung der Lebensdauer der Linienschiffe und Kreuzer von 25 Jahren aus 20 Jahren wird verlangt. Die Kosten, die durch diese Aenderung des geltenden Flottengesetzes verursacht werden, kommen etwa den Kosten von 3 Linienschiffen gleich. Da die bisherige Fristbestimmung beibehalten ist, wonach die Ersatzfrist von der Bewilligung der ersten Rate des zu ersetzenden Schiffes bis zur Bewilligung der ersten Rate des Ersatzschiffes rechnet, so wird durch die Neuforderung in Wirklichkeit die zurzeit etwa 30 Jahre zählende Lebensdauer erst auf 25 Jahre herabgesetzt. Es entspricht dies den Wünschen, die die Regierung von Anfang an hegte, und es werden durch die neue Vorlage nur die ursprünglichen Forderungen der Marine wiederhergestellt. Daß die Blockparteien so maßvollen und absolut notwendigen Forderungen widerstreben sollten, darf wohl als ausgeschlossen betrachtet werden. Aber auch vom Zentrum steht nach der Rede seines Führers Spahn zu erhoffen, daß es sich der Mitwirkung bei dem unumgänglichen Ausbau unserer Rüstung zur See nicht entziehen wird.
Die Tage des offiziellen Besuches unseres Kaisers und unserer Kaiserin in England haben ihren Abschluß gefunden. Der Rückblick aus ihren Verlauf liefert ein hocherfreuliches Ergebnis. Mit aufrichtiger Befriedigung hat man in den weitesten Kreisen der deutschen Nation von der kaum zu übertreffenden Herzlichkeit Kenntnis erhalten, die unserm Herrscherpaare allenthalben entgegengebracht wurde, so oft sich die Gelegenheit hierzu bot. Im Trinkspruch des Königs, in der Rede des Lord Mayors von London, in den Begrüßungen durch die Vertreter anderer Gemeinden, in der Ansprache Lord Curzons im Namen der Universität Oxford, in ungezählten Auslassungen der britischen Presse und nicht minder in der unmittelbaren Bewill- kommnung durch das britische Volk hat diese Herzlich
keit ihren erhebenden Ausdruck gefunden. Die Tage des Kaiserbesuches haben auch unsere Auffassung bestätigt, daß diesem Besuche, trotz des Fehlens spezieller Probleme, dennoch auch nach der politischen Seite hin eine hervorragende Bedeutung beizumessen sei. Die Betonung des festen Willens der führenden Persönlichkeiten hüben und drüben sowie das zutage getretene aufrichtige Bestreben des deutschen und englischen Volkes, in Frieden und Freundschaft miteinander zu leben, hat dem Kaiserbesuche in England das Gepräge eines hochbedeutsamen politischen Ereignisses ausgeprägt. Besonders bemerkenswert erscheint, daß auch solche englischen Preßorgane, die bisher die Schürung des Argwohns gegen Deutschland förmlich systematisch betrieben, ihre Auslassungen auf einen Ton gestimmt haben, der mit der allgemeinen freundlichen und friedlichen Stimmung im Einklang stand. Wir begrüßen diesen Durchbruch richtiger Erkenntnis mit hoher Genugtuung und bauen darauf die Hoffnung, daß nunmehr eine dauernde Aera bessern Verständnisses und größerer Annäherung für die beiden stammverwandten Nationen anbrechen werde. Erfüllt sich diese Hoffnung, so werden nicht nur das deutsche und das britische Volk dankerfüllten Herzens des Besuches unseres Kaiserpaares in England gedenken, sondern auch alle aufrichtigen Freunde des Friedens ohne Unterschied der Nationalität und staatlichen Zugehörigkeit werden ihn als ein überaus segensreiches Ereignis feiern.
In Rußland hat sich die dritte Duma mit der Wahl ihres Präsidiums nunmehr konstituiert. Wie bei ihrer Zusammensetzung nicht anders zu erwarten war, sind die Wahlen zum Präsidium durchweg auf Männer der Rechten und ©stabilsten gefallen. Zum ersten Präsidenten wurde Chomjakow, zum ersten Vizepräsidenten Fürst Wladiinir Wolkonski und zum zweiten Vizepräsidenten Baron Meyendorff gewählt. Der letztem Wahl kommt insofern besondere Bedeutung zu, als hiermit auch das deutsch-baltische Element gebührende Anerkennung gefunden hat. Mit der Er« öffnung und Konstituierung der dritten Duma bieten sich zweifelsohne günstige Aussichten für die Fortentwicklung der innern Zustände Rußlands dar, tiefbetrübend aber bleibt an dem gegenwärtigen Bilde dieser Zustände vor allein die gänzliche Zuchtlosigkeit und Verwahrlosung der russischen Jugend und insbesondere ihres studierenden Teils. Daß Prüflinge ihren Examinatoren Drohbriefe zur Erpressung eines günstigen Urteils zusenden, oder daß sie gar während des Prüfungsaktes die Examinatoren beschimpfen oder tätlich
insultieren, gehört nachgerade schon zu den alltäglichen Vorkommnissen. Einen großen Teil der Schuld an dieser sittlichen Verwahrlosung der akademischen Jugend trägt das liberale Professorentum infolge seines Frater- nisierens mit allen revolutionären Bestrebungen und die strengste Beschränkung der lernenden Jugend auf das ihr zustehende rein geistige Gebiet kann hier Wandel schaffen. Dieser Wandel aber ist nötig, wenn Rußlands Zukunft gesichert werden soll.
Aus Marokko verlautet, daß Mulay Hafid von den Truppen des Sultans geschlagen worden sei und seine Unterwerfung angeboten habe. Es bleibt abzu- warten, ob dadurch die Gesamtlage eine wesentliche Aenderung erfährt. In England bereiten sich anscheinend wichtige innerpolitische Dinge vor. Balfour hat seinem alten Rivalen Chamberlain einen Besuch gemacht, der zu dem Ergebnis führte, daß der Kampf gegen den Freihandel und das ganze Programm der imperialistischem Politik Chamberlains wieder ausgenommen werden soll. In den Vereinigten Staaten von Nordamerika endlich verliert die große Finanzkrisis allmählich ihren akuten Charakter, und es darf als zweifellos angesehen werden, daß die gegenwärtig eingetretene wirtschaftliche Depression bald Wieder überwunden sein wird.
Deutsches Reich.
— Ueber die Winterpläne des Kaisers verlautet in Hofkreisen, daß eine längere Kreuzfahrt im Mittelländischen Meer, verbunden mit einem Aufenthalt auf Korfu, spätestens für den Februar, wahrscheinlich aber schon für einen er.heblich früheren Zeitpunkt in Aus« sicht genommen ist An der Instandsetzung des „Achil- läons wird eifrig gearbeitet. Mehrere Hofbeamte überwachen den Fortgang der Aus- und Umbauten des Landsitzes. Da Fastnacht diesmal sehr spät fällt und die Hoffcierlichkeiten sich beinahe bis zum März hinausziehen werden, so dürfte der Kaiser von einer Teil« nähme davon überhaupt absehen und das kronprinzliche Paar mit der Verteilung beauftragen. Sein altes Ohrenleiden, das dem Monarchen infolge Erkältung und nervöser Erregungen neuerdings wieder zu schaffen gemacht hat, wird von der Ruhe einer Seefahrt erfahrungsgemäß schnell und gründlich beeinflußt.
— Die Reichsregierung hat sich nach dem „Schw. Merkur" entschlossen, noch als Nachtragsetat für 1907 die Summe von 400 000 Mk. zu fordern, um den Grafen Zeppelin in den Stand zu setzen, so schnell als möglich mit dem Bau eines neuen großen Luftschiffes
ZlnLren«Var» Kerze«.
> Roman von Otniar WilmS. 29
Je länger dieser Zerwürfnis andanerte, desto falten- reicher wurde die Stirn des Bankiers. Trug er auch just keine Liebe zu seinem einzigen Kinde im Herzen, so war's ihm doch unbequem, mit demselben in Unfrieden zu leben ; noch weit mehr ärgerten ihn die hämischen Fragen, die gewisse, schadenfrohe Leute auf der Börse und in seiner Abendgesellschaft au ihn richteten. Seit jenem Tage, an welchem er die VerlobnngS-AnzeigeJnlins' i» derZei- tung gelesen, war kein AuSkommen mehr mit ihm.
Die Kommerzienrätin sah das Gewitter heranrücken, dessen Wolken sich mit jedem Tage drohender auf der Stirne ihres Gatten zusammenzogen, sie wartete die Entladung desselben ruhig ab. Diese war nun heute, am Weihnachtsabend, erfolgt, und der Kommerzienrat hatte dabei eine so entschiedene Sprache geführt, daß seine Gut- tin für ihr Erstaunen keine Worte finden konnte. Sie ließ die Vorwürfe, daß sie ihrem Sohne den Weg ins Ber- derben gebahnt und den Hader in die Familie gebracht habe, ruhig über sich ergehen und beantwortete die Wil- lenSäußerung der erzürnten Gatten, daß er von nun an selbst die Zügel ergreifen und die fatale Angelegenheit ord- nen iverde, mit einem geringschätzenden, fast verächtlichen Lächeln.
„Du würdest mir einen Gefallen erzeigen, wenn Du das Verhältnis mit Julius selbst ordnen wolltest," sagte die Kommerzienrätin, als ihr Gatte erschöpft schwieg, „doch Deine Unerfahrenheit in solchen Dingen legt mir, bei der Wichtigkeit der Sache, leider die Verpflichtung auf, die Zügel festzuhalten."
Der Kommerzienrat, der mit auf dem Rücken gefalteten Händen auf und ab schritt, blieb stehen und richtete erstaunt die hellblauen, glanzlosen Augen auf seine Gattin, die nachlässig in ihrem Sessel lehnte.
»Derzeit. als ich Dir zuerst von dem Verhältnis Ju
lius' zu der Näherin berichtete, wolltest Du Dich nicht um die Sache bekümmern," fuhr sie fort, „heute . . ."
„Hätte ich'S nur getan," fiel der Bankier ihr in die Rede, „mein Name wäre von dem Makel frei geblieben, der jetzt auf ihm haftet."
„Torheit! Jeder hilft sich, so gut er kann, wollte man auf alles hören, was die Leute sagen, würde man seines Lebens nimmer froh. Ich bin überzeugt, wäre die Dirne verurteilt worden, verlörst Dn kein Wort mehr über die Angelegenheit, jetzt, nachdem die rücksichtslose Frechheit eines Spions den sein angelegten Plan vereitelt hat, willst Du an mir Deinen Zorn darüber auslaffen."
Der Kommerzienrat hatte eine Wasserflasche ergriffen, ein Glas gefüllt und dieses hastig geleert. „Und das mit Recht," erwiderte er, indem er das Glas so heftig auf die Marmorplatte des Spiegeltisches niedersetzte, daß eS klirrte, „mit vollem Rechte werfe ich Dir Unklugheit und Unvorsichtigkeit vor. Abgesehen davon, daß der Schritt, zu dem Du Dich durch den Rechtskonsulenten verleiten ließest, Dich ganz in die Hände dieses abgefeimten Schurken gibt, setztest Du auch durch ihn Deinen guten Ruf und die Ehre meines Namens aufs Spiel. Wie nun, wenn der Schreiber für die Wahrheit seiner Behauptung Zeugen gebracht hätte?"
Die Kommerzienrätin zuckte die Achseln und ergriff ein Buch, welches neben ihr auf dem Sessel lag.
„Ich glaube, Du hast an die Möglichkeit eines solchen Falles nicht gedacht," fuhr er fort. „Ich rate Dir, suche Dich mit Julius auszusöhuen, und dies je eher, je lieber, ich bin der teilnehmenden Fragen, die ich täglich hören muß, müde."
„So willst Du eineBuhldirue als Deine Schwiegertochter in Dein Haus aufnehmen?" fragte die Kommerzienrätin scharf, während Purpurröte ihr Antlitz übergoß. „Was mich betrifft, so will ich lieber denken, er sei gestorben, als in diese Mesalliance, die Schimpf und Schande
über uns bringe» würde, willigen. Lasse die Leute fragen und urteilen, wie sie wollen, wir stehen über der üffent- lichen Meinung, sei überzeugt, jeder, ber auf Stand und Ehre etwas hält, denkt wie ich und wird mir recht geben."
Die letzten Worte machten, wie e» schien, einen beruhigenden Eindruck auf den Bankier. „Wohlan," hob er nach einer Weile an, indem er sich in den Sessel setzte, „ich will die Schlichtung dieser fatalen Geschichte Dir auch ferner anvertrauen, doch hüte Dich, Du weißt, daß ich um das Adelsdiplom bei dem Ministerium nachgesucht habe. Hastet der leiseste Makel auf meinem Namen, wird mein Gesuch abgeschlagen."
Die Kommerzienrätin warf verächtlich die Lippen auf. Eben wollte sie eine Erwiderung geben, al»ein Kammer- diener inS Zimmer trat und den RechtSkonsulenten Geier, der die gnädige Frau zu sprechen wünsche, anmeldete.
„Ich mag mit dem Menschen nichte zu schaffen ha- ben," sagte der Kommerzienrat rauh, indem er sich erhob, „und sehe eS sehr ungern, daß Du Dich seiner zur AuS- führung Deiner Pläne bedienst. Du weißt, waS ich Dir gesagt habe, also richte Dich danach."
Kaum war er hinausgegangen, als Geier eintrat.
Die Gesichtszüge deS RechtSkonsulenten hatten sich seit einigen Wochen auffallend geändert, die Backenknochen waren spitzer, die Wangen welker geworden, und die tiefliegenden Augen schauten unter den weit herüberhängenden, buschigen Brauen so hohl und tot durch die grünen Brillengläser, daß sie jedem, den ihr stierer Blick traf, Entsetzen einflößen mußten. Sein Anzug trug jetzt nicht mehr das Gepräge des schmutzigen Geizes, sondern da» der Vernachlässigung, der stumpfen Gleichgültigkeit gegen die Außenwelt. In seinem Auftreten lag eine ängstliche Scheu; fast bei jedem Schritte, den er tat, blickten die un- stäten Augen furchtsam nach allen Seiten, als befürchte der Rechtskonsulent in jedem Augenblick, plötzlich die Hand der,Nemests im Nacken zu Men. , „ x144,18