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SchlüchternerMun g

mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

eM 94 Samstag, den 23. November 1907. 58. Jahrgang.

Meine nicht!

(Zum Totenfeste.)

Weine nicht! In süßem Frieden Schläft, o Mutterherz, dein Kind, Und die Engel Goites hüten Treu sein Bettlein leis und lind. Sel'ge Weihnachtsfreude leuchtet Aus den Aeuglein hell und licht Sag, warum dein Blick sich feuchtet? Mutterherz, o weine nicht!

Weinet nicht, ihr Kindlein bange! Vater, Mutter sind wohl fern, Ruhen nach des Lebens Dränge Aus auf einem schönern Stern. Doch der Vater aller Kinder Sorget, daß euch nichts gebricht. Und ein Frühling folgt dem Winter Waisenkindlein, weinet nicht!

Weine nicht! O deine Tränen, Einsam Weib, sind all gezählt! Gott kennt deines Herzens Sehnen, Weiß, was dich bedrückt und quält. Ein Versorger und Berater Wacht dir überm Sonnenlicht, Deiner Kindlein bester Vater Arme Witwe, weine nicht!

Weine nicht! Nach lichtem Tage Schied dein schönstes Erdenglück, Und kein Murren, keine Klage Ruft die Gattin dir zurück Doch in deiner Kinder Lächeln Tröstend ihre Stimme spricht Fühlst nicht ihres Odems Fächeln? Treuer Gatte, weine nicht!

Weinet nicht! Den Toten allen Ist aufs lieblichste das Los Nach des Lebens Sturm gefallen In des ew'gen Vaters Schoß. O wie selig, wenn hienieden Einst die letzte Schranke bricht! Störet nicht der Schläfer Frieden Glückliche beweint man nicht!

Paul Lips.

Zum Totenfeste.

Das Totenfest, das uns an die Gräber draußen auf dem Friedhofe ruft, hat den Zweck, uns allen insgesamt noch einmal zu zeigen, wie Tod und Grab uns zum Segen gereichen sollen. Wie oft doch bleibt das Todesleid ungesegnet an den Hunderten von Särgen, die in den Christenhäusern hin und her stehen! Hin zum Herrn im Todesleide!", das ist der Ruf, der heute am Totenfeste von den Kanzeln und von den Gräbern eindringlich an dein Ohr schlägt. Und hätte langes Mitleiden am Krankenbette, die Sorge durch­wachter Nächte, das zerstörte Hoffen nach langem Hangen und Bangen die Flammen deines Glaubens erstickt, nimm wenigstens das dir noch gebliebene Glaubensstückchen und birg dich an dem Herzen der ewigen Gottesliebe mit all deinem Leid und Schmerz. Wie öffnet der Herr gerade denen, die so ihr gottge- sandtes Leid tragen, seine Trösterarme:Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken!" Freilich, so ein Menschenherz, das mit all seinen Fasern an den Seinigen gehangen hat, das mit ihnen gemeinsam Jahrzehnte lang Freude und Leid durchlebt hat, das den Seinigen so viel zu

danken hat und nun auf einmal hingeben soll, was es so sehr geliebt, will sich oft nicht trösten lassen, an ihm prallt oft der köstlichste Trost wirkungslos ab, aber der Herr läßt nicht ab, dir die Hand zu reichen, auch heute am Totenfeste kommt er wieder und ruft dir zu: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe. Und wer da lebet und glaubet an mich, der wird nimmermehr sterben." Sie leben alle, alle, die an ihn glaubten. Mögen ihre Leiber auch draußen unter den grünen Hügeln liegen, das von dem Herrn stammende ewige Leben ihrer Seelen lebt droben, ungestört und unge­trübt. O, so trockne deine Tränen! Preise selig deine im Herrn Gestorbenen! Das wäre der rechte Segen unserer Totenfestfeier, wenn wir heute das im Glauben erfassen lernten, woran uns das Leben sonst vielleicht weniger derart erinnert, daß wir aufmerken: nämlich: Hin zu ihm!" Er ist und bleibt die Quelle alles Trostes für ein zerschlagenes Menschenherz. Und was an ihm liegt, tut er, damit wir zu diesem Segen kommen. Er läßt darum seinen Trost, einem lichten Engel gleich, mit obigem Bibelwort wieder reichlich in unser Herz herniedersteigen: Der Tod nur ein Schlaf, danach Auferstehung und ewiges Leben!

Eine Auslandsstimme über die Lage der deutschen Arbeiter.

In einem angesehenen Londoner Blatte besprach kürzlich ein englischer Arzt, der längere Zeit in Deutsch­land gelebt hat, die wirtschaftliche und soziale Lage der deutschen Arbeiter. Er wies dabei nach, daß die deutschen Arbeiterbevölkerung alle Ursache habe, mit ihrer Lage zufrieden zu sein, und kein Grund vorhanden sei, daß sie in die Reihen der Sozialdemokratie gingen, während die Arbeiterverhältnisse in England vielfach derartige seien, daß es nicht verwunderlich sei, wenn die sozialdemokratische Bewegung unter der englischen Arbeiterschaft immer mehr um sich greife.

Wie kann der deutsche Arbeiter Sozialist sein?" so fragt der englische Arzt.Er hat reichlich Arbeits­gelegenheit. Bettler und Armenhäusler sind kaum vorhanden. Solange ich in Deutschland gelebt habe, bin ich niemals um ein Almosen angesprochen worden. Ich bin nach England zurückgekehrt und werde an jeder Straßenecke von Bettlern förmlich überfallen. In solchen Zuständen liegt sicher ein Beweis, daß an unserm gegenwärtigen Regierungssystem nicht alles gut ist. Der deutsche Arbeiter genießt Altersrenten, zu denen er und sein Arbeitgeber Beiträge und das

Untrennbare Kerze«.

* Roman von Otmar WilmS. 28

Eine dicht verschleierte Dame, der ein großer, hage­rer Mann in geringer Entfernung folgte, hatte sich der Betenden genähert und dem Auftritte beigewohnt, sie zog ihre Börse und vertrat der Armen den Weg.

Hier nehmt daS," flüsterte sie,bereitet Euch einen frohen Weihnachtsabend, ich werde weiter für Euch sor­gen, so gut ich es vermag."

Die milden Worte brachen im Herzen der Mutter dem lang verhaltenen Schmerze gewaltsam eine Bahn.

Dank, Dank," schluchzte sie, die Hand ihrer Wohltä­terin ergreifend,tausend Dank, Sie haben mir und mei­nen Kindern einen bitteren Gang erspart."

*Bittet, so wird Euch gegeben," entgegnete die Dame F weich.Nicht mir dankt, ich habe ja doch nur Menschen­pflicht erfüllt, dankt dem dort oben, der mich Euch zu- führte! Doch jetzt laßt mich gehen, ich werde Euch mor- . gen meinen Begleiter zuschicken, daß er sich nach dem, was Euch not tut, erkundigt."

Die glückliche Mutter ließ die kleine, weiche Hand nicht loS.Nein, so dürfen Sie nicht scheiden," erwiderte sie, lassen Sie mich einen kurzen Blick in Ihr Antlitz wer­fen, damit ich ein Bild von meiner Wohltäterin habe, an welches ich in meinen Gebete» denken kann. Versage» Sie mir diese Bitte nicht, lassen Sie mir Ihr Bild zurück."

Die Dame zögerte einen Augenblick und schlug dann rasch den Schleier zurück.

Der trübe Schein einer Oellaterne siel voll auf das schöne, jugendliche Antlitz und betroffen, erschreckt, wich daS arme Weib zurück. Eines jener schwarzen, unheimlichen Bilder tauchte vor ihrer Seele auf. Ihr schien, als trüge das Gesicht der vor ihr Stehenden genau die Züge jener kleinen, schönen Leiche, die sie so oft in ihre» Träumen sah. / . Als sie sich von ihrer Bestürzung erholt hatte, war

die Dame mit ihrem Begleiter schon davon gegangen. Sie schickte die Kinder ins Haus und eilte ihr nach.

Noch eine Frage," bat sie in flehendem Tone, als sie dieselbe eingeholt hatte,nennen Sie mir Ihren Na­men."

Meinen Namen?" entgegnete die Angeredete erstaunt. Welches Interesse kann es für Sie haben, ihn zu wissen ?"

Eine Erinnerung taucht in mir auf," erwiderte die Arme,als müsse ich Ihr Antlitz schon früher einmal ge­sehen haben. Nicht Neugier, noch der Vorsatz, den Namen meiner Wohltäterin auSposaunen zu wolle», bewegt mich dazu, nach demselben zu forschen, deshalb nennen Sie ihn mir, er soll mir teuer sein und in meinem Herzen eine bleibende Stätte finden."

Gute Frau," entgegnete die Dame,legt kein großes Gewicht auf jene Erinnerung. Es mag wohl sein, daß Ihr mein Gesicht schon oft gesehen habt, ich stehe nicht höher als Ihr, mein Name ist Meta Behrend, und mein Stand Näherin."

Behrend? Behrend?" wiederholte die Frau sinnend, also nicht Tümpling?"

Nein, wie ich Euch sagte, Meta Behrend. Doch geht nach Haufe, Eure Kinder erwarten Euch, und der Weih- nachtSmarkt wird bald geschlossen."

Mechanisch wandte die Frau sich um, sie wanderte, in tiefes Nachdenken versunken, ihrer Wohnung zu, während Meta und deren Begleiter ihren Weg fortsetzten.

Da droben wird auch kein fröhliches WeihnachtSfest gefeiert werden," hob Meta zu ihrem Begleiter an, als sie in der Karlsstraße an einem hohen eleganten Hause vor- beischritten, während sie auf die matt erleuchteten Fenster im ersten Stockwerke zeigte.Ihr könnt es mir glauben, Ferdinand, mich dauert die Kommerzienrätin, ihr Leben ist gewiß freudenlos."

Pah," entgegnete der Schreiber achselzuckend,glau­ben Sie daS nicht. Das Bewußtsein, reich zu sein und zu den Vornehmsten der Stadt zu zählen, gilt solchen Leu­

ten mehr, als alles andere. Ich habe kein Mitleid für Kommerzienrats, sie könnten es ja besser haben, wenn sie wollten."

Ja, wenn sie wollten!" seufzte Meta leise. Hütte sie in diesem Augenblicke einen Blick in daS Zimmer der Kom- merzieurätin werfen können und die eitle stolze Dame gesehen, wie sie vornehm nachlässig in ihrem Sessel lag und selbstgefällig, fast geringschätzend auf ihren Satten, der, anscheinend aufgeregt im Zimmer auf- und abschritt hinabschaute, würde sie vielleicht nicht so sehr daran au zweifelt haben, daß die Kommerzienrätin in ihrer Weise glücklich war. Und warum nicht? Alles, was ihr Herz nur begehrte, nannte sie ihr eigen, Reichtum, Rang, Macht und Ansehen; jeden Wunsch, jede Laune konnte sie befrie­digen. Die Hügel des HauSregimentS ruhten in ihren Hän- den, ihr Name war der erste in der Liste der Honoratio- ren, was konnte sie mehr verlangen? Sie hatte einen Gatten, wie ihn eine solche Frau nicht besser wünschen konnte. Ruhig und geduldig fügte er sich in ihre Anord­nungen.

So hatten die beiden Gatten sechsundzwanzig Jahre hindurch in ungestörter Eintracht mit einander gelebt und erst in den letzten Jahren war der erste Wortwechselzwi- scheu ihnen gefallen. Den Grund gab Julius, der, Ahne auf die Befehle und Wünsche des Vaters Rücksicht zu neh- men, studieren wollte. Der Kommerzienrat hatte endlich des heben Friedens wegen, dem Drängen des Sohnes nach, gegeben; von jenem Tage an war die Eintracht für im- mer von seinem Herde gewichen. Die ganze Schuld an dem Zerwürfnisse Julius' mit feinen Eltern schob der Kom. merzienrat auf seine Gattin, und häufig mußte sie in bit­teren Worten den Vorwurf hören, daß sie derzeit, als der Sohn sich dem Befehle des Vaters nicht fügen, son- dern seinen eigenen Weg gehen wollte, für ihn Partei gegen den eigenen Vater genommen und so selbst den er- sten Grund zum Ungehorsam, zur gänzlichen Berkennung seines Standes und seiner Pflichten gegen die Eltern in sein Herz gelegt habe. 1441g