Städte von nicht mehr als 25,000 Einwohner um- fassende Denkschrift herausgegeben werden, mit deren Redaktion der Direktor des statistischen Amts in Berlin, Professor Dr. Silbergleit, betraut morden ist, der die erforderlichen Vorbereitungen bereits eingeleitet hat.
— Gegen die Kohlenteuerung sollen jetzt offenbar amtliche Mittel ergriffen werden. Der Minister der öffentlichen Arbeiten hat im Anschluß an seine Vorlage, betreffend Aufhebung der Kohlenausfuhrtarife, dem Landeseisenbahnrat eine weitere Vorlage über Frachtermäßigung für Einfuhr von Steinkohlen, Briketts und Koks zugehen lassen. Der Landeseisenbahn- rat wird hierin um eine gutachtliche Prüfung ersucht, ob ein wirtschaftliches Bedürfnis anzuerkennen ist, den Rohstofftarif für Steinkohlen einschließlich Briketts und Koks beim Versand von den Seehäfen und den inländischen Umschlaghäfen oder auch in allen anderen Fällen zu gewähren und ob diese Tariferleichterungen dauernd oder nur vorübergehend einzuräumen sind.
— Die Königin Witwe Carola von Sachsen ist, wie aus Dresden telegraphiert wird, an einer Gewebeentzündung am Kopfe schwer erkrankt.
— Bei der Landtagsersatzwahl in Oels an Stelle des verstorben Abgeordneten v. Kardorff wurde der freikonservative Kandidat Rechtsanwalt Mertin-Oels mit allen abgegebenen 380 Stimmen zum Abgeordneten gewählt.
— Bei der Landtagsersatzwahl in Geestemünde Lehe wurde der nationalliberale Kandidat Geheimrat Witting-Berlin mit 199 Stimmen gegen den Kandidaten des Bundes der Landwirte Allers gewählt.
— In zahlreichen mittleren Städten der Provinz Posen haben Niederlagen der Polen bei Gemeinderatswahlen stattgefunden. In Krotoschin wurde kein einziger Pole gewählt, in Samter blieben die polnischen Kandidaten gleichfalls iu der Minderheit bis auf einen einzigen, der mit deutschen in die Stichwahl kommt. In Wongrowitz verloren sie zwei Mandate. Ebenso unterlägen sie vollständig bei den Gemeindevertreter- Wahlen in Neustadt in Westpreußen.
— Wegen Aufreizung verschiedener Bevölkerungs- klaffen zu Gewalttätigkeiten wurde der Arbeiter Adolf Zuncke, der Redakteur des Berliner Anarchistenblattes, von der 5. Strafkammer des Berliner Landgericht I zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Ferner verhängte das, Gericht über ihn eine Haftstrafe von 14 Tagen, weil er, entgegen den Bestimmungen des Preß- gesetzes, als Minderjähriger sich als verantwortlicher Redakteur hatte bezeichnen lassen. Zuncke ist nämlich ein Junge von 18 Jahren!
Ausland.
— Die Londoner „Pall Mall Gazette" bespricht die Rede Kaiser Wilhelms in der Guildhall und meint, wenn so gewichtige Worte unter solchen Umständen gesprochen würden, so kämen sie beinahe einem feierlichen Eide gleich. Es sei nichts Geringes, wenn der Kriegsherr über viele Legionen, der Herrscher der mächtigsten Militärmacht der Welt öffentlich die Geschichte zum Zeugen anrufe, daß er sein bestes getan habe, um den Weltfrieden zu erhalten, und der Welt zu verstehen gebe, daß dieser Grundsatz auch der Leit- stein seiner künftigen Handlungen sein werde.
— Die letzten Nachrichten aus Deutsch-Südwestafrika lauten insofern recht erfreulich, als zahlreiche nicht unbemittelte Ansiedler ins Land strömen. Es sind kräftige Landleute aus dem Süden Deutschlands (Pfalz), die sich in Osona u. f. w. niederlassen wollen. Mit dein Dantpfer „Adolf Wörmann" kam ein ziemlich starker Zug Ansiedler. Der Dampfer brächte auch den Landwirtschaftsinspektor Wunderlich; er ist Sachverständiger für Tabak- und Weinbau. Als Oberst Leut- wein noch Gouverneur war, war die Anstellung des Herrn Wunderlich bereits geplant. Der Krieg zerstörte die Pläne; man verspricht sich in Swakopmund und in Windhuk sehr viel von dem Tabak- und Weinbau. Ein lebendiger, frischer Geist ist in die Kolonie einge- zogen, Handel und Wandel heben sich zusehends, und speziell die Farmer entfalten eine große Rührigkeit, so daß nian schon heute an allen Ecken und Enden sieht, wie die Wunden, welche der Krieg geschlagen hat, vernarben.
— Im ungarischen Reichstage haben sich infolge der kroatischen Obstruktion die Lärmszenen wiederholt. Dem Abg. Budisavlievics (Kroate) wurde, da er trotz wiederholter Ermahnung vom Gegenstand der Beratung abgewichen war, das Wort entzogen. Die kroatischen Abgeordneten widersprachen leidenschaftlich und ballten drohend die Fäuste. Sie setzten ihr lärmendes Auftreten trotz der wiederholten Ermahnung des Präsidenten fort, so daß endlich vier kroatische Abgeordnete vor den Ausschuß verwiesen wurden, der beschloß, daß sie wegen ihrer Widersetzlichkeit gegen den Präsidenten Abbitte leisten sollten. Diesem Beschlusse haben sie sich gefügt und unter allgemeiner Zustimmung feierlichst Abbitte geleistet.
- Im Taurischen Palais zu Petersburg ist hie Eröffnung der russischen Duma ohne große Feierlich« keil mit einem Gottesdienst, aber ohne Empfang der Abgeordneten durch den Zaren vollzogen worden. Zum Präsidenten wurde Nicolai Alexejewitsch Chomjakow
(Öktobrist) mit 371 gegen 9 Stimmen gewählt. Graf Bobrinski erhielt zwei Stimmen. Der frühere Präsident der Duma Golowin erhielt 4 Stimme.
Der Pferdebestand Hessen-Nassau nach der, Zahlung von 1904.
Nachdruck verboten.
Am 2. Dezember findet bekanntlich wieder eine Viehzählung im Deutschen Reiche statt, nachdem die letzte erst vor drei Jahren, am 1. Dezember 1904 vorgenommen worden ist. An diesem Tage werden in ganz Deutschland 4,267 Millionen Pferde gezählt, d. h. daß auf einen Quadrat Kilometer der landwirtschaftlich benutzten Fläche 12,2 und auf je 100 Einwohner 7,1 Pferde kamen. Von der Gesamtsumme der in Deutschland gezählten Pferde kamen 2,964 Mill. allein auf das Königreich Preußen, wo also fast drei Viertel aller deutschen Pferde beheimatet waren. Unter den einzelnen Preußischen Provinzen steht in der Pferdezucht offenbar Ost-Preußen an der Spitze. Es wurden hier bei der letzten Viehzählung 454,900 Pferde, also nahezu ein Sechstel von ganz Preußen, festgestellt; die nächst höchste Zahl, die Schlesien aufgewiesen hat, ist um mehr als 100,000 kleiner. Am geringsten war der Pferdebestand nach der letzten Aufnahme in der Provinz Hessen-Nassau, wo nur 89,300 Gäule gezählt wurden. Bei dieser absoluten Ueberragung Ostpreußens mit seinem Pferdebestande ist es selbstverständlich, daß es auch relativ die höchsten Ziffern aufzuweisen hat. Auf einem Quadratkilometer wurden dort 16,8 (im Staat: wie erwähnt nur 12,9) Pferde gezählt; und auf je 100 Einwohner kamen 22,7 (im Staat: nur 8,1 [!]) Gäule. Gleichfalls relativ wie absolut am geringsten war der Pferdebestand in Hessen-Nassau, denn auf je 100 Menschen wurden nur 3,2 Pferde festgestellt und auf obige Fläche 10,3. Nur Pommern steht noch etwas ungünstiger da in letzterer Beziehung, weil dort auf den Quadratkiloineter gar nur 10,1 Rosse gezählt wurden. — In Berlin gab es, was noch hinzugefügt sein mag. am 1. Dezember 1904 52000 Pferde.
Lokales und Provinsselles.
Schlächtern, 19. November 1907.
—* Das Jahr 1908 ist ein Schaltjahr. Der Neujahrstag fällt auf einen Mittwoch, die Fastnacht auf den 3. März, Ostern fällt spät. Das Osterfest wird am 19. und 20. April gefeiert, Himmelfahrt Ende Mai, Pfingsten am 7. und 8. Juni.
—* Samstag abend wurde dem in Sachsenhausen beschäftigten Rangierer Christoph Schmidt aus Hütten der rechte Fuß abgefahren. Der Verunglückte kam ins Städtische Krankenhaus.
—* Daß sich das hier im Hotel „Hessischer Hof" gastierende Schau- und Lustspiel-Ensemble unter der umsichtigen und geschickten Leitung des Herrn Direktors Klinger in die Gunst des hiesigen Publikums hinein- zuspielen versteht, bewies die Vorstellung am Freitag des Herschischen allbeliebten Lustspiels: „Der Dessauer und seine Zeit". Das Haus war gut besetzt. Das ist für beide Teile ein schönes Zeugnis: für die Gesellschaft, daß die gestellten Anforderungen entspricht, für das Publikum, daß es künstlerische Bestrebungen zu schätzen weiß und dieselben durch regen Besuch unterstützt. Die Vorstellung kann als eine durchaus gelungene bezeichnet werden, sie nahm von der ersten bis zur letzten Szene das lebhafteste Interesse des Publikums in Anspruch. Das Spiel war durchweg flott und in allen seinen Teilen abgerundet. Herr Direktor Klinger, „Leopold", war soldatisch, kräftig und forsch in Sprache und Haltung. Die „Anna", Fräulein Boszinska, war eine treffliche Leistung. Hier treu ergeben, von reiner ersten Mädchenliebe durch- glüht, dort resolut, forsch, fest, hier wieder naiv ausgelassen und schalkhaft, dort geduldig und entsagend, verstand sie es in wirksamem Wechsel die Zuschauer zu stürmischer Heiterkeit und innigstem Mitleid hinzureißen. Die Briefszene mit dem alten HofMarschall und die Entsagungsszene waren Cabinetstückchen. Herr Jäntsch als Gouverneur, Herr Reinhardt als Hof- marschall und Herr Baumbach als Apotheker Foese wußten sich trefflich in den Rahmen des Ganzen hin- einzupassen, während die Fürstin Henriette Regentin (Fräulein Uhlen) Eleganz und Würde zeigte. Die Kostüme waren historisch treu und glänzend, wie sie an stehenden größeren Theatern nicht besser vorhanden sind. Die Ausstattung der Bühne war musterhaft. Das zahlreich erschienene Publikum war höchst befriedigt. — Am Sonntag fand das 2. Gastspiel vor sehr gut besuchtem Hause statt. Der Theaterzettel wies zwei Schwänke auf: „Der Kampf mit der Schwiegermutter" und „Eine bezähmte Widerspenstige". Wer sich einmal an gutem Humor und komischen Situationen satt sehen und hören wollte, der ist am Sonntag gewiß auf seine Rechnung gekommen. In dem Einakter hätte die Rolle der Schwiegermutter in keinen besseren Händen liegen können. Herr Direktor als Peter Flock, nachmaliger Hans v. d. Hausen gab mit künstlerischer Vollendung den liebenswürdigen Schwerenöter und Tausendsassa. Das Verkennen und schließliche Erkennen des gewünschten Schwiegersohnes bildet eine Fülle von komischen Momenten, welche bei der treff
lichen Darstellung (auch die Ella spielte mit gewohnte Vollendung) vollauf zur Geltung kamen. — De zweite Schwank: „Eine bezähmte Widerspenstige" brächte den alten und immer neuen Kampf mit dem Drachen, dem Hausdrachen. Ueber die Darstellung des . von Herrn Baumbach verkörperten Rentner Müller herrschte eine Stimme des Lobes. Seine liebevolle Gemahlin, die keifende Auguste, war ein Muster von Ehedrachen. Herr Müller faßte diese 5 Jahre des Ehekrieges als eine Sühne für feine flott und allzufrohe Jugend auf, er hat das Revoltieren schon längst aufgegeben, bis ein besonderer Anlaß, der Besuch der Elfe, sowie ihres Vaters, des Herrn v. Rosen, die Entscheidung bringt. Man ist ordentlich erschreckt über das ungeheure Maß von Männlichkeit, das Herr Müller plötzlich entwickelt. Vulkanartig bricht der lang zurückgehaltene Groll aus. Dem: Nieder, nieder, nieder zu meinen Füßen! oder: Hinaus ! halten kein Lamentieren, keine Migräne, keine Ohnmacht, keine Krämpfe stand, die Widerspenstige muß sich beugen, und ein neues Leben blüht aus den Ruinen. — Am Nachmittage war der Saal von 300 Kindern gefüllt. Es wurde „Rübezahl der Berggeist" oder „Der König der Berge", Märchen in drei Akten von Görner, gegeben. — Die nächste Vorstellung findet Freitag statt und können wir einen Besuch derselben nur bestens empfehlen. Sonntag Schlußvorstellung.
—* Das Abrufen in den Wartesälen wird da, wo es noch geschieht, vom 1. Januar ab im ganzen Gebiet der preußisch-hessischen Staatsbahnen aufhörens; man wird Signalkästen mit elektrischem Betrieb einführen. Auf einem Kasten wird jeder fällige Zug und der betreffende Bahnsteig in großer Schrift zu lesen sein. Ist der Zug abgefahren, so fällt die Aufschrift.
—* Die neuen Reichskassenscheine zu zehn Mark werden demnächst zur Ausgabe gelangen. Diese Reichskassenscheine sind 14 Zentimeter breit und 9 Zentimeter hoch. Sie sind in grünlich grauem Kupferstichdruck auf geschöpftem und wellig geriffeltem Hanfpapier hergestellt, das ein Wasserzeichen und auf der Rückseite links einen mit gemischten (orangeroten und grünen) Pflanzenfasern durchsetzten Streifen enthält.
—* Der Zentralverband deutscher Industrieller hat eine Eingabe an das Reichsschatzamt gerichtet, in der um die Einführung von 25-Pfennigstücken aus Nickel gebeten wird. Im Reichstag, dem der Antrag schon von anderer Seite vorlag, hat nian sich bisher nicht dazu entschließen können.
—* In aller Kürze wird die Direktion der Sterb- fritzer Chamotte« und Tonwerke (mit beschränkter Hastung) nach Fulda übersiedeln, um aus praktischen Gründen von dort aus die Verkaufsorganisation zn^^ leiten.
* Mehrere Gemeinden Oberhessens, zunächst Vilbel, beschlossen die Errichtung von Volksküchen, um die Ausbildung der weiblichen Jugend in der Küche zu verbessern.
* Die Errichtung zweier weiterer Stationen an der Oberhessischen Bahnstrecke Gießen—Fulda ist beabsichtigt ; es handelt sich um die Orte Göbelnrod und Lindenstruth. Die Station Göbelnrod zwischen Saasen und Grünberg ist beschlossene Sache, die Vorarbeiten sind im Gange und schon am 1. April n. Js. sollen die Züge halten. Ueber die Errichtung der Station Lindenstruth schweben noch Verhandlungen.
* Fritzlar. Nach soeben eingetroffenem Bescheide wird der Norge-Salpeter, welcher von Wissenschaft und Praxis als dem Chile-Salpeter mindestens ebenbürtig betrachtet wird, schon von jetzt ab zu dem billigen Frachtsätze wie Chile-Salpeter berechnet, was im Interesse der Landwirtschaft mit Freuden zu begrüßen ist.
Vermischtes
— Nach dem Genuß von Tee sind zwei junge Damen, Töchter eines verstorbenen Gymnasialdirektors, in Boppard plötzlich gestorben. Der Vorfall soll auf ein Versehen des Dienstmädchens bei der Zubereitung des Tees zurückzuführen sein.
— Das größte Dorf Preußens, die 60000 Einwohner zählende Gemeinde Lichtenberg im Kreise Niederbarnim ist vom Kaiser zur Stadt erhoben worden.
— Wie erinnerlich, wurden im Norden und Nordosten Berlins im Sommer von einem Unbekannten ein kleines Mädchen durch Stiche ins Herz getötet und drei andere Mädchen durch Messerstiche in den Unterleib schwer verletzt. Jetzt hat sich ein epileptischer 22jähriger Buchdrucker namens Minow der Polizei unter der Selbstbezichtigung gestellt, der Täter zu sein. Minow befand sich zuletzt, wie früher schon öfter in der Irrenanstalt Herzberge.
— Wegen Mädchenhandels wurde in Saarburg in Lothringen der angebliche Louis Berger aus Paris und sein Chauffeur verhaftet. Berger wohnte mit Frau und Kind unter dem Namen Vicomte de Villasanes in einem Saarburger Hotel und lebte auf großem Fuße. Er versuchte unter glänzenden Versprechungen junge Mädchen für Pariser Freudenhäuser zu gewinnen.
— In dem Orte Alzen (Schlesien) wurden eine Anzahl Erwachsene und Kinder von einem tollen