Turn right 90°Turn left 90°
  
  
  
  
  
 
Download single image
 

SchWernerMung

mit amtlichem Kreisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

.M 93. Mittwoch, den 20. November 1907. 58. Jahrgang.

Bußtag.

Mitten in das hastende Getriebe der Wochenarbeit hinein dringt eherner Glockenruf und ladet zum Gottesdienst nicht bloß im Kirchenraum, vor allem in uns selbst. Denn nicht um eine religiöseFeier" handelt es sich, garnicht um einen weltlichen Festtag, sondern um einen Sabbat der Buße. Dies Wort will verstanden sein! Für dieStarken" unserer Tage hat es einen störenden, und für dieHerren- und Ueber-Menschen" sogar einen verächtlichen Klang. Dies Wort beugt, demütigt, und muß somit ein Stachel werden, die sich selbst zum Gott setzten. Viel­leicht kommt doch noch eine Stunde, wo ihnen vor ihrer Gottähnlichkeit bange wird und sie das geheim­nisvolle Bekenntnis eines der Geistgewaltigsten aller Zeiten ergründen lernen:Wenn ich schwach bin. bin ich start." -- Andere glauben sich bei dem Wort genötigt zur Selbsteinkehr. Ein löbliches Beginnen, aber es ist doch nur die selbstverständliche Vorbereitung zur Buße. Gar mancher gleicht dem Wanderer, der am Bußtag den hohen Stufenbau zu einem Heilig­tum emporsteigt. Nun steht er unter der säulenge- tragenen Attika, vor sich die angelehnte schwere Tür, die in das Dunkel des Allerheiligsten führt. Da wendet er noch einmal scheu den Blick, und siehe, unter ihm breitet sich verführerisch die Welt im lachenden Sonnenschein. Nur einen halben Blick noch hat er jetzt, über die Schultern eines anderen hinweg, der just die Pforte voll zum Eintritt öffnet, für den düsteren, erschauernd kühlen Raum; dann macht er kehrt er war ja da gewesen! und eilt mit zweifach beflügeltem Schritt der lockenden Lust dort drunten entgegen .... So endet vielfach mit frommem auch unfrommem Selbstbetrug vermeintliche Selbsteinkehr. Wieder andere mögen sie ernster auffassen und betreiben. Aber ihr Sinn, nur auf weltliche Dinge und irdisches Wohlergehen gerichtet, endet mit dem, was siemoralischen Katzenjammer" nennen. Bei den einen wirkt er eine Flut guter Vorsätze, doch fehlt die Kraft zu ihrer Durchführung; bei den anderen einen vermehrten Druck der Lebens­sorgen, den sie charakterschwach, mit doppeltem Leicht­sinn zu betäuben suchen; die dritten mag er gar in Verzweiflung und die Nacht des Selbstmords treiben. Buße aber hat keiner von ihnen allen getan. Buße ist nicht ein Aufdämmeni, daß etwas oder alles in unserem äußeren Dasein verfehlt, Buße ist eine Kraft, die unsern ganzen innern Menschen zerbricht,

nicht aus Grauen vor zeitlicher Not, sondern in beugender Erkenntnis einer Last von Seelenschuld und Sünde, von der kein Mensch befreien kann. Wem dies am Bußtag im stillen Kämmerlein Gewißheit ward, der folge dem ehernen Glockenruf zur Kirche, und mitten aus Ewigkeitsschauern heraus wird ihm die Blume der alles beseligenden Gnade Gottes ersprießen!

Aber nun nicht mehr ihm allein. Denn so not­wendige Voraussetzung auch die Begnadigung jedes einzelnen Herzens ist, um den Segen der Buße zu verspüren: am heutigen Landesbußtag soll ein jeder als Glied des ganzen Volkes und seiner Kirche sich bekennen, des Volkes Sünde und der Kirche Schwach­heit zu seiner eigenen machen, um in tiefer Erkenntnis der Mitschuld an dem allgemeinen Schaden für dessen Entsühnung betend vor das Angesicht Gottes zu treten. Dann erst wird der ganze Ernst, aber auch die ganze Gnade des Bußtags unser Herz durchströmen.

Der Besuch in England

ist äußerlich glänzend verlaufen. Das wäre nicht all­zuviel, wenn die innere Bedeutung hinter dem äußeren Glänze zurückbliebe; man kann auch unedles Metall vergolden. In den öffentlich gewechselten Reden wurde von Politik wenig gesprochen. In den Reden des Kaisers und des Königs wurde ein persönlicher Ton angeschlagen und festgehalten, und auch in der Guild- Hall blieb es im wesentlichen bei der Versicherung freundlicher, friedlicher Gesinnungen.

Obgleich dies so war und vielleicht weil dies so .war, übte der Besuch eine tiefe Wirkung aus. AU- ßemein ist der Eindruck, daß ihm eine große politische Bedeutung zukommt. Was unseren deutsch-englischen Beziehungen entgegenstand, waren nicht politische Streitfragen, nicht Widerstreitende Ansprüche auf Macht und Einfluß in bestimmten Ländern, sondern eine gei­stige Atmosphäre zwischen den beiden Völkern, in der Mißtrauen und Aerger obenauf waren. Eine schwarze Wolke des Argwohns hing über der Nordsee und hemmtehüben und drüben den freundlichen Aüsblick. Jetzi ist sie im Schwinden und nach der einmütigen Ansicht der englischen Presse schon nicht mehr vorhanden.

Wie das gekommen ist, das läßt sich nicht wie ein Rechenexempel erklären; unwägbare Dinge haben mit­gewirkt, wir haben das Gefühl, daß fortgesetzter Völkergroll den Frieden stört und nützliche Geschäfte verhindert. Die Haltung der öffentlichen Meinung in England war so allgemein von warmer Sympathie

erfüllt, daß an ihrer Aufrichtigkeit nicht zu zweifeln ist.

In Frankreich schien man sich anfangs damit trösten zu wollen, daß in Windsor eine Familienversöhnung abgehalten werde, die eine politische Beteutung nur dadurch gewinnen könnte, daß König Eduard seinen Kaiserlichen Neffen für die Interessen des französischen Freundes in Marokko gewinne. Wir glauben nicht, daß in den intimen Gesprächen von Windsor von Marokko viel die Rede war. In Frankreich mußte man auch bald erkennen, daß der politische Wert des Besuchs nicht in einem bestimmten Geschäfte, sondern in einer Luftreinigung lag, die auch Frankreich zugute kommen kann, da es nicht mehr in dem Maße wie bisher eine Explosion zu fürchten braucht, bei der Fenster und Mauern seines eigenen Hauses in Gefahr wären.

So ist es in der Tat nicht zu viel gesagt, daß das Vertrauen in den Frieden durch die hoffentlich bleibende völkerversöhnende Wirkung des Besuches neu befestigt worden ist. Eine vertragsmäßige Entente mit England suchen und brauchen wir nicht, aber ehrliche Anerkennung unserer Friedensliebe, unseres Rechts auf Gleichberechtigung. Bleibt die öffentliche Meinung in England auf diesem Wege, so werden auch bei uns die Versuche, Groll und Mißtrauen zu unterhalten, ihren Boden verlieren.

Deutsches Reich.

Die Kaisermanöver des nächsten Jahres, die, wie gemeldet, zwischen dem 15. und 16. Armeekorps stattsind.a, werden sich, wie aus Metz geschrieben wird, nördlich und südlich von Saarburg i. L. abspielen. Schon vor drei oder vier Jahren, als Graf Haeseler noch Kommandeur des 16. Armeekorps war, bestand der Plan, in der genannten Gegend den Versuch zu machen, ob und wie der Vormarsch einer größeren Truppenmacht über die Zaberner Steige in das Elsaß zu verhindern sei. Dieser Eintritt zwischen den mitt­leren und nördlichen Vogesen ist von alters her da» Einfalltor der Franzosen in das Elsaß gewesen.

Der nächste preußische Städtelag soll im Ok­tober oder anfangs November 1908 nach Königsberg i. Pr. einberufen werden. Wie nunniehr bekannt wird, soll auf die Tagesordnung ein Vortrag über die Ent- Wicklung der preußischen Städte seit dem Erlaß der Städteordnung von 1818 gesetzt werden. Ferner soll aus Anlaß des im November 1908 stattfindenden ein« hundertjährigen Jubiläums der Städteordnung eine die

/ Unirennvare Kerze«.

1 Roman von Otmar Wilm». 27

Notar Horn?" fragte Meta erstaunt,ich erinnere mich nicht..

Er ist mir befreundet," fiel Julius ihr in die Rede. Ich denke, wir gehen hin; Elsbeth seine Tochter, ist ein anspruchslose», gutherziges Mädchen und Deiner Freund­schaft wert."

Meta gab ihre Zusage und Ferdinand erhob sich, um den Rückweg anzutreten. Davon wollte Julius aber nichts wissen, er mußte sich wieder Hinsehen und dem Doktor noch einmal die ganze Unterredung zwischen Geier und der Kommerzienrätin berichten.

Als er geendet hatte, ging Meta hinaus, um frisches Wasser für ihren Kanarienvogel zu holen.

Julius näherte sich rasch dem Schreiber.Sie wissen wohl nicht, welchen Vorschlag der Notar meiner Braut zu machen gedenkt?" fragte er in gedämpftem Tone.

Ferdinand verneinte.

'Er will ihr in seinem HauseeineWohnung einräumen," fuhr Julius fort,doch bangt mir, Meta wird ihr Dach­stübchen, welches sie nun schon so lange Jahre bewohnt, nicht verlassen wollen. Sich der Hoffnung hinzugeben, meine Mutter werde von weiteren Verfolgungen jetzt ab­stehen, wäre töricht. Deshalb bitte ich Sie, mag meine Braut nun auf den Vorschlag Horns eingehen oder nicht, wachen Sie über das Mädchen. Sie können die Schliche des RechtSkonsuleuten besser durchschauen, als ich, zudem bin ich oft tagelang an daS Bett eines Patienten gefesselt und ..."

Er vollendete den Satz nicht, denn eben tratMetäwie- 6er ein, doch Ferdinand verstand ihn. Er drückte die Hand Julius, die in der seinen ruhte, warf ihm einen Blick deS . Einverständnisses und schritt dann hinaus.

, Richt lange nach ihm verließen auch die beiden jungen

Leute das Zimmer, um den Weg zur Wohnung deS No- tar» anzutreten.

*

Der Winter hatte sich frühzeitig eingestellt. Schon am Abend vor Weihnachten lag in den Straßen eine fußhohe Schneeschicht, über welche mit hellem, lustigen Schellenge­läute unzählige Schlitten fuhren. Trotz der grimmigen Kälte uno dem schneidenden Nordost herrschte draußen ein reges Leben. Die Besitzer der Kaufläden und Konditoreien, deren hell erleuchtete Schaufenster einen unwiderstehlichen Zauber auf die Jugend übten, hatten vollauf zu tun, die Wünsche der Kauflustigen zu befriedigen, während die un- tere Volksklasse scharenweise nach dem Weihnachtsmarkte strömte, um dort ihre Einkäufe zu halten.

Wohl manche Mutter wanderte langsam durch die Stra- ßen, ängstlich berechnend, was sie für die wenigen Gro­schen, die sie mühsam erspart hatte, ihren Kindern mit- bringen könne, und doch war sie noch zu beneiden, gegen jene, die daheim in der dunklen, kalten Stube kauerte und bei der Erinnerung an vergangene, schöne Zeiten bittere Tränen vergoß.

Freilich war'e schon lange, lange her, seit liebevolle Elternhand für sie den WeihnachtSbaum geschmückt hatte, doch die Erinnerung bleibt ewig jung, und wenn die Bil­der auS den Tagen der Kindheit auch bleichen, nie wer- den ihre Farben ganz verwischt. Und jene Bilder zogen jetzt vorüber an dem geistigen Auge der Mutter, die ihre beiden, vor Kälte zitternden Kinder fest ans Herz gepreßt hielt und stier vor sich hinschaute. Sie sah sich wieder als blondlockiges Mädchen im Kreise ihrer Eltern und Ge­schwister, umringt von den Gespielinnen; sie erkannte sich wieder in der lieblichen Jungfrau, die, mit der Myrte ge- schmückt, an den Altar trat, und in dem verzweifelnden Weibe, welches am Sterbebette des Gatten die Hände rang. Uud ein Bild folgte auf das andere, doch die nun vorüber- zogen, waren trüb und farblos. Entsetzt wandte das arme Weib seinen Blick ab von dem alten hohläugigen Manne.

der um sein verlorene« Kind weinte, von der kleinen, schö- nen Leiche, die der Fluß anS Ufer gespült hatte. Und noch einmal sah sie sich an den Altar treten, nicht al» eine lieb­liche, errötende Jungfrau, nein, als ein blasse», gebro­chenes Weib, sah sie sich am Sarge des Vaters ihrer Kin- der stehen.

Vom nächsten Kirchtürme schlug es sieben Uhr. Da» war die Stunde, in der vor Zeiten im Elternhause da» Glöckchen ertönte, welches mit silberheller Stimme die har­renden Kinder zur Bescherung rief. Ein tiefer Seufzer ent­rang sich dem gepreßten Herzen der Mutter. Millionen Kinder umsprangen jetzt jauchzend den strahlenden Weih­nachtsbaum und jubelten über die Geschenke, die da« Ehrist- kindlein ihnen beschert hatte; selbst der arme Taglöhner zündete einige Talgkerzen an, damit auch seine Kinder an dem ungewohnten Lichtglanze sich freuen konnten. Und sie, sie hatte nichts, womit sie ihren Kindern eine Freude bo- reiten konnte, nicht einmal Brot, ihren Hunger zu stillen.

Horch, leise klang daSBeSpergeläute, welches die Glä»- bigen zum Gebete rief, in die dunkle Kammer. Ruhiger ward es im Herzen der betenden Mutter, Hoffnung und Glaube kehrten wieder. Sie erhob sich von dem feuchten Strohlager, nahm die Kinder an die Hand und trat mit ihnen hinaus auf die Straße.

Kniet nieder," sagte sie leise, indem sie zum heiter» gestirnten Himmel emporschaute,dort oben wohnt Euer Vater; seht, er hat seine tausend und abertausend Licht- chen für Euch angezündet, bittet ihn, daß er un» beistehe in unserer Not, daß er gnädig auf uns niederblicken und uns segnen möge!"

Die Kinder knieten neben der Mutter nieder und stimm- ten in das Gebet ein, welches diese halblaut vor sich hin sprach.

Bittet, so wird Euch gegeben; klopfet an, so wird Euch aufgetan," schloß sie mit ruhiger Ergebung.Kommt Kin- der, wir wollen da» Mitleid der Reichen in Anspruch neh­men." 144,1K