Einzelbild herunterladen
 

I

SchWernerMm g

mit amtlichem Kreisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

M 92.

Samstag, den 16. November 1907.

58. Jahrgang.

Amtliches.

Im Verlag des deutschen Vereins gegen den Miß­brauch geistiger Getränke sind soeben 10 Wandtafeln zur Alkoholfrage, entworfen von zwei hervorragenden Fachmännern, erschienen, welche sich als Grundlage und Anschauungsmittel für den Schulunterricht, all­gemeine, gewerbliche und kaufmännische Fortbildungs­schulen, für Vorträge in öffentlichen Versammlungen, Vereinen, Volksbilduugsabenden u. s. w. für Belehrung in Krankenhäusern, Gefängnissen u. s. W. sowie zum dauernden Aushang in Rathäusern und Amtsstuben, in Warteräumen, Krankenkassen, Krankenhäusern, Lese­zimmern usw. vortrefflich eignen.

Tafel 1. Ausgaben für geistige Getränke in Arbeiter­haushalten.

Tafel 2. Preis und Nährwert der wichtigsten Nahrungs­und Genußmittel.

Tafel 3. Alkohol und Entartung.

Tafel 4. Einfluß von Alkohol und Tee auf das addieren einstelliger Zahlen.

Tafel 5. Wirkung täglichen Alkoholgenusfes auf Rechen­leistungen.

Tafel 6. Alkohol und Schule.

Tafel 7. Alkohol und Sterblichkeit:

Sterblichkeit der Gastwirte und Kellner nach Todesursachen.

Sterblichkeit der Gastwirte und Kellner nach Altersklassen.

Sterblichkeit der Enthaltsamen bei den eng­lischen Lebensversicherungsgesellschaften.

Tafel 3. Alkohol und Körperverletzungen.

Tafel 9. Alkohol und Verbrechen.

Tafel 10, Lebenslauf eines verkommenen Trinkers bis zu seinem ersten Jrrenanstaltsaufenthalt.

Größe: 78X100 cm. Preis der 10 Tafeln zusammen 10 Mk. beleiftet 12 Mk. auf Leinwand in Mappe 26 Mk. Mappe zur Aufbewahrung 1 Mk.

Einzelne Tafeln je 1,50 Mk. beleiftet 2 Mk. auf Leinwand 3 Mk. Versandhülse 50 Pfg. Erläuterungen nebst den 10 verkleinerten Tafeln in mehrfachem Farbendruck 1,50 Mk.

Schlüchtern, den 6. November 1907.

Der Kgl. Landrat: Valentiner.

Kriegsgeschichten.

Politik gehört nicht in den Gerichtssaal. Trotz dem ließ der Vorsitzende in dem Prozeß des Grafen Moltke gegen Harden lange Erörterungen des Ange­

klagten zu über die Marrokkofrage, über die Stimm­ung in Frankreich, über Kriegsgefahren in den letzten Jahren und ähnlich nicht vor das Forum in Moabit gehörige Dinge. Zweimal sollten wir unmittelbar vor einem Kriege gestanden haben, einmal nach der Er­holungsreise unseres Kaisers im Mittelmeer, das andere Mal in den Tagen von Algesiras.

Was zunächst die Konferenzzeit betrifft, so ist allge­mein bekannt, daß die diplomatische Lage recht gespannt war. In Algesiras hatten wir gegen einen Bund von vier Mächten für das internationale Recht zu kämpfen. Weder Kaiser noch Kanzler noch Volk haben daran gedacht, um Marrotko einen Krieg zu führen. Mar- rokko hätte eben der Anlaß werden können, daß wir um unser Ansehen, unsere Würde hätten kämpfen müssen, wie wir 1870 auch nicht um die Thronfolge in Spanien, sondern gegen die Anmaßung der napoleonischen Politik gekämpft haben, die in dem Streit um die Kandidatur eines Prinzen von Hohenzollern für den spanischen Thron drastisch zu Tage getreten war. Daß aber die Marokkosache sich so zugespitzt hatte, war die Schuld des Ministers Delcasse, nicht aber irgendwelcher Herren von Liebenberg.

Die andere Kriegsgefahr soll bestanden haben, als eine Begegnung des Kaisers mit den« Präsidenten Lou« bet an der italienischen Küste fehlgeschlagen war. Des­halb soll die Marokkosache aufgekommen sein, deshalb soll unser Kaiser, enttäuscht darüber, daß das Versöhn­ungsbedürfnis der Franzosen sich als viel geringer erwiesen hätte, als ihm dargestellt worden sei, an Krieg gedacht haben. Hier liegt eine ganz willkürliche Geschichtsklitterung vor. Die Mittelmeerreise wurde Anfang 1904 in Aussicht genommen. Damals existierte der französisch-englische Vertrag noch nicht, in dem England gegen Aegypten Marokko an Frankreich aus- tauschte. Der Vertrag wurde erst am 8. April 1904 geschlossen und von der deutschen Regierung zunächst sehr ruhig ausgenommen, da abgewartet werden mußte, wie sich Frankreich bei der friedlichen Durchdringung Marokkos mit uns wegen unserer in der Madrider Konvention gesicherten wirtschaftlichen Interessen aus­einander setzen werde. Der Besuch Loubets in Rom und Neapel fiel in das Ende der Mittelmeerreise unseres Kaisers. Anfang Februar mag von Loubet selbst die Möglichkeit eines Zusammentreffens mit dem deutschen Kaiser erwogen worden sein. Irgendwelche offizielle Anregung wurde jedoch nicht gegeben, und es konnte daher auch von deutscher Seite weder eine Zu­sage noch eine Ablehnung erfolgen. Man darf auch

nicht vergessen, daß bald nachdem die Möglichkeit einer gleichzeitigen Anwesenheit des Deutschen Kaisers und des Präsidenten der französischen Republik an den Küsten Italiens in Aussicht gerückt war, der japanische Krieg ausbrach und für die Politik Frankreichs, des Bundesgenossen Rußlands, eine schwierige Lage schuf. Daß es nun nicht zu einer Begegnung kam, konnte doch unsern Kaiser nicht veranlassen, eine kriegerische Politik gegen Frankreich zu machen. Der Gedanke ist absurd. Anderseits wäre damals der Zeitpunkt für einen französischen Angriffskrieg gerade sehr ungünstig gewesen, da der russische Verbündete mit allen seinen Kräften in Ostasien festgelegt war. Diese Kriegsge­schichte ist also nur eine Fabel.

Deutsches Reich.

Um das Kriegervereinswesen zu fördern, sind die Bezirkskommandos angewiesen worden, den Mit­gliedern von Krieger- und von Militärvereinen das Tragen ihrer Vereinsabzeichen bei den Kontrollver­sammlungen zu gestatten. Das Anlegen sonstiger Ver­einsabzeichen dagegen ist verboten.

Der Reichsverband zur Bekämpfung der Sozi- aldemokratie hat von denGenossen" bekanntlich den SpitznamenReichslügenverband" erhalten. Diese Bezeichnung ist jetzt der Gegenstand richterlicher Ab­urteilung geworden, und die Strafkammer zu Branden­burg hat deswegen einen sozialdemokratischen Redakteur zu 50 Mark Geldstrafe verurteilt.

Den Rekord im Bestraftwerden dürfte das sozialdemokratischeHallesche Volksblatt" geschlagen tz^ben, dessen Redakteure sich in den ersten 19 Tagen dieses Monats an sieben verschiedenen Tagen vor verschiedenen Gerichten zum größten Teil in Beleidig­ungsklagen zu verantworten haben. Dabei erklärt das Blatt noch, daß man leider erwarten müsse, daß die Anklagen in diesein Monat noch nicht erschöpft seien, da noch so Verschiedenes in der Lust hänge.

In Venedig ist Prinz Arnulf von Bayern ge­storben, der an heftiger Influenza mit Yinzugetretener Lungenentzündung erkrankt war. Prinz Arnulf, ge­boren den 6. Juli 1852, war der dritte Sohn des Prinzenregenten Luitpold. Der Prinz wurde in seiner militärischen Laufbahn Kommandeur des bayrischen Jnfanterie-Leibregiments, dann Brigadekommandeur im I. Armeekorps, später Kommandeur der 1. Division, 1892 General der Infanterie und Kommandeur des 1. bayrischen Armeekorps. Prinz Arnulf war Inhaber des bayrischen 12. Jnfanierie-Regiinents Prinz Arnulf,

Zlnlrennvare Kerzen

Roman von Otmar Wilms.

26

Und das heute?" fragte sie fast erschreckt, in dem sie die Rechte, welche das Blatt hielt, sinken ließ und mit der Linken den Hals des Geliebten umschlang, um ihm besser inS leuchtende Auge blicken zu können.Wirst Du Dir da­durch Deine Mutter nicht zur unversöhnlichen Feindin ma­chen?"

Sie ist eS schon ohnedies," entgegnete Julius bitter, soll ich ihretwegen, die die innigsten Bande der Natur gewaltsam zerrissen und sogar die Bahn des Verbrechens betreten hat, um uns beide zu trennen, noch Rücksichten nehmen?"

Aber Dein Vater," warf Meta ein.

Der Vater ist, Gott sei's geklagt, nicht besser als meine Mutter," fuhr Julius fort:Was sie tut, genehmigt er, er hält sie für die klügste, vollkommenste Frau.

Flucht sie mir, stimmt er ein, segnet sie mich, ist's khm auch recht. Freilich, wüßte er, auf welchem Wege meine Mutter ihren Zweck zu erreichen gesucht hat, würde er ihr einige Tage lang zürnen, ihr vielleicht bittere Borwürfe machen, aber nicht deshalb, weil unser ganzes Lebensglück gefährdet war, sondern weil der gute Ruf des Kommer- zieurats Alsdorf dadurch getrübt werden konnte. Ich bin . sein einziger Sohn, aber seitdem ich eine andere Laufbahn als die seine betreten habe, ist alles Gefühl für mich in ! seinem Herzen erstorben. Er hatte stets fest darauf gerech- net, daß ich nach seinem Tode das Bankgeschäft fortsetzen 1 und die Firma sich von Vater auf Sohn forterben würde, daß ich durch diese Rechnung einen Strich zog, kann er mir nie verzeihen. Er kümmert sich nicht mehr um mich, es ist ihm gleichgültig, ob ich noch weiter gehe und ein ar- i nie» Mädchen aus dem Volke heirate. Und davon soll nie- rnand mich abhalten," fuhr er, leidenschaftlich erregt, fort, indem er daS Mädchen an sein Herz zog,d'rum fort mit den trüben Gedanken, an Deinem Herzen blüht ja mein Glück und nur der Tod kann es mir entreißen!"

Meta entwand sich sanft der Umarmung deS stürmi- scheu Geliebten.

Weißt Du so gewiß, daß Du nie bereuen wirst, mich, ein armes, ungebildetes Mädchen zum Altare geführt zu haben?" fragte sie ernst.Bedenke, was Du mir opfern willst!"

Du weißt, wie ich Dich liebe," entgegnete Julius fest, und kannst also selbst die Antwort aus Deine Frage fin­den."

Ein freudiges Lächeln flog über die schönen Züge des Mädchens.Verzeihe sie mir," hob sie nach einer Weile an, die Liebe stellt gern solche Fragen. Doch nun sage mir, weshalbDu gerade heute unsereBerlobungS-Anzeige in die Zeitung einrücken ließest."

Als ich heute morgen den Bericht deS Schreibers an- gehört hatte," antwortete Julius,drohte die Wut über die teuflische Bosheit unserer Feinde mich zu überman- neu, ich verließ den Saal, um draußen meine heißen fie­berhaft klopfenden Pulse abzukühlen. Aber noch ehe ich vor dem Gerichtsgebäude war, stieg der Gedanke in mir auf:Wie nun, wenn Du die Angeklagte, gleichviel, ob sie verurteilt oder freigesprochen wird, heute noch öffent- lich als deine Braut anerkennst?

So wurde denn im schlimmsten Falle dem Triumph meiner Mutter die Spitze abgebrochen, und die, welche un- scre Verlobungsanzeige lasen und mich kannten, mußten den Beweis Deiner Unschuld darin erblicken. Wurdest Du freigesprochen, nun wohl, so war die Anzeige eines- teils eine kleine Rache, zu der ich meiner Mutter gegen­über volle Berechtigung hatte, andernteils erhöhte sie den Sieg, den Deine Unschuld feierte. Gedacht, getan, ich brächte diese Annonce angeblich in die Zeitungs-Expedition und kehrte dann zurück, um das Urteil, welches, wie ich nicht zweifelte, auf Freisprechung lauten mußte, zu vernehmen. Das übrige weißt Du, unbekannt aber wird eS Dir sein, daß ich auf dem Rückwege zum Gerichtsgebäude meiner

Mutter begegnete. Sie saß bleich, stieren Blicks vor sich hin schauend, in ihrem Wagen, dem eine nicht geringe Men­schenmenge schreiend und pfeifend folgte. Ich machte den Versuch, die Leute von einer weiteren Verfolgung zurück- zuhalten, der mir jedoch nicht gelang. Wie ich heute Nach- mittag erfuhr, mußte die Polizei einschreiten, um Tätlich, keiten zu verhüten."

Meta hatte sich erhoben und ein Licht angezündet. In dem Augenblicke, als sie sich wieder setzen wollte, pochte es leise an, gleich darauf trat Ferdinand schüchtern ein.

Julius sprang freudig überrascht auf, als der Schrei­ber in das Stäbchen eintrat, und ergriff dessen Hand. Seien Sie mir tausendmal willkommen," hob er an, heute nachmittag schon habe ich mich nach Ihrer Woh­nung erkundigt,weil ichJhnen meinenDankabstatten wollte, doch konnte mir niemand dieselbe angeben."

Sie liegt etwas sehr versteckt," entgegnete Ferdinand lächelnd,in einer bescheidenen Straße, hoch oben unterm Dach. Doch wozu Dank? Ich habe nur meine Schuldig- keit getan und würde derselben weit besser nachgekommen sein, wenn ich mit den Gesetzen näher bekannt gewesen wäre."

Meta ergriff die andere Hand deS Schreiber» und Trä- nen perlten in ihren Augen, als sie ihm ihren Dank für seine rechtzeitige Hilfe aussprach.

Ferdinand war auf einen solchen Empfang nicht gefaßc. Er schaute verlegen bald nach vereinen, bald nach der an- dern Seite und suchte vergeblich nach einer paffenden Ant- Wort auf die Lobeserhebungen, die ihm von deiden'reich- lich gespendet wurden. Meta rückte einen Stuhl an den Tisch, auf den der Schreiber sich froh, diesen Sturm über, standen zu haben, niederließ.

Mein Herr, der Notar Horn sendet mich hierher," hob er an,um das Fräulein Behrend auf heute abend einzuladen. Der Herr Doktor, den ich an seinem Hause nicht traf," fuhr er mit einer Verbeugung fort,sind gebe- ten, mitzukommen." 14418