SchlüchternerAitung
mit amtlichem Kreisblatt»
Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 91.
Mittwoch, den 13. November 1907.
58. Jahrgang.
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Politischer Wochenbericht.
Der Prozeß Bülow-Brand, der sich soeben vor den Schranken des Moabiter Kriminalgerichts abgespielt hat, ist in seiner Wirkung einem reinigenden Gewitter zu vergleichen. Daß auf Charakter und Lebensführung unseres Reichskanzlers dabei auch nicht der leiseste Schatten fiel, stand freilich für jeden, der die edle Größe und Reinheit dieser ganz in der Pflicht wurzelnden und in ihr ausgehenden Persönlichkeit kennt, von vornherein fest. Wichtiger erscheint daher das Auftreten des Fürsten Eulenburg und seine eidliche Zeugenaussage. Der Fürst hat seinem bereits abgegebenen Ehrenwort, daß er sich nie in homosexueller Hinsicht vergangen habe, nunmehr noch den Eid hinzugefügt. Von weitaus größerer Bedeutung für das öffentliche Interesse aber ist die fernere eidliche Aussage des Fürsten, daß eine Kamarilla Eulenburg nie existiert habe, und daß er insbesondere nie gegen den jetzigen Reichskanzler irgendwie intrigiert oder auch nur ein unfreundliches Wort gesagt habe. Es ist hiernach an- zunehmen, daß nunmehr wenigstens das Zentrum aufhören wird, mit der Legende, Fürst Bülow habe sich vor einer Kamarilla in den Reichstagswahlkampf geflüchtet, zu hausieren. Von der Partei des moralischen Sumpfes, der Sozialdemokratie, die ja nur von Lüge und Verleumdung lebt, ist dies freilich auch in Zukunft nicht zu erwarten.
Am Schwedensteine bei Lützen, wo im Dreißigjährigen Kriege der Schwedenkönig Gustav Adolf den Heldentot starb, hat die Weihe der vom Konsul Oska' Ekmann in Stockholm gestifteten Gustav Adolf-Gedächtniskapelle in Anwesenheit des Prinzen Eitel-Friedrich von Preußen, des Kronprinzen von Schweden und vieler geistlichen und weltlichen Würdenträger aus Deutschland und Schweden in feierlicher Weise statt gefunden. Ihrem Stifter war es leider nicht vergönnt, der seltenen Feier beizuwohnen; er ist am 14. Mai dieses Jahres verstorben. Von Fanfarenbläsern in mittelalterlicher Heroldstracht eingeleitet, bewegte sich der imposante Festzug nach dem bekannten „Schweden- stein", wo nach dem allgemeinen Gesänge des Lutherschen Schutz- und Trutzliedes „Ein' feste Burg ist unser Gott" der Leipziger Superintendent Geh. Kirchenrat D. Pank in schwungvollen Worten die Festrede hielt. Wie hier vor 275 Jahren schwedische und deutsche Männer Schulter an Schulter in fester Waffenbrüderschaft ge- kämpft hätten, so stände heute hier mit dem deutschen Kaisersohne und mit deutschen Fürsten der Kronprinz
IlntrennVare Kerzen.
Roman von Otmar WilmS. 25 '
Der Richter erklärte, die Verhandlung sei geschlossen, j doch ließ Ferdinand sich nicht so rasch zu rückweisen; seine ! Bemerkung, daß das, waS er zu sagen habe, ein neues Licht auf die Sache werfen werde, machte den Berteidi- ger aufmerksam und auch dieser drang jetzt darauf, daß Ferdinand verhört werden müsse.
Der Richter nahm den Eid ab, und Ferdinand berichtete nun, ohne zu stocken, die ganze Unterredung, welche zwischen dem Rechtskonsulenten und der Kommerzienrä- tin bei ihrem ersten Zusammentreffen geführt worden war.
Mit verhaltenem Atem hatte das Publikum zugehört. Als Ferdinand schwieg, machte es seiner Entrüstung in lauten, drohenden Aeußerungen über die beiden Zeugen Luft.
Einen langen Blick, in dem sich Liebe und Haß selt- sam paarten, warf Julius auf die Geliebte, die leuchtenden Auges auf die Richter schaute, dann verließ er rasch den Saal.
Der RechtSkonsulent verlor die Fassung nicht. Den Blick stier auf seinen Ankläger gerichtet, sprang er zornig aus. „Dieser Mensch lügt!" rief er heiser. „Wut und Rachedurst ließen ihn das Märchen erfinden, mit welchem er mir zu schaden trachtet, weil ich ihn eineS Diebstahls we- gen aus meinem Dienste gejagt habe."
„Ruhe," entgegnete der Richter, „hier ist nicht derOrt zu Privatzänkereien! Können Sie die Wahrheit Ihrer Aussagen beweisen ?"
„Beweisen?" erwiderte Ferdinand. „Reicht der Eid eines unbescholtenen Mannes nicht hin, sie genügend zu bekräftigen? Ich befand mich allein in dem Schreibzimmer meines früheren Herrn als er in dem anstoßenden Kabinett die Unterredung mit der Frau Kommerzienrätin hatte; die Unterhaltung wurde so laut geführt, daß ich fast jedes Wort Derselben verstehen konnte. An jenem Tage, an wel-
des schwedischen Königreichs, durch seine Gemahlin eng verbunden mit dem deutschen Kaiserhause, gleichwie einst in Gustav Adolf und seiner Gemahlin das Geschlecht der Wasa vermählt mit dem Hohenzollernge- schlecht. Beide Völker sollten nie vergessen, welch heilige Bande sie verbinden durch gleiche Erinnerungen, gleichen Glauben, gleichen Stamm. Schließlich bezeichnete der Redner das Gotteshaus als ein unzweiteutiges Zeugnis, eine ernste Mahnung, ein heiliges Gelübde und ein beständiges Bekenntnis. Nach der Weihrede des Generalsuperintendenten Jacobi aus Magdeburg vollzog der schwedische Erzbischof Ekmann in der Sprache seines Landes bie Weihe, und mit Gebet, Segen und gemeinsamem Gesang schloß die würdevoller Feier, der im Geiste Millionen von Evangelischen beigewohnt haben werden.
Das neue schweizerische Wehrgesetz, das von der Sozialdemokratie so heftig bekämpft wurde, ist in der Volksabstimmung mit großer Mehrheit zur Annahme gelangt. Durch das neue Gesetz wird die erste Ausbildungszeit der Offiziere gewährleistet, den höheren Truppenführern aber wird ein entscheidender Einfluß auf die Ausbildung der ihnen unterstellten Truppenteile ermöglicht. Die gesamte schweizerische Presse be- grüßte den Abstimmungstag als ein geschichtliches Ereignis, das aufs neue die Eigenkraft der Schweiz bewiesen habe, während die sozialdemokratischen Blätter die erlittene Niederlage mit nichtssagenden Phrasen, wie das bei ihnen so üblich ist, zu bemänteln suchten. Das Deutsche Reich als Nachbar der Schweiz darf die Annahme der Wehrforderung mit Freude begrüßen; denn eine wehrfähige Schweiz ist eine neue Gewährleistung des europäischen Friedens.
In Rußland sind die Hauptwahlen zur Duma nunmehr beendigt. Gewühlt sind 195 Mitglieder der Rechten und Monarchisten, 124 Ottobristen und Gemäßigte, 4 Friedliche Erneuerung, 35 Kadetten, 14 polnische Nationalisten, 5 Mohamedaner, 11 Sozial- demokraten, 26 Linke und 2 Wilde. Das hervor stechendste Merkmal der neugewählten Volksvertretung Rußlands ist das entschiedene Uebergewicht der gemäßigten Elemente, die nahezu über eine Dreiviertelmehrheit verfügen. Hierin gelangt deutlich der Um- schwung zum Ausdruck, der sich in der Stimmung der russischen Wähler seit den Wahlen zur zweiten Duma vollzogen hat. Stand diese noch vollständig unter der Herrschaft der radikalen Phrase, so ist in der Zwischenzeit eine wachsende Abkehr von dem revolu
chem der Diebstahl vorgefallen sein soll, befand ich mich nicht in der Schreibstube, mein Herr hatte mich kurz vor- her hinausgeschickt."
„Hättet Ihr Euch vor der Verhandlung alSEntlastungs- zeuge gemeldet," versetzte der Richter achselzuckend, „würde Eure Aussage von Gewicht gewesen sein, jetzt aber, nachdem Ihr dem Zengenverhör beigewohnt habt, kann ich dieselbe nicht als vollgültig anerlennen."
Er erhob sich und Ferdinand trat zurück.
Kurz war die Beratung, welche die Richter pflogen, ihr Urteil lautete: „Frei, wegen Mangel an Beweis."
Ein Freudenschrei entrang sich dem gepreßten Herzen der Angeklagten, ihre Lippen bebten und leise rollten die hellen Tränen über ihre Wangen.
Als Meta vor das Gerichtsgebäude trat, sah sie sich von einer zahlreichen Volksmenge umringt, welche die Frei- gesprochene mit lautem Jubel empfing. Mehrere Herren boten ihr den Arin, um sie nach Hause zu begleiten, sie lehnte dankend ab, sie tollte ja, daß er, den sie im Saale gesehen hatte, kommen werde, um seine Braut abzuholen. Und er kam, sie sah ihn hastig über den Platz schreiten, durch die Volksmenge sich eine Bahn brechen und hing im nächsten Augenblicke an seinem Arme, schaute wonnetrunken in seine lieben, treuen Augen.
* * *
Julius war auf dem Wege zur Wohnung seiner Braut schweigsam und in sich gekehrt. Erst, als er in dem trau- lichen Stäbchen unb in der gewohnten Ecke auf dem Sofa saß, ließ er den Groll, den die Aussage Ferdinands in seinem Herzen wieder wachgerufen hatte, in Worten stür- misch austoben, Rache schwur er zu nehmen an dem RechtSkonsulenten, der allein den teuflischen Plan eingesädelt und seine Mittler zu dessen Ausführung verleitet habe.
Meta, deren Herz schon längst vergeben hatte, suchte ihn zu beruhigen, und ihren milden, versöhnenden Worten gelang es, den Sturm zu beschwichtigen. Jetzt erst fiel ihr die Ordnung und Sauberkeit in ihrem Stübchen auf, dankbar drückte sie den Geliebten an ihr stürmisch pochendes
tionären Treiben eingetreten. Nach der Zusammensetzung der dritten Duma steht daher zu hoffen, daß sie ersprießliche Mitarbeit an der Erneuerung des staatlichen Lebens in Rußland leisten wird.
In Oesterreich nehmen die parlamentarischen Verhandlungen über den Ausgleich ihren Fortgang. In Italien beginnt ein Sturm gegen das Ministerium Tittonie heraufzuziehen, und es gilt als wahrscheinlich, daß eine Kammerauflösung ihm seine Mehrheit im Parlamente entziehen werde. König Viktor Emanuel aber scheint entschlossen, ihn zu halten, und es ist immerhin möglich, daß die Krisis noch vorüberzieht. In Portugal dagegen rückt die Gefahr einer Revolution immer näher, falls der König sich nicht entschließt, das Ministeriuni Franco fallen zu lassen und zu verfassungsmäßigen Zuständen zurückzukehren. Sehr ähnlich liegen endlich die Dinge in Serbien, wo die an- tidynastische Bewegung in bedrohlichem Wachstum begriffen ist. Hier lassen sich die Geister des Fürstenmordes nicht bannen, und die Nemesis, die durch das Leben der Völker schreitet, schickt sich an, ihres Amtes zu walten.
Deutsches Reich.
— Das Kaiserpaar hat am Freitag Abend die Reise nach England angetreten. Die zahlreich er° schienenei« englischen Journalisten brachten ein Hurrah aus.
— Der Reichsbankdiskont ist auf 7*/v der Lom- bardzinsfuß auf S1/» Proz. erhöht worden.
— Ju der Sitzung des Zentralausschusses der Reichsbank begründete Präsident Koch die Notwendigkeit der Erhöhung des Diskonts um ein ganzes Prozent Um weiteren Goldabflüssen nach dem Ausland nach Möglichkeit vorzubeugen, müsse die Reichsbank den Diskont um '/, Prozent über denjenigen der Bank von England halten. Auch die inneren Geldmarktverhältnisse feien unbefriedigend. Die Ansprüche an die Reichsbank Hütten sich weiter vermehrt.
— Staatssekretär Dernburg hat seine Heimreise beschleunigt und weilt bereits seit Freitag in Berlin. Im Reichskolonialamt gibt es jetzt natürlich unendlich viel zu tun.
— Dem Reichstage wird alsbald bei seinem Wieder- zusammentritte der Entwurf eines neuen Viehseucheu- gesetzes zugehen.
— Unser Kaiserhaus ist durch die Geburt eines zweiten Sohnes des Kronprinzenpaares erfreut worden.
Herz, dann eilte sie hin an den Messingkäfig, dessen Nei- ner Insasse schon längst nach seiner Herrin auSlugte und in leisen, schrillen Tönen seine Sehnsucht nach ihr kund tat.
Julius hatte das Mittagessen für zweiPersonen in einer Garküche bestellt, und, trotz den vorhergegangenen Se- mütsbewegungen, schmeckte eS den beiden jungen Leuten vortrefflich.
Ehe Julius schied, um seine Patienten zu besuchen, nahm Meta ihm das Versprechen ab, seine Mutter, wie auch den RechtSkonsulenten, ihrem Schicksale zu überlassen und nichts gegen sie unternehmen zu wollen.
Kaum hatte er sich entfernt, als die Hausgenossen ein- traten, um das Mädchen, an dessen Unschuld sie, wie sie sagten, nie gezweifelt hatten, zu bewillkommnen. Meta wußte wohl, daß wenige unter ihnen au» edlem Antriebe kamen, die meisten erschienen, um ihre Neugierde zu befriedigen oder weil solcher Besuch einmal Sitte war und sie gegen diese nicht verstoßen wollten.
Bis zum Abend dauerte das Kommen und Gehen der teilnehinenden Nachbarn und Nachbarinnen fast ununterbrochen fort, und Meta war herzlich froh, als Jultu» wieder ins Zimmer trat, und sie nun einen Grund hatte die lästigen, redseligen Besucher abzuweisen.
Heitere Ruhe lag auf dem Antlitz des jungen Manne». Er zog die Geliebte an seine Brust und schaute lange mit inniger Liebe in ihre dunklen, Glück und Liebe strahlen, den Augen.
»Ich habe Dir etwa» mitgebracht," hob er an, als sie beide auf dem Sofa Platz genommen hatten, „ein Geschenk, welches Dir ganz gewiß Freude machen wird." Er zog einZeitungSblatt aus der Tasche und überreichte dasselbe dem ihn fragend aublickenden Mädchen. „Suche in den Annoncen," fuhr er heiter fort, „ich zweifle nicht, daß Deine Augen e» bald entdecken werden."
Meta entfaltete die Zeitung, rasch überflog ihr Blick die ersten Seiten, dann blieb er an der letzten einen Au- genblick haften. 144 jg