— Das Gnesener Polenblatt „Lech" fordert zum Boykott der Gastwirte Gnesens auf, die Bier aus deutschen Brauereien beziehen. Echte Biere sollen nur durch polnische Agenten bezogen werden. Unter den mit dem Boykott bedrohten Restaurationen befinden sich — das ist der Humor davon — nicht nur fanatische Polen, sondern sogar Vorstandsmitglieder des Straz-Vereins.
— Die Staatsanwaltschaft in Danzig hat Anklage erhoben gegen den Dekan Klatt in Sitzburg sowie gleichzeitig gegen weitere acht Geistliche und den Redakteur Formanski vom Pelpliner „Pielgrzym" wegen § HO Str. G. B. (Aufforderung zum Ungehorsam gegen rechtsgültige Verordnungen von Verwaltungsbehörden). Die Verhandlung soll vor der Strafkammer in Stargardt stattfinden, von der kürzlich der Propst Olszewki in Osiek wegen desselben Vergehens zu eineinhalb Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Die Staatsanwaltschaft in Shron hat gegen den Propst Dr. Okeniewski in Löbau, einem der von der Straf- kammer daselbst zu je einem Monat Gefängnis verurteilten acht Geistlichen, sowie gegen vier Bürger von Löbau Anklage erhoben, weil dem Propst gelegentlich seiner Rückkehr aus dem Gefängnis demonstrative Huldigungen bereitet wurden.
— Der Magistrat von Breslau hat dem sozialdemokratischen Arbeiterturnverein wegen dessen unpat- riotischen Verhaltens die weitere Mitbenutzung der städtischen Turnhalle untersagt.
— Der Zentrumsabgeordnete Trimborn hat in Aachen seiner Anschauung über die Sozialdemokratie mit folgenden Worten Ausdruck gegeben: „Wenn es in Deutschland nicht gelingt, die Sozialdemokratie innerlich zu überwinden, dann gehen wir Schreckenszuständen entgegen. Ich stehe gar nicht an, zu sagen: dann fällt der Thron, dann wird unsere Kultur gewaltig herabsinken, und Ruinen werben Deutschland bedecken. Die Hauptgefahr ist und bleibt die Sozialdemokratie. Heute ist sie nicht innerlich überwunden. Diese gewaltige Aufgabe . . . kann nicht gelöst werden ohne diejenige Partei, die bisher noch die Sozialdemokratie nach dem Zeugnis aller am wirksamsten bekämpft hat." — Wenn das Zentrum die „Genossen" für so gefährlich hält, dann ist es nicht ganz zu verstehen, wie es ihnen immer wieder gegen bürgerliche Kandidaten Unterstützung leiht.
Ausland.
— Nach einer Mitteilung des „Kolonialblatt" soll die dentsch-südwestafrikanische Eisenbahn Lüderitzbucht— Keetmanshoop in ihrer ganzen Länge spätestens am 23. November 1908 betriebsfähig sein. Für jeden Tag der früheren oder späteren Erreichung dieses Zieles erhält oder zahlt die Baufirma 3000 Mark. Schon vor der Gesamteröffnung der Bahn werden die einzelnen Teilstrecken alsbald nach betriebsfähiger Herstellung soweit dem Verkehr übergeben, daß sie die jetzigen Fuhrparkkolonnen ersetzen. Zur Jnnehaltung dieses Programms ist es nötig, stellenweise statt der endgültigen Bauwerke Provisorien auszuführen. Deren Auswechselung soll erst nach der Eröffnung der Bahn geschehen und nebst der vollständigen Ausstattung der Linie so früh beendet sein, daß die Hauptabnahme aller Anlagen am 30. September 1909 erfolgen kann. Mit dem 1. Oktober 1909 wird demnach voraussichtlich der regelmäßige Betrieb beginnen.
— In allen Städten der Schweiz haben bürgerliche Kundgebungen für das neue Wehrgesetz stattge- sunden, das nächsten Sonntag zur Volksabstimmung kommt. In Zürich beteiligten sich an der Versammlung und dem Umzug gegen 10 000 Bürger, in Bern 6000, in St. Gallen 8000, in Genf 2000. Die sozi- aldemokratische Gegenkundgebung in Bern brächte kaum 2000 Anhänger auf. Man hatte Zusammenstöße befürchtet, doch ist alles ruhig abgelaufen.
— In dem ungarischen Dorfe Czernowa hat sich ein blutiger Zusammenstoß zwischen Bauern und Gendarmerie ereignet. Ein slowakischer Pfarrer hatte die Bevölkerung aufgereizt, so daß sie die Einweihung ihrer neuen Kirche durch den Dechanten des andern Dorfes nicht erlauben wollte. Die Bauern griffen den Dechanten und die ihn begleitenden Gendarmen an. Diese antworteten mit Feuer und töteten und verwundeten mehrere Bauern. Aus dem benachbarten Rosenberg wurden zwei Kompagnien nach beut Dorf geschickt.
— Der französische Oberste Marinerat hat in seiner letzten Sitzung das Flottenprogramm erörtert, welches der Marineminister der Kammer vorlegen wird. Es handelt sich hauptsächlich um die in den Jahren 1909 —1910 zu erbauenden Panzerschiffe. Im Jahre 1909 soll der Bau von 6 Panzerschiffen von 20 000 bis
21 000 Tonnen in Angriff genommen werden, welche auch inbelreff der Schiffsausrüstungen das englische Panzerschiff „Dreadnonght" übertreffen sollen.
— Die Wahlen zur russischen Duma haben bisher 127 Mitglieder der Rechten und Monarchisten, 83 Oktobristen und Gemäßigte, 1 friedliche Erneuerung, 17 Kadetten, 6 Mohammedaner, 7 Sozialisten und 19 Linke ergeben.
— Der Rassenkampf auf dem Balkan ist wieder ärger denn je entbrannt. Der Vernichtung eines ganzen
'griechischen Dorfes ist jetzt die grausame Ermordung von acht Bulgaren zwei Stunden nordwestlich von Blaca Uesküb, am Fuße des Karadagh Gebirges, gefolgt. Die Konsuln der Ententemächte besichtigten den Schauplatz und fanden in der der Hauptstraße nach Katsoanic in einem Wäldchen acht zu je zweien zu- sammengebundene, durch Gewehrschüsse sowie Bajonett- und Messerstiche arg zugerichtete Leichen. Die Tat dürfte von einer größeren serbischen Bande verübt worden sein. Die Sicherheitrverhältnisse im Karadagh- Gebirge haben sich sehr verschlechtert. In der letzten Woche sind 13 Morde vorgekommen.
Lokales und Provinzielles. Schlüchtern, 1. November 1907.
—* Oktobers Abschied. Nun ist auch der Oktober dahin, und mit einer guten Zensur ist er von uns entlassen worden. Er hat vieles wieder gut gemacht, was seine Vorgänger verabsäumt, und so hat er uns den bevorstehenden Winter schon ganz erheblich gekürzt. Das einzige, was uns am Oktober und selbst an einem schönen Oktober nicht gefallen will, das sind die Geldausgaben, die er im Gefolge hat. Die Ausgaben für Holz und Kohlen, Winterkleider, Beleuchtung, für die Vorräte in Küche und Keller, sie alle entlocken manchem Hausvater einen stillen Seufzer, aber, was hilfts, es muß sein, und wären die Zeiten noch so teuer, wie die gegenwärtigen. Der Oktober als solcher kann wahrhaftig nichts dafür, und deshalb zu seinem Abschied ein frohes Wiedersehen im nächsten Jahr!
—* Wie wir in Erfahrung gebracht haben, sind nunmehr die sämtlichen Kaufgelder für das in diesem Jahr in den Waldungen der Stadt Schlüchtern erkaufte Gehölze fällig und wird in aller Kürze die zwangsweise Beitreibung aller noch restirenden Ausstände erfolgen, soweit die Schuldner nicht vom Magistrat befristet sind, oder auf alsbaldiges Nachsuchen noch rechtzeitig Zahlungsfrist erhalten.
—* Wichtig für Reservisten. Alle Reservisten, die jetzt vom Militär entlassen worden sind, seien darauf aufmerksam gemacht, daß das Jnvalidenver- sicherungsgesetz ihnen eine wesentliche Vergünstigung bietet. Jeder vom Militär Entlassene ist nämlich berechtigt, seine militärische Dienstzeit in seine Quittungskarte für die Invalidenversicherung eintragen zu lassen. Diese Zeit wird ihm dann später bei Gewährung einer Rente als Beitragszeit voll angerechnet. Den Reservisten sei daher geraten, von dieser Vergünstigung Gebrauch zu machen, indem sie unter Vorzeichung ihres Militärpasses die Anrechnung ihrer Dienstzeit bei den zuständigen Krankenkassen beantragen.
—* Aufhebung der Militärwerkstätten? Das preußische Kriegsministerium erklärte, die Oekonomie- Handwerker allmählich im Interesse des Schneider- und Schuhmacherhandwerks durch Zivilhandwerker zu ersetzen.
—* Warnung vor ungekochter Milch. Eine solche Warnung erließ auf dem jüngsten internationalen hygienischen Kongreß Dr. August Weber; sie galt besonders der Kindermilch. Er führt aus, daß es dringend nötig sei, daß, wo ein Ersatzmittel für die künstliche Ernährung des Säuglings in Anwendung kommen muß, nur solche Kuhmilch zu verwenden sei, die sichere Gewähr biete, daß sie frei von Krankheitserregern sei, daß aber die bestehende Milchkontrolle diese Gewähr noch nicht biete. Demgemäß sei es auch unbedingt nötig, daß die Milch stets in genügender Weise erhitzt werde, denn dies sei zur Abtötung in der Milch erhaltener Krankheitskeime das beste Mittel. Ob dem von Behring empfohlenen Verfahren, die Krankheitskeime der Milch durch Zusatz künstlicher Mittel abzutöten, praktische Bedeutung beizumessen sei, glaubt Dr. Weber noch nicht bejahen zu können. Es heißt also nach wie vor die dem Säugling dargebotene tierische Milch gut abzukochen. Das wollen sich unsere Mütter merken.
—* Für die am 11. November in Hanau beginnende nächste Schwurgerichtsperiode, in der Herr Oberlandesgerichtsrat Hofmann-Cassel den Vorsitz führen wird, sind als Geschworene ausgelost worden folgende Herren: Heinrich Kantz, Fabrikant, Aufenau. Konrad Höfler III., Bauer, Altenmittlau. Heinrich Meles Kaufmann, Gelnhausen. Wilhelm Kunhenn, Eisenbahn - Betriebs - Ingenieur, Fulda. Andreas Schmidt, Landwirt, Hochstadt. Heinrich Röder, Kaufmann, Gelnhausen. Karl Heinzinger, Schirmfabrikant, Hanau. Georg Mühlhause, Kaufmann, Hanau. Johann Müller, Landwirt und Eisenhändler, Gersfeld. Philipp Emmel IL, Landwirt, Mittelbuchen. Wilhelm Schlingloff, Sattler und Tapezierer, Hanau. Sebastian Laber, Zigarettenfabrikant, Großauheim. Anton Döring, Kaufmann, Kesselstadt. Friedrich Nousselle, Steinbruchbesitzer, Hanau. Peter Adam, Holzhändler, Großauheim. Theodor Schien, Etuisfabrikant, Hanau. Georg Friedrich Altstadt, Gast- und Landwirt, Burg- haun. Johannes Amend, Schlossermeister, Steinau. Wilhelm Müller, Bauer, Gondsroth. Udaloikus Hof- mann, Landwirt, Marborn. Heinrich Andreas Tobias Westphal, Landwirt, Windecken. Andreas Schindler, Metzgermeister, Hanau. Christian Vogel, Bauer und
Wirt, Margrethenhaun. Melchior Vörner, Zigarren- fabrikant, Großauheim. Christian Biedermann, Oberförster, Schackau. Eduard Jmgrund, Diamantschleifereibesitzer, Hanau. Zimmer, Betriebs-Direktor der Spessartbahn, Bieder. Heinrich Mehring, Bauer, Spielberg. Heinrich Bispinck, Gutspächter, Riesig. Hieronymus Nüdling, Bürgermeister, Lahrbach.
—* Wie den Franks. Nachrichten gemeldet wird, soll anstelle der Personenpost Birstein—Lichenroth eine dreimal täglich verkehrende Automobilpost treten.
* Der Zimmermannssohn Hermann Möller in Flieden geriet in der Rieserffchen Gastwirtschaft mit einem invaliden Burschen in Wortwechsel. Der gerade in der Wirtschaft anwesende Kgl. Straßenmeister Hilbert suchte zwischen den Streitenden Frieden zu stiften, worauf der im betrunkenen Zustande sich befindende Möller auf Letzteren mit gezücktem Messer eindrang. Zufällig befand sich der Wachtmeister Schenk aus Rommerz in der Nähe und machte dem Streite ein Ende. Voraussichtlich wird die Geschichte ein gerichtliches Nachspiel finden. — Herr Wachtmeister Schenk in Rommerz wird mit dem 1. Januar n. Js. nach Flieden übersiedeln.
* Die Handelskammer Hanau beschäftigte sich in ihrer Plenarsitzung u. a. mit der Novelle zur Zivilprozeßordnung. Sie erkennt an, daß bet' Entwurf wesentliche Fortschritte bietet, betont aber die Notwendigkeit, für diejenigen Sachen, die bisher vor die Kammer für Handelssachen gehörten, infolge der in dem Entwurf vorgesehenen Erweiterung der amtsge- richtlichen Kompetenz von 300 Mk. auf 800 Mark jedoch künftig der Rechtbesprechung der Amisgerichte unterliegen werden, als Berufungsinstanz die Kammer für Handelssachen einzuführen, um damit die Beurteilung der Handelssachen durch kaufmännischen Laienrichter weiterhin zu gewährleisten.
* Das Projekt einer Automobilstraße von Frankfurt nach Wiesbaen, das zurzeit bei der Kgl. Regierung in Wiesbaden ausgearbeitet wird, sieht eine Verbindung der L-tadt Wiesbaden mit der Stadt Frankfurt durch den nordwestlichen Taunus und die Umgebung von Homburg vor, da eine direkte Verbindung zwischen Wiesbaden und Frankfurt sich voraussichtlich zu teuer stellen dürfte.
* In der verflossenen Woche fand im Seminar in Frankenberg — zum erstenmal seit seiner Gründung — die zweite Lehrerprüfung statt. Angemeldet waren 33 Lehrer; zur Prüfung erfchienen 30 (25 aus dem Reg.-Bez. Cassel, 2 aus dem Reg.-Bez. Wiesbaden — frühere Zöglinge des hiesigen Seminars — und
3 aus dem Fürstentum Waldeck). — Am Dienstag, den 22. d. Mts. wurde in der schriftlichen Prüfung das Thema behandelt: „Durch welche Mittel kann der Lehrer im Unterrichte die Aufmerksamkeit der Kinder erhalten und fördern ?" Die mündliche Prüfung begann Donnerstag, den 24. d. Mts. unter dem Vorsitz des Herrn Geheimen Regierungsrates Dr. Otto und unter Teilnahme des Herrn Regierungsund Schulrates Mühlmann aus Cassel; sie dauerte bis zum Sonnabend Mittag. Von den Prüflingen konnten 26 für bestanden erklärt werden.
Vermischtes.
— Im Prozeß Moltke kontra Harden verkündigte Amtsrichter Dr. Kern das Urteil vor dichtbesetztem Saale um 11 Uhr vormittags dahin, daß Harden freigesprochen sei. Das Gericht sei zu der Anschauung gelangt, daß in den inkriminierten Artikeln der „Zukunft" keine Beleidigungen zu finden seien, für Angriffe gegen die Person des Privatklägers Moltke habe der Beklagte Harden ein Beweismaterial nach mehreren Seiten herbeigebracht, wodurch hervorgehe, daß Graf Kuno Molkte homosexuell veranlagt sei, wenngleich er sich auch nicht in dieser Richtung vergangen habe. Die Kosten des Verfahrens wurden dem Privatkläger Grafen Kuno Moltke auferlegt. Das zahlreich in und vor dem Gericht versammelte Publikum brächte Harden Ovationen dar.
— Der tolle Hund, der in Breslau am Dienstag 21 Personen gebissen hat, hat noch mehrere verletzt und ist noch nicht zur Strecke gebracht. Die Zahl der Tollwutstation eingelieferten Personen ist bis Mittwoch nachmittag auf 31 Personen gestiegen.
— Die Londoner Behörden beschäftigen sich zur Zeit mit einem interessanten Projekt: London soll zur nebelfreien Stadt geniacht werden. Es handelt sich dabei uu „Prdjektoren", die die Kraft haben, die lastenden Nebelmassen zu zerreißen und emporzutreiben in Luftregionen wo Windströmungen sie erfassen können und forttreiben. Mit diesen regelrechten „Luftkanonen", die Demetrie Maggiore erfunden hat, soll es möglich sein, die englische Hauptstadt in 20 Minuten von ihrem Nebelschleier zu befreien. Der Projektor hat eine Länge von 20 Meter und die Wirkung seiner Entladungm umfassen einen Umkreis von 6 englischen Meilen.
— Die Gesamtzahl der bei dem Erdbeben in Calabrien Getöteten schätzt man auf 300, von denen 250 auf Feruazano entfallen, verwundet sind etwa 1000 Personen. General Aliprandi, der Kommandeur der 22. Division in Eantanzaro, besuchte die Unglücksstätte und ließ 1500 Militärzelle an die Bewohne