SchlWernerMung
mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „K^eisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
*M 88. Samstag, den 2. November 1907. 58. Jahrgang.
Zum Prozeß Moltke-Harden.
Das gemeine Sensationsstück, das uns in diesen Tagen anstatt eines politischen Prozesses,in Moabit vorgeführt worden ist, veranlaßt überall zu der besorgten Frage, ob es denn kein Mittel dagegen gibt, daß unsere Gerichte dazu benutzt werden, auf Kosten der Allgemeinheit der wildesten Skandallust zu frönen und zur Vernichtung eines Prozeßgegners dessen uller- persönlichsten Verhältnisse und Erlebnisse, die andere Leute nicht das mindeste angehen, vor der breitesten Oeffentlichkeit bloßzulegen. Die schlechte Wirkung dieses Prozesses aus das Ausland, die vielfach besonders stark beklagt wird, scheint uns nicht das Schlimmste. In den Schadenfrohen Kommentaren Pariser und Londoner Blätter steckt zuviel Heuchelei, als daß sie uns Eindruck machen könnten. Jede Großstadt hat ihren dunklen Winkel, wo Verirrungen und Schamlosigkeiten zu Hause sind. ^Und man weiß im Auslande ganz gut, daß aus den Enthüllungen des Moabiter Skandalprozesfes keine allgemeinen schlechten Schlüsse auf die moralische Gesundheit unseres Volkes gezogen werden können. Viel bedauerlicher ist die Wirkung solcher Prozesse und der langen Berichte darüber in Deutschland selbst. Leute, die bisher mit ihren Lastern sich in tiefster Zurückgezogen- heit verbargen, beginnen sich bei uns in den Vordergrund zu drängen, als gäbe es kein wichtigeres öffentliches Interesse, als ihren Perversitäten das Recht auf Dasein feierlich anzuerkennen. In diesem durchaus systematischen Bestreben werden sie dadurch unterstützt, daß die Oeffentlichkeit sie tatsächlich anhört, daß sie mit ihren — um bei einem milden Wort zu bleiben — krankhaften Ansprüchen ein Gegenstand der öffentlichen Diskussion werden. Jeder Prozeß wie der Hard'ensche fördert, wenn er vor dem Forum der Oeffentlichkeit geführt wird, ihre schlimme Sache. Noch mehr aber, er trügt Keime der Ansteckung weit ins Land hinein, in Kreise, die von den Abnormitäten und Lastern, von denen man jetzt ungeniert spricht, auch nicht von Hörensagen wußten. Das ist die eine Seite der Sache. Dazu kommt noch ein zweites. Wer hat vor diesem Prozeß etwas von dem traurigen häuslichen Leben des Moltkeschen Eyepaares gewußt außerhalb des kleinen Kreises ihrer nächsten Bekannten? Herrn Harden war es Vorbehalten, diese Dinge zur Diskreditierung der Person seines Gegners hervorzuziehen. Was ihn, nur zu gut gelungen ist, werden andere nachahmen. Und so machen wir denn, wenn nichts zur Abwehr
geschieht, Riesenfortfchritte in der Erziehung unseres Volkes zur Skandalsucht, während die Achtung vor der Häuslichkeit bisher als ungeschriebenes Gesetz' galt. Hier bessernd und vorbeugend einzugreifen, für den Schutz der Persönlichkeit auch im Gerichtssaale zu sorgen, wird eine ebenso wichtige Aufgabe sein wie die energische und rücksichtslose, aber stille Bekämpfung der Laster, von denen sich jeder normal empfindende Mensch mit Ekel abwendet. Wer mit diesen Anschauungen übereinstimmt, wird die Freisprechung Hardens nicht als in Uebereinstimmung mit dem Rechtsbewußtsein des Volkes stehend empfinden.
Deutsches Reich.
— Der Kaiser hat an die Offiziere der preußischen Armee eine scharfe Kabinettsorder erlassen, die sich mit den im Prozeß Moltke-Harden hervorgetretenen Mißständen im Heere befaßt und eine Reihe strenger Verhaltungsvorschriften an die Regimentskommandeure enthält. Die Kabinettsorder ist den Generalkommandos bereits zugestellt.
— Der Großherzog von Toscana ist mit den Sterbesakramenten versehen worden. Gleichzeitig wird aus Paris gemeldet, daß des Großherzogs jüngster Sohn, Erzherzog Heinrich, der Bruder Wölflings, Rang und Würde als Erzherzog niederlegen und sich in München als Maler niederlassen will.
— Das Geschenk der Stadt London für den Kaiser. Das Empfangskomitee der City für den Kaiserbesuch beschäftigte sich am Freitag mit der Auswahl des Ent- wu,rfes für den goldenen Behälter, in dem dem deutschen 'Kaiser"beiin Besuche der Guidhall am 13. November die Adresse der City überreicht werden soll. Sieben Firmen hatten Entwürfe unterbreitet. Der Entwurf der Firma Mrs. Skinner u. Co., Orchard Street, wurde angenommen. Das Kästchen wird aus 19karä- tigem Golde bestehen und mit Rubinen, Saphiren, Smaragden und Diamanten verziert sein. Auf der vorderen Seite wird es in vollen Farben das Wappen des Kaisers in Diamanten und Smaragden, sowie in Schmelzarbett Ansichten der Guidhall und des Mansion Hauses tragen. Es wird ferner durch das Wappen der City und durch vier ciselierte Figuren, die die Bildhauerei, die Musik, die Malerei und die Literatur darstellen, geschmückt sein. Die Initialen des Kaisers und der Kaiserin werden, ebenso wie das Wort„Welcome", auf dem Deckel prangen, über dem sich eine goldene Figur als Bild des Ruhmes und des Handelns er
hebt. Der goldene Kasten soll einer der größten sein, die jemals von der City von London als Geschenk überreicht wurden.
— Die nächsten Truppen-Heimtransporte aus Südwestafrika treffen am 16. November und 1. Dezember mit je 400 Mann in Hamburg ein.
— Eine eigenartige Geschichte zur Fleischteuerung wird aus dem Schwarzwald erzählt. Während die Furtwanger Metzger für das Pfund Schaffleisch 80 bis 85 Pf. verlangte», boten sie dem Doldenbauern (bei Furtwangen) für 36 Schafe nur 32 Pf. für das Pfund Lebendgewicht, dann sogar nur 28 Pf. Der Bauer entschloß sich, die Schafe abteilungsweife selbst zu schlachten, und verkaufte das Pfund in Furtwangen zu 70 Pf. Er machte trotz der Unkosten so gute Geschäfte, daß ihm das Pfund Lebendgewicht 36 Pf. eintrug. Der Bauer hat nicht nur sämtliche Schafe, sondern auch 10 Rinder selbst geschlachtet und das Fleisch verkauft. Sein Unternehmen wurde durch den Fabrikanten Siedle insofern unterstützt, als dieser sich bereit erklärte, einen etwa unverkauften Rest zu übernehmen und 5 Pf. unter dem Ladenpreis, nötigenfalls um 50 Pf. an seine Arbeiter zu verkaufen.
— Das Elend in den Großstädten wird durch nachstehende statistische Notizen grell beleuchtet: In der glänzenden Reichshauptstadt erhält jeder sechzigste Einwohner ständig Almosen. Die Arinenbevölkerung beträgt feit etwa einem halben Jahr mit geringen Schwankungen 33 720. Im November vorigen Jahres waren es nur 2 mehr. Inzwischen war sie um einige Köpfe zurückgegangen. Bei einer Bevölkerung von 2 Millionen kommt also auf jeden sechzigsten Berliner einer, der laufend Almosengelder empfängt. Diese Unterstützungen beanspruchen jeden Monat etwas mehr als eine halbe Million Mark, genau 540 000 Mark. Im ganzen Jahr erfordert die ständige Armenpflege etwa 6y4 Millionen Mark. Auf den Kopf der Armenbevölkerung kommen ungefähr 100 Mark im Jahr. Diese ständigen Armen erhalten außerdem 10 000 bis 15 000 Mark monatlich „extra". Im Aprill d. J. waren es 10 936, in den Monaten vorher einige Hundert über 11 000. Die Unterstützungen betragen monatlich im Durchschnitt 82 000 Mark. Außer der ständigen Armenbevölkerung und den Pflegekindern gibt es noch 5—6000 gelegentlich Unterstützte, für die durchschnittlich 63 000 Mark monatlich aufgewandl werden. — Diese Zahlen sollten leichtfertigen Leuten vom Lande zu denken geben, die ohne Besinnen nach Berlin ziehen, um hier — zu verkommen.
Nnirennöar- Kerzen.
Roman von Otmar WilmS. 20
Zwenger warf einen fragenden Blick auf Weiß, den Julius sofort bemerkte. „Diese Herren sind meine Freunde, ich habe vor ihnen keine Geheimnisse," fuhr er fort, „lassen Sie also hören!"
Der Doktor zog seine Dose aus der Tasche und nahm bedächtig eine Prise. „Sie haben Ihrer Frau Mutter gegenüber schriftlich den Vorsatz geäußert, daß Sie in der Gerichtssitzung, in welcher das Urteil über Ihre frühere Geliebte gesprochen wird, vor die Schranken treten und Ihre Mutter öffentlich der Verleumdung anklagen wol- len. Ich beschwöre Sie, tun Sie diesen Schritt nicht, zu dem Sie nur der Wahnwitz verleiten kann. Abgesehen davon, daß diese Anklage eine Lüge wäre, die nur von Ihrem Hasse gegen die eigene Mutter zeugt, würde sie auch an dem Schicksale des Mädchens, dessen Schuld offen am Tage liegt, nichts ändern, Sie aber in den Augen der Welt als einen entarteten Sohn hinstellen, der, arf Kosten der Ehre und Ruhe seiner Eltern, die Geliebte der wohlverdienten Strafe zu entziehen sucht."
Julius hatte sich erhoben. „Doktor," erwiderte ec, „Sie wissen entweder nicht, wie die Geschichte zusammmhäugt oder geben sich zu der verabscheuungswürdigen Rolle eines Helfershelfers für den teuflischen Plan meiner Müller her. Reden wir nicht weiter über diese Angelegenheit es ist hart, mit den eigenen Eltern in Unfrieden leben zu müssen, aber nie, hören Sie, Doktor, nie wird zwischen meiner Mutter und mir je wieder eine Einigung stattfiuden. Ich verzeihe ihr, was sie mir und dem unschuldigen Mädchen angetan hat, sie wird aber nie den Kopf beugen und den hochmütigen Geldstolz fahren lassen, der sie sogar verleitet .. doch schweigen wir davon." Er wandte sick um und trat ans Fenster.
Der alte Doktor fühlte sich betroffen. Er hatte nicht vermutet, auf solchen Widerstand zu stoßen und sah wohl ^jn, daß jeder Versuch einer Aussöhnung ein vergeblicher
sein würde. „Ich bedauere tief, daß es so weit gekommen ist," hob er nach einer Weile an, „doch treiben Sie'S nicht weiter, Julius, stehen Sie wenigstens von dem Schritte ab, den Sie morgen zu tun gedenken, er würde die Kluft, welche Sie von Ihren Eltern trennt, unübersteiglich machen."
„Leider ist sie'S schon," entgegnete der junge Mann. „Ich werde morgen der Gerichtssitzung beiwohnen, und gebe Ihnen daS Versprechen nur im äußersten Notfalle, nur dann, wenn ich sehe, daß eine Unschuldige verurteilt werden soll, meinen Entschluß ausführen. Doch ich hege die feste Ueberzeugung, daß eS nicht dazu kommen wird, die Richter müssen das Mädchen freisprechen, welches die öffentliche Meinung, ohne die näheren Details zu kennen, schon längst für unschuldig erklärt hat."
Julius hatte bei den letzten Worten Stock und Hut ergriffen. Vergebens suchte Horn ihn zu bewegen, zum Abendessen zu bleiben, der junge Mann schützte Krankenbesuche vor und verließ, nachdem er dem alten Doktor zum Abschied die Hand so treuherzig gedrückt hatte, als sei nichts zwischen ihnen vorgefallen, daS HauS.
Auch Zwenger empfahl sich bald, er war verstimmt, die feste, offene Sprache Julius' machte ihn an seiner alten und besten Freundin irre. Er wußte jetzt nicht mehr, durfte er der Mutter, oder dem Sohne, die beide beleidigt, unschuldig gekränkt zu sein Vorgaben, Glauben schenken.
Die gute Laune des Notars hatte der Auftritt zwi- scheu den beide» Doktoren ebenfalls getrübt, er war beim Abendessen einsilbig und zog sich nach demselben in sein Bibliothekzimmer zurück, die beiden Liebenden, die sich vergeblich bemühte», ihn zu erheitern, allein in der Wohnstube zurücklassend.
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Es mochte ungefähr zehn Uhr sein, Horn wollte eben zu Bette gehen, als plötzlich heftig an der Hausglocke gezogen wurde
Gleich darauf trat Elsbeth bei ihrem Vater ein und meldete ihm, daß ein Fremder ihn zu sprechen wünsche.
Der Notar vermutete nicht anders, als daß man seine Dienste zur Aufnahme eines Testaments beanspruche und erstaunte daher nicht wenig, als er in dem Angemelde- ten den Katzen - Nante erkannte, der hastig, mit einer gewissen Aengstlichkeit, eintrat, sorgfältig die Türe hinter sich zuschloß, und dann atemlos auf einen Stuhl sank.
Er war ärmlich gekleidet. Seine Fußbekleidung bestand aus einem Paar alten zerrissenen Ueberschuhen, die weiten fadenscheinigen Beinkleider, sowie der Rock, den er bis unters Kinn zugeknöpft hatte, waren an verschiedenen Stellen von ungeübter Hand mangelhaft geflickt, und der kleine Streifen schmutzig grauer Leinwand, der an einer Stelle seinen Rockkragen verstohlen überragte, ließ mit Gewißheit darauf schließen, daß die Leibwäsche mit dem übri- gen Teileseines Anzuges vollkommen im Einklänge stand.
Seltsam kontrastierten damit das sorgfältig gescheitelte dünne Haar, das glatt rasierte Gesicht, und der fast un- heimliche Blick voll triumphierender Schadenfreude, den Ferdinand auf Horn warf, als dieser nach seinem Begehr fragte.
„Ich weiß nicht, ob Sie mich kennen," hob er bitter an, „vor einigen Wochen noch war ich ein geachteter Mann, der niemand zur Last fiel und sein Brot ehrlich zu ver. dienen wußte, heute bin ich ein Bettler, ein Vagabund, der von der Gnade anderer leben muß."
„Wenn ich nicht irre, sind Sie der Schreiber des Rechts- konsulenten Geier," fiel der Notar ein.
»Ich war es zehn Jahre lang," fuhr Ferdinand fort, „hab' mit Fleiß und Treue meinen Dienst versehen und mich mit einem Tagelohn begnügt, für den kein Hausknecht arbeiten würde. Vor vier Wochen ward ich vonGeiervor die Türe gesetzt, weil ich ihm offen inS Gesicht gesagt hatte, wie ich über ihn denke."
„In den meisten Fällen sehr unklug und mißlich," ver- setzte Horn, „hinterher, wenn es zu spät ist, bereut man es immer." 14413