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SchlüchternerZeitung

mit amtlichem Kreisblatt» Klonatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

H Mittwoch, den 30. Oktober 1907. 58. Jahrgang.

Amtliches.

J.-Nr, 4689 K.-A. Ich sehe mich veranlaßt, darauf hinzuweisen, daß Anzeigen über Grundstücks-Eigentums- veränderungen von den Umsatz-Steuerpflichtigen inner­halb 2 Wochen bei dem Gemeindevorstand zu machen sind und daß die Nichterfüllung dieser Anzeigepflicht nach § 13 des im Kreisblatt Nr. 29 für 1907 ver­öffentlichten Kreisstatuts, eine Geldstrafe bis zu 30 Mk. nach sich zieht.

Die Herren Bürgermeister und Gutsvorsteher ersuche ich, die Eingesessenen ihres Bezirks durch wiederholte ortsübliche Bekanntmachung (Ortsschelle) hierauf hin­zuweisen.

Schlücytern, den 19. Oktober 1907.

Der Königliche Landrat: Valentiner.

Politischer Wochenbericht.

Während der verflossenen Woche konnte Deutsch­lands Kaiserin auf 49 Jahre eines reichgesegneten Lebens zurückblicken. Wohl selten umspannt ein Menschenleben eine solche Fülle von Taten und Werken bewahrender, helfender, rettender Christenliebe, wie sie schon das bisherige Leben, Wirken und Schaffen unserer Kaiserin in sich schließt. Der Dank hierfür hat denn auch an ihrem letztverflossenen Geburtstags­feste wieder in zahllosen begeisterten, allen Schichten und Ständen des deutschen Volkes entstammenden Huldigungen seinen spontanen Ausdruck gefunden. Mit ganz besonderer Wärme und Inbrunst aber wandten sich Herzen und Sinne des Volkes diesmal dem Throne zu, war doch die teure Landesmutter vor nicht langer Zeit von einem Unfall betroffen worden, der leicht ernstere Folgen hätte nach sich ziehen können. Daß das nicht geschehen ist, dafür sind wir dem gütigen Gotte großen Dank schuldig. Möge er auch ferner seine allgewaltige Hand schützend über das Leben der Kaiserin breiten, und mögen der allgeehrten und all­geliebten Landesmutter noch weitere lange Jahre ge­segneten Wirkens und glanzvollen Glückes beschieden sein.

Das Ereignis der innern Politik war für Deutsch« land während der Berichtswoche die Tagung des christlichnationalen Arbeiterkongresses in Berlin. Daß die staatserhaltend gesinnten Parteien den Verhand­lungen dieses Kongresses mit wärmster Teilnahme und regstem Interesse gefolgt sind, erscheint bei den Hoff nungen, die sich für die Gesundung unseres Volkslebens an eine christlich-nationale Arbeiterbewegung knüpfen,

selbstverständlich. Den Glanz- und Höhepunkt der Tagung bildete zweifelsohne die bedeutsame Rede des Staatssekretärs des Reichsamts des Innern v. Beth- mann-Hollweg. Wie alle bisherigen Kundgebungen dieses Staatsmannes so trug auch seine Rede auf dem christlich-nationalen Arbeiterkongreffe den Stempel einer geistesmächtigen und zugleich warmherzigen Persönlich­keit. Liebe zum Arbeiterstande vereinigte sich in den Ausführungen des Staatssekretärs mit weiser Fürsorge für das Wohl des Ganzen zu harmonischem Einklänge. Mit Nachdruck ermähnte der Staatssekretär die Ver­treter der christlich-nationalen Arbeiterschaft, stets dessen eingedenk zu bleiben, daß der Arbeiterstand wie jeder andere Stand nur ein Glied des gemeinsamen Volks­körpers ist, und daß nicht die Ausschaltung aller anderen Interessen, sondern der billige Ausgleich einander ent­gegenstehender Interessen das Ziel einer gesunden Po­litik sein muß. Hoffen wir boif ganzem Herzen, daß diese ernsten Mahnungen nicht auf steinigen Acker, sondern auf fruchtbaren Boden gefallen sein mögen.

Die Haager Konferenz ist zu Ende. Länger als vier Monate, vom 15. Juli bis 19. Oktober, haben diesmal die Vertreter von 44 Staaten im Haag getagt, während die erste Konferenz kaum zweieinhalb Monate gedauert hat. Mit Befriedigung darf Deutschland auf den Verlauf dieser zweiten Konferenz zurückblicken. Es ist ihm gelungen, das Jntriguenspiel seiner Gegner zu durchkreuzen, und an den positiven Ergebnissen der Konferenz haben seine Vertreter in hervorragendem Maße mitgewirkt. Man tut unrecht, diese Ergebnisse, die zumeist hinter den Türen der Kommissionszimmer zustande kamen, allzu gering zu veranschlagen. Ange­sichts der großen Schwierigkeiten, denen jeder Versuch, internationales Kriegsrecht zu schaffen, ausgesetzt ist, sind sie keineswegs so ganz geringwertig. Als wert- volle Errungenschaften der Haager Konferenz verdienen beispielsweise hervorgehoben zu werden : die Ausdehnung der Genfer Konventton auf den Seekrig, die Verbesser­ung des Abkommens von 1899 über die Gebräuche des Landkrieges, die Vereinbarung über die Beschieß­ung offener Städte und Häfen durch Seestreitkräfte, die Festsetzung, daß kriegerischen Maßnahmen eine Kriegserklärung oder ein Ultimatum vorhergehen müsse, und endlich Bestimmungen über die Eintreibung von Forderungen, was namentlich die Mittel- und südam- erikanischen Staaten angeht. Nicht geglückt sind da­gegen, wie von vornherein feststand, die Verhandlungen über Abrüstung und Schiedsverfahren; hier einigte man sich auf unverbindliche Formeln. Die Konferenz

soll von Zeit zu Zeit wieder zusammentreten, doch wurde ein Beschluß über eine bestimmte Periodizität nicht gefaßt.

In der Reichshauptstadt ist eine Kommission am­erikanischer Beamter eingetroffen, um im Auftrage ihrer Regierung mit den deutschen Behörden über Zollfragen zu verhandeln. Da bekanntlich bisher der Abschluß eines langfristigen neuen Handelsvertrages mit den Vereinigten Staaten von Amerika nicht ge­lungen ist, dürfte die Annahme berechtigt sein, daß die Commission dem Zwecke der Sammlung neuen Mater­ials für eine endgültige Regelung des handelspolitischen Verhältnisses zwischen Deutschland und Amerika dienen soll.

Die nach Europa entsandte marokkanische Gesandt­schaft des Gegensultans Mulay Hafid hat zwar ver­schiedene europäische Hauptstädte besucht, aber mit keinem Erfolge. sie ist wie in London und Berlin so auch jetzt in Rom abgewiesen worden. Daß die in Vertragsbeziehungen mit dem rechtmäßigen Sultan von Marokko stehenden Regierungen es durchweg ab- lehnten, die Gesandtschaft auch nur zu empfangen, war nicht anders zu erwarten, und es wird somit Mulay Hafid kaum etwas anderes übrig bleiben, ;als sich mit feinem Bruder, dem Sultan, selbst auseinanderzusetzen. Im übrigen ist die Lage in Marokko noch durchaus unklar, und wir vermögen nur die Hoffnung auszu- sprechen, daß die Dinge daselbst sich recht bald gründ­lich zum Bessern wenden möchten.

Deutsches Reich.

Das Deutsche Kaiserpaar wird den Haag am 21. November nicht besuchen, sondern am 20. November abends von Amsterdam direkt nach Deutschland reisen. Bei seinem Jagdaufenthalt in Oberschlesien wird der Kaiser am 3. Dezember dem Grafen Maltzahn in Militsch und am folgendeil Tage dem Fürsten von Hatzfeld-Trachenberg einen Besuch abstatten. Am 5. Dezember wird in Gegenwart des Monarchen das Jubiläums-Denkmal auf den, Schlachtfelde von Leuthen enthüllt werden.

-- Die Delegierten des Zweiten deutschen Arbeiter- kongresses sind in Klein-Flottbeck vom Reichskanzler Fürsten Bülow empfangen worden, um ihm die Be­schlüsse der Tagung zu Überbringern Der Reichskanzler hielt eine längere Ansprache, in der er zum Schlüsse sagte:Nichts aber wird das soziale Verständnis der gesamten Nation mehr fördern, als wenn die deutsche Arbeiterschaft sich in immer weiterem Umfange auf

x Antrennvar- Kerzen.

Roman von Dtmar Wilm». 19

Nun, so wisse, daß ich die Freundschaft dieser Dame für immer verliere, lueim ich mit Dir gehe," fuhr Zwen- ger in bittendem Tone fort,Du wirst einkehen, daß ich darüber nicht so leicht hinweggehen kann; ich bin zwan- zig Jahre lang ihr Hausarzt gewesen, habe stets auf sehr vertrautem Fuße mit ihr gestanden und .. ."

Horn lachte laut auf.Also auch Du hast noch Deine Herzensgeheimnisse alter Knabe?" fiel er dem Doktor in die Rede,komm nur getrost mit, ein unterlassenes Ren­dezvous wird Dich nicht um die Gunst Deiner Dame brin­gen !"

Du verkennst mich," erwiderte Zwenger, dem es in­zwischen gelungen war, seinen Arm zu befreien,meine Be- ziehnngen zu der Kommerzienrätin sind rein freundschaft- ltcher Natur Sie bat mich einen kleinen Zwist zu schlich­ten, den sie mit ihrem Sohne hat, und seit einer Stunde schon bin ich auf dem Wege, den Doktor Alsdorf aufzu- suchen."

So danke dem Himmel, daß er mich Dir zuführte," versetzte Horn,ohne mich würdest Du heute abend wahr­scheinlich nicht ansZiel gelangt sein, denn ich bin überzeugt, daß der den Du suchst, sich schon seit einer halben Stunde in meinem Hause befindet."

Zwengerhorchte hoch auf.In Deinem Hause?" fragte er,dort hätte ich ihn allerdings nicht gesucht. Aber nun komm," fuhr er fort, indem er den Arm des Freundes ergriff und ihn mit sich fortzog,die Sache ist dringend und von größerer Wichtigkeit, als Du glaubst. Du weißt, daß die Kommerzienrätin sich vor einigen Monaten mit ihrem Sohne, der Geliebten des letzteren toegeii, Übermuts und das Mädchen verhaftet wurde, weil sie der Koinmer- zieurätin einen Ring entwendet hatte."

Ichkenne diese unerquickliche Geschichte," sagte der Potar mißmutig, .der Doktor Alsdorf hat sie mir be­

richtet, die Chronique skaudaleuse der vornehmen Welt ist durch sie um eine Schandtat bereichert worden."

Schandtat ?" fragte Zwenger gedehnt, an dem Freunde hinaufschauend,ich sehe nicht ein, daß die Kommerzien­rätin unrecht getan hat, die Diebin verhaften zu lassen. Doch höre weiter. Seit dem Tage der Verhaftung hat Julius die Schwelle des elterlichen Hauses gemieden, er schrieb nur einmal in jener Zeit an seine Mutter und drohte ihr, wenn dieselbe die Klage gegen seine Geliebte nicht fallen lasse, werde er öffentlich vor Gericht behaup­ten, sie habe den Ring dem Mädchen in die Tasche ge­steckt.

Wie Julius, der doch sonst so klug und ruhig ist, plötz­lich zu dieser wahnwitzigen Idee kommt, begreife ich nicht, es hat mich ohnehin schon sehr gewundert, daß er mit einer Näherin, einem Mädchen aus der BolkShefe, ein Verhältnis auknüpfen konnte."

Morgen nun kommt die Sache vor» Gericht, und die Kommerzienrätin, die von dem Jähzorn ihres Sohnes al­les befürchtet, hat mich gebeten, Julius abzuhalten, daß er sich noch mehr kompromittiert. Dann äußerte sie auch den Wunsch, sich ivieder mit ihm auszusöhnen, sie weiß, ich vermag viel über ihn, und ich werde mein möglich­stes tun, eine Aussöhnung zu stände zu bringen."

Gib Dir nur keine Mühe," entgegnete der Notar, auf den, wie es schien, die Worte des Doktor» einen unange­nehmen Eindruck gemacht hatten,sie wäre vergeblich. Es ist allerdings ein Aergeruis, wenn die Kinder mit ihre» eigenen Eltern im Hader leben, aber wenn es wahr ist, was der Doktor Aisdorf behauptet, so, ich gestehe es of­fen, befindet er sich ganz in seinem Rechte, und die Kom­merzieurätiu verdiente öffentlich an deu Pranger gestellt zu werde». Doch hier fmb wir an meinem Hause."

Bei den letzten Worten öffnete er die Türe, die beide» Männer traten ein understiegendiebreite,weißgescheuerte Treppe, die zu deu Wohngemächern des Notars führte.

An der ersten Türe blieb Horn lauschend stehen und

rasch uijmauben die Falten von seiner Stirne.Wir fin- den sie alle beisammen," flüsterte er lächelnd dem Doktor zu, indem er die Hand auf die Türklinke legte.

Elsbeih sprang den Eintretenden fröhlich entgegen, und die Herzlichkeit, mit welcher sie den Doktor empfing, machte auf dessen Gemüt, welche» sich durch das harte Urteil Horns über die Kommerzienrätin- verletzt fühlte, einen be- sänftigenden Eindruck.

Auch Julius, der neben dem Bräutigam auf dem mit großgeblümtem Kattun überzogenen Sofa saß, erhob sich und bot dem Doktsr die Hand.

Er hatte den alten Mann, der ihm Spielgefährte, Freund und Lehrer gewesen war, lieb, und wenn auch im Punkte der Wissenschaft manche Meinungsverschiedenheit zwischen ihnen herrschte, weil der alte Herr die neueren Forschungen int Gebiete der Heilkunde nicht als vollgültig anerkennen wollte, sondern konsequent an den alten, herkömmlichen Kurmethoden hielt, so traf er doch gern mit ihm zusammen, schon aus dem Grunde, weil Zwenger ein geistreicher, ae. mütlicher Gesellschafter war.

Der Hausherr hatte inzwischen im Nebenzimmer den alten, bequemen Schlafrock und die Pantoffeln angezogen und kehrte nun mit der langen Pfeife in die Wohnstube zurück.

ElSbeth mußte hinunter in die Küche und so blieben die Herren allein.

Eben wollte der Doktor, der e» liebte, rasch zu han- dein, Julius bitten, er möge ihm eine Unterredung unter vier Augen gewähren, als dieser die Frage an ihn rich- tete, ob er heute seine Mutter besucht habe.

Zwenger bejahte.Sie hat mir eine Bitte an Sie auf­getragen," antwortete er,eine Bitte, von deren Erfüllung die Ruhe Ihrer Eltern und Ihr eigene» Lebensglück ab- hängt."

Sprechen Sie dieselbe an»," versetzte Julius,obschon ich sie kenne, will ich sie dennoch von Ihren Lippen- «»" 144,18