SchlüchternerAttung
mit amtlichem Kreisblatt, Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
eM 86. Samstag, den 26. Oktober 1907. 58. Jahrgang.
Die Häfen unserer Kolonien.
In unseren Kolonien und Schutzgebieten besitzen wir insgesamt etwa 35 Häfen und Reeden. Davon kommen 12 allein auf Oslasrika, je 5 auf Kammerun, Neu-Guinea, Karolinen (und Florianen), 3 auf Südwestafrika, 2 auf- die Marschallinseln, je 1 auf Togo (die Reede von Anecho ist seit Juli 1905 geschlossen), Samoa, Kiautschon. Im Jahre 1905 verkehrten in unseren ostafrikanischen Häfen 5284 Handelsschiffe mit einem Gesamttonnengehalt von 1250 062 Tonnen, davon führten 4362 Schiffe die deutsche Flagge. In unseren Westafrikanischen Häfen (Togo, Kamerun, Süd- west) verkehrten nur 1217 Schiffe, aber mit einem Gesamttonnengehalt von 2 935 089 Tonnen, wovon auf Südwest allein — wegen des Hererokrieges -- 579 Schiffe mit über 1'/» Millionen Tonnengehalt kommen. Die deutsche Flagge,ist in den Westafrikanischen Häfen mit 776 Schiffen, die britische mit 392 Schiffen, also ungefähr der Hälfte vertreten gewesen. Auf die Kolonien in der Südsee und Kiautschou kommt ein Schiffsverkehr von 1191 Schiffen mit insgesamt 885755 Tonnen. Unter deutscher Flagge fuhren 381, unter englischer 181 Schiffe; hierbei scheidet aber Neu-Guinea mit seinen 495 Schiffen aus, bei denen in dem stat- tistischen Berichte die Nationalität nicht festgestellt ist. Fassen wir diese Zahlen nun zusammen, so ergibt sich, daß im Jahre 1905 in unseren" 35 Kolonialhäfen 7692 Schiffe mit einem Gesamttonnengehalt von 5070 906 Tonnen verkehrten, von denen 5519 Schiffe die deutsche Flagge führten.
Hierzu bemerkt die „Allg. Marine-Korresp.": Diese Zahlen aus dem Jahre 1905 bieten im großen und ganzen ein erfreuliches Bild, indem sie die deutsche Flagge im Handelsverkehr mit unseren kolonialen Häfen im Vordertresfen zeigen — 5519 deutsche, 2173 nicht- deutsche Schiffe — doch das ist ja schließlich ganz selbstverständlich, daß das Mutterland den Kolonien gegenüber die führende Stellung einnimmt. Aber das Wichtigste ist der Verkehrsanschluß an das Hinterland durch Bahnen.
Leider hat bis jetzt z. B. die englische Ugandabahn den ganzen Verkehr aus dem Hinterlande unserer ostafrikanischen Kolonien Viktoria-See, ja von Tabora aus, nach dem englischen Mombassa geleitet. Hier heißt es, mit allen Kräften einsetzen, daß unsere Ko- lonialhäfen den nötigen Anschluß an das Hinterland durch ein Bahnnetzerhalten. Dann wird in wenigen Jahren der Schiffsverkehr in unseren Kolonialhäfen
noch ein ganz anderes Bild zeigen. Unsere Kolonien werden erst dann zur richtigen Blüte gelangen, wenn wir den reichen Bodenschätzen im Innern einen Abfluß zur See und von da in das Mutterland verschaffen können. Darum muß die Forderung lauten: Kolonialbahnen für unsere Kolonialhäfen!
Deutsches Reich.
— Der Geburtstag der Kaiserin ist am Dienstag in Berlin wie in Potsdam und im ganzen Reiche unter der herzlichsten Anteilnahme weitester Kreise der Bevölkerung festlich begangen worden. Die Reichshauptstadt hatte zum Geburtstage der Kaiserin ein festliches Gewand angelegt. Alle öffentlichen Gebäude waren geflaggt; auch von zahlreichen Privatgebäuden wehten Fahnen und Banner. Die Militärwachen und Posten waren in Paradeanzug aufgezogen. — Eine Ueber- raschung durch ein Ständchen bereitete der Kaiser am Dienstag mittag der Kaiserin zum Geburtstag. Um 12 Uhr erschien auf seinen Befehl auf dem Schloßhof das Trompeterkorps des 2. Garde-Dragoner-Regiments unter seinem Stabstrompeter, dem königlichen Musik- virigenten Peschke. Bald darauf kam Hofkapellmeister Dr. Richard Strauß. Dann erschien der Kaiser mit einem Flügeladjutanten im Vorhaus, und nun spielte das Trompeterkorps vier neue Kavalleriemärsche, drei von Dr. Richard Strauß und einer von Peschke. Die Kaiserin hörte an einem Fenster im ersten Stock mit mehreren Prinzen der Aufführung zu, mit der der Kaiser sehr zufrieden war. Die Ueberraschung war um so gelungener, als noch keiner der Märsche jemals vorher gespielt worden war.
— Wie jetzt halbamtlich mitgeteilt wird, wird sich der Besuch des Kaiserpaares in Holland über zwei Tage erstrecken. Der Oberhofmarschall ist zur Feststellung des Programms nach Berlin abgereist. Die „Hohenzollern" wird in Immden einlaufen; es steht aber noch nicht fest, ob die Kaiserjacht bis Amsterdam fahren wird. Wenn das nicht der Fall ist, wird die Reise mit dem königlichen Sonderzug erfolgen. In Amsterdam wird sich während des Besuches auch die Königin-Mutter befinden. Der Hofstaat des Kaisers wird zum Teil im königlichen Schloß, zum Teil in Hotels Wohnung nehmen.
— Fürst Wilhelm zu Wied, der frühere Präsident des preußischen Herrenhauses, ist am Mitwoch aus seinem Schlosse in Neuwied im Alter von 62 Jahren gestorben.
— In diesen Tagen sind wiederum aus allen
deutschen Gauen christliche Jünglinge, Söhne frommer Eltern zum Militär eingezogeit worden. Besorgt sehen viele Eltern ihre Söhne nach den Garnisonstädlen, besonders nach der Großstadt ziehen. Bange bewegt sie die Frage: „Wird unser Sohn nun auch den Anforderungen an seine Standhaftigkeit bei den vermehrten Anfechtungen während seiner Militärzeit in der Versuchungsreichen Großstadt entsprechen können?" Oft wird die Antwort „nein" lauten. Allen besorgten Eltern und allen jungen Männern möchte das Soldatenheim des Christlichen Vereins junger Männer, Berlin S.W. Wilhelnistroße 34, und das Soldatenheim des Ostdeutschen Jünglingsbundes, Berlin C. 54, Sophienstraße 19, die helfende Hand bieten. Ebenso weisen wir auf die übrigen Soldatenheime des Ostdeutschen Jünglingsbundes hin; in der dienstfreien Zeit, namentlich des Sonntags nachmittags, sind sie beliebte Erholungsstätten für Gemüt und Geist. Wir geben hier die Adressen an: Allenstein, Friedrich Wilhelmplatz 5 ; Danzig, Heilige Geiststraße 43 ; Frankfurt a. O., Logenstraße 6 a; Graudenz, Schützenstraße 6; Gumbinnen, Gartenstraße; Königsberg i. Pr., Kronenstraße 9 ; Krotoschin, Ev. Siechenheim ; Neurup- Pin, Ludwigstraße 50; Osterode O-Pr., Kirchhofstraße 4; Spandau, Falkenhagenerstraße 6; Thron, Tuchmacherstraße 1; Torgau, Ecke Wittenberger und Schützenstraße. Soldatenfürsorge wird außerdem noch in vielen andern Garnisonen getrieben, zu jeder Auskunft hierüber sowie zur Vermittelung von christlichem Anschluß wende man sich vertrauensvoll an Bundesagent Bart- Hold, Berlin C. 54, Sophienstraße 19.
Ausland.
— Wegen der Unzufriedenheit mit den Ausgleichsabmachungen steht eine Spaltung in der ungarischen Unabhängigkeitspartei Franz Kossuths bevor. Vorläufig haben zehn radikal gesinnte Abgeordnete ihren Austritt aus der Partei angemeldet, weitere Mitglieder dürften bald diesem Beispiele folgen. Die Agitation in der Partei gegen den Ausgleich wegen der Erhöhung der ungarischen Quote wächst täglich.
— Die Gemeinderatswahlen in Belgien haben sich in voller Ruhe vollzogen. Bemerkenswert ist der vollständige Sieg des liberal-sozialistischen Kartells. Bei den Wahlen in Brüssel (Stadt) ist durch die Wahl von sieben Liberalen, vier Katholiken und vier Sozialisten der status quo erhalten geblieben. Das Ergebnis läßt sich folgendermaßen resümieren: Erfolg des Kartells in den Orten, wo das Arbeiterelement das
Wntrennöars Kerzen.
Roman von Otmar WilmS. 17
„Gehen Sie mit dem Fräulein nur voraus, ich" werde in einiger Entfernung folgen, die Leute brauchen'S ja nicht zu missen, daß das arme Kind ins Gefängnis soll, werdcnS schon früh genug erfahren."
Julius dankte dem biederen Mann.
An derHauStüre traf er seine Mutter und Geier, die an der Spitze einer ansehnlichen Volksmenge, welche die Neugier herbeigelockt hatte, auf das Erscheinen der Ver- hafteten warteten, um sich an ihrer Beschämung und ihrem Schmerze zu weiden.
Aber sie sahen sich in ihrer Erwartung getäuscht, Meta legte ihre Hand auf den Arm Julius', den ihr dieser so mit ausgesuchter Höflichkeit anbot, als fühle er sich durch ihre Begleitung geehrt, und ruhig, ja anscheinend heiler mit einander scherzend, schritt das Paar durch die gaffende Volksmenge, während der Kommissar mit gleichgültiger Miene in einiger Entfernung folgte.
Die Kommerzienrätin sandte dem davonschreitenden Paare einen langen, glühenden Blick voll unversöhnlichen Hasses nach, wandte sich stolz um und ging mit erhobenem Haupte von dannen.
Die demütige Miene des NechtSkonsulenten wich einem Lächeln triumphierenden Hohnes. „Auch Du hast die Bahn des Verbrechens betreten, stolzes, eitles Weib," murmelte er, „auch Dich habe ich an mich gekettet, sieh zu, wie Du Dich befreien kannst!"
Er warf einen raschen Blick über die Volksmenge, die sich in Gruppen abgesondert hatte, um das rätselhafte Ereignis zu bespreche», und schlug dann den Weg zu seiner Wohnung ein.
Der Sommer war verstrichen. Schon hatte der Herbst die Rosen entblättert und die Bäume entlaubt, verstummt war der Gesang der Vögel, verschwunden die reiche Blü-
tenpracht der Gärten, das frische, saftige Grün der Wiesen und das heitere, rege Leben auf den Fluren.
Der rauhe Herbstwind fegte über die gelben Stoppeln, rüttelte zornig an den entlaubten Bäumen und trieb sein ausgelassenes Spiel mit den welken Blättern, die er dem einsamen Wanderer, der rüstig über die Landstraße auf die Stadt zuschritt, mit unverschämter Dreistigkeit ius Angesicht blies.
Doch dieser, ein stattlicher, herkulisch gebauter Mann schenkte dem neckischen Beginnen des tollen Geselle» keine Beachtung,nicht vermochte es das freundliche wohlwollende Lächeln, welches seine Lippen umspielte, noch die heitere Ruhe, die aus seinen tiefblauen Augen leuchtete, zu trüben. Er hatte den Rock bis nuters Kinn zugeknöpft und die Pelzmütze, unter der das graue Haar dicht hervorquoll, tief ins Gesicht gerückt und ging, den spanische» Rohrstock mit dem elfenbeinernen Knopf wagerecht in der Rechten haltend, wacker seines Weges, während er dann und wann einen Blick seitwärts über die Fluren warf, anf die der Abend schon seine nebelgranen Fittige senkte.
Hätten wir auch noch nicht die Bekanntschaft dieses Mannes, der kein anderer als der Notar Horn war, gemacht, würde unS der Aktenstoß, der neugierig aus seiner hinteren Rocktasche hervorlugte, doch nicht im Zwei- fel darüber gelassen haben, daß er bem Stande der Ju- stizbeamten angehörte. Er laut aus dem nächsten Dorfe, wohin er vor wenigen Stunden gerufen worden tvar, um den letzten Willen eines Sterbenden aufzunehmen.
Daß man ihn, der doch am entgegengesetzten Ende der Stadt wohnte, hierzu ersehen hatte, während man, um zu seiner Wohnung zu gelangen, an den Schreibstuben dreier Notare Vorbeigehen mußte, war ein Beweis des Vertrauens und der Achtung, deren sich Horn weit und breit erfreute. Er galt allgemein als ein moralischer und zuverlässiger Mann, an dessen strengem Rechtlichkeitsgefühl jedes unlautere Ansinnen, jeder noch so verführerische Bestechungsversuch abprallte.
Dies hatte ihm nach und nach zu einem bescheidenen
Vermögen verholfen, welches er, um seinem einzigenKinde, einem weniger hübschen, als gebildeten und wohlerzogenen Mädchen, dereinst eine tüchtige Aussteuer geben zu können, durch strenge Sparsamkeit noch zu vergrößern suchte.
Seine Tochter war das einzige, an dem sein Herz un- geteilt und mit einer Innigkeit, die zu jeden, Opfer willig gewesen wäre, hing, und Elsbeth wußte diese Liebe zu schätzen und zu erwidern.
Schon in früher Kindheit der Mutter beraubt, sah sie sich auf den Vater allein angewiesen, der damals in einem kleinen Landstädtchen ein kümmerliches Einkommen hatte, aber trotz den Sorgen, die Tag und Nacht auf ihm lasteten, stets freundlich und liebevoll, nie mürrisch oder einsilbig gegen sei» Kind war.
Horn war in seiner Kindheit selbst in dem traurigen Falle gewesen, der sorgsamen Leitung einer liebevollen Mutter entbehren zu müssen. Die aufbrausende Strenge und das mürrische, einsilbige Wesen des Vaters hatten seinem Herzen nur Furcht vor demselben eingeflößt, die später, als er in die reiferen Jahre trat und das edle Herz des Vaters kennen lernte, wohl gemildert wurde, nie aber ganz einem offenen Vertranen und hingebender Liebe wich.
Diese Erfahrung machte ihn klug, ohne sein Kind zu verzärteln, behandelte er eS mit einer sich stets gleich bleibenden, liebevollen Freundlichkeit und ließ diese selbst dann, wenn er rügen oder strafen mnßte, durchblicken. DieS erwarb ihm die Liebe und das Vertrauen des KindeS, die mit den Jahren sich mehr und mehr befestigten und ihm die Erziehung desselben wesentlich erleichterten.
Elsbeth stand jetzt in intern zwanzigsten Lebensjahre; sie war, wie wir schon bemerkte», keine Schönheit, aber ein ziemlich hübsches Mädchen, eine jener Gestalten, denen mancher, meil ihr Aenßeres Gemütlichkeit und eine behagliche Ruhe umschweben, bei der Wahl seiner HauS- statt den Vorzug gibt 144,18