SchluchternerZettung
mit amtlichem Kreisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 84.
Deutsches Deich.
— Der Kaiser und die Kaiserin sind Sonntag früh in Hubertusstock eingetroffen.
— Se. Majestät der Kaiser jagt von Montag ab bei Hubertusstock in der Mark. Von dort kehren die Majestäten zur Konfirmation ihres jüngsten Sohnes Joachim am 18. Oktober nach Berlin zurück.
— Zur Einführung des Kronprinzen in die Zivil- verwaltung ist derselbe aus seinen Wunsch für die Dauer eines Jahres unter Befreiung von militärischen Dienstleistungen dem Minister des Innern v. Moltke zuge- teilt worden und hat seine Tätigkeit bereits begonnen. In dem vom Kaiser genehmigten Programm ist vor- gesorgt, daß dem Kronprinzen in alle wichtigeren Zweige des inneren Staatsdienstes ein eingehender Einblick gewährt wird. Neben eigener praktischer Betätigung bei der Bearbeitung ausgewählter Geschäftssachen und der Teilnahme an wichtigeren Ministerialvorträgen, gelegentlichen Besichtigungen u. s. w. werden Verträge einhergehen, die dein Kronprinzen von Vertretern der Wissenschaft und Männern der Praxis in steter Anlehnung an den Fortschritt seiner Tätigkeit gehalten werden.
— Prinz Heinrich von Preußen ist Mittwoch abend ins Jnsbruck angekommen. Die Prinzessin Heinrich von Preußen und ihre beiden Söhne, die Prinzen Waldemar und Siegesmund trafen aus Straßburg i. E. schon am Morgen auf den: dortigen Bahnhof ein und verbrachten die Nacht im Schlafwagen. Nach den bisherigen Bestimmungen findet die feierliche Immatrikulation der Prinzen August Wilhelm und Waldemar an der Straßburger Hochschule am 24. d. M. statt. . M
— Zum Besuch des deutschen Kaisers in London wird von dort gemeldet: Die goldene Schatulle, welche dem Kaiser Wilhelm bei seinem Besuch der Guildhall am 13. November überreicht werden soll, wird mit kostbaren Edelsteinen verziert sein. Auf ihrer Vorderseite trägt sie das Wappen des Kaisers, in Diamanten und Smaragden ausgelegt. Ansichten der Guildhall und des Mansionhonse, vier ziselierte Figuren, die Bildhauerkunst, Musik, Malerei und die Literatur darstellend, sowie das emaillierte Wappen der Londoner City schücken das Kästchen. Auf dem Deckel sieht man die Namenszüge des Kaisers und der Kaiserin und das Wort „Willkommen". Um die Inschrift sind in Gold getriebene Figuien, die Handel und Verkehr versinnbildlichen, gruppiert. -- Die städtische Körper
Samstag, den 19. Oktober 1907.
schaft hat für den Empfang in der Guildhall 1300 Pfund Sterling bewilligt.
— Auf der Heimreise nach Deutschland befindet sich jetzt Kolonial-Staatssekretär Dernburg. Am Sonntag ist der Dampfer „Prinzregent" mit Herrn Dern- burg und seinen Begleitern aus Dar es Salam abgegangen. Vorher hatte der Staatssekretär im deutschen Klub der genannten Hafenstadt den Deutschen in Ostafrika noch seine besten Wünsche ausgesprochen; er hatte hinzugefügt, die Reichsregierung werde das möglichste zur Erschließung des Schutzgebietes für den Handel tun.
— Ein Erlaß des Eisenbahnministers an die Eisenbahnverwaltungen bestimmt, daß der Beitritt der Bahnarbeiter zum sozialdemokratischen Zentralverband der Transportarbeiter die Entlassung zur Folge hat. Infolge dieses Erlasses haben die bahnamtlichen Spediteure ihren Angestellten eröffnet, daß sie kein Mitglied des Transportarbeiterverbandes weiter be- schäfiigen würden.
— Die Anklage wegen Majestätsbeleidigung ist nunmehr gegen die sozialdemokratische Königsberger „Volkszeitung" wegen des bekannten Artikels, in dem das neue Memeler Denkmal eine „Schandsäule" genannt wurde, erhoben worden.
— Die Brutalität und Feigheit der „Genossen", die während des Berliner Bauarbeiterstreiks in Oranienburg dem arbeitswilligen Maurer Opitz auflauerten, ihn überfielen und in rohester Weise mißhandelten, hat vor dem Berliner Landgericht UI ihre gerechte Strafe gefunden. Die Maurer Hermann Brackmüller, Wilhelm Roß, Franz Liepelt, Franz Simon und Otto Wolter sind wegen Körperverletzung und Bedrohung zu 1 bis 1*A Jahren Gefängnis verurteilt worden. Der Gerichtsvorsitzende betonte in der Verhandlung, einem solchen Terrorismus müsse zum Schutze friedlicher Bürger energisch entgegengetreten werden.
Ausland.
— Aus Anlaß der Heimreise des Staatssekretärs Dernburg veranstaltete der Deutsche Klub in Dares- salam einen Bierabend. Der Staatssekretär trank auf das Wohl der Deutschen Ostafrikas und erklärte in einem Trinkspruch, die Regierung werde alles, was in ihrer Macht stehe, für die kommerzielle Erschließung des Schutzgebietes tun. Er habe sich von dem Wert der Kolonie und dem Reichtum ihrer natürlichen Hülfs- quellen überzeugt. Was das Schutzgebiet geworden ist, danke es nicht zum kleinsten Teil der Arbeit der
58. Jahrgang.
Mfe&nih IK i n 11 >H HN»^WWW0I««W»WMMLÄ! vier hier tätigen Berufsstände: der Beamten, der Missionare beider Konfessionen, der Kaufleute und der Pflanzer. Die Leistungen seien um so mehr anerkennenswert, als sie unter nach jeder Richtung sehr schwierigen äußeren Verhältnissen vor sich gingen, was die Regierung nicht vergessen werde.
— Auf der Kolonialbahn Daressalam—Mrogoro ist das Gleis nunmehr bis nach Mrogoro gelegt, und die erste Fahrt auf der ganzen Strecke hat schon der Staatssekretär Dernburg am 0. Oktober gemacht. Das ist ein über Erwarten glückliches Ergebnis. Noch im Juni wurde von der Gesellschaft angegeben, daß bis Ende dieses Jahres der öffentliche Betrieb bis Mrogoro vielleicht durchgeführt werden könnte, und man mußte die Vollendung der Bahn für das erste Halbjahr 1908 voraussehen. Nun ist wider Erwarten die Fertigstellung schon jetzt gelungen; die Strecke ist in 2 7i Jahren fertiggestellt, da sie im Februar 1905 angefangen wurde. Das ist ein guter Erfolg; er steht aber noch iveit zurück hinter den Leistungen Englands, das den Bau der Ugandabahn von nahe an 1000 Kilometern in fünf Jahren fertiggestellt hat.
— Die holländische Regierung legte den Kammern einen Gesetzentwurf betreffend Erweiterung des Wahlrechts in den Niederlanden vor. Danach sollen die Beschränkungen des Wahlrechts fortfallen, um das allgemeine Wahlrecht durchzuführen um auch den Frauen das aktive und passive Wahlrecht zu gewähren.
— Der österreichische Eisenbahnstreik ist auf der böhmischen Nordwestbahn infolge Vereinbarung zwischen der Direktion und den Angestellten eingestellt worden, dagegen macht sich auf der Staatseisenbahngesellschaft eine weitere Verschärfung bemerkbar.
— Einen „Deutschen Verein im Zartum Polen" haben mit Zustimmung der Behörden deutschfühlende und ihre Nationalität liebende Männer in Warschau gebildet, welcher bei aller Achtung fremder Nationalitäten sich unter Ausschluß aller politischen Zwecke die Pflege des Deutschtums, der deutschen Sprache, deutscher Zucht und Sitte zum Ziele setzt.
Lokales und Provinzielles.
Schlüchtern, 18. Oktober 1907.
*— Am 1. Oktober d. Js. ist die Kreispferde- Versicherung ins Leben getreten und kaum sind die Policen in den Händen der Versicherer hat die Ver- sicherungs-Anstalt auch schon einen Schaden, indem ein zu 600 M. versichertes vierjähriges Pferd des Herrn C. Gähringer Schlüchtern an Kolik bezw. Darm-
matias
Nntrennvare Kerzen.
Roman von Otmar Wilms. 14
Juliu» hatte sich erhoben und einen Stuhl ergriffen; er setzte sich neben die Geliebte, nahm ihre Hand und schaute ihr lange inS Auge. „Solche Ahnungen," hob er an, „sind nicht unbegründet, wie der Philosoph mit seiner nüchternen Anschauung des Seelenlebens behaupten und beweisen will. Aber man muß gegen sie ankämpfen, will man nicht ein Träumer werde». Kommt die Stunde, in der das geahnte Unglück eintrifft, dann ist eS besser, eS trifft uns plötzlich und unerwartet, als daß eS ein willenloses, verzagtes Opfer findet."
„Sprich einmal aufrichtig, wie kommst Du zu der Arbeit für den Rechtskonsulenten Geier ?"
„Auf die einfachste Weise," entgegnete Meta unbefangen. „Bor ungefähr drei Wochen trat eines Abends der Schreiber des Rechtskonsulenten hier ein und ersuchte mich, am anderen Tage seinen Herrn zu besuchen, der mir Ar. beit geben wolle. Ich versäumte nicht, dies zu tun. Geier war sehr freundlich, fragte mich nach meinen Verhältnissen und sagte, er interessiere sich für mich, da er von meinem tugendhaften Lebenswandel und meiner Rechtlichkeit gehört habe; da er nun genötigt sei, in seiner Leibwäsche bedeutende Anschaffungen zu machen, so wolle er mir diese Arbeit zuweisen. Ich nahm dieses Anerbieten gerne an, und wie Du siehst, bin ich mit der Ausführung des mir gewordenen Auftrage? emsig beschäftigt."
„Sonderbar," murmelte Julius, „ich begreife nicht, was Geier veranlassen kann, sich so plötzlich für ein ar- meS Mädchen zu interessieren. Noch eine Frage," fuhr er zu Meta gewendet fort, „warst Du seit jenem Tage, an welchem Duden Auftrag zur Anfertigung von Leibwäsche des RechtSkonsulenten Geier empfingst, nicht wieder bei ihm?"
DaS Mädchen ließ die Nadel ruhen und sah dem Ge. Liebten erstaunt ins Antlitz. „Doch," entgegnete sie, „heute
morgen noch, er ließ mich durch seinen Schreiber rufen. Hätte ich aber voraus gewußt, tuen ich dort antreffen würde, wäre ich nichthingegangen."
„Nun?" fragte Julius.
„Ich traf Deine Mutter bei Geier, Du weißt, wie sehr ich sie fürchte. Es ist vielleicht unrecht, daß ich ihr stets auSweiche, und besser wäre es, ich suchte mir ihre Liebe oder doch ihre Achtung zu erwerben, aber ich kann eS nicht, eine innere Stimme warnt mich vor der Frau; mag sein, daß mich ihr Stolz und die Geringschätzung, mit der sie auf mich hinabsieht, zurückstoßen."
Julius war erbleicht, er bezweifelte jetzt nicht mehr, daß seine Mutter sich des Rechtskonsulenten bediente, um das Glück ihres Sohnes zu zerstören. Ihren Plan durch, schaute er, sie wollte ihm die Geliebte entreißen, nur war es ihm noch unklar, durch welches Mittel sie die Ausfüh- rung dieses Planes zu bewerkstelligen gedachte.
Die Wahrnehmung dieses Umstandes erfüllte ihn mit gerechter Besorgnis, doch denchte eS ihm ratsam, diese der Geliebten vorläufig noch zu verbergen. Aeußerlich an. scheinend ruhig, fragte er in gleichgültigem Tone: „Also Du trafst meine Mutter dort, sprach sie mit Dir?"
„Nur wenige Worte," erwiderteMeta, die inzwischen ihre Arbeit wieder ausgenommen hatte, „mir schien, daß sie mich demütigen und mir zeigen wolle, wie tief ich im Range unter ihr stehe. Sie fragte, wie viel ich täglich ver. diene, ob ich auch in den Hänsern der Reichen im Tage- lohn arbeite, und ob das Kleid, welches ich trug, das beste Stück meiner Garderobe sei. Ich gab ihr auf jede Frage ruhig und offen Antwort. Aber tief im Herzen tats mir weh, von der Mutter des Geliebten solche Worte hören zu müssen."
„Und doch trägst Du selbst die Schuld daran," fiel 3u- lius ihr in die Rede: „Wie oft habe ich Dich gebeten, nicht mehr für andere zu arbeiten und das, was Du zum Unter, halt bedarfst, aus meinen Händen anzunehmen; stets hast
Du meinen Borschlag zurückgewiesen, dessen Annahme mich glücklich machen würde."
Meta schlang den Arm um den Hals des jungen Man- nes. „Und bist Du denn nicht glücklich?" fragte sie, ihm seelenvoll ins Auge schauend, „hast Du mir nicht immer beteuert, es sei Dir gleichgültig, welchem Stande Deine Geliebte angehöre? Nein, ich kann Deine Bitte nicht er. füllen; soll ich, wie der Vogel im Bauer, müßig da sitzen und mich füttern lassen? WaS hat der Mensch Edleres, als das Selbstgefühl und das Bewußtsein, frei und unabhän- gig zu sein und durch seiner eigenen Hände Arbeit sein Brot zu verdienen? Sieh, nähme ich Deinen Vorschlag an, würde ich bald traurig und mißmutig werden, denn ich kann nicht ohne Arbeit sein, und dann bedenke, zu wel. chen Gerüchten eS Veranlassung gäbe, wenn ich die Hände in den Schoß legen und allein von Deinen Almosen lebe» wollte?"
Julius konnte der Geliebten nicht Unrecht geben, eS lag etwas Wahres in ihren Worten, deshalb drang er auch nicht weiter in sie.
„Es wird wohl bald anders werden," hob er nach einer Weile an, „noch ein Jahr müssen wir warten, damit ich Dir eine gesicherte Existenz bieten kann, dann aber sollst Du an meiner Seite eine neue, schöne Heimat finden."
Ein tiefer Seufzer entrang sich dem Busen des Mäd- chens. „Ich mag nicht daran denken," erwiderte sie trau« rig, „daß wir als erstes HochzeitSgeschenk den Fluch Dei. ner Eltern über die Schwelle unseres neuen Hauses tragen."
„Ein solcher Fluch ist kraftlos," fiel Julius ihr mit fester Stimme ins Wort, der Himmel schleudert ihn zurück auf das Haupt dessen, der ihn gesprochen hat."
Die Unterhaltung stockte eine Weile, das letzte unan. genehme Thema derselben hatte in den Herzen beider die zartesten Saiten rauh berührt, eS war ihnen, als habe eine fremde Hand plötzlich schonungslos in ihr Liebeleben hineingegriffen und die schönsten Blüten geknickt. 144,18