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mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Psg.
Mittwoch, den 9. Oktober 1907
58. Jahrgang
Bekanntmachung.
Die Inspektion der Jnfanterieschulen hat noch einen sehr erheblichen Bedarf an Unteroffizierschülern.
Die Einstellung kann noch in diesem Monat erfolgen.
Die Einzustellenden müssen mindestens 17 Jahre alt sein, dürfen aber das 20. Lebensjahr noch nicht vollendet haben.
Nähere Bestimmungen sind beim untenstehenden Kommando kostenfrei zu haben.
Hanau, den 4. Oktober 1907.
___ Bezirkskommando Hanau
Politischer Wochenbericht.
Die Schatten wehmütiger Trauer haben sich mit der Kunde von dem Tode des Großherzogs Friedrich von Baden auf das ganze deutsche Vaterland herabgesenkt. Was Großherzog Friedrich seinem badischen Lande und dem Deutschen Reiche gewe.se» ist, das haben ihm die Kundgebungen dankbarer Liebe und- Verehrung anläßlich seines 50jährigen Regierungsjubiläums, seines 80. Geburtstages und der goldenen Hochzeit bezeugt. Güte, Gerechtigkeit und Treue beherrschten das menschliche Charakterbild Großherzog Friedrichs; unbedingte Erfüllung der schweren Pflichten des Fürstenberufs, unbeirrbare Hingabe an die nimmer ermüdende Arbeit für das Wohl des engeren und des wetteren Vaterlandes, rasche Erkenntnis der Bedürfnisse der Zeit und der Mittel zu ihrer Befriedigung, aus tiefstem Verständnis der deutschen Volksseele und aus einsichtsvoller Würdigung der Lehren der Geschichte entsprossene klare Erfassung der nationalen Aufgaben und Ziele, mann-
sönlichkeit Großherzog Friedrichs als Herrscher mit dem Werdegang des deulschcn Volkes aus Zerrissenheit und Ohnmacht zu nationaler Geschlossenheit und Kraftent- faltung immerdar eng verbunden bleiben. Möge es dem deutschen Volke nie an Fürsten von der Hingebung an die nationale Sache, von der Treue, Tatkraft und Weisheit fehlen, als deren Verkörperung Friedrich von Baden in der deutschen Geschichte leuchtet! Badens neuem Herrscherpaare aber möge eine lange, segensreiche Regierung beschieden sei» zum Heile Badens und des gesamten deutschen Vaterlandes!
Die österreichisch-ungarischen Ausgleichsverhandlungen sind in der abgelaufenen Woche wieder aufge- nommen worden, aber die Gegensätze in her österreichischungarischen Monarchie haben sich so zugespitzt, daß man
^ Zlnlrennvare Kerzen.
• ' Roman von Otmar Wilms. 11
„Ich glaubte dies anfangs auch," fuhr die Sommer- zienrätin fort, „mußte aber leider erfahren, daß die Sache ernst, sehr ernst ist. Julius erklärte mir, daß eS fein fester Vorsatz sei, sein Wort, welches er der Geliebten gegeben habe, zu halten. Er habe mir bis jetzt von dem Ver- Hältnisse nichts mitgeteilt, iveil er meinen Geldstolz kenne und wohl wisse, daß ich nie meine Einwilligung zu'einer solchen Heirat geben werde; er fei über Kouvenienzein er- haben und wolle nur bis zum nächsten Jahre warten, weil eralsdann eine bedeutende Praxis zu haben hoffe."
„Dann werde er seine Eltern notariell um ihre Eiwil- ligung fragen lassen und, gleichviel ob diese erfolge oder nicht, da» Mädchen seiner Wahl heimführen."
„Und welche ist die Glückliche?" fragte Geier.
„Eine Näherin, Meta Behrend; wie er sagt, hat er sie auf dem Krankenlager kennen gelernt, kurz nachdem er seine Praxis antrat. Sie scheint ihn vollständig umgarnt zu haben; die Abende bringt er zum größten Teil bei ihr zu, und wie ich von einigen seiner Bekannten erfuhr, geht er schon mit dem Plan um, sie öffentlich für feine Braut zu erklären."
„NarrenSpossen!" versetzte der Rechtskonsulent verächtlich, „ich kenne diese Redensarten! Beruhigen Sie sich, mit der Zeit klären die Ideen sich, die Vernunft bleibt oben und die Leidenschaft sinkt als erstorbene Asche unter."
»Sie kennen Julius nicht, wenn Sie glauben, dies auf 1 ihn anwenden zu können," entgegnete die Kommerzienrä- tin mit einem Ausluge von Stolz. „Er hat Proben seiner ; Charakterfestigkeit und Willenskraft abgelegt, derzeit, als sein Vater ihn zwingen wollte, dem Studium zu entfa- gen und indieKaufmanns-Karriereemzutreten. Er wußte es durchzusetzen, daß wir seinem Verlangen nachgaben, freilich damals hatte er mich auf seiner Seite, und ichver- ;tnag viel über seinen Vater."
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heute eigentlich schon nicht mehr von Oesterreich-Ungarn, sondern von Oesterreich und Ungarn sprechen muß. Allerdings sind die Handelsverträge Oesterreich-Ungarns mit oen meisten andern europäischen Staaten, auch der mit dem Deutschen Reiche, bis zum Jahre 1917 abgeschlossen, und wenn auch der Ausgleich, an dem man zwischen Wien und Budapest jetzt schon seit Jahren yerumversucht, nicht zustande kommen sollte, wird der gegenwärtige Zustand auf Grund der Gegenseitigkeit zwischen den beiden Teilen der Monarchie aller menschlichen Voraussicht nach aufrecht erhalten werden. Die von den ungarischen Heißspornen des öftern ausgesprochenen Drohungen darf man daher nicht allzu tragisch nehmen.
Die mit soviel Geräusch eröffnete Friedenskonferenz
im Haag, für die das Interesse in der Oeffentlichkeit schon seit langem erloschen war, geht ihrem Ende entgegen. Die Kreise, die in ihr ein Mittel erblickten,
einen bedauerlichen Zwiespalt zwischen dem
Reiche und andern Staaten womöglich zu
Deutschen
erweitern,
sahen sich getäuscht, seit eine tiefgreifende erfreuliche Besserung in den deutsch-englischen wie in den deutschfranzösischen Beziehungen sich bemerkbar machte. Die Friedensschwärmer aber, die von den Beartungen im Haag sich wirklich die allgemeine Abrüstung und den ewigen Frieden versprachen, hatten angesichts der Haltung der Hauptstaaten längst alle auf die Konferenz gesetzten Hoffnungen aufgegeben. Das Ergebnis der großen Veranstaltung sind einige dankenswerten Beschlüsse, die an sich durchaus geeignet sind, der Sache der Menschlichkeit und Gesittung zu dienen. Es hängt aber alles davon ab, wie sie von den verschiedenen Staaten im Ernstfälle durchgeführt werden. Im übrigen bleibt alles, wie vorauszusehen war, beim Alten.
Das englisch-russische Abkommen ist nunmehr in einem englischen Blaubuche veröffentlicht worden. Rußland erkennt darin den gegenwärtigen Stand der Dinge in Asien im wesentlichen an und verzichtet auf weiteren Einfluß in dem lange und heiß umstrittenen Afghanistan, bem Grenzwall des britischen Indiens. Dafür verspricht England, sich mit der heutigen Lage in Persien, das in der Hauptsache sich selbst überlassen bleiben, und in Tibet, das weiterhin ungestörter chinesischer Besitz bleiben soll, abzusinden. Bei der Unterzeichnung des Abkommens hat der englische Botschafter in Petersburg ausdrücklich erklärt, daß die englische Politik fortfahren werde, den
gegenwärtigen Stand der Dinge im persischen Golf zu
bewahren und den britischen Handel unter Aufrechter- mit in mewyorr emgeirosM. nute .pochen wiru wapr- haltung der offenen Tür für alle Nationen zu ent- scheinlich vor Ende des Herbstes in Newyork stattsinden.
„Und in dieser Angelegenheit verlangen Sie meinen Rat?" fragte Geier.
„Rat und Hilfe," entgegnete s«, „die Verbindung darf nicht zu stände kommen, hören Sie» sie darf es nicht, müßte ich auch die Hälfte meines Vermögens opfern, sie zu vereiteln."
„Und derHerr Kommerzienrat ?" warf Geier mit einem lauernde» Blick ein.
„Denkt wie ich," antwortete sie. „Er überläßt eS mir, diese Sache zu ordnen, wie ich es für gut befinde. Seine Geschäfte nehmen ihn zu sehr in Anspruch, und zudem kennt er meine Ueberlegenheit in der Schlichtung unangenehmer Familien-Angelegenhciten."
Der Rechtskonsulent sah nackydeukend vor sich hin.
„Es wird uns kein anderer Weg bleiben, als das Mädchen auf irgend eine Weise verschwinden zu lassen," fuhr die Kommerzienrätin leise fort x „könnte man sie bewe- gen, in aller Stille und ohne Bo-rwiffen Julius' nach Amerika, oder einem anderen frem den Erdteile zu ziehen, so wäre uns geholfen." ,
Geier sah auf.
»DaS ist daSRechte nicht," erwiberte er; „den charakterfesten Mann können Schwierigkeiten nicht bewegen, die Bahn zu verlassen, die er sich vorgesteckt hat. Die nächste Folge würde sein, daß Ihr Sohn die Polizei in Bewegung setzte, um den Aufenthaltsort der Geliebten zu erforschen. Ist ihm dies gelungen, was heutzutage nicht schwer fällt, so reist er ihr »ach, unid Sie haben das Nachsehen. Wir müssen ein anderes MAtel wählen, wenn wir zum gewünschte» Ziele kommen Mollen;das Sicherste wird sein, daß wir das Mädchen moraNsch vernichten."
Die Kommerzienrätin hprchte auf. „Und wie das?" fragte sie. .-
„Nun, wir blieben der Näherin einen Diebstahl oder irgend ein anderes Verbrechen auf," fuhr der Rechtskon- . suleut gleichgültig fort, „ bringen sie vor das Schwurgericht, sie wird verurteiht, »uf einige Jahre ins Zuchthaus gesperrt, und ich möchte Wen jungen, unbescholtenen Mann
wickeln. Deutschland hat somit keinen Grund, mit dem neuen englisch-russischen Abkommen unzufrieden zu sein.
In Rußland beschäftigt sich die politische Welt mit den Dumawahlen. Bis jetzt kann man sich selbstverständlich kein Bild davon machen, wie die nach dem neuen Wahlsystem gewählte dritte Duma beschaffen sein wird. Gleichwohl hat es den Anschein, als ob in der neuen Volksvertretung die Linke in ziemlicher Stärke zurückkehren wird Rußland aber wird nicht eher in eine gedeihliche Entwickelung kommen, als bis in die Duma Männer gesand werden, die nicht bloß zu reden verstehen, sondern auch fähig und bereit sind, mit dem Monarchen zusammenzuarbeiten und positive Arbeit zu leisten. ______________________________
Deutsches Reich.
— Für den Aufenthalt des deutschen Kaiserpaares in London werden von der Stadt große Vorbereitungen getroffen.
— Der Kaiserbesuch in England. Der Deutsche Kaiser wird nach einem Telegramm aus London bei seiner Ankunft in England im Hafen von Portsmouth landen. Die kaiserliche Jacht wird in Spitehead vom Kanalgeschwader begrüßt werden. Zum Empfange des deutschen Kaiserpaares werden sich der Prinz von Wales und der Herzog von Connaught nach Portsmouth be- geben, von wo die Abreise nach Windsor erfolgt. — Der Besuch der kaiserlichen Familie in Cadinen wird infolge veränderter Dispositionen doch stattsinden. Die Kaiserin und die Prinzessin Viktoria Luise treffen bereits am Sonnabend Abend dort ein, der Kaiser wird voraussichtlich erst im Laufe dieser Woche von den Beisetzungsfeierlichkeiten in Karlsruhe zurückkehrend, nach Cadinen kommen.
—' Aus bem Haag wird halbamtlich gemeldet, daß der Besuch des Deutschen Kaiserpaares voraussichtlich zwischen dem 18. und 20. November auf der Rückreise von England erfolgen wird. Die Nachricht von dem Besuch ist in ganz Holland mit lebhafter Freude ausgenommen worden.
— Am Donnerstag hat auf Villa Hügel in Gegenwart des Prinzen Adalbert, als Vertreter des Kaisers, die Taufe des Sohnes des Herrn v. Krupp-Bohleu und Halbach staltgefundc», der den Namen Alfred
erhielt.
— Die Verlobung der Miß Gladys Vanderbilt mit dem Grafen Ladislaus Szechenyi wird in Newyork angekündigt. Der Graf ist als Gast der Mrs. Vanderbilt in Newyork eingetroffen. Die Hochzeit wird wahr
sehe», derso töricht ist, eine bestrafte, gebrandmarkte Ber- brecherin als sein Weib heimzuführen."
„Die Idee ist gnt,"versetzte die Kommerzienrätin, „wie aber wollen Sie dieselbe ausführen?"
„Das sei meine Sorge," antwortete Geier. „Sie wer- den einsehen, daß ich meinen guten Ruf und meine Praxis dabei aufs Spiel setze, und ich wünsche vorab zu hören wie hoch Sie meinen Dienst in der Angelegenheit schätzen *
Die Kommerzienrätin erhob sich. „Fordern Sie," jagte sie stolz, „ich bin nicht gewohnt, zu knickern."
Geierhielt eine» Augenblick prüfend seinen Blick auf das Antlitz der ihn, gegenüber Stehenden gerichtet, als suche er in demselben zu erforschen, wie hoch er seine gor« derung stellen dürfe.
„Ich werde bedeutende Auslagen und großen Zeitver- lust haben," hob er bedächtig an, „wohlan, geben Sie mir zehntausend Taler, die erste Hälfte morgen, die andere am Tage der Verurteilung des jungen Mädchen» zahlbar, so werde ich es unternehmen."
„Ich finde Ihre Forderung sehr hoch," entgegnete die Kommerzienrätin zögernd, „doch gleichviel, ich bewillige sie und werde Ihnen morgen die erste Hälfte der Summe zusenden. Führen Sie die Sache rasch und gut zu Ende, so verdopple ich die zweite Hälfte." Bei den letzten Wor- ten hatte die Kommerzienrätin den Schleier wieder vorgezogen. „Ich werde Ihnen selbst das Geld morgen bringen," fuhr sie fort, „entwerfen Sie bis dahin Ihren Plan, von dessen Gelingen die Ruhe einer ganzen . Familie ab- hängt."
„Und der auf der anderen Seite den Frieden und da» LebeuSglück eines unschuldigen Mädchens für immer vernichtet," murmelte Geier, als die Kommerzienrätin da» Kabinett verlassen hatte „Ah pah," fuhr er fort, „was gelten heutzutage noch Unschuld und Rechtlichkeit? Will der eine steigen, muß zuvor der andere fallen, sehe jeder selbst zu, wie er sich durchschlägt."
Er nahm einen Zettel vom Pulte und trat in da» Schreibzimmer 144,18