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mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Aalgeber.
Erscheint Mkittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
«M 78. Samstag, den 28. September 1907. 58. Jahrgang.
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■ November, Dezember) die
” Schlüchterner Zeitung
^ mit amtl. Kreisblatt
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Bekanntmachung
Das Königliche Meldeamt befindet sich vom 1. Oktober d. Js. ab in dem neuen Kreishause zu Gelnhausen an der Barbarossastraße.
Meldestunden sind an Werktagen von 8 bis 12 Uhr, vormittags, an Sonn- und Feiertagen vön 11 bis 12 Uhr mittags.
Stenglein, Major z. D. und Bezirksosfizier
Deutsches Reich.
— Die feierliche Weihe des NationaldenkmaO in Memel zur Erinnerung an die Erhebung Preußens im Jahre 1807 ist in Gegenwart des Kaisers und des Prinzen Friedrich Wilhelin von Preußen vollzogen worden. Die Festrede hielt der Minister des Innern v. Moltke. Das Denkmal stellt die Borussia in Bronze auf einem kanelierten Säulenstück aus schlesischem Granit dar. Die Figur steht da im Panzer mit Adlerhelm, das offene Schwert in der Rechten, in der Linken Schild und römisches Feldzeichen, auf dem das Wort Borussia steht. Am Sockel zeigt ein Medaillon die Reliefs Friedrich Wilhelms III. und der Königin Luise. Rechts und links vom Denkmal unter Bäumen sind Bankanlagen angebracht, die von je zwei Hermen flankiert sind, welche Pork, Gneisenau, Scharnhorst, Dohna einerseits und Stein, Hardenberg, Schön, Schrötter anderseits
darstellen. — Von Memel begab sich der Kaiser nach Rominten.
— Die Kaiserin und die Prinzessin Viktoria Luise sind Mittwoch mittag 12 Uhr 55 Min. in Groß-Rominten eingetroffen und vom Kaiser am Bahnhof empfangen worden. Die Majestäten begaben sich nach dem Jagdschloß. — DieAbreise der Kaiserin von dort nach der kaiserlichen Gutsherrschaft Cadinen im Elbinger Landkreise ist nach den bisherigen Dispositionen auf Montag, ben 30. Sept. festgesetzt. Der Kaiser verbleibt noch bis zum 9. Oktober in Rominten und begibt sich dann ebenfalls nach Cadinen. Für die Rückkehr des Kaiserpaares nach Berlin ist der 10. Okt. vorgesehen.
— In Anwesenheit des Kaisers hat die feierliche Einweihung des restaurierten Domes in Königsberg in Pr., der einstigen Kathedrale des Bistums Samland, stattgefunden. Der Generalsuperintendent von Ostpreußen D. Braun hielt die Weihrede.
— Der Hygiene-Kongreß ist in Berlin zusammen- getreten. Im Beisein des Kronprinzen wird zu gleicher Zeit im Reichstags-Gebäude eine Ausstellung für Hygiene eröffnet.
— Zum Chef des reitenden Feldjägerkorps wurde General v. Plesfen, der Kommandant des kaiserlichen Hauptquartiers, ernannt.
— Der König von Siam, der bekanntlich 5000 M sstr die Saalburg stiftete, erhielt vom Kaiser Wilhelm folgendes Telegramm: „Ich bitte Ew. Majestät, meine aufrichtigsten Glückwünsche zu Ihrem Geburtstage und meine besten Wünsche für den vollen Erfolg Ihrer Homburger Kur entgegenzunehmen. Ich bin außerordentlich dankbar für Ew. Majestät freundliche Spende für den Ausgrabungenfonds meiner lieben Saalburg." König Chulalongkorn antwortete, daß er durch die liebenswürdigen Glückwünsche aufs tiefste gerührt sei. Seine Homburger Kur sei erfolgreich gewesen und er danke dem Kaiser zugleich für dessen liebenswürdige Fürsorge. Ihm, dem König, sei von den Homburger Behörden jede mögliche Aufmerksamkeit entgegengebracht worden, sodaß sein Aufenthalt dort sehr angenehm und erfreulich gewesen sei. An den römischen Ausgrabungen auf der Saalburg nehme auch er gleich dem Kaiser lebhaften Anteil.
— Wegen Vergehens gegen den Kanzelparaggraphen, § 103 a des Reichsstrafgesetzbuches, wurde Propst Ols- zewski aus Osiek zu I'/, Jahren Gefängnis verurteilt und feine sofortige Verhaftung verfügt. Organist Czaplewski erhielt sechs Wochen Gefängnis.
— Das lenkbare Luftschiff des Grasen Zeppelin ist heute wiederum aufgestiegen. Es waren zahlreiche Koryphäen und Interessenten der Luftschiffahrt einge- troffen, unter ihnen Major Groß und Major v. Par- seval. Die anfänglichen Zweifel gegen das starre System sind in das Gegenteil umgeschlagen. Das Flugschiff ist nach leichter Nachfütlung wieder fahrbereit und konnte gestern nachmittag mit dem Grafen Zeppelin als Führer und Prof. Hergesell (Straßburg) als Reichskommissar von neuem aufsteigen.
— Bei den Wahlen zum neuerrichteten Gewerbegericht Merseburg errangen der Ortsverband der evangelische Arbeiterverein, trotzdem beide erst kurze Zeit bestehen, zwei Sitze gegen fünf der Sozialdemokraten, deren Organisation sich bisher als alleinige Vertretung der Merseburger Arbeiter aufgespielt hatte.
Ausland.
— In Deutsch-Südwestafrika hat die Morenga- Affäre ein schnelles und unerwartetes Ende gefunden. Nach einer Meldung des Reuterschen Bureaus aus Upington hat das Kommando des Majors Elliot Mor- enga bei Witpan an der Kolahari angegriffen, als er auf dem Wege war, sich mit Simon Kopper zu vereinigen Morenga, sein Sohn, sein Onkel und seine Anhänger seien getötet, während auf Seite der Britten ein Korporal getötet und ein Gemeiner verwundet worden sein soll. Diese Nachricht ist später durch einen amtlichen Bericht aus Kapstadt bestätigt worden. Deutsche Truppen haben an dem Gefecht nicht teilgenommen. Witpan, der Punkt in der Kolahari, an welchem Morenga jetzt sein Schicksal erreichte, liegt auf englischem Gebier, ziemlich nahe der deutschen Grenze und etwa 60 bis 70 kni nördlich von Van Rovis Bley, jener offenen, ebenfalls auf englischem Gebiet .gelegenen Wasserstelle, an welcher Morenga seinerzeit vom Haupt- mann Bech überrascht, seine Abteilung zersprengt und er selbst schwer verwundet wurde.
— Dem Hasenarbeiterausstand in Rotterdam haben sich auch alle bei der Verladung von Getreide beschäftigten Dockarbeiter angeschlossen.
— Das Resultat der Wahlmännerwahlen zur russischen Duma im Petersburger Gouvernement ist ein trauriges Zeichen für die Gleichgültigkeit der Kleinbesitzer unter dem Zensus von 3000 Rubel. Es hatten sich nur 6% v. H. Wähler zur Abstimmung eingefunden. Die Opposition siegte. Vom Petersburger Kreis wurden sieben Kadetten als Vertrauensmänner gewählt. In
Autrennvar- Kerzen.
Roman von Otinar WilmS. 8
„Wünschen Sie jedoch, daß wir unS in einer anderen Sprache unterhalten, so stehe ich mit Vergnügen z» Dienst, dann aber liebe ich es auch, meinen Worten stets den nötigen Nachdruck zu geben."
Die Handbewegung, welche Tümpling machte, ließ den Schreiber über die Art dieses Nachdrucks nicht in Zweifel, und der Ton seiner Stimme war um ein Bedeutendes gemildert, als er auf diese Worte erwiderte, daß es durchaus uicht unhöflich sei, wenn man ihm höflich ent- gegenkomme. Der Umstand jedoch, daß Tümpling seine übelriechende Zigarre nicht draußen gelassen, sondern hier ruhig weiter geraucht habe, waS sich doch in keinem anständigen Hause, noch weniger aber in einem Bureau gezieme, gebe ihm zu der Vermutung Anlaß, er, Tümp- ling sei ein Mann, dem jede Lebensart mangele und wel- chem man dreist und unverschämt entgegentreten müsse.
Tümpling starrte den Sprechenden einige Augenblicke mit offenem Munde an. „Eine schöne Entschuldigung!" entgegnete er, indem er die Zigarre inS Zimmer warf: „Also die Kajüte hier nennt Ihr ein Bureau? Freilich, wenn eS zu einem solche» nicht mehr als eines alten, tan« neuen Schreibpultes und zweier wackeligen Stühle bedarf, habt Ihr recht. Doch reden wir von etwas anderem. Ihr seid mit Eurer Stelle wohl sehr zufrieden, he ? Na, kannS mir denken; den ganzen Tag allein im Hause, könnt tun und lassen, waS Ihr wollt, bezieht ein hübsches sicheres Gehalt; was will der Mensch mehr verlangen?"
Der Schreiber war wieder anS Fenster getreten; von Minute zu Minute wuchs seine Ungeduld, und die Worte des Fremden nährten nur den Zorn, den er gegen seinen Herrn im Herzen trug. Er sah nicht, daß Tümpling seinen Blick lauernd auf ihn richtete, doch hörte er dem Tone seiner Stimme an, daß der Frage eine tiefere Absicht als harmlose Neugier zu Grunde lag, und er deshalb wohl tat, vor dem Vagabunden auf der Hut zu sein.
„Wenn Sie dies glauben," antwortete er, indem er sich umwandte, und die großen Augen stier auf den Fremden richtete, „warum fragen Sie denn noch? Ja, ich bin zufrieden mit meiner Stelle, so sehr, daß ich keine bessere verlange . . doch da kommt Herr Geier."
Tümpling erhob sich und näherte sich hastig dem Schreiber. „Wenn Sie ein hübsches Sümmchen verdienen wollen," flüsterte er, „so kommen Sie heute abend in die Promenade vor dem St. Nikolastore, ich werde dort sei» und Ihnen weitere Mitteilung machen, aber lassen Sie Ihren Alten nichts davon erfahren, verstanden?"
Ferdinand nickte und nahm, da der RechtSkonsulent eben eintrat, seine Mütze vom Nagel, um nach Hause zu gehen.
„Daß Ihr in einer Stunde wieder hier seid?" rief Geier ihm rauh nach. „WaS wollt Ihr?" fuhr er, sich zu dem Vagabunden wendend, fort. „Habe ich Euch nicht ge- sagt, Ihr solltet mir drei Tage Zeit lassen? Ich liebe eS nicht, von Leuten Eures Schlages gedrillt zu werden, merkt Euch das. Fangt Ihr an, nur lästig zu fallen, werde ich meine Maßregeln treffen, Euch für immer los zu wer- den."
„Oho!" entgegnetederFremde, während er dem RechtS- konsulenten in das anstoßende Kabinett folgte und sich dort auf die Ecke eines Tisches setzte, „Ihr führt ja heute eine absonderliche Sprache, waS habt Ihr wieder auf dem Her- zen? Waren die drei Tage, die Ihr Euch ausbedungen hattet, nicht gestern schon verstrichen, he? Länger haltet Ihr mich nicht hin, entweder Ihr erfüllt Euer Versprechen noch heute, oder morgen weiß die ganze Stadt, welche Nebengeschäfte der RechtSkonsulent Geier betreibt. Ich kal- tuliere, Handschellen und eine Gefängniszelle sind Eure Passion nicht, he?"
Der RechtSkonsulent hatte seinen Hut abgesetzt, den langen Tuchrock, aus dessen Taschen er mehrere Papiere nahm, die er sorgfältig in sein Pult legte, ausgezogen und einen alten, zerrissenen Schlafrock angelegt.
Er ließ sich aus seinem Drehstuhle nieder, schob bi« grüne Brille auf die Stirne und warf einen stechenden Blick auf den ihn gegenübersihenden Vagabunden. „Ihr vergeht," entgegnete er ruhig, „daß ich die Macht habe, das, womit Ihr mir droht, an Euch zu bewahrheiten. Zwingt mich nicht, von dieser Macht Gebrauch zu machen, Ihr möchtet es bitter bereuen!"
„Wagt es!" brauste Tümpling auf, indem er demRechtS- konsulenten unsanft auf die Schulter schlug, „verhaftet man mich heute, holt man eine Stunde später auch Euch, dafür werde ich sorgen. Seid versichert, wenn ich einmal hängen muß, dann soll es auch in Gesellschaft geschehen, und zwar in der eine» Mannes, dessen ich mich nicht zu schämen brauche. Ihr wißt das eben so gut wie ich," fuhr er ruhiger fort, „und werdet Euch hüten, mich öffentlich eines Verbrechens zu zeihen, an dem Ihr selbst teilnahmt."
„Glaubt nicht, weil Ihr mir Eure Briefe, die Ihr damals an mich schriebt, listig wieder abgeschwindelt habt, könne Euch nichts bewiesen werden; schwöret Ihr selbst einen Meineid, dessen ich Euch fähig halte, eS würde Euch nicht retten."
Ueber die Lippen des Rechtskonsulenten glitt ein höhnisches Lächeln. „Ihr ereifert Euch umsonst," versetzteGeier, „sagt mit dürren Worten, waS Ihr von mir wollt, und laßt alles andere unberührt." 144,18
„Ist Euer Gedächtnis so schwach, daß Jhr'S schon vergessen habt?" fragte Tümpling. „Ich verlange, daß Ihr daS Versprechen erfüllt, welches Ihr mir heute vor vierzehn Tagen in Eurer Stube gabt. „Tümpling, sagtet Ihr, läuft die Sache gut ab, so gebe ich Euch fünftausend Taler und einen Reisepaß fürs Ausland; Ihr könnt Euch dann in Amerika antaufen und braucht nicht länger in Angst zu schweben, daß Ihr hier noch einmal .. . Na, Ihr wißt ja, was ich meine. Dieses Versprechen bewog mich, auf Euren Plan einzugehen und ihn gemeinsam mit Euch auSzuführen. Nun die Sache so gut abgelaufen ist, wie man dies nur wünschen konnte, tut Ihr, als sei von jener Vereinbarung nie die Rede zwischen unS gewesen,"