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WWeMkMung

mit amtlichem Kreisblatt.

Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.

Erscheint Mittwoch und Samstag. -- Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

M 75.

Mittwoch, den 18. September 1907.

58. Jahrgang.

Die Lage in den russischen Ostseeprovinzen.

Die Lage in den baltischen Provinzen hat sich, so wird derOstd- Korr." aus Riga geschrieben, seit Außerkraftsetzung der Feldgerichte erheblich verschlechtert. Es ist gekommen, wie von einsichtigen Beurteilern vor­ausgesagt worden ist: der anarchistische Terror wächst im Verhältnis zur Schwäche der Regierung, und die Greueltaten, von denen die Zeitungen täglich berichten müssen, reden eine traurige, aber beredte Sprache. Die Erregung wächst zusehends, und im Volke beginnt der Gedanke an eine neue blutige Revolution wieder um-- zugehen. Es isi dank den Offenherzigkeiten der sozi­alrevolutionären Zeitungen, die, obwohl verboten, immer wieder erscheinen und, da ihr Druckort unbekannt bleibt, nicht unterdrückt werden können, kein Geheimnis, daß die sozialdemokratischen Organisationen in den baltischen Provinzen keine Abnahme aufweisen, sondern unermüd­liche Propaganda unter den Arbeitern, dem Landvolke, den Volksschullehrern und den Landgemeindebeamten betreiben, ja, es hat ganz den Anschein, baß der be­rüchtigte lettische Vertreter der Stadt Riga, Ohsol, das Haupt des revolutionären Militärverbandes ist, dem man kürzlich auf die Spur gekommen ist.

Leider zeigt die Regierung auch in den Provinzen, seitdem der schneidige Generalgouverneur Baron Möller» Sakomelski plötzlich auf langdauernden Urlaub gegangen ist warum, ist bis heute nicht geklärt große Lässigkeit. Obwohl überall auf dem flachen Lande Agenten in auffallenden Farben Einzug halten, Wander- redner die Menge aufwiegeln und die Haltung des Volkes wieder aufsässig und provozierend ist, so drücken die provinziellen Polizeichargen beide Augen zu. Kein Wunder, wenn der Respekt im raschen Schwinden ist, die Arbeiter demonstrativ mit roten Abzeichen paradieren und das gebildete Publikum in dreister Weise belästigen. Als symptomatisches Kuriosum ist in diesem Zusammen' hang zu verzeichnen, daß der Seßwegensche Kirchspiels­lehrer Sch. (in Livland), der vor den Strafexpeditionen in die Schweiz floh und jetzt dort lebt, an den Kirchen- Vorsteher ein Schreiben sandte, worin er Auskehlung und Uebersendung seines Gehalts beanspruchte und der Kirchen- und Schulkonvent beschloß, mit nur drei Stimmen dagegen, Uebersendung des Gehalts an den Flüchtling!!

Schon ist man auch von Gedanken und Beschlüssen zu blutigen Taten fortgeschritten : in Riga sind unlängst zwei brave Schutzleute das Opfer ihres Berufes geworden, in Kurland Graf Edgar Keyserling auf der Landstraße

nahe der littauischen Grenze von einer Bande von sechs Letten überfallen, mißhandelt, ermordet und ausgeraubt worden. Die Hallunken begaben sich hierauf auf den Gutshof Grossen, erzwängen sich Eintritt, ließen sich Esseu auftragen, raubten alles Geld und sechs Winchester- büchsen und fuhren hierauf singend und johlend auf einer requirierten Gutsequipage nach Littauen ab! Graf Kayserling, der früher ehrenamtlicher Kreischefgehülfe gewesen ist, war den lettischen Mordbuben offenbar schon deshalb ein Stein des Anstoßes.

Während so drohende Sturmanzeichen am Horizont aufsteigen, setzt die deutsche Bevölkerung der drei Pro­vinzen mit erfreulicher Energie den Aufbau des durch die Russifizierung vernichteten deutschen Schulwesens und die wirtschaftliche Stärkung der Deutschen fort. Der Rechenschaftsbericht des deutschen Vereins in Livland für das erste Jahr (Mai 1906 -1907) und der Jahres­bericht des deutschen Frauenbundes in Riga eröffnen sehr erfreuliche Ausblicke: überall regen sich patriotische Hände, und der Eifer wächst. Schule um Schule ent­steht, und der Andrang zu ihnen ist so gewaltig, daß die Mittel nicht ausreichen sollen, um auch nur das Notwendige zu befriedigen.

Deutsches Reich.

Außer dem Prinzen August Wilhelm, dem vierten Kaisersohn, wird noch Prinz Waldemar, der älteste Sohn des Prinzen Heinrich, die Universität Straßburg beziehen.

Prinz August von Sachfen-Koburg und Gotha ist, wie aus Karlsbad telegraphiert wird, gestorben. Prinz August wurde am 9. August 1845 zu Eu in Frankreich'geboren. Er war kaiserlicher brasilianischer Admiral und heiratete am 15. Dezember 1864 die Prinzessin Leopoldina von Brasilien, die ihm im Tode vorangegangen ist.

Der Deutsche Ostmarkenverein wendet sich zum Umzugstermin an seine Freunde und Gönner mit der Bitte, ihm Bücher, die vielfach unbeachtet, jetzt aber beim Umzug gern für nützlich Zwecke abgegeben werden, zuzuwenden. DasjBestreben, die vom Polentum durch­setzten Provinzen unseres Vaterlandes zur Förderung und Festigung des Deutschtums mit Lesestoff zu versehen hat bisher die besten Früchte gezeitigt. Um vollen Erfolg zu erzielen, ist aber noch viel zu tun übrig. Eine nationale Pflicht zu erfüllen findet Gelegenheit, wer Bücher geschichtlichen, geographischen und religiösen Inhalts, Zeitschriften, Kalender, Unterhaltungsschriften, Jugend- und Lefebücher stiftet. Mitteilung an den

Deutschen Ostmarkenverein, Berlin W. 50, Augsburger- straße 1 erbeten.

Der preußische ärztliche Ehrengerichtshof hat einen grundsätzlichen Beschluß gefaßt: Nach § 3 Abs. 3 des Ehrengerichtsgesetzes können politische, wissen­schaftliche und religiöse Ansichten oder Handlungen eines Arztes als solche niemals den Gegenstand eines ehrengerichtlichen Verfahrens bilden. Gelangen jedoch derartige Ansichten in einer Form zum Ausdruck, welche einen beleidigenden, gehässigen oder sonst unwürdigen Charakter hat oder welche den Tatbestand einer nach den allgemeinen Strafgesetzen strafbaren Handlung enthält,' so handelt es sich nicht mehr um politische Ansichten und Handlungen eines Arztes als solchen, sondern es bleibt festzustellen, ob der Arzt nach den besonderen Umständen im Einzelfalle sich neben der strafrechtlichen Verantwortung auch ehrengerichtlich strafbar gemacht hat.

Welche Geldopfer die Sozialdemokratie für die Reichstagsivahlen gebracht hat, geht aus einem Bericht in einer sozialdemokratischen Parteiversammlung in Leipzig hervor. Danach hat die Wahl in Leipzig- Land, wo der bisherige Abg. Geyer im ersten Wahl­gange wiedergewählt wurde, der Sozialdemokratie nicht weniger als 57 466 Mark gekostet. In diesem einen Kreise wurden insgesamt 298 Wählerversammlungen abgehalten, mehr als 1 */ Millionen Flugblätter, 234850 Handzettel und 896 000 Stimmzettel verteilt und 11 757 Plakate angeschlagen. Die Wahl in den vier Kreisen Oschatz-Wurzen, Leipzig-Stadt, Leipzig-Land und Borna-Penig, die von dem Agitationskomitee zu bearbeiten waren, verschlang in Summa 106 635 Mark. Die Hinnahmen des Wahlsonds waren aber noch um rund t>300 Mark höher, »voraus sich ergibt, daß es an Opferwiltigkeit zu Parteizwecken bei den Sozial- deniokraten nicht fehlt, die sich die bürgerlichen Parteien zum Muster nehmen sollten.

In einer Sitzung der sozialdemokratischen Jugend­organisation Breslaus beschlagnahmte die Polizei alle ihr erreichbaren Liederbücher für die arbeitende Jugend deren Herausgeber Peters-Berlin, der Vorsitzende des Berliner sozialdemokratischen Vereins der Lehrlinge, ein junger Mensch von neunzehn Jahren, wegen Auf­reizung zum Klassenhaß, begangen durch das Lied, Die Arbeitsmänner" von Johann Moß, von der Berliner Strafkammer zu 50 Mark Geldstrafe verurteilt worden ist.

Von treudeutscher Gesinnung zeugt folgendes Vorkommnis in Schlesien. Ein Kesfelsdorfer Bauern-

WnLrennSare Kerzen.

** Roman von Otmar WilmS.. 5

Einige meiner Nachbarn hatten bemerkt," so hieß es in dem Testament weiter,daß Ella am Abend deS vorhergegangenen TageS mit dem Kinde in einen Wa­gen gestiegen und davon gefahren war. Ich wartete acht lange, lange Tage und Nächte, ehe ich einen Schritt zur Verfolgung des undankbaren Weibes tat; ich konnte mir «S nicht ausreden, daß Ella nur eine dringend nötige Reise unternommen und das Kind, um es nicht allein zu lassen, mitgenommen habe, jedenfalls aber zu mir zurückkehren werde. So oft ein Wagen an meinem Hause vorbeifuhr, eilte ich aus Fenster, in der sicheren Hoffnung, denselben halten und Ella mit dem Kinde aussteigen zu sehen. Als aber acht volle Tage verstrichen waren, ging ich endlich zum Polizeiamte. Ich machte dort die Anzeige von dem rätselhaften, spurlojeu Verschwinden meines Kindes, nahm Postpferde, durchreiste die ganze Umgegend in einem Um­kreise von zehn Meilen, fragte an jeder Station, an jedem Wirtshause, an jedem Häuschen auf der Landstraße, ja selbst die Leute auf dem Felde, ob sie nicht eine Frau mit einem Kinde des WegeS hätten kommen gesehen, umsonst, nirgends fand ich eine Spur von dem teuren, kleinen We­sen. ES blieb mir nun nur eins zu tun übrig, nämlich in den Zeitungen von meinem Verluste Anzeige zu machen und meine Mitmenschen fern und nah aufzufordern, mir zur Auffindung des Kindes behilflich zu fein"

Auch dies versäumte ich nicht, doch alle meine Schritte und Bemühungen, die ich fünf Jahre hindurch mit uner­müdlicher Geduld fortsetzte, blieben ohne Erfolg. Ich ge­wöhnte mich an den Gedanken, mein Kind nie wieder zu sehen und die Lücke, die in meinem Herzen entstand, füllte bald der schmutzige Geiz, ein Geiz, der um so törichter war, als ich ja niemand mehr besaß, für den ich sparte und darbte. Der einzige, an dem ich hing, für den mein Herz noch etwas fühlte, war mein Jugendfreund Paul Geier.

Er bewies mir eine uneigennützige, treue Freundschaft und

leistete mir in jeder Hinsicht manchen guten Dienst. So schwanden meine Jahre eintönig und freudlos hin, nur wenn Geier mich besuchte, und dies geschah sehr häufig, fand ich im Gespräche mit ihm eine kleine Zerstreuung deren mein Gemüt bedurfte. Seine Freundschaft bewog mich vor zwei Jahren, ihn zu meinem Universalerben ein- zusetzen. Ich übergab ihm das hierauf bezügliche Papier versiegelt und zweifle nicht daran, daß er es nach meinem Tode vorzeigen wird. Seit dem Tage aber, an dem ich diesen meinen letzten Willen aufsetzte, hat vieles sich geän­dert. Nicht nur, daß in den letztvergangenen zwei Jahren die Ahnung, daß mein Kind noch lebt und einst zum vä­terlichen Herd zurückkehren wird, wenn dieser vielleicht schon längst verödet ist, plötzlich wieder in meinem Herzen auftauchte, von Tag zu Tag stärker wurde und jetzt fast als Gewißheit vor meiner Seele steht, entdeckte ich auch an meinem Freunde Seiten, die mir bis dahin unbekannt geblieben waren und die allein mich zu einer Aenderung jenes Testaments bestimmen würden. Ich weiß nicht, ob er den Inhalt des Papiers, welches ich ihin anvertraute, kennt und dieZuversicht hegt, daß jetzt nichts mehr daran geändert werden könne, doch scheint es mir fast so, denn er ist viel gleichgültiger gegen mich geworden, vernach­lässigt mein Interesse und tritt sogar mitunter brutal ge­gen mich auf, so daß die Vermutung in mir aufsteigt, er sehne sich nach meinem baldigen Tode."

Hier hielt der Friedensrichter inne, um einen ernsten Blick auf den Rechtskonsulenten zu werfen, der mit müh­sam verhehlter Wut stier vor sich hinblickte.

Der alte Narr," sagte Geier.Er schrieb dies acht Tage später, nachdem er den Prozeß verloren hatte. Ich habe ihn derzeit schon für unzurechnungsfähig gehalten, dieses Schriftstück gibt den eklatanten Beweis, daß ich recht hatte."

Ich behaupte daS Gegenteil," entgegnete der Frie- denSrichter ruhig,klarer kann wohl ein Testament nicht abgefaßt werden. Die Einleitung zu demselben ist nicht allein vernunftgemäß und folgerichtig, sondern auch in Be­

zug auf den Stil durchaus untadelhaft. Hören wir weiter: «Aus diesen Gründen erkläre ich hiermit das vor zwei Jahren zu alleinigen Gunsten des RechtSkonsulenten Paul Geier abgefaßte Testament für null und nichtig.

Ich will, daß eS nach meinem Tode mit meiner Hinter- lassenschaft also gehalten werden soll: Erstens: Sofort nach meinem Tode, bevor mein Körper der Erde zurück­gegeben ist, soll das Gericht ein Inventar meiner Hinter­lassenschaft aufnehmen und sofort die Siegel anlegen. Am achten Tage nach meinem Begräbnis sollen im Beisein des Notars Alfred Horn, dem ich dieses Testament übergebe, die Siegel wieder abgenommen und genannter Notar mit der Ordnung und Verwaltung der Hinterlassenschaft beauf- tragt werden. Zweitens: Der Herr Notar wird von jenem Tage ab, an welchem er diese Verwaltung antritt, fünf Jahre hindurch, ununterbrochen an jedem dritten Tage, in allen Zeitungen Deutschlands und den gelesensten des Auslandes die Aufforderung ergehen lassen, daß die Meta Westhaus, welche im Alter vouzweiJahren,amHimmel- fahrtstage des Jahres 1824, ihrem Vater, dem inC. wohn- haft gewesenen Rentner Richard Westhaus, gestohlen wor­den sei, sich bei dem Notar Horn behufs Antretung einer bedeutende» Erbschaft melden soll. In dem eisernen Do- kumenteu-Schranke, welcher sich in meinem Keller befin- det, wird der Herr Notar ein Papier vorfinden, auf dem ich niedergeschriebeu habe, an welchen untrüglichen Zei- chen er erkennen kann, ob die, welche sich auf jene Auffor­derung hin bei ihm meldet, meine Tochter ist, oder nicht. Drittens: Hat innerhalb jener fünf Jahre meine Tochter sich nicht gemeldet, so soll meine ganze Hinterlassenschaft, sowohl bewegliche als unbewegliche Güter, ihrem Werte nach in zwei gleiche Teile geteilt werden, die eine Hälfte vermache ich alsdann der Stadt unter der Bedingung, daß sie dieses Kapital rentbar anlegt und die Zinsen deSsel- ben alljährlich am Himmelfahrtstage unter diejenigen un­bemittelten Brautpaare der Stadt verteilt, die sich einer solche» Schenkung durch tadellosen Lebenswandel würdig gemacht haben." -1t41S.