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mit amtlichem Kreisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 74.
Samstag, den 14. September 1907.
58. Jahrgang.
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? Deutsches Reich.
— Eine Kabinettsorder des Kaisers an den Prinzen Heinrich spricht diesen! den wärmsten Dank für seine Tätigkeit als Flottenchef aus und belobt in den anerkennendsten Worten die Leistungen der Flotte der letzten Flottenmanöver. Der Kaiser hat aus diesem Anlaß zahlreiche Auszeichnungen verliehen.
— Kaisermanöver. Der Kaiser begab sich am Montag früh 726 Uhr im Hofzuge von Wilhelmshöhe nach dem Manövergelände. Die fürstlichen Gäste und die sremdherrlichen Offiziere folgten im Sonderzuge. — Die allgemeine Kriegslage lautete: Eine rote Armee wurde am 5. und 6. September zwischen Dülmen und Lünen von einer blauen Armee geschlagen und gegen den Teutoburger Wald zurückgedrängt. Die genannten Orte liegen südlich von Münster. Rot ist das verstärkte 10. Armeekorps mit der Kavallerie-Division B, blau das verstärkte 7. Armeekorps mit der Kavalleriedivisions A. Der Kaiser in der Uniform der Posener Jäger zu Pferde verließ den Sonderzug bei Borgholz und begab sich im Automobil nach Rothe, wo er um 7 74 Uhr zu Pferde stieg. Der Kaiser beobachtete dort die von Norden her über Höxter anrückende Kavalleriedivision B, welche auf die Spitze des von Süden nahenden 7. Korps stieß. Die Kavalleriedivision B ging auf Brockel zurück. Das Wetter ist schön. — Die rote Partei versuchte später, um sich in den Besitz des Geländeab- schnites zu setzen, das durch den Bach Nethe gebildet wird, mit der 20. Division einen Angriff mit Sturin auf die Höhen von Hampenhausen. Die wesentlichen Teile der beiden Parteien wurden mit der Eisenbahn bis in die Nähe des Gefechtsgeländes geführt, nach und nach ausgeladen, um sogleich einzugreifen. Gegen Mittag ließ die Heftigkeit des Gefechts nach.
— Am Dienstag am 2. Tag des Kaisermanövers f beabsichtigte das siebente Korps (blau) den linken Flügel des zehnten Armeekorps bei Tietelsen anzugreifen. Das zehnte Korps erwartete den Feind in stark befestigter Stellung. Der rechte Flügel des siebenten Korps, nämlich die 41. Division, griff an, wurde aber zurückgewiesen. In der Folge ging die rote Partei unter heftigem Artilleriefeuer zum Angriff über und drängte den rechten Flügel der blauen Partei auf Marburg zu, so daß das ganze siebente Korps zurückgehen mußte. Dör Kaiser, die fremden Fürstlichkeiten und die fremdherrlichen Offiziere wohnten dem Manöver bei.
— Eine neue Armeeinspektion, die sechste, wird
laut kaiserlicher Verfügung ain 1. Oktober errichtet. Die Einteilung ist dann folgende: 1. und 6. Inspektion in Berlin; die 1. mit dem 2., 8. und 9. Korps, die 6. mit dem 1., 5. und 17. Korps. Zur 2. Inspektion Meiningen gehören das 6., 11., 12. und 19., zur 3. Inspektion Hannover das 7„ 10., 18. und 13. Korps, zur 4. Inspektion München das 3., 4. preußische und das 1., 2., 3. bayerische Korps, zur 5. Inspektion Karlsruhe das 14., 15. und 16. Korps.
— Nach Schluß des Kaisermanövers in der Nordsee, bei dem wieder um die Elbmündung gekämpft wurde, fährt unsere Hochseeflotte zur Fortsetzung der Uebungen jetzt nach der Ostsee. Dort werden bis zum 13. September in Gemeinschaft mit Teilen des 82. Infanterie- Regiments und 2 Schwadronen des 16. Husarenregiments Landungsmanöver bei Abenrade abgehalten. Die Nordseemanöver litten zuletzt sehr unter Nebel. Ein Zusammenstoß, der zwischen den Torpedobooten 9 und 74 erfolgte, ist unbedeutend gewesen. Die Beschädigungen sind nur geringfügig.
— Wie die „Nordd. Allg. Ztg." mitteilt, hat sich der japanische Botschafter Jnouye nach Norderney bc- geben, um vor seiner Abreise nach Japan sich vom Fürsten Bülow zu verabschieden.
— Pros. Dr. Robert Koch, der nunmehr seine Studien über die Schlafkrankheit als wissenschaftlich abge- schlosfen ansieht, tritt in nächster Zeit die Rückreise aus Afrika an und trifft Anfang November in Berlin ein.
Ausland
— Aus einer in Keetmanshoop gehaltenen Rede des Unterstaatssekretärs v. Lindequist sei folgende Stelle hervorgehoben: Als Redner das erste Mal in dieses Land hinausgekommen sei, da habe ein englischer Premierminister noch die Stirn gehabt, öffentlich zu sagen: „Die Deutschen machen uns in Südwestafrika ein Bett zurecht, in das wir uns hineinlegen werden." Diese Zeiten sind vorbei. Südwestafrika sei für uns deshalb die wertvollste aller Kolonien, weil hier der Deutsche dauernd leben, zu Wohlstand gelangen, eine Familie gründen, weil er hier leben und sterben und seinen Nachkommen die erworbene Habe zu ungestörtem weiteren Besitz hinterlassen könne. Das sei in den übrigen Kolonien mit ihrem meist tropischen Klima nicht oder doch nur in beschränktem Maße der Fall. Daß aber dieses für uns zur Kolonisation so besonders geeignete Land sich nun auch kräftig entwickeln werde, dafür bürge die Fähigkeit des Deutschen als Kolonist.
— In der Marokko Angelegenheit hat zwischen Frankreich und Deutschland ein Notenwechsel stattge- funden. Auf die französische Note, iu der die Absicht Frankreichs, in den marokkanischen Häfen eine provisorische Polizei einzurichten, mitgeteilt wurde, sprach die deutsche Regierung in einer Antwortnote das Bedenken aus, daß durch die Errichtung dieser Polizei die Lage der in Marokko lebenden Europäer noch gefährlicher gestaltet werden könnte.
— Das Plenum der Haager Friedenskonferenz hat den Entwurf über die Eröffnung der Feindseligkeiten und den Entwurf über die Rechte und Pflichten der neutralen Staaten zu Lande angenommen.
— Wieder werden neue Schandtaten der russischen Terroristen gemeldet. In Sosnowice ist der Generaldirektor Kwasniewski von der Renard-Grube durch 6 Revolverschüsse ermordet worden. Hier handelt es sich zweifellos um einen Racheakt aus politischen Beweggründen. Ein Rentier Eduard Zeifer aus Paris ist in Wien verhaftet worden als Mitschuldiger des Russen Nauiinow, der in Venedig den Mordversuch auf den Grafen Kamarowsky verübte. Wie sich jetzt heraus- stellt, handelt es sich um ein förmliches gegen den Grafen gerichtetes Komplott, das die Erlangung einer Lebensversicherung zum Zwek hatte.
— Der amerikanische Haß gegen die japanischen Einwanderer ist, nachdem er an der kalifornischen Küste eben erst beschwichtigt wurde, wieder an einer andern Stelle zum Ausbruch gekommen. In Vancouver in Britisch-Kolunibien verwüstete infolge der Weigerung des Gouverneurs, das Gesetz zu unterzeichnen, welches die Ausschließung der Asiaten aus Britisch Columbien bezweckt, ein Pöbelhaufe das japanische und das chinesische Viertel; In einem Bezirke trieben die Japaner, mit Messern und Stöcken bewaffnet, dic Angreifer zurück und verwundeten etwa zwölf. Ein Japaner wurde tötlich verletzt. Der Pöbelhaufe griff auch vierhundert Japaner an, die gerade von einem angekommenen Dampfer an Land gingen, und warf einige davon ins Wasser, die nur mit knapper Not gerettet werden konnten.
Lokales und Provinzielles.
Schlächtern, 13. September 1907,
—* Ihr Ende erreichen am 15. d. Mts. die am 15. Juli begonnenen Gerichtsferien. Am Montag, den 16. September wird au allen Gerichten der volle Betrieb wieder ausgenommen, so daß in den Hallen
N«tren«Vare Kerze«.
Roman von Otmar WilmS. 4
„Ich nehme Sie zu Zeugen," versetzte der Richter, in- dem er das Siegel erbrach, „hören wir, was das Testament bestimmt: Ich Endesunterzeichneter, Richard West- haus, Rentner, hierselbst wohnhaft, setze hiermit meinen Jugendfreund, den RechtSkonsulent Paul Geier zu mei- nem alleinigen Erben ein, dergestalt, daß alle bewegliche und nndewegliche Güter, sowie alle AuSstände, Dokumente und Forderungen, welche ich hinterlasse, ungeteilt und unbestritten sofort in seinen Besitz übergehen. Zu dieser Erklärung, die ich freiwillig, ohne Zwang und bei voller Ber- nunft eigenhändig ge- und unterschrieben habe, bewegt mich die langjährige, treue und uneigennützigeFreundschaft, welche mir vorgenannter Paul Geier bewiesen hat. So geschehen am Himmelfahrtstage deS Jahres 1840. Richard WesthauS."
Um das Antlitz deS glücklichen Erben glitt ein stolzes, selbstgefälliges Lächeln. „Ich heiße Sie willkommen in mei- nem Hause," nahm er das Wort, indem er sich in die ; j Brust warf; „machen Sie es sich bequem, meine Herren, y ich werde . .."
„Halt," fiel der Friedensrichter ihm in die Rede, „be- vor Sie die Erbschaft antreten können, sind noch einige Formalitäten zu erfüllen."
1 „Und die wären?" fragte Geier.
„Zuvörderst ist die Richtigkeit des Testaments zu prüfen und festzustellen, zweitens zu ermitteln, ob Westhaus keine Verwandten hinterläßt, die gesetzmäßig zur Partizipie- rung an der Hinterlassenschaft berechtigt sind, und drit- tenS, ob kein späteres Testament oder Kodizill vorhanden ist, welches andere Bestinimungen enthält."
„Tun Sie Ihre Pflicht," entgegnete Geier, „ich kann I e» ruhig abwarten, denn ich weiß, daß das Testament richtig, und weder ein naher Anverwandter, noch ein späteres Testament des Erblassers vorhanden ist."
«Ich bedaure, Ihre Ruhe stören zu müssen," sagte der
Notar, indem er ebenfalls dem Richter ein versiegeltes Papier überreichte, „vor ungefähr acht Wochen bändigte der verstorbene Rentner Westhaus mir dieses Schriftstück in Gegenwart von sechs Zeugen mit dem Bemerken ein, dasselbe sei sein Testament, er erkläre es ausdrücklich für das einzig richtige, und da er mich zum Exekutor desselben bestimmt habe, möge ich dafür Sorge tragen, daß gleich nach seinem Tode dieses Papier dem Gericht übergeben werde."
Geier war erdfahl geworden, stier traten seine Augen aus ihren Höhlen hervor; und wie vom Fieberfrost geschüttelt, bebte er am ganzen Leibe. „Fälschung!" schrie er endlich mit heiserer Stimme, indem er, wie die Hyäne auf ihren Raub, auf das Papier zustürzte, welches der Richter eben öffnen wollte, „Fälschung, sage ich nochmals, oder das Testament eines Wahnwitzigen'"
„Halt 1" rief der Polizeirat dazwischen, „keine Gewalttat, mein Herr, oder ich lasse Sie sofort verhaften ! Bedenken Sie wohl, was Sie tun; Ihr Benehmen ist nicht derart, daß es Vertrauen erwecken könnte."
Der RechtSkonsulent biß sich auf die Unterlippe und trat an das Schreibpult zurück, ohne jedoch von dem Akte, welchen der Richter entfaltete, seinen Blick abzuwenden.
„Ein langes Testament," hob dieser an, „hören Sie zu, meine Herren." . 144,18
„Ich unterzeichneter Richard WesthauS fühle mich ge- drungen, folgende Erklärung abzugeben: Es sind jetzt zwei- undzwanzig Jahre verstrichen, daß ich, obgleich ich damals die Vierzig schon überschritten hatte, ein junges, bildschönes Mädchen zum Weibe nahm. Man hat mir dies derzeit sehr übel genommen, mich Tor und Tollhäusler ge- schölten; ich ließ die Leute reden und heiratete, weil ich daS Mädchen liebte. AuS welchen» Grunde sie meine Hand genommen hat, ist mir später freilich klar geworden, doch das gehört nicht hierhin. Im zweiten Jahre unserer Ehe schenkte mir der Himmel ein Töchterchen, und mein Glück war so vollständig, als ich dies nur wünschen konnte. Bald nachher jedoch begann der Himmel sich zu trüben. Ich will
s es verschweigen, welcher Art die Wolken waren, die ihn ; bedeckten, die Schuldige ruht nun schon seit zwanzig Iah- s ren unter dem Rasen; ich habe vergeben und vergessen. ! Mein einziger Trost, meine einzige Freude blieb daS Kind, s Ich nahm eine Freundin meiner Frau zu mir inS Haus ; sie sollte dem Kinde eine zweite Mutter sein. Ein halbes Jahr hindurch ging alles gut, mein Kind gedieh vortref- stich, und schon hegte ich den Plan, Ella, der Freundin meiner verstorbenen Gattin, welche dasselbe mit aufopfernder Liebe pflegte, aus Dankbarkeit meine Hand und j mein Vermögen anzubieten, als eines Tages daS schreck- lichste Unglück, welches mich nur treffen konnte, über mich hereinbrach. Es war am Himmelfahrtstage, also heute vor achtzehn Jahren. Ich hatte eine kleine Geschäftsreise ge- macht und kam spät am Abend wieder nach Hause. Mich ; schon im Voraus auf daS Wiedersehen freuend, öffnete ich : die Haustür, zu der ich den Schlüssel stets bei mir führte, 1 erstieg leise die Treppen, weil ich meine Angehörige» über- ! raschen wollte, schlich behutsam über den Gang und öffnete dann plötzlich die Tür zum Wohnzimmer, in welchem ich mein Kind und dessen Pflegemutter zu finden gewiß war. Eine Ahnung, daß in meinem Hause nicht alle» in
• gewohnter Ordnung sei, befiel mich, alS ich die Stube leer und dunkel fand. Ich durcheilte alle Zimmer dieses Stock- Werks, rannte in das zweite und dritte, durchsuchte das Haus vom Keller bis unterS Dach, vergebens, nirgends fand ich mein teures, so unsäglich geliebtes Kind. Als ich zum drittenmal das Haus erfolglos durchsucht hatte, mußte ich einenAugenblick auSruhen; mir war, als habe der Schlag mich getroffen und meine Glieder gelähmt. Ich barg das Antlitz in meine Hände und weinte, ja, ich meinte, zum ersten- mal in meinem Leben, ich, ein alter Mann, dessen Haare schon zu ergrauen begannen. Aber nicht lange litt eS mich so untätig da zu sitzen, ich raffte alle meine Kräfte zusammen und verließ das Haus, um mich bei den Nachbarn zu erkundigen, ob sie nichts von meinem Kinde gesehen hätten; ich hegte die Hoffnung, es bei dem einen oder anderen von ihnen zu finden Auch diese Hoffnung zerfiel."