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SchWernMettm g

mit amtlichem Kreisblatt. Alonatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

73. Mittwoch, den 11. September 1907. 58. Jahrgang»

Bekanntmachung.

Die Rekruten und Freiwilligen können ihre Ge­stellungsbefehle zum Diensteintritt vom 12. September ab auf den Bürgermeister-Aemtern gegen Abgabe des Rekruten-Urlaubspasses bezw. Annahmescheins in Em­pfang nehmen.

Königliches Bezirkskommando Hanau.

Die Perluste der deutsche» Kolonie i» Casablanca.

Als Vertreter der deutschen Kolonie von Casablanca waren die Herren Opitz, MannesmÄnn und Eicke am Mittwoch im Auswärtigen Amt erschienen, um dem Staatssekretär v. Tschirschky eine Denkschrift über die Vorgänge in Casablanca und die dabei erlittenen Schäden zu überreichen. Nach der glaubwürdigen Darstellung unserer Landsleute ist die Landung französischer Truppen am 5. August in Casablanca voreilig und unbesonnen ins Werk gesetzt worden.

Die maurischen Behörden hatten alsbald nach dem Mord an den französischen Bahnarbeitern eine Anzahl Verdächtiger verhaftet und Gesinde! aus der Stadt entfernt. Infolgedessen hatte sich die Lage insoweit beruhigt, daß die fremden Kaufleute wieder ihren Ge­schäften nachgehen konnten. Deshalb protestierten auch die konsularischen Vertreter, mit Ausnahme des fran­zösischen, gegen die Absicht des Kommandanten des kleinen Kreuzers Galilee, eine kleine Truppenmacht zu landen. In der Nacht zum 5. August wurde jedoch angekündigt, daß ein Geschwader im Hafen erscheinen und imposante Kräfte an Land gehen sollten. Zu der festgesetzten Landungszeit, früh 5 Uhr, war jedoch das Geschwader noch nicht da, und es wurden nur 75 Mann an Land gesetzt. Diese geringe Macht wirkte provoka­torisch auf die eingeborene Bevölkerung, und deren Wut vergrößerte sich, als die gelandeten französischen Mann­schaften die maurischen Schutzwachen der Konsulate niedermachten. Dann ging das Morden und Plündern los. Casablanca zählt 40 000 Einwohner. Hätte man bis zur Ankunft des Geschwaders gewartet und dann eine größere Truppenzahl gelandet, so wäre die Be­setzung der Stadt wahrscheinlich ohne großes Blutver­gießen und ohne Verwüstung der fremden Kaufhäuser vor sich gegangen.

Ebenso große Verluste wie die deutschen haben auch die englischen Kaufleute erlitten. Daß dafür Ersatz zu leisten ist, steht außer Zweifel. Nicht so klar liegt die Frage, wer Ersatz zu leisten hat, die Marokkaner oder die Franzosen. Denn das Einschreiten der letzteren,

ZintrerrnVars Kerzen.

Roman von Otmar Wilms. 3

Ich habe ihm oftzugeredet, das Leben zu genießen, da es mit ihm doch bald zu Ende gehen werde, oder wenigstens eine Haushälterin inS HauS zu nehmen, umsonst, er hörte mich an, lächelte und versprach, meinen Rat überlegen zu wollen. Andern Tags sah ich ihn wieder nach seiner alten, gewohnten Weise zu Markte ziehen, wo er seine Gemüse, Fleisch er nur an den höchsten Feiertagen, selbst ein« kaufte, oder, wenn ich ihn zu Hause traf, die Stuben rei­nigen und alle sonstigen Mägde-Arbeiten verrichten. Dies und das Bewachen seiner Geldsäcke waren seine einzigen Beschäftigungen, ich bin überzeugt, daß er den größten Teil seines Lebens in seinem Keller bei den eisernen Ki­sten und Schränken zugebracht hat. Ich besuchte ihn sehr häufig, wir waren Jugendfreunde und hatten keine Ge- heimnisse vor einander. Vor einem halben Jahre verlor er einen nicht unbedeutenden Prozeß; seit jenem Tage war er tiefsinnig und manchmal zeigte er deutlich Spuren von Geistesverwirrung. Ich glaube, daß jener Unfall die Schuld an seinem Selbstmorde trägt, er konnte den Verlust nicht verschmerzen; ich weiß, wie sehr eS ihn aufregte, wenn er genötigt war, nur einenTaler gegen seinen Willen aus- zugeben."

-DerSelbstmord liegt allerdings offen am Tage,"nahm der Polizeirat das Wort;über die Art und Weise, wie er auSgeführt worden ist, kann durchaus kein Zweifel ob- walten. Der Alte ist auf den Tisch, dann aus den Stuhl gestiegen, hat die Schlinge um den Hals gelegt und zu- letzt den Stuhl mit einem Fußtritt umgeworfen, wie Fi- gura deutlich zeigt. Na, Gott schenke seiner Seele Ruhe. So viel ist gewiß, ich möchte dieses Haus nicht gerne be- wohnen."

Meine Passion wäre es auch nicht," flüsterte der Kom­missar, der zunächst der Türe stehen geblieben war und Mt Zeit du Zeit ängstliche Blicke zur Decke warf.

um für begangene Mordtaten Sühne zu erlangen, war an und für sich berechtigt, und ein Anspruch gegen Frankreich könnte sich nur auf die Art des Vorgehens gründen. Ob aber eine völkerrechtlich zulässige mili­tärische Operation mehr oder weniger geschickt ausge­führt wird, kann nicht ohne weiteres einen Unterschied in der rechtlichen Verpflichtung begründen. Soweit der Schaden etwa durch Plündern französischer Fremden­legionäre entstanden ist, liegt unzweifelhaft eine Haft­barkeit Frankreichs vor.

Selbstverständlich wird von der deutschen Regierung alles geschehen müssen, um für den Schaden deutscher Staatsangehöriger Ersatz zu schaffen. Nach Pariser Zeitungsstimmen scheint die französische Regierung be reit zu sein, Schadenersatz zu leisten. Dabei spielt je­doch das politische Motiv mit, als Verwalter marok­kanischer Angelegenheiten aufzutreten, eine Rolle, die wir, solange die Algesirasakte besteht, nicht anerkennen können. Ergiebt sich bei genauer Prüfung ein Rechts­anspruch gegen Frankreich, so wird dieser auch geltend gemacht werden. Andernfalls werden die Schäden unserer Landsleute auf das Konto unserer Ansprüche in und gegen Marroko zu setzen sein.

Deutsches Reich.

DasBerl. Tageblatt" meldet aus Köln: Das Kronprinzenpaar beabsichtigt alle Jahre einen längeren regelmäßigen Aufenthalt im Rheinland zu nehmen. Gegenwärtig werden im Brühler Schlosse, das zum Aufenthalt des Kronprinzenpaares bestimmt ist, ein­greifende bauliche Veränderungen vollzogen.

Die definitiven Ergebnisse des Reichshaushalts- etals für 1906 sind jetzt imRelchsanzeiger" veröffent­licht worden. An Ueberweisnngssteuem sind nahezu 2 Millionen Mark mehr gegen den Etat aufgekommen, an Einnahmen, die dem Reiche verbleiben, nahezu 16 Millionen mehr. Der Ausgabebedarf bleibt hinter dem Anschlag um 11,29 Millionen Mark zurück, so daß sich ein Mehrertrag gegen den Etat von 27,23 Mil­lionen Mark ergibt.

Bei der Landtagsersatzwahl in Verden-Rothen- burg wurde mit 132 von 211 abgegebenen Stimmen der nationalliberale Reichslagsabgeordnete Held Berlin gewählt. Sein Gegenkandidat Landrat Frhr. von Hammerstein (kons.) erhielt 79 Stimmen.

Um Schülerselbstmorden vorzubeugen oder sie seltener zu machen, hat das Kultusministerium ein Rundschreiben in Erwägung gezogen, das den Schul-

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Der Notar war der einzige, der die Behauptung, daß hier ein Selbstmord stattgefunden habe, nicht so unbedingt als eine richtige gelten lassen wollte. Er entsann sich man­ches ähnlichen Falles, in welchem sowohl das Gericht wie auch dir öffentliche Meinung, wie sich nach Jahr und Tag herausstellte, zu rasch und deshalb falsch geurteilt hat­ten.

Eben wollte er seine Meinung hierüber aussprechen, als der Arzt und gleich daraus der Friedensrichter, be­gleitet von demGerichdSschreiberund dem Schlosser, ein- traten.

Der letztere überreichte dem Notar ein versiegeltes Pa- Pier, welches dieser in die Tasche steckte und entfernte sich dann wieder.

Der Arzt schnitt sofort den Strick durch, nahm die Schlinge ab und erklärte nach genauer Untersuchung, daß die Leiche am Halse deutliche Spuren von Erdrosselung trage, doch sei er nicht im stände, jetzt, nachdem die Leiche schon drei Tage gehangen habe, ein sicheres Urteil dar- über abzugeben. Es sei möglich, daß der alte Mann selbst den Versuch gemacht habe, sich zu erdrosseln, ja, er müsse diese Ansicht sogar als die richtigere bezeichnen, da ja alle Nebenumstände auf einen Selbstinord hindeuteten."

Der Alte war im höchsten Grade sanguinisch," fiel der RechtSkonsulent ein;es ist daher wohl anzunehmen, daß er in einem Anfälle von Tobsucht die dürren, knochigen Finger an seine Kehle gelegt hat, die jene blauen Flecken zurückgelassen haben."

Der Friedensrichter hatte inzwischen eine Beschreibung deS Zimmers in Hinsicht auf seine Lage, Einrichtung und den Zustand, in welchem es bei der Oeffnung vorgefun­den worden war, entivorfen und trat nun von den übrigen gefolgt, in die anstoßende Schreibstube deS Verstorbenen, um hier das Protokoll aufzunehmen.

Genannte Schreibstube war ein enger, dumpfer, ärm­lich ausgestatteter Raum, in welchem, außer einem alten, schwarz angestrichenen Schreibpulte und dem dazu gehö­

Vorständen und Lehrern zugestellt werden soll. Es wird in dieser Denkschrift auf das Steigen der Selbst­morde Jugendlicher in Stadt und Land hingewiesen werden. Es sollen sich alle Kreise, die mit «Schülern in Verbindung stehen, äußern, ob und durch welche Mittel dein Umsichgreifen dieses Uebels vorgebeugt werden kann. Als Gründe kämen in Betracht: Schlechtes Zeugnis, gekränkter Ehrgeis, Bestrafung durch Lehrer, Furcht vor elterlicher Strafe, jugendliche Liebe, Unlust zur Schule u. s. w. Von dem Ergebnis der Rund­frage wird dann zusammenfassend den Schulbehörden Mitteilung gemacht werden, und man hofft, dann an Hand des Materials der Lehrerschaft wichtige Finger­zeige für das zeitige Erkennen der Neigung zum Selbstmord geben zu können.

Aus München wird das Ende einer sozialdemo­kratischen Ortskrankeukasse berichtet. Die sozialdemo- kratische Krankenkasse selbständiger Handels- und Gewerbetreibender Deutschlands mit dem Sitze in München, in der bei der letzten stürniischen, mit Tät­lichkeiten verlaufenen Generalversammlung vor einiger Zeit die skandalöseste Mißwirtschaft aufgedeckt wurde, hat nunmehr in einer außerordentlichen Generalver­sammlung ihren Konkurs angemeldet.

Da die Hamburger Deutsch-Ostafrika-Linie gemäß der neuen Abänderung ihres Vertrages mit dem Deutschen Reiche die Häfen Swakopmund und Lüderitz- bucht bei der Fahrt rund um Afrika regelmäßig alle drei Wochen sowohl ausgehend als rückkehrend anlaufen mirb, haben die Wörmann-Linie und die Hamburg» Amerika-Linie beschlossen, ihrerseits den Passageverkehr nach Deutsch-Ostafrika aufzugeben und diesen aus­schließlich der Deutsch Oftasrika-Linie zu über.assea.

Das Rittergut Modliszewko, eines der wert­vollsten polnischen Güter, ist in deutschen Besitz über­gegangen. Das Gut ist 800 Hektar groß. Die Polen­blätter sind darüber natürlich sehr empört und kündigen ein ehrengerichtliches Verfahren gegen den bisherigen Besitzer des Ritterguts Modliszewko, v. Sulerzycki, an. Wenn ein Deutscher sein Gut an einen Polen verkauft kräht fein Hahn danach, abgesehen von der nationalen Presse. Bei den Polen aber tun sich sofort die Standes­genossen des Landes zusammen. Es wäre gut und wünschenswert, daß wir hier vom Gegner lernten.

In Leipzig ist eine anarchistische Jugendorgani­sation gegründet worden, die den Zweck haben soll, die Bildungsbestrebungen" auf radikalerer Grundlage zu fördern als die Jugendorganisationen der Sozial-

rigen mit Leder überzogenen Drehstuhle, nur noch ein schmutzig-gelber tannener Tisch, ein bretterner Stuhl und einige Zins- und Münz-Tabellen sich befanden. Zahlreiche Spinngewebe hingen in den Ecken, den schmutzig-grauen Fußboden bedeckten unzählige Tintenfleckenvon der Grüße eines Nadelkopfes an, bis zu der eine« KrontalerS, selbst die verblichenen Tapeten zeigten in der Nähe des Schreib- Pultes mannigfache Spuren dieser schwarzen Flüssigkeit, und eine dumpfe, drückende Schwüle herrschte in dem nie­drigen, unfreundlichen Gemache, dessen dicht vergitterte» Fenster durch trübe Scheiben nur spärlich da» Tageslicht I einließ.

DerGerichtSschreiber nahm sofort den bretternenGtuhl, Geier dagegen den Drehsessel in Beschlag, der Kommissar trat anS Fenster und machte den Versuch, durch die trü­ben Scheiben nach den beiden Gendarmen zu spähen, welche den Eingang bewachten.

Der Polizeirat und der Notar holten Stühle aus dem Nebenzimmer und setzten sich neben den Friedensrichter, der eben das Gutachten des Arztes zu Protokoll nehmen ließ.

Der Akt war fertig, der Richter erhob sich und for- derte den Gerichtsdiener auf, die Vorbereitung zur Sie- gel-Anlage zu treffen.

Entschuldigen Sie," fiel derRechtSkonsulent ein, indem er seinen Sitz verließ und dem Richter ein versiegeltes Papier überreichte,ich halte eS für unnötig, die Sie- gel anzulegen, denn hier ist da« Testament des Berftor- benen, auf deffen sofortige Eröffnung ich dringe."

Ein Testament?" fragte der Richter erstaunt.

»Ja, ja, ein Testament, "entgegnete Geier ruhig.Mein Freund überreichte mir dasselbe vor ungefähr zwei Iah- ren, als ich ihm einen wichtigen Dienst geleistet hatte und bemerkte dabei, daß ich, um alle Gerichtskosten zu ver­meiden, dasselbe gleich nach seinem Tode öffnen laffen solle. Sie werden also die Güte haben, dem Willen der Erblasser» sofort nachzukommen." 144,18