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SchlüchternerAitun g

mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwir gastlicher Ratgeber.

Erscheint Mittwoch und Samstag. -- Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

eM 70. Samstag, den 31. August 1907. 58. Jahrgang.

Ium Aedantage.

Nun laßt die Feierglocken schallen Vom Alpenschnee zum Ostseestrand, Im Sonnenglanz die Fahnen wallen Durchs weite deutsche Vaterland! Stimmt an die weihevollsten Lieder Und rührt das goldne Saitenspiel: Der große Tag, er kehrte wieder,

Da einst der ehrne Würfel fiel.

Nicht eitler Ruhm und gleißend Prangen

Sind unsers Volkes Brauch und Art, Wenn jubelnd seine Lieder klangen

Nach sieggewohnter Kriegesfahrt:

Dem Herren aller Herren droben

Den die Gestirne wandelnd loben

Von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Und euch, ihr wdesmuffgen Krieger,

Euch preist unsterblich unser Mund,

Ob heimgekehrt ihr einst als Sieger,

Ob fern ihr schlaft in frembem Grund.

In Erz und Stein manch Denkmal kündet

Der Nachwelt euren stolzen Ruhm

Das herrlichste steht fest gegründet

In unser Herzen Heiligtum.

Doch eines überragt sie alle:

Es ist das hehre deutsche Reich,

Das, eine stolze Ruhmeshalle,

Dem Heldensaal der Ahnen gleich.

Wie hier die goldnen Namen glänzen:

Vom Weisbart aus dem Kaiserthron,

Geschmückt mit nimmer welken Kränzen, Bis zu der Witwe einz'gem Sohn!,

Drum laßt die Feierglocken schallen

Vom Fels bis an des Meeres Strand,

Im Sonnenglanz die Fahnen wallen

Durchs weite deutsche Vaterland!

Den Vätern gleich mit Herz und Munde

Weihn Treue wir ihm bis zum Tod,

Und über unserm Bruderbünde

Tagt hell der Zukunft Morgenrot!

Richard von Felseneck.

Der Tag von Sedan.

Wieder ist der denkwürdige Tag gekommen, an dem vor nunmehr 37 Jahren die letzte französische Feld­armee in Stärke von 85 000 Mann die Waffen streckte und der französische Kaiser Napoleon III., der Neffe jenes Napoleon, der Deutschland einst aufs tiefste er-

Di« Komödiantin.

Roman von Oswald Benkendorf. 47

Der Frühling zog in» Land, sein Hauch belebte ihn nicht, allerlei Gerüchte durchschwirrten die Luft, auf Ra- den-, auf Adlerflügeln. Alte KriegSgesellen erzählten mit neubelebter Lust vom Zug nach Frankreich, vom Befrei­ungskriege. Kurt achtete dessen nicht. Die einsame Feste im hohen Gebirge war des Lebensmüden liebgewordenes Asyl, hier störte ihn kein Laut auS der Außenwelt, hier wollte er seinem Schmerz und der Erinnerung leben.

Doch als das Korn schon hoch stand und der rote Mohn, die blauen Kornblumen darin blühten, da traf eine» TageS ganz unerwartet, Graf Erich in Bentheim ein. Da» fagenumsponnene Schloß war ihin stets verhaßt gewesen, zumal jetzt, wo er sehr gut wußte, daß die Leute ihre Glossen machten über Kurt» Gemütskrankheit und die FrauBasenhoch und teuer darauf schwuren,daß die Schwer- mut des letzte» aus dem Hause der Bentheim» selbstver- stündlich nach ziirückgelegtem dreißigsten Jahre habe ein- treten müssen, wie mit der Pünktlichkeit einer vorher be- rechneten Sonnenfinsternis.

_ In dem vollen Haar des Grafen schimmerten gar viele Silberfäden, auch die Stirn war gefurcht und um die Lip­pe» hatte sich ein Zug der Härte, der ihm eigen, noch verschärft, aber die Gestalt des alten Soldaten war stramm ; und kraftvoll aufgerichtet, wie es sich für einen paßt, der ; seinem Könige und dem Vaterlande auf» neue Gut und Blut zur Verfügung gestellt hat. Und der oberste KriegS- Herr hatte die Dienste des schlesischen Edelmannes gern angenommen.

Da kam nicht der Oheim zum Neffen, nicht der Majo- ratSherr zu den« künftigen Erben, nein, der deutsche Mann zum gleichgesinnten StammeSgenossen, um ihn aufzurüt- teln auS dem krankhaften Laugen und Bange» um ent­flohene» Liebesglück, um ihm klar zu machen, daß e» Höheres gibt, als die Geliebte zu beweinen, daß die Pflicht

niedrigt, gefangen genommen wurde, unb es ist eine nationale Pflicht, der Ereignisse einer großen Ver­gangenheit zu gedenken, die leider Gefahr liefe, der Vergessenheit anheimfallen, wenn es nach den Wünschen derer ginge, die unsrer nationalen Entwickelung ent­gegenarbeiten oder lau zur Seite stehen.

Von allen Ereignissen jener glorreichen Zeit hat keins den Eindruck erreicht, den die Kunde von dem Zusammenbruche des napoleonischen Frankreichs bei Sedan im In- und Auslande hervorrief. Siebenund­dreißig Jahre sind seitdem verflossen, und immer noch schlägt unser Herz höher, wenn wir uns die Stimmung wieder ins Gedächtnis zurückrufen, die damals unser Volk ergriffen hatte.

Nun laßt die Glocken von Turm zu Turm Durchs Land frohlocken im Jubelsturin, Des Flammenstoßes Geleucht sacht an! Der Herr hat Großes an uns getan.

Ehre sei Gott in der Höhe!

sang Emanuel Geibel, und er traf damit den richtigen Ton; den überwältigend war der Jubel, der nach dem Tage von Sedan die deutschen Gaue erfüllte. Nun war erreicht, was viele Geschlechter vergebens ersehnt hatten: die auf dem Schlachtfelde in gemeinsamen Kampfe besiegelte Waffenbrüderschaft barg die Wieder, aufrichtung des deutschen Kaiserthrones in sich.

Man wird nicht zuviel sagen, wenn man behauptet, daß tr»6 vieler Herz und Gemüt erhebender Ereignisse späterer Tage niemals wieder eine ähnliche weihevoll tiefe Erregung unser ganzes Volk von den Alpen bis zum Meere durchzittert hat. Deshalb wurde auch der Sedantag der Tag, in den wir die Erinnerung an die große Zeit zusammenfaßten, und an dem wir unsere Friedensfeier begingen. Er erinnert an die glorreichen Waffentaten, denen nachzueifern in der Stunde der Gefahr die Pflicht gebeut. Er mahnt aber auch daran, nicht durch Zwietracht im Innern an der Unterwühlung der Fundamente zu arbeiten, auf denen der stolze Bau des Reiches ruht. Die Sedanfeier regt nicht nur zu ernstem Nachdenken und Vergleichen zwischen einst und jetzt an, sie predigt uns auch stets aufs neue, daß ohne jene Begeisterung, die den Menschen mit sich fortreißt und ihn das Leben gering achten läßt, wenn es gilt, für die Ehre seines Volkes, seines Landes einzutreten, jede Nation zugrunde gehen muß. Deshalb ist es auch mit besonderer Befriedigung zu begrüßen, daß durch ministerielle Verfügung die Schulen angewiesen wurden | den alten schönen Brauch der Sedanfeier zu wahren,

ruft und nur ein Schwächling oder ein Feiger solchen Ruf überhöre» kann.

Kraftvolle Worte hat der alte Reitersmann, dem die Kampfeslust au» den blauen Augen blitzte, gesprochen, strenge Worte, denen Kurt lauschte, zu Anfang halb ver­wundert, wie etwa einer unbekannten Melodie, aber sie rissen ihn hin, den blassen, jungen Mann mit der nach vorn gebeugten Haltung, sie waren der Weckruf, welcher zum Lebe», zum tätigen, opfervolle» Handeln mahnte.

Er fuhr auf aus dem Brüten und Träumen und blickte sich um in dem Turmgemache mit den Butzenscheiben und den geschnitzten Schränken und Truhen, ja, der Geschniack an altdeutschem Möbelkram will wenig sagen, deutscher Mut, deutsche Kraft, deutsche Treue, die müssen in Herz und Arm sich regen, damit man fingen und sagen kann: Lieb Vaterland magst ruhig, sein, fest steht und treu die Wacht am Rhein."

Und dem Rhein, dem freien deutschen Rhein, galt eS diesmal, Cäsarenwahnsinn, angefacht durch die Ueberre- düngsknnst eines schlauen Weibes, das früh gelernt, wie man auf die Sinne der Männer wirken muß, um die­selben zu willenlosen Sklaven zu machen, auf der einen Seite, ein von Ruhmsucht und Eitelkeit besiegtes Volk auf der anderen, das waren die dämonischen Gestalten, welche die Kriegsfurie entfesselt.

Und hinter diesen beklagenswerten Marionetten stan­den die eigentlichen Macher, die Akteurs des schaurigen DramaS; ehrgeizige Generäle und Politiker, Courtisanen der Salons, Börsenfürsten und Bankerotteure: schlaue Leute, aber schlechte Rechner; denn das Fazit stimmte nicht. Diese ganze Gesellschaft von Falschspielern sah sich plötzlich genötigt, Farbe zu bekennen, aus dem Parkett der Tuilerien hatte sie sich behauptet, die Kniffe und Pfiffe des Handwerks aber wollten nicht mehr verfangen, es galt zu handeln.

Nach Berlin ! Nach Berlin!" war das Losungswort, der Feuerfunke in» Pulverfaß geschleudert. Die Explosion konnte nicht ausbleiben.

damit sich die Jugend erbaue unb erhebe an den Bildern aus der großen, gewaltigen, gesegneten Zeit.

So wollen wir denn auch in diesem Jahre den Sedantag in dankbarer Erinnerung und unbekümmert um Neider und Nörgler begehen! Möge seine Wieder­kehr mit dazu beitragen, das gegenwärtige Geschlecht zu stählen, damit die Stunde der Gefahr, wenn sie, was Gott verhüten wolle, einmal kommen sollte, uns innerlich und äußerlich gewappnet finde und wir uns der Väter wert zeigen können ! Vor allem aber wollen wir Sedan als ein Fest des Friedens feiern, den das mächtige Deutsche Reich, soweit es in seinen Kräften und seine Ehre nicht auf dem Spiele steht, stets zu wahren gewillt ist. Und dabei wollen wir auch jener Männer gedenken, die uns ermöglicht haben, so Großes zu erreichen. Vaterlandsliebe, Dankbarkeit und deutsche Treue sollen, das wollen wir auch heute wieder geloben, uns immerdar den Weg weisen, den wir zu gehen haben.

Deutsches Reich.

Der Kaiser fuhr am Dienstag Morgen vom Residenzschloß in Hannover im Automobil zur Parade des 10. Armeekorps nach Bemerode. Das Publikum bereitete ihm lebhafte Ovationen. Nach Ankunft in Bemerode nahm er zunächst die Begrüßung der Kreis­vertretung des Landkreises Hannover entgegen, worauf er nach dem Paradefelde ritt, gefolgt vom Kronprinzen, den Prinzen Eitel Friedrich und Oskar und den an= westnden Fürstlichkeiten. Der Kaiser übergab dann auf dem Paradeplatze den betreffenden Regimentskom­mandeuren die neuen Feldzeichen und begrüßte die in langer Front vor der Tribüne aufgestellten Krieger­vereine. Hieraus nahm er die Parade über das 10. Armeekorps ab, welche vom kommandierenden General befehligt wurde und einen glänzenden Verlauf nahm. Auch die aus acht Reginientern bestehende, für das Manöver formierte Kavalleriedivision B nahm an der Parade teil. Der Kaiser führte das Königsulanen- regiment, die übrigen Fürstlichkeiten suitierten bei ihren Regimentern. Die Infanterie defilierte in Regiments- kolonnen, die Kavallerie im Schritt. Gegen 1 Uhr kehrte der Kaiser an der Spitze des Königsulanen­regiments und der Fahnenkompagnie des Regiments 78 vom Paradefeld zurück. Vor der Fahnenkompagnie ritten der Kronprinz und die Prinzen Eitel Friedrich und Oskar. Vor dem Schloß fand ein Parademarsch erst der Feldzeichen und dann des Königsulanenregiments statt.

Zum Kanzler des Schwarzen Adlerordens ist

Immer noch sprach Graf Erich, und Kurt lauschte jetzt nicht mehr anteillos wie zu Anfang, sondern mit geröte- ten Wangen und blitzenden Augen, dann, ein fester Hände- druck, da» war das Gelöbnis, und Erich Wilmenau wußte das Kurt es halten würde.

Am nächste» Tage verließen beide Männer da» sagen reiche Bergschloß, und Sidonie Bentheim, tief bewegt, aberin würdiger Fassung, wieso viele deutsche Frauenzu da- maligerZeit, kehrte nach Wilmenau zurück, um nach Kräf- ten tätig zu sein für die Sache des Vaterlandes, und dazu bot sich ihr undFranziska ein großer Wirkungskreis.

Inzwischen war Kurt, dessen schwächlicheKörperkonstitu- tion, zumal nach der letzten, schweren Krankheit, ihm nicht erlaubte, dem Baterlande mit den Waffen in der Hand zu dienen, in eine Sanitätskolonne als freiwilliger Kranken- Pfleger eingetreten, während Graf Erich einem schlesischen Regimente eingereiht wurde.

Kurt war der erste von beiden, der den Fuß jenseit der Rheines auf Feindesland setzte, und ihm war es vor­behalten, den großen Tag von Sedan zu sehen und sein Leben hundertmal i» jeder Stunde aufs Spiel zu setzen, indem er, der Kugeln nicht achtend, die durch die Luft pfiffen, selbst Hand anlegte, Schwerverwundeten einen Not- verband zu machen unb sie in das Feldlazarett zu schaffen, welches die Sanitätskolonne, zu der er zählte, eingerichtet.

Ein Feldpostbrief aus Sedan, bestimmt für die bei­den einsamen Frauen in Wilmenau erfreute das Herz der bangenden Mutter und in nicht geringerem Grade das liebende Mädchen.

Kurt schrieb unter anderem:Wenn ich das Dasein schätze und die Stunden mir kostbar erscheinen, die ich so oft verträumt, so danke ich das diesem Feldzuge, er hat mich gar vieles gelehrt, das mir fremd geblieben war im Schoße des Wohllebens, ja des UeberfluffeS. Leiden und Entbehrungen, Schrecknisse aller Art üben einen so starken Druck aus, erwecken die Widerstandskraft, den Kampfes­mut, daß uns das allzeit bedrohte Leben plötzlich als ein köstliches Gut erscheint." 139,18