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M 69.

Deutsches Reich.

In Würzburg begann am Sonntag vormittc g der 54. deutsche Katholikentag mit einem feierlichen Gottesdienst im Dom. Äiiliags folgte ein Festzng von Arbeitervereinen, an dem 30 Vereine, darunter solche aus Schwerin, Neum-- lster, Holstein, Kiel und Flens- burg teilnahmen. An den Festzug schlössen sich in vier Sälen Versammlungen für die Teilnehmer an. In den Versammlungen erschienen, von lebhaftem Beifall begrüßt, Bischof Dr. von Schloer-Würzburg, der Fürstbischof von Laibach und der MissionSbischof von Süd-Schantung, Der Bischof von Würzburg spendete den Segen.

Generaloberst v. Lindequist, Chef der dritten Armeeinspeklion, hat seinen Abschied wegen vorgerückten Alters erbeten.

Ende voriger Woche reiste der französische Bot­schafter Cambon nach Norderney, um mit dem Reichs tanzler Fürsten Bülow zu konferieren. Das ist ein erfreuliches Zeichen, daß die Verhältnisse zwischen Frankreich und Deutschland sich bedeutend gebessert haben. In Paris wird die Reise Cawwus überall sympathisch begrüßt und man versichert dort, daß dieselbe ein Entgegenkommen Deutschland gegenüber Frankreich in der Marockosrage zum Zweck hab" Dagegen wolle Frankreich, Deutschland Kompensalionen bieten in den Fragen, die Kleinasien und die Bagdadbahn betreffen. Die Hauptsache bei der diesjährigen Wendung der Dinge ist, daß man eingesehen hat, daß es ohne Deutschland doch nicht so ganz geht. Die bekannten Worte des Reichskanzlers in ,einer Reichstagsrede, daß der Druck Gegendruck hervorrufen müßte und die fort- währenden Reibungen schließlich zu einer Explosion führen müßten, scheinen doch Eindruck gemacht -u haben Die augenblicklich allenthalben vorherrschende Sehnsucht nach einer allgemeinen Verständigung kann als eine Folge derselben angesehen werden und es ist dies eine hocherfreuliche Erscycinung der in der Welt­politik vorhc^fchendeu Strömung.

Die Lage des Kohlenmarktes hat sich gebessert, die Kohlenknapyheit ist nach der Versicherung des Or­gans der rheimsch-ivestfäliscyen Grubenb.sitzer behoben. Die Ursachen dieser veränderten Verhältnisse dürften in der stärkeren Förderung, in der größeren Einsuhr eng­lischer Kohlen und in den geringeren Anforderungen einzelner Verbraucher zu suchen sein. Deshalb scheint es sich nur um eine vorübergehende Besserung zu handeln. Jedenfalls bleibt es Pflicht des Kohlensyndi-

Die Komödiantin.

Roman von Oswald Benkendorf. 46

Wäre wenigstens Bera Tornelli aufzufinden gewesen, doch sie war spurlos nach den Begräbnis-Feierlichkeiten verschwunden. Der Inspektor der nahen Eisenbahnstation wollte wissen, daß eine Frau, auf welche die ihm gege­benen Schilderungen paßten, eine Fahrkarte für den BreS- lauer Zug gelöst habe. In Breslau wiederum, wo aller- Hand Nachforschungen angestellt wurden, erfuhr man auf der Polizei, daß eine alte Frau unlängst vor dem Niko­laitore auf der Straße zusammengebrochen sei. Man hatte die Schwerkranke in das Allerheiligenhospital gebracht und dort war sie in der nächsten Nacht verschieden, nachdem sie in italienischer Sprache einige Gebete gemurmelt ihren Namen zu nennen, hatte die Frau verweigert. War eS Bera Tornelli gewesen, die so geendet?

Zum Winter stellte sich eines Tages Verdi Tornelli auf dem Schlosse ein.

Er fragte nach der Schwester, von der er nichts mehr gehört haben wollte. Es war von Veras Seite kein Ver­such gemacht worden, das Geld bei dem Notar in Ares- lau zu erheben, das galt Verdi als sicheres Zeichen, daß die Schwester tot sei. Der Graf befragte ihn lange, mußte sich aber endlich davon überzeugen, daß er nichts Genaues über die Herkunft Koustanzes wußte, deshalb fertigte er ihn mit einem größeren Geldgeschenke ab, und der Di­rektor zog mit der Gesellschaft und dem gelehrten Esel, die er irgendwo gelassen, weiter in der Welt umher.

Graf Erich hatte die letzten Enthüllungen Veras für sich behalten und nicht einmal der Schwester Mitteilung davon gemacht, sie trug ja ohnehin schwer genug an dem Leid um den einzigen Sohn, warum sie noch durch solche Eröffnungen erregen.

Kurt war nach dem Tode seiner Braut in langes Siech- tum verfallen. Die Aerzte hätten sogar gewünscht, daß ein Gehirnfieber sich entwickelt hätte, das man mit den Waffen der Wissenschaft bekämpft haben würde. Viel

Mittwoch, den 28. August 190" knts, der für den Herbst drohenden Gefahr nach Mög­lichkeit vorzubeugen. '

Aus Dresden wird ein schönes Wort des Königs von Sachsen mitgeteilt. Auf eine beim Königsbesuche in Radeberg von dem dortigen Superintendenten ge­haltene Bearüßungsansprache antwortete König Friedrich August mit folgenden Worten:Ich danke Ihnen, Herr Superintendent, für die freundliche Begrüßung. Ich freue mich immer, wenn icy mit den Herren zu- sammenkomme. Wir sind doch aufeinander angewie,en und müssen Zusammenhalten. Sie müssen aber zu mir Vertrauen haben. Sie wissen, daß sich es gut meine mit der evangelisch-lutherischen Kirche, und Ihr Gebet muß mir zur Seite stehen."

Der englischeGenosse" Quelch, der auf dem iternationalen Sozialistenkongreß in Stuttgart die treler auf der Haager Friedenskonferenz als eine G. Seilschaft von Dieben" bezeichnet hatte, ist von der würuembergischen Regierung ausgewiesen worden und bereits abgereist. Dabei hatte Singer die Unverschämt- Heit zu sagen, man müsse sich des Vorganges schämen. Unseres Erachlens würden wir uns vor der Welt schämen müssen, wenn wir solche Beleidigungen wie die vomGenasien" Quelch ausgebrochene geduldet hätten.

llebecall im Reiche macht sich ein immer dreister werdendes Vordringen des Polenlums bemeubar. Die in dem holländischen Städtchen Wiuteröwyk abgehaltene Versammlung sämtlicher Polenvereine des ryeinisch- westfälischen Industriegebiets, welche 800 Teilnehmer auswies, beschloß die Gründung eines Zusamme.lscyiusses aller westdeutschen Polenvereine, die E^ichOing von polnischen Konsumvereinen in Westdeutschland und die Erhebung einer ständigen Kopfsteuer für den polnischen Nationarschatz. Es wird nachgerade Zeit, daß man diesem geivmugen KvolitiMsfystein des Polentums, das sich mitten im Reiche ebenso ungeniert gebärdet wie ir Polen selbst, die allererusteste Msmerksamkeit schenkt.

Wegen Beleidigung der fürstlich waldeckschen Domänenkammer ist der der Freisinnigen Bereinigung angehörende Abgeordnete Potthoff zu ^00 Mark Geld­strafe verurteilt worden. Votthoff hatte die Doinänen- kammer dadura) beleidigt, » er sie als Judenkammer bezeichnet ya le. WaS werden die isrelitischen Parlei- sreunde des Abgeordneten Potthoff zu diesem antisemiti­schen Se'tensprun e fcyj?__________

Ausland

Auf seiner Afrikareise hat Staatssekretär Dern- burg auch den Viktoria-Nyanza befahren und die an

MMMMMnamaBBBH3amDiu»MSBeEgaHnsai schlimmer war eines jener hartnäckigen Nervenleiden, dem nur zu leicht geistige Umnachtung zu folgen pflegt. Dies war glücklicherweise hier nicht der Fall, doch andererseits vermochte man Kurt auch nicht völlig geistig gesund zu nennen.

Sobald der Arzt es gestattet, daß dem Kranken die Anstrengung einer Reise zngemutetwerdeu konnte, siedelte Gräfin Sidouie mit dem Sohne nach Bentheim über, so wenigstens war er nicht den peinlichen Eindrücken auS- gesetzt, die in Schloß Wilmenan durch tausend kleine Dinge, welche Kurt an sein verlorenes Glück erinnerten, unaus­bleiblich gewesen wären.

Franziska blieb in Wilmenan zurück, um die Zügel des Regiments in die Hand zu nehmen. Sie tat es mit schwerem Herzen und Gräfin Sidonie verkannte sie sehr, als sie sich gegen Möllenhard äußerte:Franziska ist eine durch und durch praktische, sogar etwas prosaisch ange­legte Natur, sie findet sich am ersten wieder zurecht bei steter Arbeit, in Erfüllung von Pflichten, mit denen eine gewisse Verantwortlichkeit verbunden ist."

Das junge Mädchen war weit entfernt von solcher Re- signation. Mit bitteren, heimlich gemeinten Tränen be­reute sie das Kuri getane Geständnis, das die Not ihr abgepreßt. Wenn sie ihm an jenem Abend nicht von ihrer Liebe gesprochen, hätte sie als eine Freundin, eineSchlve- ster bei dem Gemütskranken weilen und einen wohltäti­gen Einfluß auf ihn ansüben können. So, wie die Sa­chen lagen, konnte davon keine Rede sein. Flüchtig, fast kühl war der Abschied der beiden gewesen, und nun hauste Franziska allein mit den Dienerinnen im Schlosse, Graf Erich war noch in Italien und blickte sehnsüchtig »ach den Umrissen der Berge, die sich dunkelgrün abhoben vom klaren Horizont.

Dort weilte er, den sie liebte, um den ihr Herz bangte.

Nach Monaten, die ihr emig lang erschienen, und doch ganz so schnell vergangen waren, wie die übrigen, erhielt sie als Geburtstagsgeschenk von Kurt einen Strauß wei­ßer Rosen in feuchtes Moos gebettet, ta^n ein Buch, es

58. Jahrgang.

dem See gelegene Station Bukoba besucht. Der Stationschef Hauptmann v. Stümer hielt einen lehr­reichen Vortrag über die Geschichte der Station und wies an der Hand von Zahlen nach, daß der Bezirk Bukoba seine Entwickelung lediglich der Ugandabahn verdankt. Exzellenz Dernburg nannte diese Tatsache 'ein Schulbeispiel für die Bedeutung der kolonialen Eisenbahnen.

Durch eine Verordnung des Ackerbauministers Daranyi sind zwei wichtige sozialpolitische Gesetze in Ungarn ins Leben gerufen worden. Das Gesetz, welches die Rechtsverhältnisse zwischen Landwirten und land­wirtschaftlichen Arbeitern zum Gegenstand hat, stellt Arbeitgeber und Arbeiter rechtlich gleich und bedroht Hebelgriffe gegen Bedienstete mit Strafe. Es stellt im Interesse der Bediensteten Schutzmaßregeln auf; so hebt eS das häusliche Züchtigungsrecht Dienstboten gegen­über auf, verlangt für sie gesunde Wohnungen und fordert, daß der in Gestalt von Naturalleistungen zu zahlende Lohn erstklassig sei. Das zweite Gesetz handelt von staatlicher Unterstützung landwirtschaftlicher Arbeit- Häuser und bezweckt, die Arbeiter durch Bezahlnng des bisherigen Hauszinses in den Besitz des Hauses ge­langen zu lassen.

Der Ausstand der Hafenarbeiter in Antwerpen nimmt zu; es arbeiten nur etwa 100 Mann. Die Arbeitgeber beschlossen, neue englische Arbeiter anzu« werben. Der englische Abgeordnete Wilson versuchte in einer Versammlung die englischen Arbeiter zu übe..eben, daß sie die An. verpener Hafenarbeiter nicht ersetzen sollten. Wilson ist wieder nach England abgereist.

In Warschau wurde ein Revolverattentat gegen zwei Gehein-polizist..! verübt und ein Polizeiagenl schwer­verletzt. Einer der Attentäter wurde von der Polizei erwischt und auf der Stelle totgeschossen. Es wurden nachher sämtliche Straßen der Umgebung militärisch besetzt, wobei massenhafte Verhaftungen vorgenommen wurden.

Der Vorschlag des Ministerpräsidenten Botha, den Culliman-Diamunten als Geschenk der Transvaal- buren für König Eduard anzukaufen, ist von der Gesetzgebenden Versammlungen der Transvaal-Kolonie mit 4-, gegen 19 Stimmen angenommen worden.

Das per'ische Parlament überreichte dem Schah eine Adresse, in oer dessen Aufmerksamkeit auf die Lage des Lindes gelenkt und eine wirksamere Hülfe von der Verwal.nng gefordert wird. Der Schah nahm die Adresse sehr gnädig auf und versprach seinen Beistand

»MMMgaaMwaaM111 m««bm war ein Album, wie sie sich eS stets gewünscht, zierlich in lichtblauen Sammet gebunden, mit silbernen Klammer» geschlossen.

Zitternd vor Erregung öffnete Franziska da» Buch, was hatte Kurt ihr wohl auf eins der vielen weißen Blät­ter geschrieben?

Verse waren es, sie seien nicht von ihm, erklärte er in einer kurzen Vorrede, aber ihm aus dem Herzen geschrie­ben ; er kenne den Autor nicht; daß dieser ein echter Dich­ter sei, dafür möchte er sich verbürgen.

Und dann die Verse:Die Welle, kaum enteilt vor unsrem Blick, kehrt nie zurück. Der Lufthauch tändelt mit betautein Grün und ist dahin. Die Blume, die in Sounen- glut verdarb, für immer starb. Das Blatt, wie eS vom Baume nieder schwebt, hat ausgelebt. Der Frühling gibt, der Winter nimmt es fort, da nutzt kein Wort. Kein Seufzer führt zurück in unsre Brust, vergangene Lust."

FranziSkas Augen hatten sich verdunkelt, sie konnte nicht weiterleseu,zu was auch? Eine schwere Träne rollte über das goldgeräuderte Blatt, genug, sie hatte verstanden.

DieBlnme, die in Sonneuglut verdarb, für immer starb, das war die Blume seiner Liebe gewesen, des Herzens Erstliugsblüte, für immer war sie gestorben.

Seit dem Tage hegte Franziska keine Hoffnung mehr auf Wiedergenesung des teuren Kranken.

Aehnlich erging es auch Möllenhard, obgleich er das Opfer brächte, sich für Monate in dem einsamen Bent­heim zu begraben, um täglich mit Kurt beisammen zu sein und seinen ganzen Einfluß anfzubieteu, den ehema- ligen Schüler dem Leben wiederzugeben, welchem er sich mehr und mehr entfremdete, in eigensinnigem Festhalten an seinem Gram.

Wohl nahm Kurt zuweilen seine Studien wieder auf, sogar mit der früheren Lebhaftigkeit, wie es anfangs schien: nur zu bald erlahmte seine Kraft und in seiner stillen, müden Weise versank er aufs neue in unheilvolles Brüten. 139,1$