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mit amtlichem Rreisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg,
Morenga.
Unter den Führern der Hottentotten während des Ausstandes war Morenga derjenige, der unseren Truppen in Südwestafrika das meiste zu schaffen machte. Es glückte ihm, über die Grenze zu entweichen. Die Behörden der britischen Kapkolonie setzten ihn zwar fest, lehnten aber das deutsche Verlangen seiner Auslieferung ab. In Kapstadt war man der Meinung, daß Morenga als politischer Verbrecher oder als kriegführende Partei Anspruch auf das Asylrecht habe. Von London aus wollte man nicht eingreifen; bei dem Ansehen, das das Asylrecht in England genießt, fürchtete man unbequeme Anfragen im Parlament, wenn Morenga ausgeliefert würde. Dies war ein Fehler; das gemeinsame Interesse der weißen Bevölkerung in Südwest- afrika hätte über die Bedenken siegen müssen.
Nach Beendigung des Ausstandes konnte Morenga nicht länger gefangen gehalten werden, jedoch ordneten die Kapbehörden seine Ueberwachung an. Die Polizei war aber nicht wachsam genug, um die Rückkehr Mvr- engas auf deutsches Gebiet zu verhindern. Hier soll er sich mit Sigmund Kopper, einem anderen noch nicht unterworfenen Häuptling, vereinigt haben. Das nötigt uns von neuem militärische Maßregeln im äußersten Südosten des Schutzgebietes auf. Die Haltung der englischen Presse und Erklärungen in den Parlamenten von London und Kapstadt beweisen unzweideutig, daß dieser Verlauf der Morenga-Angelegenheit ehrlich h dauert wird. Die englische Regierung hat auch n ... gezögert, der deutschen ihr Bedauern auszudrücken jede mögliche Unterstützung gegen Morenga zu vL> sprechen.
Diese Haltung erklärt sich aus zwei Gründen: Einmal empfindet man es peinlich, daß eine zu weit ge» triebene, falsch angebrachte Humanität die Ursache neuen Blutvergießens sein wird. Dann aber möchte man die Besserung in den Beziehungen beider Länder nicht gestört sehen. Es soll kein Schatten auf das günstige Ergebnis des Besuchs des Königs Eduard in Wilhelmshöhe fallen und die Freude an dem für den November bevorstehenden Besuch des deutschen Kaiserpaares in England nicht getrübt werden. Aergerlich bleibt natürlich das Auftauchen Morengas für uns doch. Immerhin können wir die englischen Versicherungen gelren lassen in der Hoffnung, daß eintretenden Falles tatsächlich volle Unterstützung bei der Verfolgung und Ergreifung Morengas geleistet wird.
Deutsches Deich.
— Während der Kaisermanöver wird das Kaiserliche Hauptquartier in Schloß Corbey an der Weser aufgeschlagen werden, wo der Kaiser am 8. September eintrifft. Die Manöver werden sich wesentlich in dem Berglande i c Weser und auf der Hochebene zwischen der Weser und Pyrmont abspielen.
— Die Bezirkskommandos habe i Anweisung von der Inspektion des Bildungswesens erhalten, neue Meldungen zur Schiffsjungenlaufbahn in der Kaiserlichen Marine trotz des Ablaufs des Schlußmeldetermins bis auf weiteres noy anzunehmen. Diese Maßnahme ist notwendig, weil noch nicht genügend bekannt ist, daß in diesem Jahr zum ersten Male die Einstell im Herbst (Anfang Oktober) stattfindet, und weil folge der durch die Aenderung no-wendig gewordene,l zweimaligen Einstellung an Schiffsjungen in diesem Jahre ausnahmsweffe der außerordentlich hohe Gesamt- jahreSbedars von 1600 Junge i vorliegt. Die zum Dienst in der Kaiserlichen Marine sich meldenden jungen Leute müssen ein Lebensalter von nicht weniger als 14 */2 und nicht mehr als 18 Jahren haben. Sämtliche Kosten für ihre Bekleidung, Verpflegung und Weiterbildung trägt von der Einstellung ab die Marine. Durch den gesetzlich sichergestellten weite, . Ausbau der Flotte liegen die Besöroerungsverhältnisse in der ; Marine bekanntlich sehr günstig.
— Der Deutsche Tag in Bromberg gestaltete sich i einer großartigen nationalen Kundgebung. Die Stadt war festlich geschmückt, und ein imposanter historischer Festzug gab ein Bild der emporl'lühenden deutschen Stadt in oer Ostmark. Dem Feste im großen Schützengarten wohnten außer den Leitern des Ost- markenvereins der Oberpräsident der Provinz Posen, die Regierungspräsidenten von Posen und Bromberg sowie die Spitzen der anderen Behörden bei. An den Kaiser und den Reichskanzler wurden Huldigungstelegramme abgesandt. Vom Reichskanzler ging nach kurzer Zeit folgende Antwort ein: „Dem Deutschen Ostmarkenverein spreche ich für die patriotische Begrüßung meinen herzlichen Dank aus. Ihre machtvolle Kundgebung ist für die königliche Staatsregierung eine wirksame Unterstützung in dem von ihr pflichtmäßig geführten Kampf für die Erhaltung des Deutschtums in der Ostmark. Möchte der Deutsche Tag in Bromberg allenthalben als eine eindringliche Mahnung zu strenger, nationaler Pflichterfüllung empfunden werden!„
Samstag, ben 24. August 1907.
58. Jahrgang.
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— In Stuttgart hat der internationale Sozialisten- kongreß seinen Anfang genommen, an dem etwa 1000 Delegierte aus Europa und Amerika teilnehmen. Bebel hielt die Begrüßungsansprache, worauf ihm Ban der Beide im Namen des internationalen Bureaus dankte. Das Demonstrationsmeeting in Cannstadt verlief ohne Zwischenfall.
— Der Arbeitermangel im Osten des Reiches macht sich nicht nur in der Landwirtschaft, sondern auch in den industriellen und gewerblichen Betrieben immer mehr bemerkbar. Es ist nun von feiten der preußischen und der russischen Regierung angeordnet worden, daß R. sen, welche nachweisbar in Deutschland Arbeit en-uten, bei der Grenzüberschreitung keine Schwierigkeiten in den Weg gelegt werden. Hauptbedingung ist natürlich, daß es sich um einwandfreie Leute handelt, deren Papiere vollkommen in Ordnung sind. Es wird empfohlen, bei Bedarf von Arbeitskräften das Landrats- amt oder die Landwirtschaftskammer in Anspruch zu nehmen, welche sich mit der bezüglichen russischen Verwaltungsstelle in Verbindung setzen, worauf umgehend die Ueberweisung der Kräfte erfolgt.
Ausland
— In der Verfolgung des Hottentottenführers Morenga wollen die Engländer jetzt mit den Deutschen völlig gemeinsame Sache machen. Nach einer Mitteilung der deutschen Botschaft in London hat der englische Staatssekretär der auswärtigen Angelegenheiten Sir Edward Gcey den Inhalt der Meldung von dem Uebertritt Morengas auf deutsches Gebiet der Botschaft mit dem Bemerken bestätigt, daß Morenga in Zukunft kein Asyl auf englischen Boden erhalten werde. Nach einem Telegramm aus Kapstadt ziehen die Behörden der Kapkolonie alle zu Gebote stehenden Polizisten an der Grenze zusammen, um mit den Deutschen gemeinsam gegen Morenga vorzugehen. Oberleutnannt von Estorff wird sich mit seinem Stäbe, den Hauptleuten Heye und Banezus, zurzeit in Windhuk, nach Keet- manshoop begeben. Ein Heranziehen von Truppen aus dem Norden nach dem bedrohten Süden ist seitens des Oberstleutnants von Estorff in die Wege geleitet. Nach Privatnachrichten aus Kapstadt sollen sich Mor- euga und Simon Kopper bei Nakab vereinigt haben. Die Zahl der Morenga-Leute wird neuerdings . erheblich geringer angegeben. Die Grenzgebiete werden von Farmern und Viey geräumt.
— Der Geburtstag des Kaisers Franz Josef von
Dir Komödiantin.
Roman von Oswald Benkendorf. 45 „Aber Sie glaubten mir doch im Vorjahre, als ich Ihnen mein süßes, schönes Kind gab, o hätte ich es nie getan, es hat nur Unglück über uns gebracht. Auf diesem Schlosse muß ein Fluch ruhen und jede Blume verdorrt, wenn sie in dies Erdreich verpflanzt wird: Wilhelmine Ost .. Konstanze Tornelli!"
„''^^n Sie auf mit Ihren Faseleien, sehen Sie nicht, daß die Kranke durch Ihr Reden alteriert wird?"
Sie blickte erschreckt auf das einst so schöne Antlitz, das so furchtbar verändert erschien. Die Fieberröte, welche Konstanze den täuschenden Schimmer von Gesundheit verliehen, war schon seit Tagen gewichen, wachsgelb war die Haut, die Züge verfallen, die Augen dunkel umrändert, der Mund halb geöffnet, ließ die kleinen, spitzen Zähne sehen, auf der Stirn, die leicht gefaltet war, als hätte der Schmelz sie zusammengezogen, schimmerte es feucht, Vera berührte sie und rief entsetzt: „Sie ist kalt. . mein Kind stirbt!!"
„So schweigen Sie, um des Himmels willen! Welche Verruchtheit, in solcher Stunde noch den frechen Mut zu haben, eine Lüge zu sagen!"
„Ich habe diesmal die Wahrheit gesprochen, Graf Wil« menau, ich schwöre es bei dem ewigen Heil meiner ster« k!,1 ™ Tochter. Was liegt mir noch an der Bewahrung des Geheimnisses? Ihr Geld will ich nicht, wenn Kon- stanze tot ist, brauch ich nichts mehr für mich Aber Sie sollen die Mutter nicht vertreiben vom Sterbelager. Gott wird mir vergeben, was ich gefehlt, um meiner Reue wil- len, Jhneir nahm ich nichts; denn die Tochter, welche Wil- helmme 3hnen geboren, starb noch am selben Tage. Ein Sarg unfichließt die Leichen von Mutter und Tochter, forschen Sle nach auf der Toteninsel San Michele in Ve- nerza.Ich habe mich nach meiner Freundin Tode nicht weit von Treviso auf ein Dorf begeben, wo mir eine Ver- wandle wohnte, dort wurde Konstanze geboren und auf sen Rainen ihres Vater» getauft. Jetzt wissen Sie alle»,
lassen Sie mich in Frieden, ich bin so müde . . ach, könnte ich sterben mit meinem Kinde!" Ganz erschöpft sank sie vor dem Lager nieder und barg, krampfhaft aufschluchzeud, ihr Antlitz in die seidene Decke.
Düster starrte der Graf auf beide nieder, er preßte den Mund fest zusammen, als wollte er verhindern, daß noch eine Frage, eine Bitte über seine Lippen käme. Wie hatte er die ihm so spät geschenkte schöne Tochter geliebt und jetzt überkam es ihn bei ihrem Anblick wie heftiger Widerwille, er suchte in dem Antlitz nach Spuren von Aehnlichkeit mit dem verhaßten Weibe dort und fand keine. Hatte Vera dennoch gelogen, um ihren Platz bei der Kranken zu behaupten? Aber in ihren letzten Wor- ten hatte etwas überzeugend Wahres gelegen, sie hatte noch einmal den Sieg über ihn davongetragen.
Und wie ein Besiegter schwankte er hinaus, gebeugten Hauptes. Wenn nun auch der Tod seine Knochenhand ans- streckte nach der bewegungslosen Gestalt dort, was tat ihm da», er hatte die Tochter schon vorher verloren.
Ein dumpfer Schrei, wie der eines verfolgten Tieres, weckte Kurt aus dem betäubenden Schlummer, in den der gänzlich Erschöpfte gesunken war.
Jäh auffahrend aus den Polstern des Ruhebettes, wo er gelegen, blickte er anfangs ganz verständnislos um sich, dann war er miteinem Satze an der Tür, riß die Portiere zurück und eilte zum Lager der Kranken, au dem Vera noch immer kniete, aber sie hatte die Arme mit den ge- falteten Händen erhoben und betete und jammerte inita. lienifctjer Sprache, die heilige Jungfrau um Hilfe anrufend.
„Sie stirbt!" schrie jetzt auch Kurt, die starre Gestalt umschlingend, kalte Schweißtropfen, die von Konstanzes Stirn perlten, netzten seine Lippen. Schaudernd fuhr er zurück . . da öffnete die Sterbende noch einmal die Augen, groß und glanzlos, der schrille Klang eines Glück- chenS machte die andern erbeben, Schritte, dumpfes Ge- murmel ward vernehmbar, die Flügeltüren wurden weit geöffnet, auf der Schwelle erschien der Priester, Chorknaben,den Weihrauchkessel schwingend, folgten, dahinterFran-
ziska, bleich aber gefaßt und die Schloßdienerschaft, welche in der Nähe der Tür niederkniete.
Kurt blickte in die Augen der Braut, jetzt hätte er die Frage an Konstanze richten können, die ihm all die Zeit her auf dem Herzen gebrannt, doch der Klang des klei- neu Glöckcheus mahnte ihn, daß es Frevel sei, jetzt noch an irdisches Lieben zu denken.
Und da schloffen sich auch schon die Augen wieder, die er so oft seine Sterne genannt, schlummerten müde, kalt und gleichgültig für sein unendliches Leid.
Kein Hauch ging mehr über die erkalteten Lippen, da» Herz hatte aufgehört zu schlagen.
„Tot!" murmelte Kurt und sank mit vorgebeugtem Haupte neben der Leiche KonstanzeS nieder, fast ebenso starr und unbeweglich wie diese.
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Seil mehr als Jahresfrist ruhte sie in der Ahnengruft der Wilmenan, im Brautgewande, Kranz und Schleier aus dem goldigen Lockenhaar, das ihr von all ihrer Schön- heit geblieben war . . der liebreizenden Konstanze.
Graf Erich hatte der Tochter nicht das letzte Geleite gegeben, es hieß, daß er schwer leidend sei und deshalb wunderte man sich darüber, daß er bald nach dem Be-
eine weite Reise antrat, die Aerzte schickten ihn nach dem Suden.
r. a^-’4 b^b er sich auch nach Venedig und stellte daselbst, mit gebotener Vorsicht, umfassende Nach- forichungen an, die leider zu keinem Resultat führten.
Die Leiche der Wilhelmine Ost, der deutschen Schauspielerin, welche den Rainen ihres Gatten nie genannt, mar vor zehn Jahren exhumiert worden, wie üblich, und die Vorgefundenen irdischen Reste hatte man zusammen mit denen anderer in einem Schachtgrabe beigesetzt. Man erinnerte sich nicht, eine Kindesleiche in einem der Särge gefunden zu haben, nur ein alter Gehilfe des Totengräbers behauptete, daß vor ungefähr zehn Jahren eine solch« Entdeckung gemacht worden sei, der man jedoch keinerlei Bedeutung beigelegt habe. 139,18