WWmmZeitung
mit amtlichem Kreisblatt
Zllonatsbeilage; Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Erscheint Mittwoch und Samstag. ~ Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
32 66. Samstag, den 17. August 1907. 58. Jahrgang.
Keutenot auf dem Lande.
Aus allen Teilen des Deutschen Reichs laufen jetzt die Klagen über die Schäden ein, welche die überaus kalte und nasse Witterung der letzten beiden Monate der deutschen Landwirtschaft verursacht hat. Die Heu- und Kleeernte liegt zum Teil verfault und unbrauchbar auf den Feldern; die Getreidefelder sind durch den wolkenbruchariigen Regen platt auf den Boden niedergedrückt. Die Benutzung von Mähmaschinen und Bindemaschinen ist ausgeschlossen. Die Besitzer sind darauf angewiesen, die Ernte durch Handarbeit zu bergen. Wie sieht es aber damit auf dem Lande aus? fragt der „Schwab. Merkur". Ein Besitzer in Schlesien gab auf eine Anfrage an, daß auf seinem großen Besitz seit Jahren die Jahresklassen von Arbeitern männlichen und weiblichen Geschlechts im Alter von 15 bis 40 Jahren überhaupt fehlen; so sieht es fast überall auf dem Lande aus. Die Arbeiter, welche nach dem 40. Lebensjahr auf das Land zurückkehren, sind meist in der Industrie verbraucht und invalide; die älteren Frauen werden noch dadurch der Arbeit entzogen, daß sie die Kinder ihrer in der Stadt wohnenden Mädchen versorgen müssen. Unter diesen für die Landwirtschaft sehr bedauerlichen Verhältnissen ist es dankbar anzuer- kennen, daß von den Truppenteilen der Armee, trotz der großen Ansprüche, welche die zweijährige Dienstzeit an die Ausbildung stellt, in jetziger Zeit eine große Anzahl von Mannschaften zur Landarbeit beurlaubt sind. Diese Beurlaubungen kommen selbstverständlich in erster Linie den kleinen Bauern zu gute, die in ihrer Not eine Beurlaubung ihrer Söhne für die Erntezeit erbaten. Aber auch für den Grvß-Grundbesitz toeriKs- wo irgend angängig, Mannschaften beurlaubt. Damit kann aber der großen Not für Bergung der Ernte in keiner Weise voll entsprochen werden. Zum Beispiel erbat sich ein Großgrundbesitzer gegen einen Lohn von 2,50 Mark täglich, freie Unterkunft, reichlich Frühstück- Mittag- und Abendbrot, von einem Berliner Truppenteil 50 Mann. Es konnten ihm aber trotz der persönlichen Beziehungen, die er zum Truppenteil hatte, nur 15 Mann geschickt werden. Wieviel schlimmer ergeht es denjenigen Besitzern, die keine Beziehungen zu Truppenteilen haben, und denen die willkommene Hülfe daher fehlt. So zeigt sich hier ein krasser Notstand des Arbeitermangels auf dem Lande durch Abzug der Leute, junger Männer und Mädchen, nach der Stadt. Diesem Notstand gegenüber klingt es höchst sonderbar, daß jetzt in Berlin über Arbeitslosigkeit
Die Komödiantin.
Roman von Oswald Benkendorf. 43
Eine Stunde später trug man die künftige Herrin von Wil- menau auf einer schnell hergestellten Bahre in daS Schloß.
Vera Tornelli und die Seiltänzer folgten, die Kranke stöhnte leise, ließ eß aber geschehen, daß die blasse Frau, die schweigend neben der Bahre einherschritt, ihre Hand gefaßt hielt.
* ♦
Klar und hell durchbrachen am nächsten Morgen die Sonnenstrahlen die leichten Nebelhüllen, die noch über dem Schloßteich gezogen waren. Dasrötliche Licht fiel auf ein blasses Totenantlitz und lieh ihm täuschende Lebens- färbe, breit zog sich die offene Wunde über Stirn und Schläfe, von der das leise murmelnde Wasser das Blut fortgespült. Weit offen starrten Ernst Kindlers Augen in das Sonnenlicht, mitleidig trugen die Wellen ihn an das Uferschilf. Hier fand man ihn und zog ihn aus dem Wasser.
Zwei Tage darauf begrub man in Spangenberg mit den üblichen militärischen Feierlichkeiten den Hauptmann Ernst Kindler, der durch eigene Unvorsichtigkeit in der Bootführung den Tod gefunden.
Das schön geplante Fest, die Venezianische Nacht würde schon dieses Trauerfalles wegen jedenfalls aufgeschoben worden sein, doch gab es keine Hochzeit in Schloß Wil- menau; denn die Braut war schwer erkrankt und an ihrem Aufkommen ward gezweifelt.
Ein typhöses Fieber war zum AuSbruch gekommen, über die Ursache dieser plötzlichen Erkrankung dachte ein jeder verschieden, man hütete sich jedoch, solchen Gedanken Worte zu geben.
Schweigend und tief bedrückt schlichen die Schloßbe- wohner durch die festlich geschmückten Räume. Im Kran- kenzimmer wachten abwechselnd Gräfin Sidonie und Fran- ziska, während in einem Nebengemach, das nur dnrch eine Portiere von Konstanzes Schlafzimmer aetrennt war, Kurt Bentheim sich aushielt.
geklagt wird. Es gehen Sammellisten herum, um den armen Arbeitslosen in der Stadt einen warmen Löffel Suppe zu besorgen. Würden sich die Vereine, die sich diese Aufgabe gestellt haben, nicht außerordentlich verdient machen, wenn sie alle Arbeiter, die arbeitslos sind, besonders aber diejenigen, die auf dem Lande aufgewachsen sind, anweisen möchten, doch auf ihre heimatliche Scholle zurückzukehren, wo ihnen reichlich Lohn und Arbeit geboten wird? Dann werden sich die durch wohltätige Gaben gesammelten Mittel in reichlicherer Weise für diejenigen Seme verwenden lassen, welche krankheitshalber oder wegen Arbeitsunfähigkeit der Unterstützung wirklich bedürfen. Das wäre eine ausgleichende Vereinstätigkeit. Hiervon will aber der junge Zuzug vom Lande nichts wissen; sie suchen leichteren Verdienst in der Stadt, um denselben ohne Rücksicht auf Frau und Kinder „auf den Kopf schlagen" zu können.
Deutsches Reich.
— Auf das Telegramm des Kardinals Vanutelli an den Kaiser ist am Montag folgende telegraphische Antwort in Metz eingelaufen: „Ich danke Eurer Eminenz für die Mitteilung Ihrer Ankunft in Metz, um als Legat Seiner Heiligkeit dem Euchariftischen Kongreß vorzustehen und für die Versicherung Ihrer Ehrerbietung. Mein lebhaftes Interesse begleitet den Kongreß. Wilhelm."
— Die Prozession in Metz am vergangenen Sonntag verlief ohne Störung. Es nahmen etwa 50 Würdenträger, 85 Vereine mit Fahnen und ca. 20 000 Pers neu an demselben teil. Nachdem der Zug wieder in der Kathedrale angelangt war, schloß Legal Vanu- telli den Kongreß. Abends fuhren die Würdenträger durch die festlich beleuchteten Straßen.
— Gegen die Verabreichung geistiger Getränke auf Borg wendet sich folgende Verfügung des Landrats Dr. Lenz in Beuthen an die Ortspolizeibehörden: „Es ist bei mir zur Sprache gekommen, daß in einigen Ortschaften des Kreises die gewerbsmäßige Abgabe geistiger Getränke auf Borg insoweit zur Regel geworden sein soll, als die Arbeiter seitens der Schankwirte gewohnheitsmäßig von einer Löhnung bis zur andern fast den gesamten von ihnen verbrauchten Branntwein auf Borg erhalten. In Anbetracht der hierdurch hervorgerufenen wirtschaftlichen und sozialen Schäden sehe ich mich veranlaßt, die Ortspolizeibehörden des Kreises darauf aufmerksam zu machen, daß nach
Bleich und entstellt, eine Beute des tiefsten Grames, war Kurt auch durch die zärtlichsten Bitten der geäng- stigten Mutter nicht zu bewegen gewesen, nur für Stunden die Ruhe zu suchen. Wenn ihm vor Ermattung die Augen zufielen, und er in einen traumartigen Zustand verfiel, dann weckte ein leises Wort der Pflegerinnen, ein Klagelaut der Kranken ihn sofort. Er fuhr empor, schlich zur Tür und verharrte unbeweglich dort, die Blicke auf die fieberheißen Wangen der Kranken geheftet, die mit geschlossenen Augen in den weißen Polstern lag, auf dem feuchten Goldhaar den Eisbeutel, der doch die Fieberhitze nicht zu kühlen vermochte.
Nach Tagen und Nächten, die Konstanze in dumpfer Betäubung verbracht, öffnete sie die heißen, gesprungenen Lippen und wirre Reden, Hilferufe, Anklagen drangen über dieselben.
Ernste Name kam am häufigsten vor, aber auch von Stefani Benosta erzählte sie und dem amerikanischen Duell, wie töricht zu sterben, wenn man jung, reich und vor- nehm ist, Ernst Kindler würde das nicht getan haben, behüte, dem mußte man schon mit dem Ruder einen Schlag auf den Kopf geben, damit er auB dem Lichte schwinde ins Reich der Nacht, ins Feenreich der Fata Morgan«!
Und dann lachte sie wieder ganz unbändig über den tollen Einfall, daß ihr Vater, der Reichsgraf Erich Wil- menau, in Boston gehängt worden sein sollte, weil er Garderobengelder gestohlen!
Kurt lauschte mit fliegendem Atem, und iuenn Ernsts Name an sein Ohr schlug, dann biß er die Lippen blu- tig und ballte die Fäuste. Rache! O, hätte er Rache neh- men können an dem Verhaßten! Aber das Grab hatte sich über Ernst Kindler geschlossen, der Nebenbuhler war Kurt unerreichbar. Marder nicht glücklicher? Wie schwer war doch das Leben und das Sinnen und das Grübeln über den Zusammenhang der letzten Ereignisse! War Konstanze schuldig, das blieb eine offene Frage, für Kurt, so sehr er auch sein Gehirn zermarterte.
Thea hatte im ersten Schreck über den Unglücksfall
einer Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts vom 25. Oktober 1884 die gewerbsmäßige Abgabe geistiger Getränke auf Borg als eine die Völlerei fördernde Tatsache im Sinne des § 331 der Reichsgewerbeordnung und als Grund für die Entziehung der Schankkonzession angesehen werden kann." — Dieses Vorgehen ist mit Freuden zu begrüßen und verdient weiteste Nachahmung.
— Im Zusammenhang mit der anderweitigen Regelung des Beamtenbesoldungswesens in Preußen, die für nächstes Jahr in Aussicht gestellt ist, wird auch eine Nachprüfung der Uebung stattfinden, nach welcher jetzt Dienstreisen unternommen werden. Einzelne Beamtenklassen ziehen aus solchen ziemlich beträchtliche Ergänzungen ihres Gehalts. Anderseits bestehen noch alte Vorschriften, nach denen die Oberrechnungskammer die Ausführung von Dienstreisen insbesondere auf dem Lande mit einer Menge von fiskalischen Bedenken zu einer" so schwierigen Sache macht, daß darunter die Schnelligkeit leidet, mit der unter Umständen Fälle zur Erledigung gebracht werden müssen, bei denen es wichtig ist, daß namentlich beispielsweise der Einzelrichter schleunigst an Ort und Stelle ist. Dazu gehört, ihn der Mühe zu überheben, erst genau zu berechnen, ob er so reist, wie es die Oberrechnungskammer nach rück- ständigem Schema für sparsam erachtet.
— Um den nachteiligen Folgen des anhaltenden Sitzens der Schüler in der Schule vorzubeugen, sollen nach einem neuerdings ergangenen Erlasse des Kultusministers auch an solchen Tagen, an denen kein Turnunterricht stattfindet, während der Pausen im Freien oder im gelüfteten Zimmer gewisse Freiübungen eingeführt S'rdeu. Vorher sollen jedoch an einigen Schulen Versuche hierüber a»gestellt werden.
Ausland
— Die Unruhen in Kamerun können als beendet angesehen werden. Nach einem aus Buea (Kamerun) eingegangenen Telegramm hat der Resident in Garua, Oberleutnant Trümpell, über die Bewegung in Ada- waua an den Gouverneur in Buea die weitere Meldung erstattet, daß der flüchtige Mullah Mahdi in Lossonere durch den Lamide von Garua gefangen genommen und daß sechs Jauros (Dorfschulzen) wegen ihr Be> teiligung an den Unruhen hingerichtet worden sind. Oberleutnant Trümpell hält damit die Affäre für erledigt.
— Ueber neue Funde von reichen Kupfererzen in
sich durch einige unüberlegte Ausrufe verraten und bekannte später, von Gräfin Sidonie in strenges Verhör genommen, die ganze Wahrheit, so viel sie wenigstens wußte. Volles Licht warf auch dieses Geständnis nicht auf die Vorgänge des verhängnisvollen Abends im Parke. Hatten Konstanzes Hilfernfe zum Zweck gehabt, sie von Ernst KindlerS Verfolgung zu befreien, oder hatte das Mädchen erst um Hilfe gerufen, als das Boot durch irgend eine Zufälligkeit ins Schwankengeraten war? Schonend teilte Sidonie Bentheim dem Bruder da? Gehörte mit und Graf Erich hörte schweigend zu mit finster gerunzelter Stirn.
So verrannen die Stunden in quälender Langsamkeit, von jedem neuen Tage erhoffte man Besserung und sah sich enttäuscht. Die hohe seelische Erregung Konstan- zes nach der Eröffnung Veras in der Krähenhütte, ihre Verzweiflung, Ernst als Mitwisser eines solchen Geheimnisses zu sehen, dann die Flucht vor ihm, die übermäßige körperliche Anstrengung, das kalte Sturzbad nach der vorhergegangenen Erhitzung, alles hatte zusammen- gewirkt, um die blühende Schönheit und Gesundheit dieses holden Geschöpfes in kurzer Zeit zu vernichten.
Wie das Fieber in den Adern brannte, dieschöne Form zerstörend und der Kunst der Aerzte spottend, die vergebens das neue Heilverfahren anwendeten, um die tückische Krankheit zu bekämpfen.
Immer ernster wurden die Mienen der gelehrten Her- ren, immer vieldeutiger ihre Orakelsprüche, die ein Achselzucken jedesmal begleitete.
Franziska und Gräfin Sidonie verstanden dieseSprachr nur zu wohl und weinten heimliche Tränen. Mehrmals hatte Sidonie versucht, dem Sohne die Möglichkeit des Verlustes nahe zu legen, doch entweder verstand er sie nicht, oder wollte sie nicht verstehen. Koustanze sterben, dies Meisterwerk der Schöpfung in nichts zerfließen, schlimmer als das, ein Gegenstand des Grauens, des Ekels werden, der Verwesung anheimfallen, jetzt, in ihrer Schön- heit Blüte! Unfaßbarer Gedanke! , . 139,18