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mit amtlichem Kreisblatt.
ZHonatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
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Samstag, den 3. August 1907.
58. Jahrgang.
Amtliches.
J.-Nr. 3497 K. A. Illh die Schafzucht zu fördern, hat der Kreisausschuß beschlossen, denjenigen Gemeinden eine Kreisbeihülse zu bewilligen, welche sich entschließen, einen für die hiesigen Verhältnisse geeigneten rassereinen Zuchtbock zu beschaffen. Welche Rasse für den hiesigen Kreis am geeignetsten ist und von welcher Heerde oder Zuchtstation der Bock zu beziehen ist, wird mitgeteilt werden sobald Antwort aus die dieserhalb an die Landwirtschaftskammer gerichtete Anfrage eingetroffen ist.
Damit keine Verzögerung eintrilt, ist es zweckmäßig schon jetzt Bestellungen auf Schasböcke hier zu machen.
Schlächtern, den 26. Juli 1907.
Der Vorsitzende des Kreis-Ausschusses: Valentiner.
Der Umfang der Berufszählung
vom 12. Juni läßt sich aus einigen Ziffern ermessen, welche die „Statistische Korrespondenz" bekannt gibt. Zur Durchführung des Zähliverks hat die Reichskasse vorläufig 6,20 Pf. aus den Kopf, der Bevölkerung — für Preußen allein also zusammen rund 2 325 000 Mk. — zur Verfügung gestellt. An Zählpapieren wurden in Preußen vom Königl. Statistischen Landesamte versandt Haushaltungslisten (vierseitig) 9 754 673 Stück, Gewerbeformulare (zweiseitig) 9 428 382 Stück, Musterbeispiele (vierseitig) 9 499 922 Stück, Land- und Forst» Wirtschaftskarlen (vierseitig) 4 797 881 Stück, Gewerbe- bogen (sechsseitig) 835 931 Stück, Zähleranweisungen (zweiseitig) 440 747 Stück, Kontrolllisten (vierseilig) 8d5 928 Stück, Anweisung für die Gemeindevorstände (zweiseitig) 159 891 Stück, Gemeindebogen (zweiseitig^ 175 935 Stück. Rechnet man diese Drucksachen von verschiedener Seitenzahl, im übrigen sonst gleichen Formates, auf Blätter von je zwei Seiten um, so ergeben sich rund 63 026 545 Blätter, deren jedes 24,6 mal 32,4 cm maß und 6,2 g wog, woraus sich ein Gesamt-Papiergewicht von rund 390 765 li» errechnet, d. h. die Last von 39 Eisenbahnwaggons. Unter Zu rechnung des Gewichtes der Kisten und der Verpackung bestes sich die ganze Versendung auf 482 600 kg, das ist das Frachtgewicht von 48 Eisenbahnwaggons. Zum Verschrauben der Kistendeckel sind allein 6 Zentner (318 kg) Schrauben gebraucht worden. Wie sehr eine geringfügige Kleinigkeit bei solchen Massen iils Gewicht fällt und ins Geld läuft, geht aus folgendem hervor. Der Reichstag hatte in letzter Stunde in die Haus-
Die Komödiantin.
Roman von Oswald Benkendorf. 39
„Schon gut, kann sein, dann ist mir Euer Hiersein allerdings erklärlich. Ihr wollt Geld und Ihr werdet befriedigt werden, noch heute will ich mit meinem Vater reden "
„Nicht doch, ich sagte Dir ja, teure Seele, daß ich von Graf Wilmenau kein Almosen auuehme." Der Ton, in welchem Vera die» sprach, hatte etwas so Ueberzen- aendeS, daß Konstanze verwundert ausblickte; schnell ge- faßt jedoch erwiderte sie: „Von Almosen ist keine Rede. Mein Vater bezahlt Euch das Kostgeld für mich."
„O!" unterbrach die Venezianerin lebhaft: „Die erwiesene Liebe und Sorge, dir Pflege, welche ein Kind beansprucht, sind Dinge, welche eine Mutter, eine Pflegemutter, wenn Du willst . . sich nicht bezahlen läßt."
In stolzer Haltung wendete sich Konstanze ab. „Man hat dergleichen von Ench nicht begehrt, im Gegenteil, Ihr habt ein große» Unrecht begangen, gegen meinen Vater und mich, doch daS ist nicht der Ort, um Bergan- genes zu erörtern, laßt Euch nur gesagt sein, daß wir zahlen wollen, und zwar eine bedeutende Summe, nicht weil wir eine Verpflichtung dazu anerkennen, sondern um jeder Bande ledig zu sei», die unS mit Euch und der Vergangenheit verknüpfen."
Vera Toruelli zuckte zusammen, als habe sie ein Peitschenhieb getroffen, ihre Wangen färbten sich dunkel, blitzenden Auge» trat sie auf Konstanz« zu, auf ihren Lippen, die sich öffneten, schienen drohende Worte zu schweben, doch schwieg sie, wie gebannt, von dem kalte» Strahl, der auS Konstanzes Auge sie traf. Tief aufsenszend trat sie zurück und murmelte gesenkten Blicke» unverständ- liche Laute vor sich hin.
Unbekümmert um die Wirkung ihrer Härte hüllte Kou- stanze sich fester in ihren Mantel und wollte eben ohne Lebewohl an der Frau vorüberschreiten nach der Tür, M sich BeraS Hand fest auf ihren Arm legte: „Noch
Haltungsliste noch die Frage nach der Religion eingesetzt, deren Ausnahme machte die Einfügung einer Spalte von nur 8 mm Breite nötig, bei den vierseitigen Drucksachen also eine Verbreiterung der Formulare um 1G mm. Diese Kleinigkeit bedeutete für Preußen im ganzen einen Mehrverbrauch an Papier von 12 699 kg und Mehrkosten allein für das Papier von rund 4317 Mk. Die Kosten für Papier, Druck, Kisten und Versendung der Zählpapiere haben in Preußen rund 245 000 Mk. betragen. Im ganzen wurden die Zählpapiere in 6635 Kisten, 4388 Postpaketen und 164 Briessendungen verschickt. In den letzten 8 Tagen vor der Zahlung wurden in etwa 800 Telegrammen noch Zählpapiere nachgefordert.
Deutsches Reich.
— Der Kaiser hat seine Nordlandfahrt beendet. Die Kaiser-Jacht „Hohenzollern" befindet sich bereits in den dänischen Gewässern und dampft von dort nach Swinemünde.
— Die Zusammenkunft des Kaisers mit dem Zaren wird nach neueren Mitteilungen am 3. und 4. August bei Swinemünde stattfinden. Aus Anlaß dieser Entrevue ist dem Vernehmen nach der Flottenmanöverplan ab- geändert worden. Die Schlachtflotte soll nicht nach Helgoland gehen, sondern die Uebungen werden in der Ostsee und bei Swinemünde stattfinden. Zu der Kaiser- Flotille wird die vom Prinzen Heinrich gebildete Hoch seeflotte stoßen, so daß dort Anfang August die Flotte vereinigt sein wird.
— Das lenkbare Luftschiff soll in der ersten Hälfte des August dem Kaiser vorgeführt werden. Dem Vernehmen nach wird der Ballon wie immer von, Tegeler Schießplätze seine Fahrt antreten und nach dem Tempel- Hofer Felde seinen Weg nehmen, wo ihn der Kaiser bei der Verkehrstruppe erwartet, der Landung beiwohnen und das Luftfahrzeug besichtigen wird.
— Nach einer Mitteilung der Versuchsabteilung der Verkehrstruppen an die Motorradfahrer-Vereinigung soll während der diesjährigen Kaisermanöver ein Versuch mit der Verwendung von etwa 20 freiwilligen Motorradfahrern für den Nachrichtendienst gemacht werden. Falls die Probe günstig aussällt, soll nach dem Muster des Freiwilligen-Automobilkorps ein Frei- willigen-MBorradkorps gegründet werden, dessen Mitglieder sich bei kurzem, zehntägigen Friedensübungen erproben können.
ein Wort, Konstanze, gehe nicht so von mir, die Gelegenheit, Dich allein und ungestört zu sprechen, lammt so leicht nicht wieder."
„Mit meinem Willen sicher nie."
„So höre mich wenigstens an!"
„Sprecht dann . . aber macht eS kurz.*
„Ich bin alt, hinfällig, Konstanze, habe ein wenig Mitleid mit mir. In meiner Einsamkeit und Verlassenheit warst Du mein einziger Gedanke, mein einziger Trost, die Hoffnung, einst bei Dir dies vielleicht nur kurze Da- fein beschließen zu können. So lange ich's vermochte, hielt ich aus, fern von Dir, aber meine Sehnsucht überwäl- tigte mich, es >var stärker als ich, ja, das Gefühl war übermächtig, das mich Dir nach zog. Mit meinem Bruder Verdi und dessen Gesellschaft laut ich her, ich wollte Dich als Braut sehen. Dein künftiger Gatte liebt Dich, verehrt Dich, er wird Dir eine kleine Bitte nicht abschlagen, wenn Du ihn anschanst mit Deinen schönen Augen. Bitte ihn, um ein Plätzchen in Deinem neuen Heim für eine arme, wandermüde Frau, die Deine Kindheit gepflegt, sage ihm, daß sie sich in bescheidener Ferne hal- ten und sich damit begnügen will, an Deinem Glücke sich zu freuen, Deine Kinderchen, wenn Gott Dir welche beschert, auf ihren Armen zu wiegen und mit einem Segenswünsche für. Euch ihre Seele ansznhauchen! Kon- stanze, Du Gottgesegnete, willst Du das tun, willst Du Kurt Bentheim für mich bitten?!"
„Nein!" kam eS kurz und hart von den Sippen des jungen Mädchens.
„AuS Erbarmen, tue es!" Vera war in die Knie gesunken und umtlammerte Koustanzes Gestalt mit ihren Armen, sie schluchzte leise.
„Nie und nimmermehr!" rief Konstanze, bestrebt, sich von dieser Umschlingung frei zu machen, „und tuemuuem Gatte eS wollte, so mürbe ich mich dem widersetzen, nun wißt Ihr genug, laßt mich!" .
Vera schnellte empor, sie stöhnte laut auf rote ein
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— Der König von Siam trifft am 9. August nachmittags auf Wilhelmshöhe zu»! Besuch der Kaiser- familie ein.
— Zur Erlangung eines einheitlichen Schuljahres hat der Vorstand des preußischen Lehrervereins an den Kultusminister eine Eingabe gerichtet, worin gebeten wird, anzuordnen, daß das Schuljahr mit dem letzten Schultage im März schließen, und das neue Schuljahr am erste« Schultag im April beginnen möge. Es handelt sich hier um einen alten und berechtigten Wunsch, der an manchen Orten übrigens schon erfüllt ist.
— Der preußisch? Minister der öffentlichen Arbeiten, Breilenbach, hat die preußischen Eisenbahndirektionen angewiesn, die Eisenbahnarbeiter zu den Erntearbeiten zu beurlauben, soweit dies die Sicherheit des Eisenbahnbetriebes zuläßt.
— Die kommunale Fleischversorgung der Bevölkerung ist von der Bonner Stadtverordneten Versammlung beschlossen worden. Vorgesehen wurde die Einrichtung von zunächst zwei Fleischständen, die aus städtischen Mitteln von zwei Metzgern verwaltet werden. Die Fleischpreise werden von der Stadtverwaltung amtlich festgestellt und sollen erheblich niedriger sein, als die der Fleischeriunung, die wiederholt die Herabsetzung der Fleischpreise verweigert hatte. Die Einrichtung weiterer Verkaufsstellen soll erfolgen.
— Die Leutenot auf dem Lande hat infolge des bisherigen ungünstigen Wetters noch zugenommen. Die Polen und Galizier, welche jetzt vielfach zu Erntearbeiten benutzt werden, murren, werden aufsässig und laufen den deutschen Arbeitern in die Städte nach. Die Folge dieser Not ist, daß am liebsten jeder Bauer sein Anwesen verkaufen achchte, und das Bauernlegen und die sogenannte „Güterschlachterei" blühen wie noch nie zuvor. In der Nähe von Brandenburg sind in einem Dorfe vier Wirtschaften auf einmal ausgeboten worden.
— Der Landrat des schlesischen Kreises Sprottau v. Klitzing hat gegen die polnischen Grundstücksspekulationen angesichts ihres weiteren Umsichgreifens die Gemeindevorstände seines Kreises ersucht, ihm so beschleunigt wie möglich, mündlich oder schriftlich, im Notfälle telephonisch oder telegraphisch zu berichten, sobald ihnen nur irgendwie zur Kenntnis kommt, daß Polen oder deren Agenten sich bemühen, Grundbesitz in den Gemeinden zu erwerben. Das ist eine sehr kluge und verdienstvolle Maßregel des Landrats, mit deren Hülfe es vielleicht in manchem Falle gelingen wird, den Polen noch zuvor zu kommen. Allerdings läßt
getretenes Tier, keuchend sagte sie: „Hartherziges, un- dankbares Kind!"
„Genug, gebt deu Weg frei, oder ich rufe nach mei- ner Dienerin."
»Hüte Dich, das könnte Dir teuer zu stehen kommen." „Ihr wagt zu drohen, noch einmal . . ."
„Still und höre auch Du mein letzte» Wort. Die bit- tende Mutter hast Du von Dir gestoßen, Du herzlose» Geschöpf, jetzt wirst Du deren Befehl gehorchen."
„Seid Ihr von Sinnen? Mein Vater wird mich vor kneten Brutalitäten, ja vor der Berührung mit Euch zu schützen missen!"
»Dein Vater, arme» Närrchen, den rufst Du vergebens an, der soll in Boston gehängt worden sein, weil er Garderobengelder gestohlen hat."
„Was soll daS, Grar Wilmenau . . .*
Vera lachte mißtönig auf. „Ha ha . . daS eben ist'» ein kleiner Irrtum. Nicht Graf Wilmenau ist Dein Va^ ter, Arme, sondern der ehemalige Statist am Viktoria- theater, Gustav Weihler auS Lübbeu, seine» Zeichens ein Schneider, der das ehrliche Handwerk mit der Künst- lerlanfbahn vertauscht. Hübsch war er, das mußte ihm der New lassen. Du bist ihm wie auS dem Gesicht geschnitten, mich berückte seine Schönheit, wir schloffen einen Bund fürs Leben . . so wähnte ich verliebte Närrin. Bald genug ward ich enttäuscht, doch ich sah erst ganz klar, als Gustav Weihler eine» Tages mit meinen Erspar- nissen und dein bißchen Schmuck verschwunden war aus Nimmerwiedersehen. Ja, das war Dein Herr Papa, er hat nicht schön an unS gehandelt, Tüchterchen, deshalb," fügte sie kichernd hinzu, „kann mir'» auch memanb verdenken, daß ich Dir einen besseren auSsuchte, nicht so Kon- stauze?"
Warum lachte Koustanze nicht über die ganze närrische Geschichte, warum geriet sie nicht L. Zorn über daS freche Lügengewebe, in welches das verhaßte Weib sie einznspinnen trachtete! 139,18