SchlüchternerMung
mit amtlichem Kreisblatt Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Psg.
M 60^ Samstag, den 27. Juli 1907. 58. Jahrgang.
Erika.
(Zu Bisinarcks Todestage, 30. Juli.)
Im stillen, tiefen Walde war ich heut; Noch war zum Licht der Tag nicht voll erwacht, Und Uff wob ihre Schleier noch die Nacht, Und um mich her Holdsel'ge Einsamkeit.
Die Quelle flüstert heimlich ihr Gebet, Und in den dunkeln Wipfeln rauschte leise Der Weltenharmonie urew'ge Weise, Gleich Aeolsharsentönen sacht verweht.
Die Blumen schliefen noch, wie duft'ge Träume Schlich sich ihr Odem durch die grünen Räume.
Da fiel mein Blick von ungefähr zur Seite
Auf ein bescheidnes Blümlein: „Bist schon da, O vielgeliebte, traute Erika, Du reizend Kind des Waldes und der Heide?" Drauf sie: „Ich komme, wie das Herz gebeut, Alljährlich einen Großen zu begrüßen!
Wohl schönre blühn in Gärten und aus Wiesen, Doch rühm' ich mich, daß einen ich erfreut.
Ich bin ein schlichtes Waldkind nur, und Prunken Ist mir im tiefsten Innersten verhaßt Und buntes Flitterwerk und eitler Glast — Es zünden wohl, doch wärmen nicht die Funken. Dem Wald hab sein Geheimnis ich erlauscht: Die Treue ist's die ohne äußern Schein
Das wahrhaft Große schafft aus sich allein Und nicht mit flüchl'geni Erdenglücke tauscht. Längst schläft er, der zum Sinnbild mich erkor, Den ewgen Schlaf, doch lamm ich wie zuvor, Zu grüßen dort auf einem bessern Stern Den treuen deutschen Diener seines Herrn."
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Znm 30. Juli.
Wieder ist der Tag gekommen, an dem vor neun Jahren die erschütternde Kunde die Welt durchflog, daß der Tod seinen Arm ausgestreckt habe auch nach, dem Manne, dem seine Taten und die Geschichte die Unsterblichkeit verliehen. Wohl ruht Fürst Bismarck, der Begründer und erste Kanzler des neuen Deutschen Reichs, nun schon neun Jahre unter den mächtigen Eichen des Sachsenwaldes, aber seine kraftvolle Gestalt mit den blauen, blitzenden Augen, den markigen Zügen und dem milden Lächeln lebt unter uns fort; denn nie hat sich eine Gestalt so tief eingeprägt in das Gedächtnis der Mitlebenden und der Künftigen wie die des eisernen Kanzlers, nie hat das Volk so eifrig gelauscht
auf jede Kunde, die von dem Tun und Sinnen des Alltagslebens und des Feiertags sprach, wie bei Otto von Bismarck. Nichts Schattenhaftes ist fan ihm geblieben, kein falscher sentimentaler Zng stört das Bild dieser klaren, wie in Stein gemeißelten Persönlichkeit, und selbst der Haß des Gegners muß vor seiner Größe huldigend sich neigen.
Neun Jahre sind vergangen seit Bismarcks Tode. Auf seinem Grabe kündet die Inschrift, daß er ein treuer deutscher Diener Kaiser Wilhelms I. war, ein Zeugnis zugleich bescheidenen Sinnes und stolzen, aber berechtigten Selbstgefühls; denn was Großes er geschaffen, das steht lebendig vor uns in der Einheit und Machtstellung des Deutschen Reichs. Aber nie wohl hat Fürst Bismarck, dessen Leben so überreich an Erfolgen und Siegen war, einen größer» Triumph gefeiert als in den Tagen, da er auf der Bahre ruhte: in fünf Erdteileu wurde ihm gehuldigt in überwältigenden Ausdrücken einer fast schrankenlosen Anerkennung und Bewunderung, zu der seine gigantische Größe zwingt, die überall, wo sie sich betätigt hat, alle Durchschnitts- maße ins schier Uebermenschliche und Unermeßliche überragte, die in ihrer alleinstehenden Eigenart unwiederbringlich ist, aber auch unverlierbar, weil von ihr Kräfte ausgeströmt sind, die nicht in Aeonen unler- gehen.
An dem Todestage eines Bismarck kann es nicht gelten, sein Gedächtnis zu erhalten oder gar auM« frischen, und ebenso wenig dürfen wir heute in der unauslöschlichen Erinnerung an ihn in schwächlicher Wehmut klagen und zagen wollen über die Vergänglichkeit selbst des Größten auf Erden; denn Bismarck ist nicht tot, er lebt; Was vergänglich an ihm war, ruht in stiller Gruft im Sachsenwalde, aber er selbst, sein Eigenstes kann nicht vergehen, sein Geist lebt fort in seinen Taten und in feinen Werken, in dem durch ihn wiedererstandenen Deutschen Reiche, dessen politische, wirtschaftliche und rechtliche Grundlagen er gelegt hat, in dem von ihm geeinten deutschen Vaterlande als das getreueste Abbild des Deutschtums in so künstlerischer Vollendung und plastischer Schönheit, daß sein Volk es verehren muß als die zaubermächtigste Jdealgestalt des deutschen Volksgeistes. In die fernsten Zeiten hinaus lebt und wirkt Bismarck weiter als ein unveräußerliches Element unseres in ihm neugeborenen vaterländischen Empfindens, als eine zuversichtliche Quelle nationalen Denkens, als der Begeisterung erhaltende und fort und fort erzeugende Faktor des deutschen
Sebstbewußtseins, als der Schöpfer und Lehrmeister der deutschen Staatskunst, als der Meister der Realpolitik, der uns aus den Banden eines unfruchtbaren Doktrinarismus befreit hat. Das mögen die Gedanken sein, die uns an des großen Bismarck Todestage beseelen.
Deutsches Reich.
— Der Kaiser hat die Einführung des Tschako für die Telegraphentruppen an Stelle des Helms verfügt.
— Molde. Der Kaiser machte am Donnerstag vormittag bei schönem Wetter einen Spaziergang an Land, besuchte dann den Prinzen Heinrich an Bord der „Deutschland ' und lud den Prinzen Heinrich und den Prinzen Adalbert zum Frühstück ein. Nachmittag nahm der Kaiser den Tee auf der Höhe bei Molde ein. Zur Abendtafel waren die Kommandanten der Kriegsschiffe und Prinz Heinrich geladen. Freitag erfolgte die Abfahrt nach Bergen.
— Amtlich wird jetzt bestätigt, daß König Eduard am 14. August unserm Kaiser in Wilhelmshöhe einen Besuch abstatten wird. Diese Nachricht ist in Deutschland willkommen.
— Prinz Friedrich Wilhelm von Preußen beabsichtigt, sich der Verwaltungslaufbahn als Beruf zu widmen. Er ist, wie bekannt, der »stpreußischen Regierung schon feit längerer Zeit zugeteilt. Man nahm, wohl nicht ganz ohne Grund an, daß dies ursprünglich geschah, weil man in ihm den Nachfolger seines damals noch lebenden Vaters, des Prinzen Albrecht, Regenten von Braunschweig, erblickte. Wie es kam, daß diese Aussichten sicy dann nicht erfüllten, ist genugsam erörtert worden. Jedenfalls hat der junge Prinz — er ist am 12. Juli 1880 geboren also in diesen Tagen 27 Jahre alt geworden — an den Verwaltungsgeschäften soviel Freude und Befriedigung gefunden, daß er, wie gemeldet wird, an den Kaiser die Bitte gerichtet hat, nach beendeter Vorbildung ein Landratsamt über- nehmen zu dürfen. Die Bitte fand, so wird versichert, die Billigung des kaiserlichen Oberhauptes. Prinz Friedrich Wilhelm von Preußen hat auf der Universität Bonn Rechtswissenschaft studiert. Er wird zur Zeit als beurlaubter Major bei dem 1. Garde-Regiment z- F- geführt.
— Auf seinem Gute Nieder-Wabnitz in Schlesien ist der frühere Reichstags- und Landtagsabgeordnete Wilhelm von Kardorff gestorben; er hat ein Alter von
Ai« Komödiantin.
Roman von Oswald Benkendorf. 37
Zumal den Hanplinann von Kindler wollte sie nicht nennen; die Komtesse hatte just nach ihm gefragt, e» würde ihr nicht angenehm sein, zu hören, daß Hauptmann Kind- ler an Stelle des Oberst von Perle zurückgeblieben und am Abend die BeleuchtungSprobe leiten werde. Man muß ja nicht alles ausplaudern, übrigens würden sie sich rechts halten, bis zur Kräheuhütte ging sicher keiner der Offiziere, die blieben in der Allee; denn eS kam ja gerade darauf an, wie sich alles von dort gesehen, aus- nahm.
Gedacht, getan. Konstanze erfuhr nur von der schlauen Thea, waS ihr, nach der letzteren Meinung, zu wissen notwendig war, und deshalb blieb es auch hier bei der Verabredung.
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Ernst Kindler hatte nach TheaS Entfernung die Unterhaltung mit der kleinen Akrobatin wieder ausgenommen und heuchelte Zöbitz gegenüber ein lebhaftes Interesse für Sibylla. Um länger mit derselben zusammen sein zu können, wollte er sich, so vertraute er dem Mädchen, von deren Großmutter anS der Hand wahrsagen lassen. Si- dylla erhielt den Auftrag, die Großmutter zu fragen, wann dieselbe Zeit habe, ihre Kunst zu üben.
„Gehen wir, um nach unseren Leuten zu sehen, sie wer- den fertig sein," sagte Leutnant Zöbitz gelangweilt zu dem Kameraden.
„Sofort, ich will nur hören, ob Signora Maja geneigt ist, mich zu empfangen, aber Sie könnten sich ja gleich übersetzen lassen, ich folge Ihnen in einer der Fischerbarken, ich bin des RudernS kundig."
„Besser, Sie kommen mit mir, Kindler, was soll denn auch die Tändelei mit solch' halbwüchsigem Mädel heißen."
k „Die Kleine ist verteufelt hübsch."
„Wenn sie rein gewaschen und gekämmt ist .. möglich."
„Lassen Sie sich nicht anslachen, Zöbitz, Sie gaben sich ja vorhin ganz unendliche Mühe, sich mit Signorina Si- bylla zu verständigen und in Gunst bei ihr zu setzen."
„Dumme» Zeug, was tut man nicht ans langer Weile!"
„Nun, mein guter Zöbitz, wenn Sie sich in meiner Ge- sellschaft langweilen, habe ich ja nicht nötig, mich in der Ihrigen zu amüsieren, deshalb . . aber da ist ja die Kleine, bravo, das war ein graziöser Sprung, hat Nasse dar niedliche Ding!"
Sibylla trippelte herbei: „Großmutter läßt den Herrn Offizier bitten."
„Mein Herz, jetzt kann ich unmöglich lammen, frage noch einmal, ob die Großmutter mich in einer Stunde empfangen könnte. Du sollst auch einen Kuß von mir haben."
„Nicht» dergleichen," wehrte da» Mädchen lachend ab, führte aber doch den Auftrag aus und kam bald mit der Nachricht zurück, daß es allerdings in einer Stnude sein könne, aber nicht später, denn Großmutter sei schon ver- sagt sür denAbend, da» sei ihr nichts Neues, fügte das Alrobatenkind stolz hinzu; denn Majas Kunst sei hoch geschätzt und. oft genug werde sie zu den großen Herren gerufen.
Sibylla erhielt statt de» Kusse», den sie verschmäht, ein Geldgeschenk, das sie zierlich dankend nahm, und Kiud- ler versprach, pünktlich zn sein, dann ließ er sich mit seinem Begleiter von dem alten Jonas übersetzen und gab Befehl, die Lampen in den Papierlateruen zu entzünden.
Der Effekt war wirklich ganz feenhaft, wie der kleine Zöbitz meinte, würdig einer Fata Morgana. „Genug, ge^ nug, löscht auS!" rief Kindler den Leuten zu, „mir haben gesehen, was wir sehen wollten, und müssen die Leucht- kraft der Lampen für morgen aufspareu. Erich," wendete er sich an feinen Burschen, „gib mir meinen Mantel, finden Sie nicht, Zöbitz, daß diese venezianische Nacht wärmer sein könnte? Wenn der Dichter behauptet, daß der nor- discke Sommer nur ein grün angestricheuer hinter fei,
so mögen das manche übertrieben finden, auf den Früh- Kug aber paßt es. Hoffentlich haben wir morgen ein paar Grad mehr. Addio, Zöbitz, ich reite gleich heim," und zu dem Burschen: „Steht der Fuchs beim Schulzen?"
„Zu Befehl, Herr Hauptmaun, soll ich . . ."
„Du erwartest mich bei Mahlberg, wenn Du hier nicht» mehr zu tun hast."
„Viel Vergnügen!" rief der kleine Zöbitz ärgerlich, „Sie wollen also doch noch zu der Zigeunerin, wir hätten sonst zusammen reiten können."
»Ein andermal, warten Sie nicht anfmich," erwiderte Ernst mit leisem Lachen, sich znm Gehen wendend.
Mit der znr Schau getragenen fröhlichen Stimmung schien es jedoch dem schnell im Schatten der Bäume Da- hinschreitendeu nicht ernst zu sein.
Zwischen den Brauen hatte sich eine tiefe Falte a«. bildet und er murmelte vor sich hin: „Ich glaube an Vorherbestimmung, dies blonde Ding, die Thea hat tuet« neu Weg schon zweimal gekreuzt. Da» erste Mal ging der Schlag fehl, durch irgend eine Teufelei de» Zufalls, heute werde lch vielleicht glücklicher sein, denn daß es Konstanz« rst, welcher die Alte wahrsagen soll und nicht daS Fräu- Um vorn Wirtschaftshilfe, daraus möchte ich schwöre» lch kenne ja ihr abergläubisches Gemüt. Zum mindesten werde ich sie noch einmal ohne Zeugen sehen und sprechen können."
Als Thea eine halbe Stunde später auf der ©enteilt« bewiese erschien und zu dem grünen Wagen eilte, auS dessen Fenstern matter Lichtschein schimmerte, sprang Si- bylla aus sie zu, die ihrer au der Treppe gewartet. Dann rief sie laut: „Großmutter komm!"
Eine gebückte, in ein dunkles Tuch gehüllte Gestalt stieg die Treppe herab. „Hier bin ich, lassen Sie un» gehen."
Thea eilte voran, um den Weg zu zeigen.
Die Wahrsagerin folgte, aber jetzt hatte sie sich straff ausgerüstet und hielt gleichen Schritt mit ihrer Beglei- term. 139,18