chlWernerMun g
mit amtlichem Kreisblatt,
ZHonatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Erscheint Mittwoch und Samstag. •— Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
tM 57. Mittwoch, den 17. Juli 1907. 58. Jahrgang.
as^aiiiaaoteaaaaiasiosiä^^
Amtliches.
J.-Nr. 3240 K.-A.
Kreispferdeverstcheruna
Ani Freitag, den 19. Juli, nachmittags 3 Uhr findet in Schlichtern an der landwirtschaftlichen Halle am Nutertor die Ausnahme derjenigen Pferde statt, welche ans der Stadt Schlächtern und den Gemeinden Niederzell und Elm zur Kreispfeldeversicherung angemeldet tvorden sind. Die Pferdebesitzer werden hiermit ersucht, ihre Pferde alsdann vorzuführen.
Aber auch Pserdebesitzern, welche noch Nicht an- gemelbet haben, steht es frei, ihre Pferde milzubringen und an Ort und Stelle anzumelden.
Schlüchtern, den 8. Juli 1907.
Der Vorsitzende des Kreisausschusses: Valentiner.
Bekanntmachung.
Im November d. Js. finden die Neuwahlen der Mitglieder und stellvertretenden Mitglieder der Apothekerkammer für die Provinz Hessen-Nassau für die Wahlperiode vom l. Januar 1908 bis Ende Dezember 1910 statt.
Die Liste der im Regierungsbezirk Cassel wohnhaften wahlberechtigten Apotheker liegt im Geschäftszimmer des Königlichen Landratsamts in Schlüchtern vom 18. d. Mts ab 14 Tege lang öffentlich aus
Einwendungen gegen die Liste sind innerhalb 14 Tagen nach beendigter Auslagung der Liste bei dem Vorstände der Apothekerkammer in Cassel anzubringen.
Cassel, den 10. Juli 1907
Der Vorstand der Apothekerkammer W. Nagell. , Kgl. Hosapotheker.
Ordnung
betreffend die Gewährung von Tagegeldern und Reisekosten in städtischen Dienstangelegenheiten in der Stadt Schlüchtern.
Auf Grund des § 13 der Städteordnung für die Provinz Hessen-Nassau vom 4. August 1897 und des § ß des Kommunalbeamtengesetzes vom 30. Juli 1899 wird hierdurch folgende Ordnung erlassen.
§ 1. Unter Dienstreisen werden nur solche Reisen verstanden, bei denen die Entfernung von der Stadt mindestens 3 km beträgt.
§ 2. Für Dienstreisen werden nachstehende Entschädigungen gewährt:
A. Tagegelder:
1. Für die Mitglieder des Magistrats, der
Stadtverordneten-Versammlung und
Kommissionen, sowie akademisch gebildete
Lehrer und Beamten 10,— Mk.
2. Für die Subalternbeamten, den städt.
Baubeamten und die seminaristisch gebildeten Lehrer 6,— Mk
3. Für die Unterbeamten 4,— Mk.
Bei Dienstreisen, die nicht mehr als 6 Stunden in Anspruch nehmen, werden die Tagegelder nur zur Hälfte gewährt.
ß. Reisekosten:
1. Bei Dienstreisen, welche auf Eisenbahnen zurückgelegt werden:
Für die zu A 1 Genannten Fahrkarte II. Klasse und für die zu A 2 und 3 Genannten Fahrkarte III. Klasse nebst den erforderlichen Zuschlägen bei Benutzung von Schnellzügen.
2. Bei Dienstreisen, welche nicht auf Eisenbahnen zuiückgelegr werden können, die entstandenen ortsüblichen,.Fuhrkosten.
3. Außerdem werden bei Dienstreisen, welche ein Ueber- nachten außerhalb erforderlich machen, für jeden Zu und jeden Abgang gewährt
den zu A 1 Genannten je 3, — Mk. den zu A 2 und 3 Genannten je 2,— Mk.
Schlüchtern, den 2. Mai 1907.
Der Magistrat Albrecht.
Bescheinigung.
Es wird hierdurch bescheinigt, daß der Entwurf vorstehender Ordnung in der Zeit vom 6. Mai bis einschließlich 22. Mai 1907 auf dem Bürgermeisteramt ausgelegen hat, und daß Einsprüche dagegen nicht erhoben worden sind.
Schlüchtern, den 23. Mai 1907.
Der Magistrat: Albrecht.
Zu vorstehender Ordnung ist die Genehmigung des Magistrats am 2. Mai 1907 und die Genehmigung der Stadtverordnetenversammlung am 4. Juni 1907 erteilt.
Vorstehende Ordnung, betreffend die Gewährung von Tagegeldern und Reisekosten in städtischen Dienst-
angelegenheilen in der Stadt Schlüchtern, wird auf Grund des § 6 des Kommunalbeamtengesetzes vom 30. Juli 1899 und des § 13 der Städteordnung für die Provinz Hessen-Nassau vom 4. August 1897 genehmigt.
Cassel, den 6. Juli 1907.
(L. S.) Namens des Bezirks-Ausschusses.
Der Vorsitzende: I. V.: Piutti.
Vorstehende Ordnung wird hierdurch veröffentlicht. Schlüchtern, den 12. Juli 1907. t
Der Magistrat: Albrecht.
Zur Lage der ländlichen Arbeiter.
Tausende und abertansende ländlicher Arbeiter verlassen alljährlich die heimatliche Scholle, um in der Großstadt das erträumte Eldorado zu suchen. Die meisten aber sehen sich alsbald arg enttäuscht und werden inne, daß ihrem Streben nach der Großstadt falsche Vorstellungen über die Lage der großstädtischen Arbeiter im Verhältnis zu derjenigen der ländlichen zugrunde gelegen haben. Einen sehr schätzenswerten Beitrag zu dieser Frage hat vor einiger Zeit der Vorsteher des Arbeitsamtes der Landwirtschaftskammer für die Provinz Brandenburg mit einer vergleichenden Zusammenstellung der Einkommensverhältnisse der landwirtschaftlichen Arbeiter in der Provinz Brandenburg und derjenigen der gewerblichen Arbecter in Berlin geliefert. Aus der Reihe der landwirtschaftlichen Arbeiterschaft hat er diejenigen herausgegriffen, die den Typus diests Standes am ausgeprägtesten in sich verkörpern, also die Tagelöhner, Drescher, Deputanten, Pferdeknechte, Kuhsütterer u. s. w., und diesen von den gewerblichen Arbeitern Berlins die ungelernten verheirateten Arbeiter gegenübergestellt, die hinsichtlich der Vorbildung, Intelligenz und Leistungsfähigkeit auf der Höhe der landwirtschaftlichen Arbeiter stehen und meistens auch vom Lande stammen.
In der in Rede stehenden Publikation wird das Jahreseinkommen der ländliches Arbeiterfamilie aus deni Lohne des Mannes, dem der Frau, den Einnahmen, die der Hofgänger bringt, ferner aus Tantiemen und Gratifikationen, Akkordarbeiten über Tagelohn, aus dem Verdienste durch Viehhaltung und Ackernutzung sowie endlich aus Naturalien und sonstigen Bezügen berechnet. Der Wert der Wohnung ist hierbei wegen der obwal« tenden großen Unterschiede nicht mitberechnet, die Kosten
äi£&K&
Are Komödiantin.
Roman von Oswald Beukendorf. 33
Gras Erich und auch Kurt wurden durch Freund Per- leS Eröffnungen sehr angenehm berührt und beide dankten ihm und den übrigen Mitgliedern des Festkomitees in herzlicher Weise. Die trefflichen Weine Perles, der ein seiner Kenner war, taten das Ihrige, um eine gehobene Stimmung zu erzeugen, und so kam man bald in eine recht augeregte Diskussion über ben ober jenen streitigen Punkt, als Graf Erich lachend sagte: „Lieber Perle, Sie haben sich übrigens da eine recht abenteuerliche Nachbarschaft ausgesucht; denn die Wiese, welche von der Dorfs^ite an den Teich stößt, wird von einer Kunstreitergesellschaft alleruntersten Grades besetzt ioerben. Die Leutchen haben beim Dorfschulzen ungefragt, ob sie nicht durch ihre Kunst- leistungen das Volksfest, welches ich der Dorfjugend versprochen habe, verherrlichen könnten, und da der ehrliche Mahlberg, der Schulze von Wilmenan, mir Wunderdinge von einem gelehrten Esel erzählte, für den er ganz begeistert schien, so habe ich meinem Amtmann aufgetragen, die Zirkuslente für mich zu engagieren und sie werden ihre Vorstellungen in dem auf der Gemeindewiese schnell aufgeschlagenen Zirkus geben, also dicht am Teich Sie und Ihre venezianischen Gondoliere werde» demnach den gelehrten Esel ganz in der Nähe haben."
Man lachte und selbst Hauptma»» Kindler zwang sich zur Heiterkeit, obwohl er vorher erst geäußert, daß er sich nicht wohl fühle, eine Bemerkung, welche durch sein Aus- sehen mehr als bestätigt ward.
Als Kurt mit seinem Oheim das Gemach betreten, hatte er den ersteren mit scharfem Blick gemustert und dann die Farbe jäh gewechselt. Der Röte starker Erregung war tiefe Blässe gefolgt und die schmalen Lippen preßten sich wie in Schmerz und Grimm zusammen.
Das war aber auch das einzige Mal gewesen, wo Ernst eine Schwäche gezeigt, die übrige Zeit beherrschte er sich
meisterlich, so daß er sogar den mißtrauischen Surt durch fein unbefangenes Wesen täuschte.
„Wenn Ernst Kindler die schöne „Fata Morgana" geliebt, dann starb er nicht an dieser Liebe, sicherlich nicht, sonst hätte er sich nicht das Gondolierlied aus Othello einstudiert, um es, wie er äußerte, als Gegenstück zu den lustigen Volksliedern, in der einzigen dunkel bewimpelten Bark bei Mandolinenklang vorzutragen.
Wer mit einer unglücklichen Liebe sich brüsten, ja sogar mit derselben kokettieren kann, dachte Kurt, der stirbt nicht an gebrochenem Herzen. Ernsts gelbliche Gesichtsfarbe und dunkel umräuderte Augen waren weit eher Anzeichen einer Leberkrankheit.
Angeregt durch das Zusammensein milden Freunden hub munterer als all' die Tage vorher kehrte Kurt mit dem Oheim nach Wilmenau zurück.
Graf Erich hatte bald nach der Tochter Verlobung an Vera Tornelli nach Venedig geschrieben und derselben wiederholt die Summe von zweitausend Mark angeboten, als Entgelt für Konstanzes Unterhaltung im Hause der Tornelli. Es war dem stolzen Manne eine unerträgliche Vorstellung, daß sein Kind das Brot jenes WeibeS gegessen, unter herein Dache gewohnt, er empfand es als tiefe Demütigung, gewissermaßen-in Veras Schuld zu stehe». ES sollte nichts mehr gemeinsam sein zwischen Konstanze und ihrer Ziehmutter, sie sollte bezahlt werden von Konstanzes Mitgift, und das junge Mädchen war höchlich zu- frieben bannt; beim ihre Abneigung gegen die Pflegemutter hatte sich noch vermehrt, seit sie im Familienkreise zu Wilmenan lebte.
Wie gemein und widerlich war dagegen das Leben und Treiben in dem Hause an der Ponte di Carmini, und jenes häßliche verbitterte Weib, das ihr so selten etwas LiebeS erzeigt, hatte sie für ihre Mutter halten können. Sie war eine Intrigantin, die in dem Kinde der Freun- din nichts weiter gesehen, als ein Spekulationsobjekt . . gut, sie sollte sich darin mindestens in ihren Erwartungen nicht getäuscht haben, solche Leute bezahlt man, wenn
man sich in ihren Netzen verfangen hat, aber man verachtet sie.
Zu Graf Erichs Verwunderung war die immerhin recht bedeutende Summe bei seinem Notar in BreSlau bis jetzt noch nicht erhoben worden. War Vera Tornelli noch nicht zufrieden damit, oder wollte sie immer noch ein Recht an dem Mädchen haben, dem sie durch mehr denn zwanzig Jahre Wohnung Kost und Kleidung gegeben?
Nun, sie sollte sich geirrt haben, wenst sie gehofft, den gleichen Einfluß auch auf die Tochter der Frau zu üben, die sie durch ihre schlimmen Ratschläge in Elend und Verzweiflung getrieben.
Vorder Vermählung der Tochter sollte die Sache abgemacht und alle Beziehungen mit Vera Tornelli abgebrochen werden. Konstanze trat an der Hand des Gatten in ein neues Leben ein und nicht einmal die Erinnerung an frühere Zeiten sollte sie in dasselbe hinüber nehmen.
Wenn der Graf gewußt, wer der Eigentümer des gelehrten Esels und der Direktor des ZirkuS sei, den er selbst bereitwilligst für das Volksfest engagiert, er hätte vielleicht durch einen Gewaltakt den letzten Sproß des edlen Geschlechts der Tornelli über die Grenze seiner Herrschaft bringen lassen. 139,18
Da er jedoch, dies betreffend, völlig ahnungslos war, hatte der grüne Wagen der wandernden Akrobaten aus der sogenannten Gemeindewiese Aufstellung genommen und die mageren Gäule weideten mit großem Behagen da» frische Gras ab, wenn ihnen nicht» Besseres geboten wurde.
Die Kinderschar des Kompagnon Guido Rudini tummelte sich, auf Händen und Füßen gehend, im Freien herum und im Dorfe hatte sich das Gerücht verbreitet, daß die Spielersleute auch eine Zigeunerin mit sich führ- teil, die aus den Karten und dem Kaffeesatz wahrsagen könne. Sie sei aber sehr stolz und tue es auch nicht für Geld, bis jetzt sei die Frau des Schulzen Mahlberg bte einzige gewesen, die sie in aller Heimlichkeit in dem grünen Wagen empfangen habe und alles wäre zugetroff seit, was die Sibylle der Frau Mahlberg prophezeit.