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SchlüchlernerZeitun a

mit amtlichem Kreisblatt,

Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Alk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

M 53. Mittwoch, den 3. Juli 1907. 58. Jahrgang.

Fortwährend

werden Bestallungen auf die

SchUichterner Zeitung

mit amtlichem Kreisblatt von allen Postanstalten, Latidbriesträgern sowie von der Expedition entgegengenommen. hncana-l-a finden in der Schlüchterner Zeitung den meisten Erfolg, da sie die größte Auflage der im Kreise Schlüch- tern erscheinenden Zeitungen besitzt.

Ein Urteil über deutsche Sozialpolitik.

In sehr anerkennender Weise hat sich ein zurzeit in Berlin weilender amerikanischer Sozialreformer, Richard Hunter, der Verfasser des in Amerika und England sehr beachteten WerkesArmut", über die Sozialpolitik Deutschland gegenüber dem Korrespondenten desNew York Herald" ausgesprochen. Auf die Frage des Korrespondenten, welches Land nach seiner Ansicht die größten Fortschritte auf dem Gebiete der Sozial­politik gemacht habe, antwortete Herr Hunter:Ohne Zweifel Deutschland. Es marschiert in dieser Hinsicht an der Spitze aller Nationen, und wir Amerikaner können sehr viel von ihm lernen." Er zählte dann die Kranken-, Unfall- und Altersversicherung auf, die den deutschen Arbeiter vor dem Armenhause bewahren, die Heilstätten und Sanatorien, das Krankenkasseuwesen, die Waldschulen und Ferienkolonien u. s. w. und fuhr fort:Soweit ich gesehen habe, ist die furchtbare Armut, der Großstädte anderer Länder in Deutschland unbe­kannt. Die Leute brauchen nicht in den Parks zu schlafen wie bei uns und in England. Die Polizei sorgt dafür. Sie können in die Asyle für Obdachlose gehen, wo ihre Kleider entseucht und sie selbst gebadet werden, und wo sie die Nackt zubringen können. Ich habe nicht den zehnten Teil dessen erwähnt, was ich gesehen habe. Das aber sage ich : die deutschen Reform- einrichtungen sind mustergültig und wert der Nachahmung in Amerika."

Deutsches Reich.

Die Nordlandreise des Kaisers, die bereits schon Montag Abend von Kiel aus angetreten wurde, wird etwa fünf Wochen dauern und soll bis nach Hammerfest gehen. Nach einer offiziellen Mitteilung

aus dem Bukinghampalast hat Kaiser Wilhelm die Einladung König Eduards, im November nach England zu kommen, angenommen.

In Peine bei Hannover sind schwere Aus­schreitungen polnischer Arbeiter vorgekommen. Der Gutsbesitzer Leßmann in Oderberg bei Peine hatte eine Anzahl polnischer Arbeiter entlassen. Daraufhin machte sich alsbald unter den auf dem Gute verbliebenen polnischen Arbeitern eine große Unzufriedenheit bemerk­bar. Leßmann wurde schließlich von den Arbeitern, etwa 40 an der Zahl, mit Heugabeln u. s. w. tätlich angegriffen und mußte fliehen. Die herbeigerufene Gendarmerie war gezwungen, von der blanken Waffe Gebrauch zu machen. Sie nahm vier Verhaftungen vor. Nachdem die Gendarmen abgezogen waren, gingen die Polen wieder vor, umlagerten das Haus Leßmanns, den sie in ihre Hände zu bekommen suchten. Die wiederum herbeigerufene Gendarmerie schritt ein, wurde aber von den polnischen Arbeitern bis Peine wütend verfolgt. Dort sammelten sich die Polen vor dem Amtsgericht und versuchten die Gefangenen zu befreien. Die Schutzmannschaft und die Gendarmerie konnten nur mit blanker Waffe die Polen auseinandertreiben. Das ist offenbarer Landfriedensbruch, der die Herr­schaften teuer zu stehen kommen wird. Wir sind ja nicht in Polen!

Die städtische Fleischverkaufsstelle in Eberswalde hatte bei ihrer Eröffnung einen außerordentlichen Zu- drang. Da in derselben vollwertiges Schweinefleisch zu 50-70 Pf., Fett zu 45 Pf., Eisbein zu 30 Pf., Kopsfleisch zu 20 Pfg. das Pfund verkauft werden konnte, war der ganze Vorrat in kürzester Zeit aus- verkauft und der größte Teil der 3 -4000 Menschen, welche aus der ganzen Stadt herbeigeströmt waren, mußte leider betrübt ohne Fleisch abziehen. Hoffentlich versieht man die Verkaufsstelle demnächst mit reichlicheren Fleischmengen, so daß alle Kunden befriedigt und die allzu profitlüsternen Fleischer zur Herabsetzung ihrer Preisforderungen genötigt werden.

Die Vertreter der polnischen Arbeitervereine des Ruhrgebietes beschlossen in ihrer letzten Tagung in Mitten den Austritt aus den bisherigen Bergarbeiter­verbänden, besonders dem christlichen Verband, und die Gründung eines selbständigen polnischen Bergarbeiter­verbandes für den deutschen Westen.

Die soziale Liebestätigkeit der deutschen Krieger­vereine ist ersichtlich aus bem Geschäftsbericht des Deutschen Kriegerbundes für die Jahre 1905 und 1906.

Danach wurden aus der Bundeskaffe unter anderm in den beiden Jahren ausgegeben für Unterstützungen an Kameraden 341 775 Mark, für Unterstützungen an Kameradenwitwen 104 709 Mark, für Notstandsunter­stützungen 26 630 Mark, für die Unterhaltung der vier Kriegerwaisenhäuser 317 930 Mark. Im ganzen hat der Deutsche Kriegerbund in den Jahren 190506 für Unterstützungs- und Wohlfahrtszwecke 796 398 Mark ausgegeben. Die hierfür gemachten Aufwendungen der dem Deutschen Kriegerbunde an^ehörenden Vereine sind nicht mitgerechnet.

Ausland

Den abgeschiedenen Schutztruppenangehörigen in Südwestafrika wird, falls sie auf Heimbeförderung verzichten und sich verpflichten, als Ansiedler im Lande zu bleiben, das Heimreisegeld als Ansiedelungsbeihülfe gezahlt. Ausgeschiedene Schutztruppenangehörige werden beim Käufe von Regierungsland hinsichtlich des Preises bevorzugt, wenn sie ein eigenes Vermögen von mindestens 2000 Mark nachweisen können. Diejenigen ausgedienten Schutztruppenangehörigen, welche auf eigener Farm wohnen, können, ein unverzinsliches Darlehen bis zum Höchstbetrag von 6000 Mark bewilligt erhalten und finden hierbei gegenüber anderen Bewerbern in erster Suite' Berücksichtigung.

Im ungarisch kroatischen Konflikt haben die kroatischen Abgeordneten eine Proklamation an das kroaitscke Volk gerichtet in welcher der soeben vollzogene Wechsel in der Landesregierung für ungesetzlich erklärt und ein weiterer energischer Kampf für die kroatische Sache und die nationalen Rechte verkündet wird. Be­züglich des neuen Banus Rakodezay wird darin erklärt, daß von der ungarischen Regierung bei seiner Ernennung die Prinzipien der Verfassung und des Parlamentaris­mus völlig ignoriert worden seien, und daß daher die Position des neuen Banus nicht diejenige eines ver- asfungsmäßigen Banus sein werde.

Ueber eine neue antimilitärische Bewegung in Frankreich weiß der PariserMatin" zu melden. Da« nach wurde in Macon ein Korporal des 134. Regi- nents, der Sohn eines Weinhändlers, verhaftet. Er 'teht in dem Verdacht, einem russischen Baron und )effen Begleiter, einem Oesterreicher, die beide gleich- alls verhaftet worden sind, Nachrichten über die Stimmung in der Garnison gegeben zu haben. Die verhafteten Fremden hatten, wie es heißt, beabsichtigt, in Macon eine antimilitaristische Bewegung zu organi­sieren.

Die Komödiantin.

Roman von Oswald Benkeudorf. 30

Während Franziska, einem guten Geiste gleich, fast mihSrbar im Hause ordnend waltete, hing 'sie doch stets ihren trüben Gedanken nach, und vielleicht gerade weil ihr Wesen äußerlich so beherrscht war, nistete sich der Gram tief in dem Innern ein. Recht gut, daß sie so viel zu tu» und zu sorgen hatte, notgedrungen mußte sie ihr Interesse sehr prosaischen Dingen zuwenden und diese Tätigkeit zer­streute sie doch.

Eben war sie wieder in der Speisekammer beschäf­tigt, eine Besichtigung der vorhandenen Borräte mit der Wirtschafterin vorzuuehmen, als Frau Haber lachend rief: Ach, sehen Sie doch, gnädiges Fräulein, was haben wir denn da? Meiner Treu, das sind Bücher und alte Pa­piere, die dort neben den Mandeln und Rosinen liegen. Ist denn die Thea ganz kopflos geworden, daß sie derlei gelehrte Sache» in die Speisekammer legt?"

Sie wird sich wohl aus der Leihbibl othek in Spau- aeuberg heimlich ein paar Bücher zum Lesen mitgebracht haben, das wäre noch nicht so schlimm, wenn Thea nur eine gute Wahl getroffen," meinte Franziska begütigend, indem sie sich den Büchsen mit den Konserven zuwendete.

Frau Julie Haber runzelte die Stirn.Na, da» fehlte mir bloß noch, heimlich Romane lesen, als wenn wir gerade jetzt weiter nichts zu tun hätten, ich will» mir auSgebeten haben. Thea!" rief sie darauf, die Tür öff­nend,komme sofort in die Speisekammer I"

Die Gerufene erschien mit erhitzten Wangen.WaS ist das dort?" fragte Frau Julie, mit einer gebieterischen Handbewegung nach einem langen Tische anS hartem Holze deutend.

WaS soll denn dort sein, Frau Haber?" gegenfragte das erschrockene Mädchen,die Ware, welche ich heute in Spangenberg besorgt, ist alles richtig, der Bestellzettel und die quittierte Rechnung liegen dabei."

»Und da» da?"

Ach!" rief Thea halb lachend, halb ärgerlich, denn Frau Haber fand leicht eine Gelegenheit sie zu meistern,da hat der David das Bücherpaket für den gnädigen Grafen mit in die Speisekammer gelegt, das ist wirklich komisch."

So, für den jungen Herrn Grafen?" fragte, noch im­mer etwas mißtrauisch, Frau Haber, indessen Franziska schnell näher trat und in ihrer gütigen Weise sagte:Nun, das kleine Versehen ist leicht wieder ^ut zu machen. Neh- nie» Sie die Bücher, Thea, und tragen Sie dieselben in das Wohnzimmer, wenn der Graf heim kommt, werde ich selbst ihm die Bücher übergeben, legen Sie diesel­ben auf den runden Tisch."

Thea tat, wie ihr geheißen, und bald verließ auch Fran­ziska die Speisekammer, um sich hinaus zu begeben.

Kurt war ausgeritten, sie war ganz allein in dem trauten Raume, der jetzt so ödeund auSgestorbeu erschien durch die Abwesenheit der Bewohner. Ihre Blicke irr- ten durch daS Gemach, gewohnheitsgemäß wollte sie zu einer Nadelarb^it greifen, die neben ihr aus der Gobelin- decke lag, als ihr Blick das Bücherpaket streifte, das Thea so auf den Tisch gelegt, wie sie es in der Speisekammer, wo Frau Haber eS geöffnet, vorgefunden.

Und schon streckten sich die weißen Finger nach den grauen, unscheinbaren Bänden auS und Franziska laS neugierig die Titel und Namen der längst vermoderten Verfasser dieser poetischen Ergüsse. Da gab eS doch we­nigstens wieder Anknüpfungspunkte zu einem geistigen Austausch mit Kurt, wie das sonst gewesen, und froh an- geregt, blätterte sie weiter, hier und da einen VerS le- s-nd- . * .

Kurt war früher, als er vermutet, heimgekehrt, da er Baron Rotkirch, einen benachbarten Gutsbesitzer, nicht angetroffen. GewohnheitSgemäß begab er sich in daSWohn- zimmer, wo auch jetzt in Abwesenheit der übrigen Fa- milienmitglieder der Tee genommen ward. Da der Abend bereit» dämmerte, war die grobe Hängelampe entzündet

worden und beleuchtete mit Hellem Schein da» Antlitz des jungen Mädchens, da» lesend am Tisch saß.

Einen Augenblick blieb Kurt im Rahmen der Tür stehen und sah befremdet zu Franziska hinüber, die ihn nicht hatte kommen hören; wie verändert erschien sie ihm, eine völlig andere geworden, auch la» sie nicht, sondern starrte vor sich hin und ihre Lippen zuckten, alS spräche sie mit sich selbst. WaS war denn vorgefallen während der paar Stunden seiner Abwesenheit? Unwillkürlich rief er halblaut ihren Namen.

Mit einem Schrei des Schrecken» fuhr sie auf und fast gleichzeitig legte sie die Hände auf einen Stoß Bü­cher und Papiere, die vor ihr lagen, als wollte sie die­selben den Blicken des Eintretenden verdecken.

Seit wann erschrickt denn unser HauSmütterchen vor mir?" fragte Kurt, mit einem Versuche, zu scherzen.

Ich erschrecken? Du irrst, ich war nur so vertieft in meine Lektüre, daß ich Dein Kommen überhörte, und da, nun Du da bist, werde ich aber gleich den Tee ma­chen," und sie faßte schnell Bücher und lose Hefte zusam­men, alS wollte sie dieselben forträumen, um Platz zu machen zum Aufdecken."

Warum erzählst Du mir Märchen? Du lasest nicht, Franziska, als ich eintrat. WaS wolltest Du vor mir ver- bergen?" 139,18

Nichts!" stieß sie hastig hervor und blickte ihn dabei auS großen Augen so traurig an, wie ein gequältes Kind.

Kurt wurde unruhig, seine Nerven waren leicht ge­reizt und Widerspruch ärgerte ihn, zumal eS hier ja auf der Hand lag, daß Franziska ihm die Unwahrheit sagte. Deshalb zogen sich feine Brauen leicht zusammen, als er in unfreundlichem Tone sagte:Ich will die Wahr- heit wissen. Zum Scherz scheinst Du durchaus nicht auf­gelegt zu sein, also, wenn Du mir etwa» 3u verbergen trachtest, handelt eS sich um ernste Dinge." Damit wa, er neben sie getreten und blickte über ihre Schulter hinab auf die verstreut umher liegeuden Bücher und Schriften