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mit amtlichem Kreisblatt.
Alonatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
Samstag, den 29. Juni 1907
58. Jahrgang
Die im 58. Jahrgang erscheinende SchlüchtSkner Zeitung mit amtlichem Kreisblatt ist mithin die älteste und verbreitendste Zeitung im Kreise
Schlüchtern und weit noch über denselben
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finaus und finden Inserate in derselben wirksame Verbreitung.
daher in der Zustellung unserer Zeitung durch die Post beim bevorstehenden Quartalswechsel vermeiden will, der wolle dieselbe so bald wie möglich bei dem betreffenden Postamte bestellen- Nur diejenigen auswärtigen Postabonnenten, welche bis spätestens 28. Juni unsere Zeitung wieder bestellt haben, können verlangen, j daß ihnen unsere Zeitung vom 1. Juli ab pünktlich von der Post geliefert wird. Wer später bestellt, muß nach den amtlichen Bestimmungen für Nachlieferung der ersten Nummern des neuen Quartals eine besondere Gebühr von 10 Pfg. bezahlen. — Jede Postanstalt
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die Expedition der „Schlüchterner Zeitung"
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Ministerwechsel.
Der Personenwechsel in einigen der höchsten Staatsämter des Reiches und Preußens, mit dem sich die politischen Zeichendeuter schon so lange beschäftigten, ist nun tatsächlich eingetreten. Freilich hat sich keine der gemachten Voraussagen bestätigt, und es läßt sich daraus rückschließend ersehen, daß es sich bei jenen Voraussage» nicht um irgendwie zutreffende Jnfor- matiouen, sondern teils um Versuchsballons, teils um parleitendenziöse Machenschaften gehandelt hat.
Ueberafchend kommt wohl allgemein der Rücktritt des Grafen v. Posadowsky von dem Posten eines Staatssekretärs des Reichsamts des Innern. Mit dem Grafen Posadowsky scheidet zweifellos eine der bedeutendsten Persönlichkeiten aus dem Staatsdienst. Seine hohen Geistesgaben sind allgemein anerkannt. Mit hervorragendem Rednertalent verbindet Gras Posadowsky ein staunenerregendes Wissen und einen, in die Tiefe dringenden und die großen Zusammenhänge der Dinge erfassenden Blick. Mit virtuoser Gewandheit wußte er im Reichstage jederzeit Rede und Antwort zu stehen und in wahrhaft souveräner Beherrschung des Stoffes über alle Zweige seines riesenhaften Ressorts bis in die winzigsten Details hinein Auskunft zu erteilen. Es wäre aber ungerecht, über diesen glänzenden subjektiven Eigenschaften des bisherigen Staatssekretärs des Innern seine objektiven Verdienste um das Staatswohl zu vergessen ; auch diese müssen dankbar anerkannt werden. Insbesondere werden seine entschiedene Abkehr von dem handelspolitischen Kurs der Caprivizeit und seine tat- kräftige Förderung der Sozialpolitik für alle Zeit unvergessen bleiben.
In dem neuernannten Staatssekretär des Reichs- amtes des Innern Herrn v. Beihmann-Hollweg, dem bisherigen preußischen Minister des Innern, dürste Graf Posadowsky einen kongenialen Nachfolger gefunden haben. Auch ihn zeichnet neben der Beherrschung des administrativen Details ein scharf ausgeprägter Zug
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Ais Komödiantin.
Roman von Oswald Benkendorf. 29
„Einen Bissen essen muß unsereins ja auch, dafür ist die liebe Mittagszeit da. In einer guten Stunde fahren wir ab, dann hole ich mir die Bücher."
Damit verließ Thea eilig den Laden wieder, gleich darauf tauchte Herr Jsidor wieder auf und bedauerte mit wehmütigem Herabziehen der Mundwinkel, daß er kein Geschäft mit dem Herrn Hauptmnuu machen könne, weil die gewünschten Werke nicht auf Lager seien.
„Was sind denn das für Bücher?" fragte Ernst, ein umfangreiches, wohl verschnürtes Paket, das auf dem Ladentisch lag, mit dem Finger berührend.
„Einige Autographen von Karl von Holteh Hoffmann von Fallersleben, Abhandlungen verschiedener Gelehrten und Gedichte, altes Zeug, Herr Hanptmann, auch stelzige Verse von den Mitgliedern der schlesischen Dichterschule, ehrlich gesagt, was Modernes istinir unterhaltender, aber für die studierte» Herren hat das historischen Wert. . mir recht. Der junge Herr Graf in Wilmenau ist ganz versessen auf die alten Schmöker, die ich mir mit schwerer Mühe und viel Geld verschafft habe. Er will sie als Präsent für den Herrn Professor aus Berlin . . ich habe vergessen den Namen. Wissen Sie, Herr Baron, daß der alte PreNman» auf den Tod liegt? Der hat doch sein Lebelang nichts anderes getan, als solchen Bücherkrain gesammelt. Also gut, Geld ist nicht da, um Doktor und Apo- theker zu zahlen, nur die alten Schmöker. Die Jungfer Johanne, seine Schwester, ist eine kluge Person, die sich zu helfen weiß. Wenn Not an Mann kommt, räumt sie flugs eins der Nepositorieu ab und bringt mir eine Schürze voll Drucksachen, die ich ihr dann gnt bezahle, der Kranke darf natürlich nicht» davon wissen, sonst wär'S aus und geschehen.
Es steht dahin, wie viel Kindler von der langen Rede Jsidor Wolfs vernommen hatte, doch blickte er plötzlich so lebhaft auf und seine Augen glänzten so feurig, daß der
philosophischer Weltanschauung, ein Streben nach Tiefe und ein Drang zur Einheit, zum Ganzen aus. Es sei zum Beweise hierfür nur an die prächtigen Ausführungen erinnert, in denen Minister v. Bethmann- Hollweg seiner Zeit im preußischen Abgeordnetenhause bei den Verhandlungen über das Dreiklassenwahlrecht den nivellierenden Tendenzen der Masse entgegentrat, sowie an seine Einführungsrede vor dem nämlichen Parlament, in der er ebenso geistvoll wie treffend den Grundsatz verfocht, daß es Aufgabe der Staatspolitik sei, nicht bloß das Kranke und Schwache zu stützen und zu pflegen, sondern vorbeugend auch das Gesunde und Starke zu erhalten und zu fördern. Wir glauben aber nicht fehlzugehen, wenn wir gerade in solcher Geistesanlage eine besondere Gewähr für die ersprießliche Verwaltung des Staatssekretariats des. Innern erblicken. In diesem Ressort. laufen ja die verschiedensten Fäden zusammen, hier gilt es, unausgesetzt zwischen den widerstreitendsten Ansprüchen und Forderungen zu vermitteln, zwischen den miteinander ringenden Interessen von Landwirtschaft und Industrie, von Mittelstand und Lohnarbeiterschaft den erforderlichen Ausgleich zu vollziehen. Dies erscheint noch besonders erschwert in einer Zeit wie der unsrigen, wo weite Kreise unter dem Bann der von der Sozialdemokratie ausgeübten Sug- gestisn die Neigung bekunden, in dem Staatssekretär des Innern einen ausschließlichen Minister für Lohnarbeiterpolitik zu sehen. Zu der Ueberwindung solcher Schwierigkeiten gehört eine wahrhaft staatsmännisch- philosophische Art, der es gegeben ist, die verschiedenen Zeitströmungen in ihrer Relativität zu erkennen und die Dinge allezeit von hohen und großen Gesichtspunkten aus zu behandeln. Von solcher Art aber ist der neuernannte Staatssekretär des Innern, und deshalb sind wir geneigt, an seinen Amtsantritt die schönsten Hoffnungen zu knüpfen.
Im Gegensatze zu dem Rücktritte des Grasen von Posadowsky ist der Rücktrit des preußischen Kultusministers v. Studt durchaus nicht überraschend gekommen.
Händler glauben mußte, die Erzählung von dem sterben- den Prellmann, der Jungfer Johanne und den Büchern interessierte den schönen Offizier ganz ungeheuerlich. In dieser Vermutung wurde er noch befestigt, als Kindler jetzt sagte: „Das ist ja von großer Wichtigkeit, da liegen vielleicht Schätze verborgen, die zu heben wären."
„Hat Graf Bentheim diese Auswahl getroffen, oder senden Sie ihm die Sachen znr Auswahl?"
„Das letztere, Herr Barou; denn vorerst wenigstens muß ich die Sachen nehmen, wie die Johanne sie Mir bringt, später, wenn Prellmann erst tot und begraben ist, wird das schon besser werden."
„Wissen Sie was, Herr Wolf," unterbrach Kindler den Händler „Sie können mir einen Gefallen erweisen. . ."
„Stehe ganz zu den Befehlen des Herrn Hauptmann."
„Ich mache nur einen Sprung hinüber in meine Wohnung, um eine dienstlicheAuordnung zu treffen, dannkomme ich wieder und Sie lassen mich einen Blick in die Bücher dort werfen."
„Gern, gern, aber verkaufen kann ich dem Herrn Haupt- mann von denen da nichts, so gern ich auch dienen möchte."
„Das verlange ich ja auch nicht, im Gegenteil, ich würde doch meinem Freunde, dem Grafen Bentheim nichts ranben wollen! Ich bitte sogar über diesen kleinen Bor- fall Schweigen zu bewahren. Ich möchte nur sehen, was er erhält, und ob Sie mir nicht AehnlicheS verschaffen können, dabeiistja keine Indiskretion."
„Behüte, verlassen sich der Herr Hauptmann ganz auf mich, ich bin Geschäftsmann und weiß, was sich geziemt."
In zehn Minuten kehrte Ernst in den Laden deS Händlers zurück, sein Antlitz war gerötet, daS Herz klopfte ihm, er nickte Herrn Jsidor zerstreut zu, der daS Bücherpaket in zuvorkommender Weise öffnete. Dann vertiefte er sich in den Inhalt der von dem redlichen Prellmann zusammengetragenen Schätze.
Doch die Beschäftigung mit den altersgrauen Büchern und vergilbten Blättern währte nur kurze Zeit, dann er- ,
Herr v. Studt befindet sich in einem Alter, in dem sich die Verwaltung eines so schwierigen und verantwortungsvollen Postens, wie es derjenige eines preußischen Kultusministers ist, naturgemäß als Bürde geltend zu machen pflegt. Dies und nicht die ungerechtfertigte Hetze der Liberalen gegen ihn darf als Grund seines Rücktrittes angesehen werden. Ein preußischer König von so starker Individualität, wie unser gegenwärtiger Monarch, wird sich gewiß das wichtige Kronrecht der Ernennung seiner höchsten Ratgeber nicht von der Demokratie entwinden lassen. Mit der Preisgabe dieses Rechtes wäre ja die verhängnisvolle Bahn des parlamentarischen Regimes betreten, vor dessen zweifelhaften Segnungen, wie wir sie anderswo so grell vor Augen haben, unser Preußen hoffentlich allezeit bewahrt bleiben wird. Um so unverständlicher aber würde das Falleulaffen des bisherigen Kultusminsters zugunsten des Liberalismus sein, als Herr v. Studt sich während seiner Amtsführung zweifelsohne hervorragende Verdienste um Staat und Volk erworben hat. Es sei in dieser Hinsicht nur an das Schulunterhaltungsgesetz und die feste, zielbewußte Polenpolitik des schneidenen Ministers erinnert. Mit Herrn v. Studt verläßt nicht nur ein hochverdienter Beamter, sondern auch ein charakterstarker Mann von wurzelechter königstreuer und christgläubiger Gesinnung, dessen Andenken in der preußischen Geschichte unvergänglich fortlebten wird, den Staatsdienst. Möge ihm noch ein langer gesegneter Lebensabend beschieden sein!
In die leer gewordenen Aemter des Ministers des Innern und des Kultusministers sind der bisherige Oberpräsident von Ostpreußen Friedrich von Molche und der Unterstaatssekretär im Ministerium der öffentlichen Arbeiten Dr. Holle berufen worden. Beide haben sich in ihren bisherigen Aemtern als ausgezeichnete Verwaltungsbeamte von Weitblick und Initiative be« währt. Es ist daher durchaus gerechtfertigt, ihnen auch in ihrem neuen Wirkungskreise volles Vertrauen ent- gegenzubringen.
hob sich Kindler von dem fettglänzenden Lehnstuhl, den Herr Wolf ihm hingeschoben.
„Packen Sie diesen Kram immerhin wieder znsam- men, mein guter Herr Jsidor, da» ist nichts für mich, oder schauen Sie zu, daß Sie ein militär-wissenschaftliches oder auch ein statistisches Werk aus dem Prellniannscheu Nachlaß für mich erhandeln, Adieu, ich spreche mal wieder vor!"
„Kann es auch etluaS über Pferdezucht sein, HerrHaupt- lnann?" rief der Händler dem Fortgehenden nach.
„Gewiß, über Stallfütterung, Hufbeschlag, iva» Sie wollen, komme nächstens wieder."
Während sich der alte Wolf anschickte, die Bücher für die Schloßherrschaft wieder sorglich zu verpacken, machte Kindler einen Spaziergang auf dem Wall, es drängte ihn, ins Freie zu kommen, er sah blaß aus und seine Augen glühten wie im Fieber, der Moderduft im Laden des ehrenwerten Jsidor Wolf hatte ihn, Uebelkeit erzeugt.
Franziska Lauen machte in Abwesenheit der Tante Sidonie in Wilmenau in aller Form daS HauSmütter- chen, wie Kurt lächelnd bemerkte und gleichfalls in scher- zeudem Tone gab sie zurück, daß dies jetzt kein leichtes Amt sei mit der Menge von fremden Leute» im Schlosse, Künstler und Handwerker, die alle untergebracht und verköstigt werde» wollten. Kurt war dergestalt von den Bor- bereitungen zu den geplanten Ueberraschuugen in Anspruch genommen, daß er Franziska nur bei den Mahl- zeiten sah und sprach, und auch dann bewegte sich das Gespräch lediglich um kleine, tägliche Vorkommnisse.
DaS war allerdings ganz natürlich und doch empfand e» Franziska recht schmerzlich, daß der Mann, als dessen Verlobte sie sich schon stillschweigend betrachtet hatte, nicht einmal soviel Zeit für sie erübrigte, nm eins jener Gespräche mit ihr zu führen, wie Geschwister oder gleich- gesinnteFreunde zu tun pflege». Also auch geistig war sie ihm nichts mehr, Herz und Seele hatte die Fremde an sich gerissen. 139 xg