lüchterne
mit amtlichem Kreisblatt.
Rlonatsbeilage:
Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
Mittwoch, den 26. Juni 1907.
58. Jahrgang.
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Die im 58. Jahrgang erscheinende Schlüchlerner Zeitung mit amtlichem Kreisblatt ist mithin die älteste und verbreitendste Zeitung im Kreise Schlächtern und weit noch über denselben finaus und finden Inserate in derselben wirksame Verbreitung.
W * TTnlnnknnnliiiiin daher in der Zustellung unserer Zeitung durch die Post beim bevorstehenden Quartalswechsel vermeiden will, der Q | 1wolle dieselbe so bald wie möglich bei dem betreffenden Postamte bestellen. Nur diejenigen auswärtigen
rilllll I I I Illl IIIIIPostabonnenten, welche bis spätestens 28. Juni unsere Zeitung wieder bestellt haben, können verlangen, vHLu 1 daß ihnen unsere Zeitung vom 1. Juli ab pünktlich von der Pos! geliefert wird. Wer später bestellt, muß
nach den amtlichen Bestimmungen für Nachlieferung der ersten Nummern des neuen Quartals eine besondere Gebühr von 10 Pfg. bezahlen. — Jede Postanstalt und jeder Landbriefträger ist verpflichtet, Abonnements-Bestellungen anzunehmen.
Zu recht zahlreichen Bestellungen auf das mit dem 1. Juli. 1907 beginnende neue Vierteljahr ladet freundlichst ein
die Expedition der „Schlüchterner Zeitung".
Amtliches.
J.-Nr. 2820 K. A. Auf Veranlassung der Landwirtschaftskammer für die Provinz Schlesien zu Breslau hat Herr Kreisbaumeister Christofzik zu Namslau in Schlesien eine Schrift: „Pläne und Kostenanschläge von Musterdüngerstätten und Jauchebehältern" unter Berücksichtigung der bei der Landwirtschaftskammer gemachten Erfahrungen verfaßt.
Die mit Zeichnungen und Kostenanschlägen ausgestattete -Schrift bezweckt, die Landwirte jeder Besitzgröße in die Lage zu setzen, ihre Düngerpflegestätten nach bewährten Mustern Herrichten zu lassen, so daß sie kostspielige fachmännische Gutachten sparen können.
Der Umstand, daß die Landwirischaftskammer für Schlesien mehrere Tausend Exemplare der Schrift an» gekauft hat ^md diese in landwirtschaftlichen Kreisen der Provinz Schlesien verbreitet, gibt die Gewähr dafür, daß die Darlegungen in faßlicher Form gehalten und praktisch leicht ausführbar sind.
Der billige Preis von 0,50 Mark für das Exem- plar erleichtert die Anschaffung.
Ich bin bereit, Bestellungen entgegenzunehmen und zu übermitteln.
Der Königliche Landrat: Valentiner.
Die Duma.
Man nennt die Auflösung der Duma einen Staatsstreich. Darin zeigt sich wieder, daß in Westeuropa russische Verhältnisse nicht nach rnssischem Recht, sondern nach den Zuständen in Verfassungsstaaten beurteilt werden. Diese Betrachtungsart ist falsch. Rußland ist auf dem Wege zu einer Verfassung mit genauer, gesetzlich bestimmter Verteilung der Gewalten, hat dies Ziel aber noch nicht erreicht. Die Rechte der zweiten wie der ersten Duma waren aus der Autokratie des Zaren geflossen, ein zwischen Regierung und Volksvertretung vereinbartes Gesetz über das Wahlrecht und über die Befugnisse der Duma bestand nicht. Der Zar konnte
daher auch bei Auflösung der zweiten Duma ein neues autokratisches Wahlgesetz erlassen, nach dem die dritte Duma int Herbst dieses Jahres gewählt werden soll.
Den Anlaß zur Auflösung lieferte die Entdeckung einer Verschwörung, in die 53 Abgeordnete verwickelt sein sollten, und die Weigerung der Duma, sich mit der Verhaftung der kompromittierten Abgeordneten einverstanden zu erklären. Diese gehörten säintlich der revolutionären und sozialdemokratischen Linken an. Auch hat die Duma im allgemeinen keine nützliche Arbeit geleistet, sondern die Zeit niit Reden und Anträgen über Amnestie, Todesstrafe rc. verzettelt. Ein großer Teil der Abgeordneten zeigte mehr Sympathie für den Aufruhr als Beruf zur Gesetzgebung. Das neue Wahlgesetz hat die Tendenz, die Mandate auf Berufsgruppen, Bauern, Großgrundbesitzer, Städter, Arbeiter zu verteilen und das nichtrussische Element zurückzudrängen. Die Polen und die Kaukasier sollen nur schwach vertreten sein. Daß Rußland für den Parlamentarismus auf der breiten Grundlage des all- gemeinen gleichen Stimmrechts nicht reif ist, brauchte nicht erst durch die erste und zweite Duma bewiesen zu werden.
Ob nun jetzt ein Uebergang zu sicheren Verhältnissen gemacht wird, muß die Zukunft lehren. Einstweilen ist die Maßregel Den der Bevölkerung ruhig ausgenommen worden, was beweist, daß eine große revolutionäre Bewegung nicht existiert. Das Bedrohliche ist und bleibt der Terror einzelner Gruppen, die Unzulänglichkeit der Verwaltungsorgane zur Verhinderung von Mordtaten, das tiefe Mißtrauen, das gegen den Beamtenapparat besteht. Die Regierung scheint jetzt wenigstens von einheitlichem energischem Willen beseelt zu sein. Wenn es aber auch schwerlich zu Massen- aufständen kommen wird, so bietet doch die Verfolgung der bisherigen sozialistischen Führer und die Zurücksetzung der Polen und Kaukasier im Wahlrecht neuen Anreiz zu terroristischen Taten. Es werden sich weiter Strolche und Fanatiker finden, die öffentliche Kassen
berauben, aus den, Hinterhalt Polizisten erschießen und und Bomben werfen. Ein gräßliches Schauspiel, aber bedrohlich erst für den Reichsbestand, wenn die Staats« gewalt hin und her schwankt und glaubt, den Terrorismus durch Gewährung weitgehender, mit dem Kulturstand des Volkes unerträglicher politischer Freiheiten überwinden zu können. Das Land braucht vor allem Reformen in der Verwaltung und im Agrarrecht. Diese können nicht mit Phrasen, sondern nur durch tüchtige Arbeit ius Werk gesetzt werden. Wir können nur wünschen, daß es der Regierung gelingen möge, in der dritten Duma eine die guten Kräfte des russischen Volkes repräsentierende Mitarbeiterin zu gewinnen.
Deutsches Reich.
— Der Kaiser empfing in Kiel am vergangenen Sonnabend morgen kurz nach 9 Uhr an Bord der Hohenzollern den japanischen Admiral Jjuin mit seinem Stäbe und die Kommandanten der beiden japanischen Kreuzer „Tsukuba" und „Tschitose", die kurz vorher in Zivil emaetroffen waren. Die Kreuzer haben an Bojen in der Nähe der „Hohenzollern" festgemacht. Der Admiral stellte dem Kaiser die japanischen Offiziere vor. Der Kaiser zog ihn in ein längeres Gespräch. Der Admiral überreichte dem Kaiser ein Geschenk, welches japanische Matrosen vor dem Erscheinen des Kaisers auf dem Deck der „Hohenzollern" aufgestellt hatten. Es war eine größere, etwa einen Meter hohe Gruppe aus dunkler Bronze von feinster japanischer Arbeit, einen Adler, mit ausgebreiteten Schwingen auf einer Felsklippe sitzend, darstellend. Um 97. Uhr be- gab sich der Kaiser an Bord der „München", welche alsbald eine Fahrt in See antrat. In der Begleitung des Kaisers befand sich der Reichskanzler Fürst Bülow. Zur Frühstückstafel an Bord der „Hohenzollern" waren außer dem Reichskanzler unter anderin Staatssekretär Dernburg und Generalmajor v. Deimling geladen.
— Der Kaiser schenkte den an dem Profefforenaus- tausch beteiligten nordamerikanischen Universitäten in
Aie Komödiantin.
Roman von Oswald Benkendorf. 28
An den Vorbereitungen für den neuen Hausstand, den tausenderlei großen und kleinen Dingen, mit beneit zu beschäftigen den Bräuten ein so süßes Vergnügen bereitet, beteiligte sich Konstanze nur in geringem Maße.
Im Grunde wäre es ja gar nicht nötig gewesen, daS Geringste an der gediegenen Einrichtung des linken Schloß- flügelS zu ändern, den daS junge Ehepaar bewohnen sollte. Aber Kurts regem Schönheitssinne genügte auch das Beste nicht, wenn es galt, die Gemächer Konstanzes anSznschmük- ken, und er schalt im Geiste die geschicktesten Tapezierer und Dekorateure phantasielose «Stümper, weil eS ihnen nicht gelingen wollte, den Tempel, der seine Göttin bergen sollte, kunstvoller auSzustatten.
Und doch hatten diese braven Leute ihr Bestes geleistet und wahre Wunderwerke geschaffen, mit Zuhilfenahme tum blumigem AtlaS, echten Spitzen, Bronzen, venezianischen Spiegeln und Smyrna-Teppichen.
Koustanze hatte doch kindliche Freude über dieses, ihr ureigenes, kleines Reich, als sie die Räume besichtigte, und schmiegte sich au den Verlobten, der so große Mühe dabei gehabt und immer noch nicht völlig zufrieden schien.
Kurts Liebe war tief und selbstlos; das kam dem verwöhnten Mädchen doch zur Erkenntnis. Und war es nicht viel besser und bequemer, sich mit so zärtlicher Sorge umgeben zu sehen, sich lieben zu lassen, als Opfer zu bringen und für die leidenschaftliche Wallung eines glücklichen Augenblicks mit Jahren des Grams zu zahlen? So töricht Ivar Konstanze nicht, selbst dann nicht, wenn sie sich die ersten Stunden der Liebe zurückrief, wo sie selbstvergessen in ErustI Armen geruht, berauscht von der Glut seiner Küsse.
Das war vorbei, mußte vergessen sein für immer, und doch gab es eine Stimme in KonstauzeL Herzen, die leise klagend zuweilen den Namen flüsterte, den Ernst ihr an
jenem Abend gegeben, wo er seinen Gefühlen Worte geliehen : „Fata Morgana"!
Aber Koustanze war nicht so sentimental, und wenn sie fürchtete, es werben zu können, besaß sie ein treffliche» Mittel, ihre Gedanken abzulenken: sie sann auf Abwechselung, Zerstreuung.
Fast vierzehn Tage vor dem für die Hochzeit festge- setzten Termin hatte sich es die Braut in ihr hübsches Köpfchen gesetzt, einen Ausflug nach Schloß Bentheim zu machen. Die künftige Schwiegermutter wollte nichts davon hören, am allerivenigstenS, daß Kurt mit von der Partei sei, während Graf Erich eS ganz verständig fand, daß Koustanze das sagenumwobene Bergschloß, die Geburtsstätte ihres Verlobten, kennen lernen wollte.
Es genügte, selbst bei geringfügigen Anlässen, daß man der Ausführung eines von Koustanze geäußerten Wunsches Schwierigkeiten in den Weg legte, um sie starrsinnig darauf bestehen zu lassen, und sie setzte auch fast immer ihren Willen durch, so auch diesmal.
Kurt stand auf die Bitte der Mutter davon ab, die Damen nach Bentheim zu begleiten, obwohl er es befremdlich fand, daß er stets geflissentlich von dem Besuche deS Vaterhauses abgehalten wurde. Da er aber, den Wintergarten betreffend, noch allerlei kühne Pläne hatte, deren Ausführung Zeit erforderte, war eS ihm im Grunde lieb, allein zurückzubleiben, so konnte er die Braut doch wirklich überraschen bei ihrer Heimkehr. Graf Erich begleitete die Schwester und daS verzogene Töch- terchen, wie er Koustanze lachend genannt; auch ihm war es lieb, sich durch die kleine Reise ein wenig aufzufrischen. Die letzten Wochen waren so unruhig in dem sonst so stillen Wilinenau gewesen.
Anfangs hatte der Graf Kurt fast gezürnt, daß er im linken Flügel, dem ErichSbau, alles von unterst zu oberst gekehrt und die ehrwürdigen Möbelstücke in die Rumpelkammer verbannt hatte.
Aber das geschah seinem Töchterchen zuliebe und solch ein Feenkind konnte freilich nicht in den düsteren Gemächern
hausen, durch deren Butzenscheiben da» Licht nur gedämpft drang, zwischen hohen, nachgedunkelten Eichenschränken und Truhen, am Spinnrocken oder dem Stickrahmen.
Fata Morgana, die holde Fee mit dem Goldhaar, bedurfte des Sonnenscheins, der Blumen, des Glanzes und der Farben, ja mehr noch: alle Raffinements de» modernen Luxus.
♦ *
Ernst Kindler war schon längere Zeit nicht in Wil- menau gewesen, so kam es, daß er nichts von dem Ausfluge der Familie nach Bentheim erfahren. Er schlenderte über den Marktplatz des Städtchen», der um diese Zeit recht öde auSsah; denn die guten Spangenberger waren an Ordnung gewöhnt und hielten um Punkt zwölf Uhr ihr Mittagsmahl. Ernst blickte auf die unregelmäßigen Steine des holperigen Pflaster», zwischen denen das zarte Grün in üppigen Büscheln sproßte, und dann auf eine schlanke Mädchengestalt, die um die nächste Ecke bog und jetzt in den Laden der Bücherhändler» und Antiquars Jsidor Wolf verschwand.
Da» war ja Thea, die junge Gehilfin der Kammerfrau Lina Faustner in Äilmenau. ES durchzuckte Kindler, alles hatte Interesse für ihn, selbst untergeordnete Personen und Dinge, die mit Konstanze in irgend welcher Verbindung standen. Er betrat gleichfalls den Laden de» alten Jsidor und fragte nach einigen Büchern.
Der Alte putzte die Gläser seiner großen Hornbrille, Sg den schäbigen Pelz, der seine mageren Glieder um« lotterte, fester zusammen und machte sich in dem modrigen Wust, der den Hintergrund seines Laden» anfüllte, auf die Suche nach den gewünschten Scharteken.
Indessen vertiefte sich der Hauptmann anscheinend in das Anschauen eines Pastellbildes, dessen Farben fast verblaßt waren, dabei hörte er die «Stimme der jungen Dienerin auf eine Bemerkung des Händlers erwidern: „Schön, Herr Wolf, lassen Sie nur das Packet hier liegen, es ist so groß, ich kann eS nicht überall mitschlep. pen und habe doch noch so viel zu besorgen. 139,18